|
Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
|
|
|
|
Wenn Armida zur Selbstmordattentäterin mutiert
Von Ursula Decker-Bönniger
/
Fotos von Michael Hörnschemeyer Lebendige Vögel erfüllten 1711 den Theaterraum, Personen verschwinden durch Falltüren oder Rauchwolken, es finden Mordversuche und Entführungen statt. Die Zauberin und Geliebte Argantes fliegt im ersten Akt durch die Luft und verwandelt sich im zweiten in die Gestalt Almirenas. Rinaldo biete vor allem eindrucksvolle Bühnenansichten, schreibt der Textautor und damalige Theaterdirektor des Haymarket-Theatre Aaron Hill in seinem Vorwort. Und sicher ist die besondere Berücksichtigung dieses englischen Faibles für Zauberwelten, Kriegs- und Kampfszenen und grandiose Bühneneffekte mitverantwortlich für Händels ersten Opernerfolg in London. Denn für die musikalische Komposition griff der Komponist auf 15 Nummern aus früheren Werken zurück, ohne sie in barocker Manier zu bearbeiten. Anders als heute waren barocken Opernliebhabern auch die Figuren des christlichen Ritters Rinaldo und der heidnischen Zauberin Armida aus zahlreichen früheren Produktionen bekannt.
Dmitry Egorov (Goffredo), Alon Harari (Eustazio) und Statisterie
Die Handlung spielt in Jerusalem, während der Belagerung im ersten Kreuzzug um 1100. Goffredo verspricht dem Helden Rinaldo die Hand seiner Tochter Almirena, wenn das christliche Heer den Sieg über die heidnischen Sarazenen davonträgt. Und nun beginnt eine Odyssee von Abenteuern, auf denen der Ritter sich bewähren, seine Ehre und Tugend unter Beweis stellen muss ... Anstelle ästhetischer Bühnenzaubereien wagt Regisseur Fred Berndt in seiner münsterschen Inszenierung einen zwischen Satire und Ernsthaftigkeit schwankenden, aktualisierenden Blick. Zu Beginn sieht man auf eine hohe Mauer und ein Heerlager. Eine Anspielung auf die zur israelischen Sperranlage gehörende acht Meter hohe Mauer in Jerusalem? Fahnen, hebräische und arabische Inschriften von der hinteren Bühnenwand scheinen den historischen Hintergrund als Glaubenskrieg zu situieren, Ölfässer wiederum verweisen eher auf wirtschaftliche Interessen und Reichtümer.
Judith Gennrich (Rinaldo) und Henrike Jacob (Almirena)
Eustazio in punkig verzierter Lederjacke und Goffredo in militärisch dekoriertem Safarianzug mit goldenem und schwarzem Handschuh begrüßen sich kumpelhaft auf der Bühne. Sie weisen Statisten an, allerlei Kriegsspielzeug wie Raketen, Flugzeuge, kleine und große Bombenattrappen mit Halbmond und Kreuz zusammenzutragen, die stolz präsentiert und aufreizend gestreichelt werden bevor die symbolisch rot gewandete Almirena sie in Stücke schlägt. Krieg als Erotik versprechende männliche Spielwiese? Wie problematisch es sein kann, aktuelle Auseinandersetzungen in Afghanistan und Nahem Osten auf diese Weise zu verkürzen, wird gegen Ende des zweiten Aktes deutlich, wenn nach brennnenden Ölfässern zu Beginn desselben eine Rache sinnende Armida zur Burka tragenden Selbstmordattentäterin mutiert, der nur ein barfüßiger, christlicher Magier mit schlohweißem, langen Haar, Bart und cremeweißem Kreuzrittergewand Einhalt gebieten kann. Geistlose Stilisierungen dieser Art werden auch durch die abschließende Projektion von Kriegsdokumenten nicht aufgewogen.
Alon Harari (Eustazio)
Etwas von barock allegorischen Zauberwelten lassen der Einsatz von Falltür, Rauchwolken und Drehbühne, die verführenden Gesten der bauchfreien orientalischen Sirenen im zweiten Akt erahnen sowie der Rosenblätterregen, die amourösen Versteckspiele und ein Liebespfeile schickender Rinaldo, nachdem sich Almirena im ersten Akt in Erwartung ihres geliebten Rinaldo in einen Garten zurückgezogen hat. Als Gesamteindruck bleibt, dass mangelnde Phantasie und Leichtigkeit der Regieeinfälle durch oberflächlich unterhaltsame Effekte kompensiert werden. Dazu gehören auch das von Almirenas Liebespfeil an der Mauer entzündete Herz aus Wunderkerzen (1.Akt), das schäumende, kühle Bier als Fatamorgana-Projektion zu Beginn des von Fred Berndt in die Wüste verlegten zweiten Aktes, der feuerspeiende Handschuh Goffredos (1.Akt) oder das sich durch Feuer färbende magische Schwert (2.Akt). Beachtenswert dagegen die spielfreudige, präzise musikalische Ensembleleistung von SängerInnen und Orchester unter der Leitung von Michael Schneider. Gemäß historischer Interpretationspraxis sind die Streicher des Sinfonieorchesters mit Rundbögen ausgestattet. Violoncello, Cembalo, Laute, bzw. eine doppelsaitige Barockgitarre bilden den Basso Continuo. Hinzu kommen zahlreiche Instrumentationseffekte wie Windmaschine, Donnerblech, Pauken und Barocktrompeten sowie ein Cembalo-Solo (2.Akt) und ein wunderbar spielendes, vom Flageoletto angeführtes Blockflötenensemble.
Ensemble
In Münster singt Dmitry Egorov die Partie des Goffredo. Sein sinnlich weicher Countertenor wirkt nicht gekünstelt. Die Phrasen sind geschliffen artikuliert, seine Klangrede wirkt energisch, vital. Wunderbar sind die differenzierte Farbgebung in den Koloraturen und der merkwürdig schillernde Glanz in den Spitzentönen. Goffredos Bruder Eustazio wird von Alon Harari dargestellt. Sein heller timbrierter, vor allem zu Beginn leicht schriller Countertenor rückt die künstliche Affektiertheit barocker Gesangeskunst in den Vordergrund. Alle übrigen Partien sind mit Ensemblemitgliedern besetzt. Während Matteo Suk der stimmlichen Belastung der Rolle des Argante zeitweilig nicht gewachsen scheint und Judith Gennrich einen eher kraftlos wirkender Rinaldo ohne charismatische Ausstrahlung darstellt, meistert Henrike Jakob ihre Rolle als Almirena tadellos. Wunderbar ist Annette Johansson als stimmlich zaubernde Armida, die mit ihrem tragfähigen, leuchtenden Sopran die Liebesklage, das Wechselbad der Gefühle differenziert und anrührend gestaltet.
Endlich mal wieder eine Regietheaterinszenierung in Münster, die zu Widerspruch und Diskussion auffordert. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Regie
Bühne
Kostüme
Dramaturgie
Solisten
Goffredo
Almirena
Rinaldo
Eustazio
Argante
Armida
Christlicher Magier
Herold
Donna
Erste Sirene
Zweite Sirene
|
- Fine -