Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur OMM-Homepage Zur Musiktheater-Startseite E-mail Impressum



Tri Sestri (Drei Schwestern)
Oper in drei Sequenzen von Peter Eötvös
Libretto von Claus H. Henneberg und Peter Eötvös
nach dem Drama von Anton Tschechow

in russischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Vorstellungsdauer 1 Stunde 45 Minuten

Eine Produktion der Bayerischen Theaterakademie August Everding
Premiere am 8. Februar 2010 im Prinzregententheater München
(rezensierte Aufführung: 21. Februar 2010)


Die Tragödie des Teufels
Komisch-utopische Oper in zwölf Bildern von Peter Eötvös
Text von Albert Ostermaier

In deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln
Vorstellungsdauer 1 Stunde 50 Minuten (keine Pause)

Uraufführung am 22. Februar 2010 an der Bayerische Staatsoper München

Logo: Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München
(Homepage)

Gemischtes Doppel auf dem Weg ins Nichts

Von Joachim Lange / Fotos von A.T. Schaefer und Wilfried Hösl

Der in Ungarn geborene weltläufige Peter Eötvös (66) gehört zu den wenigen wirklich erfolgreichen Komponisten der Gegenwart. Dabei ist er mit den literarischen Vorlagen für seine Kompositionen von vornherein auf der eher sicheren Seite. Ob nun mit Jean Genet für Le balcon (2002) oder Tony Kushner für Angels in America (2004). Die deutsche Erstaufführung von Love and other demons nach Gabriel García Máquez (2008) wurde im letzten Jahr in Chemnitz sogar zu einem Kassenknüller (unsere Rezension). Von den Theaterqualitäten seiner ersten Oper Tri Sistri, nach Anton Tschechows Drei Schwestern, mit der er 1998 seine Opernkarriere begann, konnte man sich jetzt unmittelbar vor der Uraufführung seiner ersten Oper nach einem deutschsprachigen Libretto in München überzeugen.

Foto kommt später

Tri Sestri: Ensemble (Foto: A. T. Schaefer)

Im Prinzregententheater haben nämlich die Bayerische Theaterakademie August Everding und die Hochschule für Musik und Theater München mit einer poetisch leichten Inszenierung von Rosamunde Gilmore unter der präzisen musikalischen Leitung des Münchner Rundfunkorchesters durch Ulf Schirmer (und am Pult des Bühnenorchesters durch den Co-Dirigenten Joachim Tschiedel) sozusagen eine Vorlage zum Einhören in die Eötvös' Klangwelt geliefert. Es geht um den Traum vom fernen Moskau und das dabei verpasste Leben von Irina, Mascha und Olga. Ihren Dauerclinch mit der boshaften Natascha um die Vormacht im Haus, um die Abwechslung, die die Soldaten bringen und wieder mit sich nehmen. In München sind die vier weiblichen Hauptrollen nicht wie bei der Uraufführung mit Countertenören, sondern (mit dem Segen des Komponisten) mit vier jungen Sopranistinnen besetzt. Die machen ihre Sache durchweg fabelhaft, wobei die dramatische Irina von Elvira Hasanagiæ und die wunderbar überdrehte Natascha von Ines Krap besonders bleibenden Eindruck machen. Die Geschichte wird in Carl Friedrich Oberles surreal aufgebrochener Bühnenpoesie, in der von den unvermeidlichen Tschechow-Birken über das Bett bis zum Pavillondach alles irgendwie schwebt, in drei Versionen mit unterschiedlichen Akzenten erzählt und fügt sich am Ende zu einem Ganzen. Das war Langeweile vom Feinsten, spannend und ironisch erzählt. Mit einem begeisterten Publikum auch noch in der letzten Vorstellung der Aufführungsserie am Vorabend der Uraufführung im Nationaltheater! Und mit einem heimlich mitdirigierenden Komponisten in der ersten Reihe. Tags drauf stand der natürlich selbst am Pult.

