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Musiktheater
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La voix humaine
(Die menschliche Stimme)


Lyrische Tragödie in einem Akt
Text von Jean Cocteau
Musik von Francis Poulenc


A kékszakállú herceg vára
(Herzog Blaubarts Burg)


Oper in einem Akt
Text von Béla Balázs
Musik von Béla Bartók


Aufführungsdauer: ca. 2h 15' (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Köln am 12. März 2010


Logo: Oper Köln

Oper Köln
(Homepage)

Bildmächtige Aufarbeitung eines Beziehungskonflikts

Von Stefan Schmöe / Fotos: Bernd Uhlig

Szene 1: Eine Frau sitzt am Telefon; sie spricht mit dem Mann, den sie liebt, der sie aber gerade verlassen hat; sie erzählt von einem gescheiterten Selbstmordversuch, der möglicherweise nicht der letzte gewesen sein wird. Szene 2: Eine Frau dringt in das Seelenleben des Mannes ein, den sie liebt; sie öffnet symbolisch die sieben verschlossenen Türen der geheimnisvollen Burg, die eigentlich Türen zur Psyche sind. Um das Scheitern von Beziehungen geht es in Poulencs La Voix Humaine (Die menschliche Stimme) von 1959 ebenso wie in Herzog Blaubarts Burg von 1918, und beide Werke verbindet die Reduktion auf ein Minimum von handelnden Personen: Ein Monolog bei Poulenc, ein Dialog bei Bartók, in beiden Fällen vom Orchester breit untermalt. Aber auch die Gegensätze liegen offen: Poulencs „lyrische Tragödie“, basierend auf Jean Cocteaus Monolog Die geliebte Stimme, ist in einer gegenwärtigen Alltagswelt fixiert, Blaubarts Burg dagegen dem Symbolismus nahe stehend in einer unbestimmten Märchenzeit.


Vergrößerung Telefoniert allein im Wald: Die namenlose Frau aus La voix humaine (Nicola Beller Carbone)

Die Kopplung von zwei (für einen Opernabend einzeln zu kurzen) Einaktern wird ja oft dramaturgisch liebevoll argumentativ unterlegt, hat auf der Bühne aber so seine Probleme. Bartóks wuchtvolles einstündiges Werk duldet ohnehin kaum einen Partner an seiner Seite, weshalb es mehrfach Produktionen gegeben hat, die das Werk doch alleine gespielt haben oder einfach zweimal nacheinander – so zuletzt an der Ungarischen Staatsoper in Budapest (unsere Rezension). Auch in Köln verscheibt sich das szenische Gewicht zu Bartók hin, aber hier gelingt dennoch eine nicht nur dramaturgisch tragfähige, sondern auch in der Bühnenwirkung sehr eindrucksvolle Lösung. Regisseur Bernd Mottl und Ausstatter Friedrich Eggert beziehen die beiden Einakter spiegelbildlich, aber mit umgekehrten Vorzeichen aufeinander. Poulencs Alltagsdrama wird in eine irreale Situation, nämlich einen Wald verlegt, der Urängste und Unbehaustheit suggeriert und den realistischen Kontext aufbricht, und gleichzeitig versucht die Frau, sich dort geradezu häuslich einzurichten und den Alltag, die Realität wieder zurückzugewinnen. Genau umgekehrt läuft das Spielt in Blaubarts Burg ab: Der Raum ist ein ganz banales Schlafzimmer mit Ehebett, in dem zunehmend irreale Dinge geschehen. Ein Bild mit Waldstück über dem Ehebett spielt ironisch auf die Situation in der menschlichen Stimme an, die Ausleuchtung vornehmlich in unheimlichen Grüntönen verbindet die beiden Werke optisch.


Vergrößerung

Machtkampf in Herzog Blaubarts Burg: Blaubart (Johannes Martin Kränzle) und Judith (Takesha Meshé Kizart)

Bei Poulenc hat die Regie damit zu kämpfen, dass dieses Kammerspiel eher einen kleinen, intimen Rahmen verlangt als die großformatige Kölner Bühne, und dass es in diesen rund 40 Minuten relativ wenig zu inszenieren gibt. Das Stück wird daher im wesentlichen getragen durch die großartige Nicola Beller Carbone, mit der die Partie der namenlosen Frau ideal besetzt ist. Die leuchtend lyrische Stimme ist beweglich genug, um nuanciert einen fließenden Parlando-Tonfall anzuschlagen, kann sich aber in den großen melodischen Bögen auch aufschwingen und mühelos gegen das Orchester behaupten. In manchen Phrasen ist ein Hauch von Chanson beigemischt, die Bandbreite von Poulencs sehr flexibler Musik hervorragend ausgelotet. Das trifft auch auf das Dirigat von Oleg Caetani zu, der sehr differenziert zwischen kammermusikalischen Abschnitten und großen Orchesterausbrüchen differenziert. Manche Passagen sind großformatig symphonisch dirigiert, was akustisch den Bogen zu Bartóks Oper schlägt und die beiden Werke des Abends auch klanglich verbindet.


