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Parabel
auf den
Wohlstandschauvinismus
Bohuslav Martinus
„Griechische Passion“ gehört zu
den eher selten gespielten Bühnenwerken. In Karlsruhe hat man nun
entdeckt,
dass diese Oper ein eindrucksvoller Beitrag zur Problematik des
Wohlstandsgefälles sein kann – global wie lokal. Der Roman von Nikos
Kazantzakis, von dem auch das
Buch zu „Alexis Sorbas“ stammt, spielt zwar Anfang des 20. Jahrhunderts
in einem
griechischen Dorf, seine Thematik ist aber heute noch und auch bei uns
hoch
aktuell: In doppelter Hinsicht wird einer reichen, satten,
selbstgefälligen
Gesellschaft der Spiegel vorgehalten – einmal durch die unvermittelte
Konfrontation mit plötzlich hereinbrechender,
sichtbar gewordener Armut und dann durch die Frage, wie
sie es wirklich
mit ihren ethischen Idealen, hier dem Christentum, hält. Das Libretto, das
Martinu selbst aus dem
400seitigen Epos von Kazantzakis herausdestilliert hat, erzählt
eine Geschichte
aus dem Dorf Lycovrissi, in welchem eines Ostermorgens eine Gruppe von
Flüchtlingen, Opfer des griechisch-türkischen
Bürgerkriegs, auftaucht und um
Asyl bittet. Die Dorfgemeinschaft ist gespalten – die Mehrheit will mit
den
Obdachlosen nichts zu tun haben, wenige nur empfinden Mitgefühl.
Dies sind vor
allem die kurz zuvor vom Ortspopen ausgesuchten Darsteller des
künftigen
Passionsspieles: der Händler Yannakos, der Petrus sein soll, der
Cafébesitzer
Kostandis als Jacobus, Michelis, der den Johannes spielen soll und der
Schafhirt Manolios, dem die Rolle des Jesus zugedacht ist. Die
moralisch
diskreditierte Witwe Katerina soll Maria Magdalena spielen und
natürlich gibt
es auch einen Judas, den deren Liebhaber Panait trotz heftigen
Protestes übernehmen
muss. Die Moral der Geschichte ist nun, dass die anfangs so fromm
erscheinende
Gemeinde - und allen voran ausgerechnet der Pope - eigensüchtig
ihren Wohlstand
verteidigt und sich den Flüchtlingen gegenüber als
äußerst hartherzig erweist.
Die Passionsdarsteller dagegen solidarisieren sich mit den
Flüchtlingen und
identifizieren sich, wenn auch nicht ohne Anfechtungen, im Verlauf der
Handlung
immer mehr mit ihren biblischen Rollen. So beweisen sie im Gegensatz
zur
offiziellen Kirche ihr wahres Christentum. Weil er zu unbequem für
diese
Gesellschaft geworden ist, wird Manolios / Christus am Schluss nicht
nur vom
Popen exkommuniziert, sondern vom Verräter Panait / Judas
erstochen. Und alle
anderen haben dabei auch ihre Hände mit Blut befleckt.
Manolios
(Hans-Jürgen
Schöpflin)
ringt
mit seiner Sendung als
Christusdarsteller und der Zuneigung zu Katerina alias Maria Magdalena
(Christina Niessen) So plakativ
idealistisch sie sich anhört, ist die
Handlung dramaturgisch auch aufgebaut.
Regisseur Georg Köhl hat sich für diese Karlsruher Produktion
daher nicht für
den möglichen Folklore- Verismus entschieden, sondern die Oper als
Parabel
inszeniert und daher die Gefahr eines allzu frommen Pathos
einigermaßen
erfolgreich umgangen. Eher modellhaft wird die Handlung erzählt in
einem
Bühnenbild, das klare Signale zum Verständnis der Geschichte
setzt. In einem
gläsernen Gehäuse in den Umrissen einer Kirche sitzt zu
Anfang die Gemeinde in
der Ostermesse auf einem erhöhten Podest. Dann entschwebt die
gläserne Hülle
nach oben und wenn die Flüchtlinge die Bühne betreten, sitzt
die Dorfgemeinde
dicht gedrängt auf diesem Podest wie auf einem Floß, auf dem
kein Platz für die
Hilfsbedürftigen mehr sein soll: Das Floß, bzw. „das Boot
ist voll“. Die
Bühnenwände sind im edlen Design mit weiß-goldenen
Fliesen bedeckt, wenn die
Armen in diese sterile Wohlstandswelt eindringen, tut sich hinten eine
vertikale Müllhalde auf. Da aber das Regietheater in Karlsruhe
meist auf einem
niedrigem Verstörungsgrad arbeitet, hat sogar die Welt der
Flüchtlinge hier
noch etwas Pittoreskes an sich. Die Favela, die sie im 2. Akt irgendwo
in der
Einöde aufzubauen beginnen, wirkt noch recht beschaulich und
aufgeräumt. Und
doch gelingen auch Momente zwingender atmosphärischer
Ausstrahlung, wie die
Klage einer hungernden jungen Frau und im Kontrast dazu der fast
besinnungslose
Partyrummel der reichen Dorfgesellschaft.