Foto kommt später Die Tragödie des Teufels: Lucy unten Eva oben – ein Duell der Frauen (Foto: Wilfrid Hösl)

Für sein erstes Auftragswerk hatte Intendant Klaus Bachler den deutschen Erfolgs-Autor Albert Ostermaier (42) mit Peter Eötvös (66) gemeinsam ins Rennen um eine neue, „komisch-utopische“ Faust-Oper geschickt. Ostermaier war die Begeisterung anzumerken, für diesen Komponisten ein Libretto zu schreiben, hatte aber das Problem wohl unterschätzt, das ungarische Nationalepos „Die Tragödie des Menschen“ von Imre Madáchs aus dem bildungsbürgerlichen 19. ins virtuelle 21. Jahrhundert adaptierend zu verlängern. So musste er seinen ursprünglichen 140 Seiten Text auf 40 eindampfen. Auch in diesem verbliebenen Rest freilich stellte der der Sentenzen münzende Poet Ostermaier den theaterpraktischen Dramatiker im Grunde kalt. Und überhob sich zwischen Anspielungspoesie und Reimbanalität.

Und doch will er in zwölf Bildern und reichlichen 100 Minuten auf nicht weniger als auf das große Himmels- und Höllenganze und auf die kleine Menschen-Verführung und -Misere hinaus. Er schickt mit Luzifer (Georg Nigl) und Lucy (Ursula Hesse von den Steinen) auf der einen Seite und Adam (Topi Lehtipuu) und Eva (Cora Burggraaf) auf der anderen ein gemischtes Doppel auf diesen „Wetten, dass…?“-Trip ins Innere der dunklen Menschenseele.

Und auf einen Reise vom Paradies in die Wüste und aufs Dach der Welt, nach Athen, Rom und nach Bagdad, ins virtuelle Phosphor City und in einen Shop, in dem geklont und mit Identitäten gehandelt wird. Um dann doch nur im dunklen Nichts, Jenseits von Eden, zu landen. Da ist Adam längst zum perfekteren Teufel geworden, hat sein Vorbild, mit gut teuflischer Dialektik, überflüssig gemacht. Er will jetzt selbst nur noch das Ende und macht mit einem Messerstich in Evas schwangeren Bauch auch ernst damit. Da fühlt sich dann der Teufel „verraten von einem Satansbraten“ und springt in die Spalte.

Foto kommt später

Die Tragödie des Teufels: Großinstallaition zwischen imperialer Freitreppe und Ruin (Foto: Wilfrid Hösl)

Das klingt nach verwirbeltem Mythos, Filmfiktion (Matrix) und politischer Paraphrase (Irak-Krieg). Und deutlich spannender und fantastischer, als es auf der Installation von Ilya und Emilia Kabakov aussah. Auf dieser Melange aus imperialer Pracht-Stiege und gemauerter Ruine, die durch allerlei Zutaten (vom Riesenapfel, schwebenden Menschenglaskugeln, über Hubpodien bis zum treppauf strebenden Motorrad) ergänzt wird, schickt Regisseur Balázs Kovalik dann das menschliche und das teuflische Paar und deren Halbdutzend Gefolgsleute, die sich mit Namen wie Der Skelton, Der Strugatzi, Der L oder Der Arkanar schmücken und auf die Tiefe der literarischen Bezüglichkeiten verweisen, die Treppe rauf und runter. Szenisch ist das eher Fallobst, aber nicht mal aus dem Paradies.

