Fantastisch-köstlicher Auftakt in die Opernwelt
Von Sina Baumgart
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Fotos von Wilfried Hösl
Es ist nicht so, dass Donizettis L'elisir d'amore ein herausragendes Meisterwerk wäre. Dazu ist die 1832 in Mailand uraufgeführte Oper viel zu gewöhnlich, wenngleich sie durch reizenden Charme und melodischen Einfallsreichtum besticht. Schon die Handlung mutet recht konventionell an: Ein einfacher Bursche (Nemorino) verliebt sich in eine hübsche, aber betuchte Dame (Adina), die sich von einem Sergeant (Belcore) bezirzen lässt. Doch nach einigem Herzschmerz und kuriosen Geschehnissen findet das junge Paar zueinander, und zwar als besondere Würze durch Zutun des Quacksalbers Dulcamara, der Nemorino eine Flasche Bordeaux als Liebestrank verkauft.
Dulcamara preist das Liebesglück Adinas und Nemorinos an
Ausgerechnet mit dieser Oper gelang der Bayerischen Staatsoper nun ein fulminantes Ereignis. David Bösch, bisheriger Schauspielregisseur, gab nämlich mit seiner Inszenierung des L'elisir d'amore ein Operndebüt, das dem oft ausverkauften Haus noch einige Besucheranstürme mehr bescheren wird. Tempo und Charakter des Werkes greift der Regisseur mit Geschick auf, besticht durch Witz, köstliche Details, ausgezeichnete Personenregie und prächtiges Bildspektakel, das den Abend zu einer lustvollen Unterhaltung werden lässt. Zunächst mutet das Bühnenbild mit seiner kargen, von Kriegshinterlassenschaften gezeichneten Weite, die durch Sonnenschirm und Wassergüsse zu beleben versucht wird, zwar grau und trostlos an. Doch schon bald beginnt das bildreiche Treiben, wenn zur Ankunft der Soldaten Belcores Fallschirme auf die Bühne segeln und schließlich Dulcamara mit einem ganz besonderen Gefährt auftritt: einem fantastischen Fuhrwerk zwischen Raumschiffkugel und Riesenspinne, das Feuerkörper speit und wie ein Gehirn zu leuchten beginnt. Nachvollziehbar wird so das Staunen der Protagonisten, die in Dulcamara den Wunderdoktor schlechthin sehen, dessen Agieren und Wirkung von der Regie schlussendlich nur noch mit Error 404 kommentiert wird. Zeitlich ist die Inszenierung nicht konkret fixiert, zeigt aber mit Nemorinos keck gestyltem Haar und merkwürdigen Kleidungskombinationen, wie jene Gianettas, durchaus Bezüge zur Gegenwart. Alle Figuren sind mit Witz und Merkwürdigkeiten ausgestattet, die Sentimentalitäten, wie die große Liebesvereinigung des Hauptpaares, pointiert in Heiterkeit verwandeln.
Adinas "Lesung"
Besonders liebevoll in Szene gesetzt ist Nemorino, dessen ausgefeiltes Rollenkonzept mit dem Tenor Giuseppe Filianoti auf eine selten gute Besetzung trifft. Inszeniert ist die Figur als Mischung aus Charlie Chaplin und pupertierendem Bub, der Adina mal anschmachtet, dann wieder zappeln lässt, wortwörtlich und heftig Liebes- oder vielmehr Bordeauxtrunk pumpt und sich zu einer wohlfeilen Bizeps-Show samt sexy Hüftkreisen hinreißen lässt. Unter diesen nicht gerade neuen, aber durchaus wirkungsvollen Keckheiten blüht Filianotis schauspielerisches Talent geradezu auf und auch seine Sangesleistung lässt sich hören, wenn der Tenor von einem Telefonmast mit Una furtiva lacrima Adina anhimmelt. Für Lacher sorgt auch Ambrogio Maestri, eine Idealbesetzung des Dulcamara. Mit Hinterlist, amüsanter Überbetonung des Textes und klanggewaltiger Stimme preist er die Warenwunder des Quacksalbers an, der angesichts liebesberauschter Kunden schließlich gar selbst an die Wirkung seiner Mittelchen glaubt.
Nemorino heiß begehrt
Nino Machaidze, die erst in diesem Jahr bei den Salzburger Festspielen für Furore sorgte und sich in der Bösch-Inszenierung frech gegen die Annäherungsversuche mehr gewehr- als liebesgeiler Soldaten zu wehren weiß, brilliert in der Besetzung als Adina vor allem stimmlich. Technisches wie Portamento, Verzierungs- und Pianopassagen gelingen der Sopranistin vortrefflich, wenngleich ihre Stimme im Forte ein wenig hart und das Spiel trotz aller Frische affektiert wirkt. Mit sonorem Bariton überzeugt Fabio Maria Capitanucci als Belcore, der allerdings von dem Rollenprofil Nemorinos durch mehr Ernsthaftigkeit stärker hätte abgegrenzt werden können, während Tara Erraught als süß-bunter Backfisch Gianetta durch individuelles Timbre besticht. Auch dem Bayerischen Staatsorchester und dem Chor der Bayerischen Staatsoper gelingt unter Leitung von Juraj Valcuha eine passable Leistung, wenngleich das Musizieren durchaus filigraner und erfrischender sein könnte.
FAZIT
Insgesamt eine köstliche Unterhaltung, die mit Spannung auf eine nächste Operninszenierung Böschs warten lässt.
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