Reichlich hat sich
Köhl auch aus dem Fundus der
christlichen Ikonografie bedient: Da wird eine Abendmahlsszene sogar
mit
Fußwaschung arrangiert, die Verlassenheit Christi im Garten
Gethsemane klingt
an und am Schluss wird Manolios / Christus ans Kreuz geschlagen, womit
der
Titel der Romanvorlage ganz wörtlich genommen wird. Neben diesen
allzu
deutlichen Bildern hat die Regie auch
besonders in der Choreografie der Chöre viel Sinn für
effektvolle Wirkungen und
klare Aussage bewiesen. Und auch in der Personenführung
geht
sie über eine bloße
Typenzeichnung noch hinaus.
Dies ist natürlich besonders auch den hervorragenden
Sängerdarstellern zu
danken, vor allem dem überragenden Hans-Jürgen Schöpflin
in der Rolle des
Christusdarstellers Manolios. Sein weit ausschwingender lyrischer Tenor
macht
mit vielen Farbvaleurs das Schicksal dieses Gutmenschen wider Willen
glaubhaft.
Auch die Gesangspartien seiner Jünger werden überzeugend
ausgefüllt. Als Maria
Magdalena lässt Christina Niessen es an schwärmerischer
Emphase nicht mangeln
und Barbara Dobrzanska spielt und singt die etwas verschlagene
Ex-Verlobte des
Manolios mit Verve. Eindrucksvoll ist auch Stefan Stoll in der
aggressiv-autoritären Rolle des Popen, der hier in römischen
Kardinalspurpur
gehüllt ist. Als sein Gegenspieler agiert glaubwürdig Luiz
Molz in der Rolle
des Flüchtlingspriesters Fotis.
Unter
den
Augen des Kirchenmannes
(Stefan Stoll): Manolios muss seinen
Kreuzweg gehen (Hans-Jürgen Schöpflin). Exzellent wurde
Martinus reichhaltige Partitur
durch die Badische Staatskapelle unter der konzentrierten Leitung von
Christoph
Gedschold verwirklicht. „Die griechische Passion“ gilt als der
Höhepunkt in
Martinus Opernschaffen. Deutlich war zu hören, welch
vielfältige Einflüsse der
mährische Komponist, ein Kosmopolit teils aus freien Stücken
(Studium in
Paris), teils aber auch gezwungenermaßen (Exil in den USA und der
Schweiz) hier
zu einer ganz individuellen und dramatisch höchst wirkungsvollen
Musiksprache
verwoben hat. Neben Einflüssen der Volksmusik und der geistlichen
Musik (in den
umfangreichen Chorpartien) klingen Vorbilder des Impressionismus, aus
der Musik
seines Landsmannes Janacek oder auch von Strawinskis Expressionismus
durch,
ebenso wie die Leitmotivtechnik und eine effektvolle
Instrumental-Koloristik
etwa in der Verwendung des Englischhorns. All diese Details der Musik
waren
bestens gearbeitet und wunderbar zu hören. FazitDer
klaren Sprache der Bühnenmittel, aber besonders auch der
sorgfältig
ausgearbeiteten und engagierten Präsentation der Musik war es zu
danken, dass
diese Produktion bei der Premiere mit großem Beifall vom Publikum
aufgenommen
wurde. Ob
allerdings die zwar aufrüttelnde, aber doch allzu belehrende
Aussage die
besonders auch von Martinu beabsichtigte moralische Läuterung
auslöste, darf
bezweifelt werden. Nach den Aufführungen sitzt am Ausgang des
Staatstheaters immer ein Obdachloser und
bittet mit seinem Hut um milde Gaben. An ihm gingen auch an diesem
Abend die
meisten Opernbesucher achtlos vorüber.
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ProduktionsteamMusikalische
Leitung
Regie Bühne
und
Kostüme Chor Licht
Dramaturgie
Badische
Staatskapelle Badischer
Staatsopernchor Extrachor
des Kinderchor
der
Statisterie
des
Solisten
Priester
Grigoris
Patriarcheas,
Dorfältester Ladas,
Dorfältester
Micaelis,
Sohn
des
Patriarcheas Kostandis,
Besitzer
eines
Cafés Yannakos,
Händler
Manolios,
Schafhirt Lenio,
Verlobte
des
Manolios Nikolios,
Hirtenknabe
Andonis,
Dorfbarbier
Die
Witwe Katerina Eine
Frau Ein
alter Mann Priester
Fotis Panait Despinio
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