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Musiktheater
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Spartaco

Dramma per musica in 3 Akten

von Giovan Claudio Pasquini

Musik von Giuseppe Porsile

 

Deutsche Erstaufführung

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca 3  Stunden


Premiere am 6. Dezember 2009
Logo: Theater Freiburg

Theater Heidelberg

 
Winter in Schwetzingen

Das Barock-Fest im
Rokokotheater des Schlosses

Revolution hin und zurück


Von Christoph Wurzel / Fotos von Markus Kaesler
 

Am Anfang suchen sechs Personen einen Hauptdarsteller. Auf der Bühne angeln sie sich den Putzmann, der gerade die Hinterlassenschaften einer Veranstaltung zusammenfegt. Durch die Foyers und den Zuschauerraum sind diese sechs Leute pfeifend, trötend, trommelnd und Konfetti werfend im Karnevalskostüm auf die Bühne des Schwetzinger Theaters eingezogen. Den Putzmann stecken sie unversehens in ein Kostüm, verpassen ihm eine Pappkrone – und das Personal der kommenden Oper ist komplett. Das Spiel kann beginnen. Ouvertüre - und los!

 

So geist- wie beziehungsreich beginnt im Schwetzinger Rokokotheater eine Oper, die seit ihrer Uraufführung wohl niemals mehr Bühnenlicht erblickt hat. Komponiert hat sie der „Kaiserliche und Katholische“ Hofkapellmeister Giuseppe Porsile  für die Faschingssaison 1726 am Wiener Hof. Ihr Thema: Aufstieg und (Ver-)Fall eines illegitimen Herrschers, des Sklavenführers Spartacus, der nach erfolgreicher Rebellion die Stadt Capua beherrscht, an seiner eigenen Hybris aber scheitert und ob seiner moralischen Verderbtheit und seiner Untaten schmählich im Wahnsinn endet.


Eigentlich kein Stoff für eine opera seria nach dem Geschmack des 18. Jahrhunderts, aber als Karnevalsstück doch auch wiederum tauglich, denn hier wird die Welt verdreht gezeigt, das Unterste wird zu oberst gekehrt, der Sklavenführer wird Herrscher in römischen Landen. Und darum wird eben als Spiel im Spiel ein Mann der Arbeit zum Protagonisten der Operntruppe. Doch in der Oper wird am Schluss alles wieder zurückgedreht und die heile Welt und die alte Ordnung werden wieder hergestellt – nach dem Motto: Also geht zugrunde, wer sich Macht anmaßt.


VergrößerungFinale Restauration: Hinten tafeln die wieder eingesetzten Herrschaften beim Bankett; vorne wird der besiegte Usurpator mit einem Stück Kuchen abgespeist (Yosemeh Adjei als Licinius und Emilio Pons als Spartacus)

Der Neapolitaner Porsile (geboren 1680) hat auf dieses affirmative Libretto eine kernige Musik geschrieben, die neben höchst virtuosen Arien auch eine wirkungsvolle Wahnsinnszene enthält, deren melodischer und harmonischer Verlauf sich im Nichts verläuft. Immerhin ist die Titelpartie einem der damals berühmtesten Tenöre in die Kehle geschrieben, Francesco Borosini, den Händel mit den Hauptrollen in gleich zwei seiner Opern bedachte. Und die noch berühmtere Faustina Bordoni sang bei der Uraufführung des Spartaco die Rolle von dessen Tochter Gianispe.

 

Die Heidelberger Ausgrabung hat also musikalisch durchaus hohe Anforderungen zu erfüllen und enttäuscht darin nicht. Das Sängerensemble, teilweise aus dem Heidelberger Stamm, teilweise mit Gästen besetzt, legt sich ordentlich ins Zeug und meistert die anspruchsvollen Rollen mit viel Spielfreude, dabei stimmlich flexibel, klangschön und technisch souverän. Mit Emilio Pons steht ein ansprechend lyrischer Tenor in der Titelrolle zur Verfügung, der sich trotz gemeldeter Indisposition nichts schenkt. Als sein Gegenspieler in der Countertenor-Rolle des römischen Adligen Licinius, Sohn des späteren (auch historisch überlieferten) Spartacus-Bezwingers Crassus, glänzt Yosemeh Adjei, der bereits bei den diesjährigen Schwetzinger Festspielen als Händels Ezio auf sich aufmerksam machen konnte. Der Countertenor Franz Vitzthum zeigt als edler Popilius seine nuancierte und schön timbrierte Stimmkultur. Der Bariton Sebastian Geyer füllt die Rolle des treu ergebenen Dieners stimmlich präsent und energisch aus. Ebenfalls bestens besetzt sind die Frauenrollen mit der überaus spielfreudigen Camilla de Falleiro, die als kesse Spartacus-Tochter eine Mischung aus Pippi Langstrumpf und Rockgöre gibt und auch stimmlich mit breitem Ausdrucksspektrum gefällt. Annika Sophie Ritlewski ist eine zwischen dem echten und unechten Verehrer verschmitzt agierende Vetturia. Vielseitig erweist sich Maraile Lichdi als Rodope, die verlassene und mehrfach herauskomplimentierte Ehefrau des Spartacus, die gleichzeitig noch zwei weitere Rollenkostüme überstreift, nämlich das der Rosa Luxemburg und der Ulrike Meinhof.

