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Die Griechische Passion

Oper in vier Aufzügen von Bohuslav Martinu

Text vom Komponisten nach dem Roman

„Der wieder gekreuzigte Christus“ (1948)
von Nikos Kazantzakis (2. Fassung)

Aufführungsdauer: ca. 2 ½  Stunden (1 Pause)
Premiere am 3. April 2010

In englischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Homepage des Badischen Staatstheaters Karlsruhe
Badisches Staatstheater Karlsruhe
(Homepage)

Parabel auf den Wohlstandschauvinismus

Von Christoph Wurzel


Bohuslav Martinus „Griechische Passion“ gehört zu den eher selten gespielten Bühnenwerken. In Karlsruhe hat man nun entdeckt, dass diese Oper ein eindrucksvoller Beitrag zur Problematik des Wohlstandsgefälles sein kann – global wie lokal.

 

Der Roman von Nikos Kazantzakis, von dem auch das Buch zu „Alexis Sorbas“ stammt, spielt zwar Anfang des 20. Jahrhunderts in einem griechischen Dorf, seine Thematik ist aber heute noch und auch bei uns hoch aktuell: In doppelter Hinsicht wird einer reichen, satten, selbstgefälligen Gesellschaft der Spiegel vorgehalten – einmal durch die unvermittelte Konfrontation mit plötzlich hereinbrechender,  sichtbar gewordener Armut und dann durch die Frage, wie sie es wirklich mit ihren ethischen Idealen, hier dem Christentum, hält.

 

Das Libretto, das Martinu selbst aus dem 400seitigen Epos von Kazantzakis herausdestilliert hat, erzählt eine Geschichte aus dem Dorf Lycovrissi, in welchem eines Ostermorgens eine Gruppe von Flüchtlingen, Opfer des griechisch-türkischen Bürgerkriegs, auftaucht und um Asyl bittet. Die Dorfgemeinschaft ist gespalten – die Mehrheit will mit den Obdachlosen nichts zu tun haben, wenige nur empfinden Mitgefühl. Dies sind vor allem die kurz zuvor vom Ortspopen ausgesuchten Darsteller des künftigen Passionsspieles: der Händler Yannakos, der Petrus sein soll, der Cafébesitzer Kostandis als Jacobus, Michelis, der den Johannes spielen soll und der Schafhirt Manolios, dem die Rolle des Jesus zugedacht ist. Die moralisch diskreditierte Witwe Katerina soll Maria Magdalena spielen und natürlich gibt es auch einen Judas, den deren Liebhaber Panait trotz heftigen Protestes übernehmen muss. Die Moral der Geschichte ist nun, dass die anfangs so fromm erscheinende Gemeinde - und allen voran ausgerechnet der Pope - eigensüchtig ihren Wohlstand verteidigt und sich den Flüchtlingen gegenüber als äußerst hartherzig erweist. Die Passionsdarsteller dagegen solidarisieren sich mit den Flüchtlingen und identifizieren sich, wenn auch nicht ohne Anfechtungen, im Verlauf der Handlung immer mehr mit ihren biblischen Rollen. So beweisen sie im Gegensatz zur offiziellen Kirche ihr wahres Christentum. Weil er zu unbequem für diese Gesellschaft geworden ist, wird Manolios / Christus am Schluss nicht nur vom Popen exkommuniziert, sondern vom Verräter Panait / Judas erstochen. Und alle anderen haben dabei auch ihre Hände mit Blut befleckt.

 

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Manolios (Hans-Jürgen Schöpflin)  ringt mit  seiner Sendung als Christusdarsteller und der Zuneigung zu Katerina alias Maria Magdalena (Christina Niessen)

 

So plakativ idealistisch sie sich anhört, ist die Handlung  dramaturgisch auch aufgebaut. Regisseur Georg Köhl hat sich für diese Karlsruher Produktion daher nicht für den möglichen Folklore- Verismus entschieden, sondern die Oper als Parabel inszeniert und daher die Gefahr eines allzu frommen Pathos einigermaßen erfolgreich umgangen. Eher modellhaft wird die Handlung erzählt in einem Bühnenbild, das klare Signale zum Verständnis der Geschichte setzt. In einem gläsernen Gehäuse in den Umrissen einer Kirche sitzt zu Anfang die Gemeinde in der Ostermesse auf einem erhöhten Podest. Dann entschwebt die gläserne Hülle nach oben und wenn die Flüchtlinge die Bühne betreten, sitzt die Dorfgemeinde dicht gedrängt auf diesem Podest wie auf einem Floß, auf dem kein Platz für die Hilfsbedürftigen mehr sein soll: Das Floß, bzw. „das Boot ist voll“. Die Bühnenwände sind im edlen Design mit weiß-goldenen Fliesen bedeckt, wenn die Armen in diese sterile Wohlstandswelt eindringen, tut sich hinten eine vertikale Müllhalde auf. Da aber das Regietheater in Karlsruhe meist auf einem niedrigem Verstörungsgrad arbeitet, hat sogar die Welt der Flüchtlinge hier noch etwas Pittoreskes an sich. Die Favela, die sie im 2. Akt irgendwo in der Einöde aufzubauen beginnen, wirkt noch recht beschaulich und aufgeräumt. Und doch gelingen auch Momente zwingender atmosphärischer Ausstrahlung, wie die Klage einer hungernden jungen Frau und im Kontrast dazu der fast besinnungslose Partyrummel der reichen Dorfgesellschaft.

