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Das Rheingold

Vorabend zum Bühnenfestspiel "Der Ring des Nibelungen"
Text und Musik von Richard Wagner


Aufführungsdauer: ca. 2 Stunden 30 Minuten  (keine Pause)

Premiere in der Staatsoper Hannover am 14. November 2009



Wotan in Badehose

Von Bernd Stopka / Fotos: Thomas M. Jauk

18 Jahre nach der letzten „Rheingold“-Premiere startet die Staatsoper Hannover eine Neuproduktion von Wagners „Ring des Nibelungen“. Als Regisseur konnte Barrie Kosky verpflichtet werden, der in Hannover mit seiner großartigen Inszenierung des „Peter Grimes“ in der vorletzten Spielzeit eine Visitenkarte abgegeben hat, die zu den größten Hoffnungen auf seine „Ring“-Interpretation berechtigt. Und auch wenn „Ring“-Inszenierungen in unseren Landen keine Seltenheit sind, bedeuten sie doch immer wieder eine besondere Herausforderung für das Haus und eine große Spannung für das Publikum.

Vergrößerung in neuem Fenster Rheinballett mit dem  Rheingold in der Mitte,
links am Rand Alberich (Stefan Adam)


Barrie Koskys große Stärke ist die Personenregie. Mit unzähligen Details charakterisiert und vertieft er, stellt Verbindungen her oder zeigt Gegensätze auf. Nicht zuletzt dadurch erscheinen die Personen so lebendig, so natürlich, so menschlich. Kosky beherrscht sein Handwerk meisterlich und ist damit ein Mann des echten Musiktheaters. Hand in Hand mit Bühnenbildner Klaus Grünberg und Kostümbildner Klaus Bruns hat er ein ausgesprochen kurzweiliges „Rheingold“ erarbeitet, das vor Spannung geradezu knistert und neugierig auf den Rest des Nibelungen-Zyklus macht.

Vergrößerung in neuem Fenster Alberich (Stefan Adam)


Ganz besonderes Augenmerk legt der Regisseur auf Alberichs Charakterisierung, der unbestritten die Hauptfigur im „Rheingold“ ist. Nicht umsonst nannte Wagner seine Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“. Kosky beleuchtet explizit das Innenleben, die Ängste, Komplexe, Sehnsüchte und psychischen Störungen des benachteiligten Zwerges, der den Weltuntergang ins Rollen bringt.

Die erste Szene beginnt neckisch: Die Rheintöchter singen ihre ersten Töne durch einen Spalt im Vorhang, der, sich öffnend, den Blick auf eine Revuebühne der 20er Jahre freigibt. Girls betanzen in aufwändiger Choreographie eine Revuetreppe und lassen mit den fließenden und zitternden Bewegungen ihrer weißen Straußenfedern den Rhein assoziieren, als deren Darstellerinnen sie im Programmheft ausgewiesen sind. (Da drängt sich der Gedanke auf, ob dann im zweiten Bild ein Marika-Rökk-Verschnitt als keifende Fricka auftaucht).

Alberich ist ein Variete-Clown, ein Weißer, der sich als Schwarzer geschminkt und Schläfenlocken angeklebt hat – eine Kostümierung, die in den zwanziger Jahren sehr beliebt war. Doch als er sich von den Rheintöchtern verschmäht sieht, wischt er sich die Farbe aus dem Gesicht, hofft auf eine positive Wendung und zeigt sich doch nur als schmieriger Proll.

Die Darstellung des Rheingolds lässt unweigerlich an das sprichwörtlich Goldene der Zwanziger denken: Eine fast nackte, goldene junge Frau. Sie wird von Alberich geraubt, der sie in einen gewöhnlichen Karton packt und diesen ordentlich mit Klebeband verschließt. So kann man auch der Minne entsagen. Und damit bleibt der Regisseur einem Leitmotiv seiner Inszenierungen treu: Kein Kosky ohne Kisten.