Vergrößerung

Mehrfachidentitäten: Maraile Lichdi (links) als Rodope, die Frau des Spartacus und Ulrike Meinhof sowie Annika Sophie Ritlewski als Vetturia, die uneigentliche Geliebte des Spartacus


Gerade diese beiden Namen mag man nicht unbedingt in einer Barockoper erwarten. Schon gar nicht, dass die Darstellerin auch noch Texte dieser beiden widerständigen Damen zitiert. Dies gehört aber zu den weiteren Ebenen, die der junge Regisseur Michael von zur Mühlen in das Stück eingezogen hat. Denn neben der karnevalesk-buffonesken innerhalb der seriösen hat er zu der fiktiven antiken und der rezeptionsgeschichtlich absolutistischen noch zum Kontrast eine weitere Bedeutungschicht der Oper freigelegt, die sich mit der Frage beschäftigt, was vom revolutionären Impetus des historischen Spartacus ebenso wie von Rosa Luxemburg, der Aktionistin des Spartakusbundes der Jahre 1918/19 oder von der RAF-Ideologin Ulrike Meinhof als konkretes Erbe geblieben ist. Dabei bleibt die Antwort durchaus offen: Ist es wie zur Zeit der absolutistischen Majestäten, dass die revolutionären Ideen verlacht und diskreditiert werden sollen oder ist es ein trotziges Aufbegehren gegen eine erfolgreiche Gegenrevolution?


Vergrößerung Hat’s gleich mit mehreren:
Des Spartacus Töchterchen Gianispe (hier mit Clown):
Camilla de Falleiro


Diese Regietheateridee erscheint hier durchaus passend, wenngleich sie bei der Premiere nicht jedermann gefiel, zumal sie durch weitere Anspielungen (mit einem Textauszug aus Heiner Müllers „Auftrag“ über eine gescheiterte Revolte auf Jamaika um 1790, dargestellt von 3 Clowns, von herabflatternden Flugblätter mit der Forderung nach „der ganzen Bäckerei, statt nur einem Stück Kuchen“ und dazu noch per Video eingespielten Filmklamotten)  ziemlich überstrapaziert wird. Das Buhkonzert am Schluss sprach dazu deutliche Worte. Die zwischen Komik und Tragik changierende Opernhandlung jedoch hat der junge Regisseur handwerklich glänzend im Lot gehalten, seien es die witzig choreografierten Matratzenübungen Gianispes, die sich zwischen zwei Verehren nicht so recht entscheiden kann oder die hybride Selbststilisierung des Spartacus zum bronzenen Arbeiterdenkmal mit erhobener Faust. Hier bewies von zur Mühlen seinen Ideenreichtum für starke Theaterbilder.


Bereits im dritten Jahr ist Michael Form der musikalische Opernleiter des Heidelberger Winter-Festivals mit Alter Musik. Wie bei den beiden vorjährigen Vivaldi-Produktionen, so hat er auch in diesem Jahr mit dem Heidelberger Orchester intensiv am historisch informierten Aufführungsstil gefeilt und das Ergebnis ist beeindruckend. Das kleine Ensemble spielt zupackend, lebendig artikuliert und plastisch im Klang, dazu technisch hoch virtuos. Die Barockschule hat schönste Wirkung gezeigt.


FAZIT

Das Heidelberger Theater hat Mut bewiesen: mit der Auswahl dieser unbekannten Opernfarce und einem durchaus provokanten Regiekonzept. Dass dieses zur Stellungnahme herausfordert, ist nicht das Schlechteste. Und mit der historischen Aufführungspraxis kann das Orchester sich fraglos sehen lassen. Oper, die zu denken gibt und zugleich Vergnügen bereitet!



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Produktionsteam

 

 

Musikalische Leitung

Michael Form

 

Inszenierung

Michael von zur Mühlen

 

Ausstattung

Ben Baur

 

Video

Stefan Butzmühlen

 

Licht

Ralph Schanz

 

Dramaturgie

Tina Hartmann
Bernd Feuchtner

 

 

Solisten

 

Spartacus,
Anführer der Gladiatoren
und Herrscher von Capua,
verliebt in Vetturia

Emilio Pons

 

Vetturia,
römische Dame,
Gefangene des Spartacus,
Geliebte des Licinius

Annika Sophie Ritlewski

 

Licinius,
Sohn des Marcus Licinius Crassus
unter dem Namen Lucius

Yosemeh Adjei

 

Gianispe,
Tochter des Spartacus

Camilla de Falleiro

 

Popilius,
Ritter aus Capua,
Freund des Licinius und
Liebhaber der Gianispe

Franz Vitzthum

 

Rodope,
Bäuerin, Frau des Spartacus;
auch: Rosa Luxemburg
und Ulrike Meinhof

Maraile Lichdi

 

Trasone,
Diener des Spartacus
und sein Vertrauter

Sebastian Geyer

 

Clowns

Judith Achner

Elisabeth Schlicksupp

Richard Hoppart

Daniel Baczyk

 

 

Philharmonisches Orchester
der Stadt Heidelberg


Weitere Informationen
erhalten Sie vom

Theater Heidelberg

(Homepage)




Da capo al Fine

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