Das klingt nach verwirbeltem Mythos, Filmfiktion (Matrix) und politischer Paraphrase (Irak-Krieg). Und deutlich spannender und fantastischer, als es auf der Installation von Ilya und Emilia Kabakov aussah. Auf dieser Melange aus imperialer Pracht-Stiege und gemauerter Ruine, die durch allerlei Zutaten (vom Riesenapfel, schwebenden Menschenglaskugeln, über Hubpodien bis zum treppauf strebenden Motorrad) ergänzt wird, schickt Regisseur Balázs Kovalik dann das menschliche und das teuflische Paar und deren Halbdutzend Gefolgsleute, die sich mit Namen wie Der Skelton, Der Strugatzi, Der L oder Der Arkanar schmücken und auf die Tiefe der literarischen Bezüglichkeiten verweisen, die Treppe rauf und runter. Szenisch ist das eher Fallobst, aber nicht mal aus dem Paradies.

Musikalisch wird dieser exemplarisch behauptete Weg in den Abgrund, an dem sogar der Teufel am Ende verzweifelt, in der einzelnen Sentenz deutlich und mit Emphase gesungen. Die bühnenbewährte, kunstvoll ausformulierte Musik ist auf zwei Orchester verteilt. Das große, symphonische im Bühnenhintergrund dirigiert Christopher Ward, während Eötvös selbst im Graben nicht nur Percussion, ein Streichquartett und ein paar Bläser dirigiert und den präzisen Zusammenklang sichert. Das ist im Einzelnen höchst reizvoll, löst sich im artifiziellen Erregungsniveau jedoch nicht immer aus dem Ungefähren. Gerade bei solch einer Reise durch Raum und Zeit ohne Wiederkehr, erwartet man im Grunde doch mehr Turbulenzen und Erschütterungen. Dem Publikum in München genügte es auch so für einhelligen Jubel.


FAZIT

München bot die seltene Gelegenheit das aktuelle Bühnenwerk eines erfolgreichen, lebenden Komponisten mit dem frühen, das ihm den Durchbruch bescherte zu vergleichen: Die Uraufführung der Tragödie des Teufels mit der ganzen Kraft der Staatsoper und die Drei Schwestern mit bescheideneren Mitteln vom Nachwuchs der Bayerischen Theaterakademie August Everding im Prinzregententheater. Der frühe Wurf behielt die Oberhand.



Ihre Meinung ?
Schreiben Sie uns einen Leserbrief

Tri Sestri

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Ulf Schirmer

Co-Dirigent
Joachim Tschiedel

Inszenierung
Rosamund Gilmore

Bühne und Kostüme
Carl Friedrich Oberle

Dramaturgie
Johanna Jordan und Valeska Stern


Münchner Rundfunkorchester


Solisten

Irina
Elvira Hasanagic´

Mascha
Anna Lapkovskaja

Olga
Eun-Kyong Lim

Natascha
Ines Krapp

Tusenbach
Benjamin Appl

Verschinin
Franz Schlecht

Andrej
Andreas Burkhart

Kulygin
Yeun-Ku Chu

Doktor
Rouwen Huther

Soljony
Daniel Eggert

Anfisa
Rainer Siegenthaler

Rodé
Benno Vogel

Fedotik
Dooseok Kang


Die Tragödie des Teufels

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Peter Eötvös
Christopher Ward

Inszenierung
Balázs Kovalik

Installation
Ilya und Emilia Kabakov

Kostüme
Amélie Haas

Licht
Michael Bauer

Video
Silke Holzach

Dramaturgie
Olaf A. Schmitt


Statisterie der Bayerischen Staatsoper

Bayerisches Staatsorchester


Solisten

Eva
Cora Burggraaf

Lucy
Ursula Hesse von den Steinen

Adam
Topi Lehtipuu

Lucifer
Georg Nigl

Der Jeriko
Julie Kaufmann

Die Rumata
Elena Tsallagova
Heike Grötzinger
Annamária Kovács

Der Skelton
Kevin Conners

Der Strugatzi
Christoph Pohl

Der L
Nikolay Borchev

Der Arkanar
Christian Rieger

Der Boris
Wolfgang Bankl


Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Bayerischen Staatsoper München
(Homepage)





Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Zur Musiktheater-Startseite E-mail Impressum

© 2009 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -