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Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
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Ein Märchen von den Guten und den Bösen
Von Christoph Wurzel
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Fotos von Hans Jörg Michel
Johann Christian war einer aus der großen Familie Bach, der gleich mehrfach aus der Art schlug. Johann Sebastians jüngster Spross reiste in halb Europa umher von einer Musikmetropole zur anderen. Er konvertierte zum Katholizismus, um in Mailand Domkapellmeister zu werden, was der Vater allerdings nicht mehr erleben musste. Schließlich komponierte er Opern und nahm sogar zum Schluss in London eine ähnliche Position wie Händel ein. Sein letztes Werk war Amadis des Gaules, eine Tragédie lyrique, die er 1778 allerdings für Paris schrieb. Auch für den kurpfälzischen Hof in Mannheim hatte Johann Christian Bach zwei Aufträge erledigt, einen Temistocle (1772) und einen Lucio Silla (1775), die mit großer Resonanz an der Hofoper uraufgeführt wurden. Deren Nachfolger in direkter Linie, das Mannheimer Nationaltheater, ist seit einigen Jahren bemüht, aus seinem reichen historischen Fundus von Opern aus der Glanzzeit der kurfürstlichen Hofoper vergessene Schätze zu heben. Diesmal hat man sich zwar für den in Mannheim sehr beliebten Johann Christian Bach entschieden, aber nicht für ein Mannheimer Werk, sondern für eben das französischen Amadis des Gaules, das in Paris nach der Uraufführung mehr oder weniger durchgefallen war. Die Handlung ist einem damals geläufigen historischen Sagenstoff entnommen, dem Ritterroman von Amadis dem Gallier, der Vorbild für Don Quichotte als fahrender Ritter in endlosen Abenteuern zahlreiche Anfechtungen zu bestehen hat, seiner geliebten Dame aber stets treu ergeben bleibt. Ein auch auf Opernbühnen häufig verarbeitetes Sujet, das allerdings in der von Bach verwendeten Librettofassung, jeglicher logischen Kausalität entbehrt und wohl nicht zuletzt deswegen nach der Uraufführung wenig Erfolg hatte.
Dominus und Domina im Kampf um's böse Dasein: Arcalaus (Thomas Berau) und seine Schwester Arcabonne ( Marie-Belle Sandis)
Dieser Umstand wirft für einen Regisseur des heutigen Musiktheaters keine geringen Probleme auf, zumal sich auch noch die Frage stellt, was uns dieser Stoff heute noch zu sagen hat. Nicolas Brieger hat sich für eine psychologische Sichtweise entschieden, die den Kampf zwischen den bösen Urmächten Hass, Eifersucht und Vernichtung mit den guten Prinzipien der Liebe und der Versöhnung in den Mittelpunkt der Inszenierung stellt. Dies sind zwar keine ganz neuen Gedanken auf der Opernbühne, werden aber in dieser Mannheimer Produktion recht wirkungsvoll in Szene gesetzt. Bereits die erste Szene entwirft das Programm dieser Inszenierung. Als simultane Handlung werden auf den zwei Ebenen des Bühnenbildes, einer auf- und absteigenden, quer über die Bühnenbreite verlaufenden Doppeltreppe (Bühnenbilder Roland Aeschlimann hat hier quasi im Selbstzitat sein Modell für die Dresdner L' Upupa-Produktion weiter verwendet) die beiden Sphären vorgestellt: Oben kommt sich ein ganz in Weiß gekleidetes Paar bei allerlei Liebkosungen immer näher und unten hat sich ganz in Schwarz ein herrischer Gothic-Fürst mit zwei devoten Adepten in hündischer Pose und im Strapsenkostüm aufgebaut. Es ist Arcalaus, der Herrscher des Bösen, während seine Schwester Arcabonne davon singt, dass sie sich in einen Unbekannten verliebt habe. Doch das darf sie nach der Ideologie der finsteren Mächte nicht, denn die Liebe, so Arcalaus, ist ein leerer Irrtum, ja sogar ein Verbrechen, denn Arcabonne ist aufgefordert, den Tod ihres Bruders zu rächen, den Amadis auf dem Gewissen hat. Und der ist eben dieser Unbekannte und um den und seine Geliebte Oriane handelt es sich auch bei dem weißen Paar auf dem oberen Treppensegment.