 

Vergrößerung in neuem FensterDie Flüchtlinge konfrontieren die Dorfbewohner mit ihrem christlichen Selbstverständnis: Priester Fotis (Luiz Molz), Manolios (Hans-Jürgen Schöpflin) und Chor

 

 

Reichlich hat sich Köhl auch aus dem Fundus der christlichen Ikonografie bedient: Da wird eine Abendmahlsszene sogar mit Fußwaschung arrangiert, die Verlassenheit Christi im Garten Gethsemane klingt an und am Schluss wird Manolios / Christus ans Kreuz geschlagen, womit der Titel der Romanvorlage ganz wörtlich genommen wird. Neben diesen allzu deutlichen Bildern hat  die Regie auch besonders in der Choreografie der Chöre viel Sinn für effektvolle Wirkungen und klare Aussage bewiesen. Und auch in der  Personenführung geht sie über eine bloße Typenzeichnung noch hinaus. Dies ist natürlich besonders auch den hervorragenden Sängerdarstellern zu danken, vor allem dem überragenden Hans-Jürgen Schöpflin in der Rolle des Christusdarstellers Manolios. Sein weit ausschwingender lyrischer Tenor macht mit vielen Farbvaleurs das Schicksal dieses Gutmenschen wider Willen glaubhaft. Auch die Gesangspartien seiner Jünger werden überzeugend ausgefüllt. Als Maria Magdalena lässt Christina Niessen es an schwärmerischer Emphase nicht mangeln und Barbara Dobrzanska spielt und singt die etwas verschlagene Ex-Verlobte des Manolios mit Verve. Eindrucksvoll ist auch Stefan Stoll in der aggressiv-autoritären Rolle des Popen, der hier in römischen Kardinalspurpur gehüllt ist. Als sein Gegenspieler agiert glaubwürdig Luiz Molz in der Rolle des Flüchtlingspriesters Fotis.

 

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Unter den Augen des Kirchenmannes (Stefan Stoll): Manolios muss seinen Kreuzweg gehen (Hans-Jürgen Schöpflin).

 

Exzellent wurde Martinus reichhaltige Partitur durch die Badische Staatskapelle unter der konzentrierten Leitung von Christoph Gedschold verwirklicht. „Die griechische Passion“ gilt als der Höhepunkt in Martinus Opernschaffen. Deutlich war zu hören, welch vielfältige Einflüsse der mährische Komponist, ein Kosmopolit teils aus freien Stücken (Studium in Paris), teils aber auch gezwungenermaßen (Exil in den USA und der Schweiz) hier zu einer ganz individuellen und dramatisch höchst wirkungsvollen Musiksprache verwoben hat. Neben Einflüssen der Volksmusik und der geistlichen Musik (in den umfangreichen Chorpartien) klingen Vorbilder des Impressionismus, aus der Musik seines Landsmannes Janacek oder auch von Strawinskis Expressionismus durch, ebenso wie die Leitmotivtechnik und eine effektvolle Instrumental-Koloristik etwa in der Verwendung des Englischhorns. All diese Details der Musik waren bestens gearbeitet und wunderbar zu hören.

 

 

Fazit

 

Der klaren Sprache der Bühnenmittel, aber besonders auch der sorgfältig ausgearbeiteten und engagierten Präsentation der Musik war es zu danken, dass diese Produktion bei der Premiere mit großem Beifall vom Publikum aufgenommen wurde.

Ob allerdings die zwar aufrüttelnde, aber doch allzu belehrende Aussage die besonders auch von Martinu beabsichtigte moralische Läuterung auslöste, darf bezweifelt werden. Nach den Aufführungen sitzt am Ausgang des Staatstheaters  immer ein Obdachloser und bittet mit seinem Hut um milde Gaben. An ihm gingen auch an diesem Abend die meisten Opernbesucher achtlos vorüber.


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Produktionsteam

 

Musikalische Leitung
Christoph Gedschold

Regie
Georg Köhl

Bühne und Kostüme
Florian Etti

Chor
Ulrich Wagner

Licht
Gerd Meier
Stefan Woinke

Dramaturgie
Margit Poremba

 

Badische Staatskapelle

Badischer Staatsopernchor

Extrachor des
Badischen Staatstheaters

Kinderchor der
Lutherana Karlsruhe

Statisterie des
Badischen Staatstheaters


Solisten

Priester Grigoris
Stefan Stoll

Patriarcheas, Dorfältester
Ulrich Schneider

Ladas, Dorfältester
Horst Hildebrand

Micaelis, Sohn des Patriarcheas
Gideon Poppe

Kostandis, Besitzer eines Cafés
Tibor Brouwer

Yannakos, Händler
Matthias Wohlbrecht
/ Ks. Klaus Schneider*

Manolios, Schafhirt
Hans-Jürgen Schöpflin

Lenio, Verlobte des Manolios
Barbara Dobrzanska

Nikolios, Hirtenknabe
Andreas Heideker

Andonis, Dorfbarbier
Ks. Hans-Jörg Weinschenk
/ Hans Schmich*

Die Witwe Katerina
Christina Niessen

Eine Frau
Sigrun Maria Bornträger

Ein alter Mann
Walter Donati

Priester Fotis
Luiz Molz

Panait
Sebastian Haake

Despinio
Özgecan Gencer


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Badischen Staatstheater
Karlsruhe

(Homepage)



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