Vergrößerung in neuem Fenster
Wotan (Tobias Schabel)


Mit der zweiten Szene machen wir einen Zeitsprung ins Heute. Ein eher beengter Kasten aus schwarzem Plexiglas ist die Spielfläche, deren Boden ein unebener Felsen bildet, auf dem Götter und Riesen umständlich und vorsichtig (und bemitleidenswert) herumsteigen. (Vielleicht sollte man Wetten abschließen, wann die erste Ansage wegen einer Fußverletzung kommt). Bewegen sie sich auf unsicherem Terrain? Auf jeden Fall scheinen sich die Götter ihren Umzugsstress mit einem Badeurlaub zu versüßen. Wotan in Badehose – „wann ward es erlebt“?! Doch dieser Strahlemann mit wohlgeformtem Body und Dandylächeln ist ein knallharter Geschäftsmann, der die Siamesischen Bauunternehmer-Zwillinge ordentlich übers Ohr hauen will. Doch die sind nicht nur körperlich miteinander verbunden. Sie planen ihren Coup flüsternd genau, bevor ihn Fasolt mit „Hör’, Wotan, der Harrenden Wort!“ dem Götterchef und Bauherrn vorschlägt.

Nibelheim ist ein Laboratorium in dem Alberich Gold im weitesten Sinne hortet und veredeln lässt. Einerseits als Schmuck in - wie sollte es anders sein - Kartons bzw. Kisten und andererseits findet sich in einer Art Brutkasten mit Überwachungsmonitor und Versorgungsschlauch ein deutlich atmendes, grausam verstümmeltes Wesen. Im Safe bewahrt Mime den Karton auf, in dem Alberich das Rheingold verstaut hat – aber er holt dort auch ein Stück goldenen Stoffs hervor, das er mit der Nähmaschine bearbeitet. Da drängt sich die gedankliche Verbindung zum „Schweigen der Lämmer“ auf. Hat Alberich die Rheingold-Frau gehäutet und lässt sich aus ihrer Haut eine neue, goldene Hülle für sich schaffen? Fähig dazu wäre er. Im Gespräch mit Wotan und Loge zeigen sich Anzeichen von Neurosen, ja Wahnsinn. Der Zwerg dreht durch ohne Liebe, wird zum Psychopathen. Das ist einer der ganz genialen Momente dieser Produktion.


Vergrößerung in neuem Fenster

Wotan (Tobias Schabel), Freia (Arantxa Armentia),
Fricka (Khatuna Mikaberidze), Donner (Jin-Ho Yoo),
 Froh (Young-Hoon Heo), Fasolt (Albert Pesendorfer),
Fafner (Young Myoung Kwon), Loge (Robert Künzli)


Doch dann kippt sich der Regisseur Wasser in den Wein. Zu Alberichs Verwandlung in (eigentlich) einen Riesenwurm taucht ein Dutzend Doubles im Clownkostüm des ersten Bildes auf und masturbiert mit fast schon brutalen Bewegungen. Alberichs Verwandlungsworte mögen oberflächlich Assoziationen wecken. „Riesenwurm….“ mag als phallische Übertragung ja noch funktionieren, aber „winde sich ringelnd“ - ?!?!
Auch über die Notwendigkeit Mime mit Kippa und Schläfenlocken (wie auch Alberich im ersten Bild) auszustatten lässt sich streiten. Der Hinweis auf Wagners Antisemitismus und das Einfließen desselben in die Gestaltung der Figuren der Zwerge bringt uns auf dem Weg zur Götterdämmerung keine neuen Erkenntnisse. 

Vergrößerung in neuem Fenster Wotan (Tobias Schabel), Erda (Darstellerin:
Evelyn Gundlach),
Fasolt (Albert Pesendorfer),
Fafner (Young Myoung Kwon),
Loge (Robert Künzli),
Froh (Young-Hoon Heo)
Donner (Jin-Ho Yoo),

Einer der eindrucksvollsten Momente im letzten Bild ist der Auftritt Erdas. Die Stimme kommt aus dem Off, die Erscheinung auf der Bühne ist eine sehr alte nackte Frau mit ausgemergeltem Körper und langen, wirren weißen Haaren, die unsicher und vorsichtig über den unwegsamen Felsen auf Wotan zugeht. Ein Bild das bewegt und erschüttert, berührt und erschreckt, das eine Grenze überschreitet, sie aber doch nicht verletzt. Eher verzweifelnd flehend als eindringlich mahnend beschwört die Urmutter den Dandy-Gott. Dass die beiden in den nächsten Tagen 9 Walküren zeugen werden, kann man sich dagegen so gar nicht vorstellen.