Vergrößerung Noch mehr Machtkampf in Herzog Blaubarts Burg: Blaubart (Johannes Martin Kränzle) und Judith (Takesha Meshé Kizart)

Reduziert sich die dem Text und der Musik untergeordnete Regie in der menschlichen Stimme auf einige Gesten und auf das Aufstellen von Bildern und Geschirr im Wald als Zeichen der Rückgewinnung des Alltags, so gibt es in Herzog Blaubarts Burg immerhin sieben verschlossene Türen bildmächtig zu öffnen. Das Regieteam bewältigt das virtuos, gewinnt aus der zunächst banalen Schlafzimmer-Atmosphäre starke, sich intensivierende szenische Effekte. Judith liegt zunächst neben ihrem Ehemann im Bett, der singende Blaubart steht wie ein Fremdkörper im Renaissance-Habit in einer Zimmerecke. Die Oper wird zur Traumvision, seelische Verarbeitung des Ehelebens. Die Traumbilder gewinnen mehr und mehr Gewicht über die Realität, was real und was Traumwelt ist, verschwimmt zusehends. So wird der psychische Kampf zwischen Mann und Frau sichtbar, der in der Realität verdrängt wird. Als böse Schlusspointe wachen beide missmutig im Ehebett nebeneinander auf, er wehrt ihre zarten Annäherungsversuche unwirsch ab - damit wird der Bogen zur Alltagsgegenwart geschlagen, aus dem die menschliche Stimme erwachsen war. So geht das Kölner Konzept, durch ein kluges Programmheft begleitet, sehr überzeugend auf.


Vergrößerung

Nebenfrau: Die letzte Tür zu Herzog Blaubarts Burg ist geöffnet (Statistin)

Auch hier trägt die mitreißende musikalische Umsetzung entscheidend bei. Johannes Martin Kränzle ist ein stimmlich schlanker und klar fokussierender, dennoch kraftvoll-dramatischer Blaubart, der zudem die ungarische Sprachmelodie (die der Musik die Struktur gibt) ausgezeichnet wider gibt. Dieses hohe Niveau erreicht Takesha Meshé Kizart als Judith nicht. Die an sich schöne Stimme ist durch das flackernde und nicht sehr genau kontrollierte Vibrato häufig in der Intonation gefährdet, auch fehlt es sowohl in der tiefen als auch in der hohen Lage an Durchschlagskraft. Grandios ist aber auch hier das Dirigat Oleg Caetanis, der sehr anpassungsfähig sowohl die großen Spannungsbögen als auch kleinteilige Entwicklungen und Details ausmusizieren lässt. Die Musik lädt sich immer wieder mit großer Spannung auf, darf in ruhigeren Linien mit großer Ruhe ausschwingen. Ganz ausgezeichnet werden die Sänger in den orchestralen Fluss eingefügt, getragen, aber nie zugedeckt. Das alles klingt jederzeit homogen und natürlich, als dürfe es gar nicht anders sein. Das Gürzenich-Orchester, in der Oper zuletzt selten besser als ordentliches Mittelmaß und meist schlampig im musikalischen Detail, präsentiert sich in prächtiger Tagesform, virtuos in den Soli (besonders hervorzuheben die Trompete). So durch und durch souverän ausgestaltet und auf den Punkt genau musiziert ist in der Kölner Oper lange keine Partitur mehr erklungen.


FAZIT

Ein ungewohntes Operndoppel, musikalisch zupackend, dramaturgisch intelligent und mit tollen Bildeffekten - eine der stärksten Produktionen der laufenden Saison und nach meinem Empfinden die beste in Köln seit langer Zeit. Mit Abenden wie diesem kann sich das Haus wieder in die erste Reihe der Musiktheater spielen.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Oleg Caetani

Inszenierung
Bernd Mottl

Bühne und Kostüme
Friedrich Eggert

Licht
Wolfgang Göbbel

Dramaturgie
Georg Kehren


Gürzenich-Orchester Köln


Solisten

La voix humaine

Die Frau
Nicola Beller Carbone

A kékszakállú herceg vára

Herzog Blaubart
Johannes Martin Kränzle

Judith
Takesha Meshé Kizart


Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Oper Köln
(Homepage)





Da capo al Fine

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