Von dunkeln Mächten belauert: Amadis ( Maximilian Schmitt) und Oriane (Cornelia Ptassek)
So verwickeln sich Gute(s) und Böse(s) innerhalb der hier auf 2 Stunden stark gekürzten pausenlos gespielten Handlung,und natürlich gibt es am Ende einen guten Schluss, der aber so aufgesetzt wirkt, dass Regisseur Nicolas Brieger ihn mit den finalen Scheinlösungen in Mozarts Opern vergleicht. Nur sind in Mozarts Opernlibretti die Charaktere der Figuren vielschichtiger und viel glaubwürdiger entwickelt. Hier bleibt dem Regisseur nur, die typisierte, märchenhafte Figurenkonstellation in schwarzweiße Bilder zu übersetzen, was noch durch eindrucksvolle, bisweilen bewusst überzeichnete Operngestik unterstrichen wird. Die idealisierte Form der hohen Liebe und die unterbewusst lodernde niedere Leidenschaft kommen in ihrer Spannweite als Handlungsmotive augenfällig zum Vorschein. Eine Vehemenz im Ausdruck und eine nicht selten aggressiv drängende Emotionalität ist auch in der Musik angelegt und wird von Reinhard Goebel mit dem Nationaltheater-Orchester in zwingender Konturierung ausgespielt. Dass Bach hier die Musiksprache der barocken Oper schon weit in die Individualitätszeichnung der Klassik hineintreibt, bestimmt diese musikalische Realisation über weite Strecken. Dem Weichen, reinen Schönen geben die Musiker nicht viel Raum, stattdessen energetisch aufgeladenen, aufgewühlten Klangereignissen wie der nahezu lustvoll nekrophilen Stelle, als der tote Bruder Ardan Canil aus dem Grab nach Rache ruft und mit einem dreifachen schaurig düsteren Bläserakkord entsprechend für Gänsehaut gesorgt wird. Manches scheint hier vorweggenommen, was wir bei Mozart später auch hören werden.
Vollstreckerin der Aufträge des Bösen: Arcabonne (Marie-Belle Sandis)
Selbstredend, dass alle Sängerinnen und Sänger in ihren Partien debütieren, diese Oper wird nahezu gar nicht sonst aufgeführt. Und sie leisten Beachtliches: Thomas Berau und Marie-Belle Sandis verkörpern das dunkle, böse Paar mit viel Spielpräsenz und in exzellenter stimmlicher Disposition. Das andere Paar sind Maximilian Schmitt mit geschmeidig- schönem Tenor als Amadis und die koloratursichere Cornelia Ptassek als Oriane. So wird diese Produktion vor allem wegen der musikalischen Seite zu einer echten Bereicherung, zu der auch alle anderen Sängersolisten und nicht zu vergessen der hervorragende Chor beitragen.
Großer Jubel am Schluss für alle Beteiligten, auch für das Regieteam. Offenbar wirkten die recht plakativen Bühnenmittel nicht provokativ, sondern eher unterhaltsam. Allerdings waren ja auch Könner am Werk, denn das Bühnengeschehen war durchdacht bis ins Kleinste. Und die musikalische Seite stimmte auf jeden Fall. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Mitarbeit Kostüme
Licht
Chor
Dramaturgie
Solisten* Besetzung der Premiere
Amadis
Oriane
Arcabonne
Arcalaus
Urgande
Katrin Wagner*
1. Coryphée
2. Coryphée
Katrin Wagner
L'Ombre de Ardan Canil
* Johannes Wimmer
La Haine
Yunchul Ye
La Discorde
* Pei-Ying Lee
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