Wotan hört auf die Warnung und wirft den Ring in den Karton (kein Kosky ohne….) in dem Freia mit Schmuck überdeckt wird und aus dem sie wie eine Mumie aufsteigt. Fafner tötet Fasolt indem er den gemeinsamen Körper zerreist. Diese Trennung der siamesischen Zwillinge überlebt der Bruder nicht. Das ist auch medizinisch häufig der Fall.

Donner und Froh servieren Champagner, Loge lässt sich zu einem Bauchtanz hinreißen und Freia stiftet zum Einzug eine Torte in Burgform – und damit nimmt Walhall hier zum ersten Mal sichtbare Gestalt an. Besteht die Füllung aus Äpfeln? Doch lässt es sich dann nicht erklären warum Wotan und Fricka figurbewusst die Schlemmerei dankend ablehnen und Loge am Schluss ein Stück isst (von dem er das meiste allerdings verkleckert). Vielleicht ist mir da bei der Fülle der Aktionen beim Zuschauen auch einfach etwas entgangen. Die Götter gehen ab - wohl in die Richtung in der Walhall zu vermuten ist - und nachdem er dem toten Fasolt ein Champagnerglas in die Hand gedrückt hat, verlässt auch Loge tänzelnd die Bühne.

Vergrößerung in neuem Fenster

Alberich (Stefan Adam)
raubt das Rheingold

Unzählige Details ließen sich noch erwähnen, erhellende und verwirrende, begeisternde und ärgerliche. Vieles erkennt man sicher auch erst beim zweiten oder dritten Anschauen der Produktion. Nur noch einige Beispiele: die vielen Hüte, die Mime angefertigt hat, denen er aber doch keinen Tarnhelmzauber verleihen konnte, Alberichs ausdrucksstarke T-shirts, sein fast liebevolles – an Gollum aus dem „Herrn der Ringe“ erinnerndes – Verhältnis zum Ring. In Abendkleidung mit Champagner werden die „Ring“-Protagonisten in anderen Inszenierungen gern am Ende der „Götterdämmerung“ dargestellt. Doch bis dahin ist es noch ein langer und weiter Weg. Man darf gespannt sein – sehr gespannt.

Gesungen wird in Hannover auf recht hohem Niveau – gestaltet auf noch höherem. Und da ist an erster Stelle Stefan Adam als Alberich zu nennen. Ein begnadeter Sängerdarsteller, der sowohl gesanglich als auch darstellerisch ein faszinierendes und beklemmendes Charakterbild des Alberich zeichnet. Auf der Grundlage seines satten und volltönenden Basses verdeutlicht er in unzähligen Stimmfärbungen und Ausdruckvarianten die Vielschichtigkeit der Gefühlsebenen durch sie sich der immer mehr verzweifelnde Nibelung bewegt, mal kraftvoll, mal brüchig, mal verzweifelt, dann wieder bitter, wütend oder giftig.

Tobias Schabel konnte wegen einer Luftröhrenentzündung am Premierenabend nicht singen, spielte den Wotan aber eindrucksvoll stumm, während Renatus Mészár (der am gleichen Tag erst aus Weimar angereist war) dem Obergott die Stimme lieh. Und was für eine Stimme! Sehr differenziert und wohldurchdacht gestaltet er die Partie - und sein Bass klingt angemessen edel-voluminös vom ersten bis zum letzten Ton.

Als zweiter Einspringer hinterlässt Torsten Hofmann als Mime einen exzellenten Eindruck. Robert Künzli hat es nicht leicht die großen Fußstapfen seiner Vorgänger auszufüllen. Einerseits hatte der Regisseur bei der Charakterisierung des Loge nicht das allerglücklichste Händchen und andererseits bleibt Künzli dieser Partie auch stimmlich einiges schuldig. Da fehlt der schneidend helle Glanz, die intellektuelle Ironie, die Leichtigkeit des Gesangs mit der der Feuergott intrigierend tätig wird.

Vergrößerung in neuem FensterFreia (Arantxa Armentia), Fasolt (Albert Pesendorfer),
Fafner (Young Myoung Kwon), Wotan (Tobias Schabel)



Mit wunderbar metallischem Glanz singt Young-Hoon Heo den Froh, Jin-Ho Yoo ist ein angemessen kraftvoll klingender Donner. Arantxa Armentia muss als Freia regiegewollt immer mal wieder unschön kreischen. Das ändert aber nichts am Liebreiz, den ihre Stimme auch verströmen kann. Khatuna Mikaberidze hält sich als Fricka eher etwas bedeckt und Okka von der Damerau lässt als Erda (leider aus dem Off) einen wundervoll balsamischen Alt strömen, in dem man baden möchte. Albert Pesendorfer lässt als Fafner seinen großartig-gewaltigen Bass angemessen riesenhaft dröhnen. Als sein Bruder Fafner fällt Young Myoung Kwon dagegen vom Stimmvolumen her deutlich ab, nicht aber von der Gestaltung der Partie. Nicole Chevalier (Woglinde), Julia Faylenbogen (Wellgunde) und Mareike Morr (Floßhilde) singen die Rheintöchter sehr individuell differenziert, bilden aber keinen wirklich homogenen Zusammenklang.

Wolfgang Bozic hält mit seinem dynamischen Dirigat sowohl den musikalischen Fluss als auch die musikalische Spannung in festen Händen. In großen Bögen lässt er den Sog der Musik entstehen, bleibt dabei aber immer umsichtig und sängerfreundlich. Dabei folgt ihm das Staatsorchester gern, allerdings nicht ohne den wagnerschen Klangteppich mit partiturfremden Tönen zu variieren.


Vergrößerung in neuem Fenster Loge (Robert Künzli), Froh (Young-Hoon Heo),
Donner (Jin-Ho Yoo),
Freia (Arantxa Armentia),

FAZIT

Insgesamt ist mein Eindruck sehr zwiespältig, Ich kann es nicht wirklich schlucken, will es aber auch auf keinen Fall ausspeien. Die erste Szene liegt mir zu nah an einer (allerdings sehr guten) Parodie. Aber auf jeden Fall ist immer was los auf der Bühne, es wird keinen Moment langweilig, es bleibt immer spannendes und lebendiges Musiktheater mit genialen Ideen – aber eben auch mit fraglichen Momenten.

Eine Richtung für die weiteren „Ring“-Teile lässt sich aus diesem „Rheingold“ nicht erkennen.
Das erhält die Spannung.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Wolfgang Bozic

Inszenierung
Barrie Kosky

Bühnenbild
Klaus Grünberg

Kostüme
Klaus Bruns

Choreographie
Otto Pichler

Licht
Klaus Grünberg,
Susanne Rheinhardt

Dramaturgie
Ulrich Lenz
 

Statisterie der
Staatsoper Hannover

Niedersächsisches
Staatsorchester Hannover


Solisten

Wotan
Tobias Schabel
(spielte in der Premiere)

Renatus Mészár
(sang in der Premiere)

Donner
Jin-Ho Yoo

Froh
Young-Hoon Heo

Loge
Robert Künzli

Alberich
Stefan Adam

Mime
Torsten Hofmann

Fasolt
Albert Pesendorfer

Fafner
Young Myoung Kwon

Fricka
Khatuna Mikaberidze

Freia
Arantxa Armentia

Erda
Evelyn Gundlach

Stimme der Erda
Okka von der Damerau

Woglinde
Nicole Chevalier

Wellgunde
Julia Faylenbogen

Floßhilde
Mareike Morr

Das Rheingold
Corinna Blühdorn





Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Staatsoper Hannover
(Homepage)




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