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Musiktheater
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Gloriana

Oper in drei Akten
Libretto von William Plomer
nach der Erzählung „Elisabeth and Essex“ von Lytton Strachey
Musik von Benjamin Britten


in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h (eine Pause)

Premiere im Großen Haus des Musiktheaters im Revier am 29. Mai 2010
(rezensierte Aufführung: 6. Juni 2010)


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Musiktheater im Revier
(Homepage)

„Ich bin eine Frau – auch wenn ich eine Königin bin!“

Von Ursula Decker-Bönniger / Fotos von Pedro Malinowski


Eine selten aufgeführte Oper Benjamin Brittens ist derzeit im Gelsenkirchener Musiktheater im Revier in einer spannenden, faszinierenden Inszenierung von Elisabeth Stöppler zu sehen. Gloriana, auch der Titel einer gleichnamigen Hymne auf die Tugenden Elisabeth I., ist ein Auftragswerk zur Krönung Elisabeth II.. Die Oper, die anlässlich der Krönungsfeierlichkeiten 1953 uraufgeführt wurde, ist gewagt und mutig, denn Librettist William Plomer und Komponist Benjamin Britten zeigen die Charakterstudie einer gebrochenen Frau, deren Alltag von souveränen, verantwortungsvollen, menschlich schwierigen Entscheidungen sowie von Eifersucht, Liebe und Verschwendungssucht geprägt ist.

Brittens Musiksprache ist ebenso eigenwillig. Eher der erweiterten Tonalität als der elektronischen, serialen oder aleatorischen Experimentierfreude vieler Zeitgenossen verbunden, zitiert er auch die Musizierpraxis des elisabethanischen Zeitalters. Lautenlieder und Hoftänze werden in den dramatischen Zusammenhang einbezogen, geradezu montiert, modern weitergeführt, subtil instrumentiert und kommentiert.

Vergrößerung in neuem Fenster Maskenspiel der Bürger von Norwich (Majken Bjerno, E.Mark Murphy, William Britt Hillard, Marika Carena, Lars-Oliver Rühl, Joachim G. Maass, Opern- und Extrachor)

Die Regisseurin Elisabeth Stöppler hat genau für dieses „Exotikum“, diese „Idee des vermittelten Kontrastes“ in der Musik einfühlsame, sehr ästhetische, choreographisch ausgefeilte bewegte Bilder gefunden, die auch die musikdramatische Struktur der Oper eindrucksvoll durchleuchtet. Ähnlich dem Alter Ego einer gespaltenen Persönlichkeit sieht sich eine moderne, begehrenswerte Elisabeth unserer Tage dem lebenden, historischen Vorbild der unverletzbar, in historischem Schmuck- und Kostümglanz strahlenden, tugendhaften, souveränen Elisabeth I. gegenübergestellt. Mit versteinerter Miene begleitet letztere den Alltag der jungen, modernen Frau, greift ein und bietet sich stumm in allen möglichen und unmöglichen Situationen als Identifikations-, bzw. Widerspruchsfigur an. Passend dazu gibt die sich von „Runde zu Runde“ drehende Bühne den Blick frei auf das Halbrund einer mit klassischen Säulen begrenzten Arena oder eines Amphitheaters mit zwei, stufenweise ansteigenden Sitzreihen.

Feinsinnig, Schritt für Schritt werden wir in das Schein- und Wirklichkeitsebenen beleuchtende Netz des mitunter grotesken, tragik-komischen Psychodramas sowie der Essex-Verschwörung eingeführt: Parallel zum Platz nehmenden Publikum und den sich einspielenden Musikern im Orchestergraben richten zunächst zwei Kellner das mit „Union Jack“ und Royal Standard“ beflaggte Konferenzzimmer auf der Bühne ein, um dann – bei Ertönen der Konferenzglocke – erschreckt „Haltung anzunehmen“, bzw. fluchtartig den Raum zu verlassen, während die Musiker die Instrumente stimmen und das Erscheinen des Dirigenten vom Publikum beklatscht wird. Anschließend betreten die Protagonisten, eine in blauem Anzug kostümierte, moderne Elisabeth und ihr charmanter, aufstrebender Liebhaber Robert Devereux, der Earl of Essex, die Bühne. Ein wildes, leidenschaftliches Liebesspiel beginnt, das ein abruptes Ende findet, nachdem Cecil und eine stumm ihr Missfallen bekundende Goriana den Raum betreten haben.

Vergrößerung in neuem Fenster

Hoftanz (Noriko Ogawa-Yatake, Lars-Oliver Rühl, Opern- und Extrachor)

Die einsetzende Musik, deren kurzatmige Motive erregte Auseinandersetzung andeuten könnten, ist nun Spiegel der emotional aufgewühlten Elisabeth, die – wunderbar dargestellt von Majken Bjerno – wie in Trance die Begrüßungen der in grauen, blauen oder schwarzen Anzügen erscheinenden Höflinge entgegennimmt. Zugleich verkünden zunächst verhaltene, dann deutlicher in den Vordergrund tretende Fanfarenklänge das erneute Erscheinen der Königin. Während die Bühnenbewegungen der Konferenzteilnehmer abrupt zu einem Bild einfrieren, beginnt das bedrückende, teilweise demütigende Hin und Her zwischen privat und öffentlich, bei dem Elisabeth mehr und mehr ein Spielball ihres Liebhabers sowie des erstarrte Hymnenparolen singenden und knieend Kaffee schlürfenden Hofstaat-Chores wird.

Immer wieder konterkariert Stöppler das Bühnengeschehen, werden z.B. mit kostbaren, historisch gearbeiteten Kostümen, Herrschaftsinsignien, goldfarbener Beleuchtung und skurrilen Aktionen die Wirklichkeitsbereiche vermischt, detailliert die verfremdenden Ausdrucksebenen der Musik ins Bild gesetzt: Essex und Mountjoy z.B. balgen, boxen und fechten mit den eigenen Armen. Zu Beginn des 2.Aktes, einem Eintracht beschwörenden Chorlied der Renaissance-Maskerade, ergeht sich ein silbern und goldfarben leuchtendes, an Ken und Barbie erinnerndes Paar auf dem Konferenztisch in verführerischen Tanzbewegungen. Gegen Ende des 2.Aktes präsentieren ein kleines Bühnenorchester, die Königin und ihr Hofstaat historische Schreit- und Springtänze mit Feuerwerk, goldener Beleuchtung, Damast und seiden schillernder Kostümierung. Am Schluss, wenn die gebrochene Elisabeth sich durchringt, das Todesurteil Essex' zu unterschreiben und versöhnliche Gesten zu ihrem ehemaligen, toten Liebhaber findet, bleiben nur noch gesprochene Worte. Die Oper verklingt merkwürdig abrupt - mit einem anhaltenden, tiefen Basston.

Vergrößerung in neuem Fenster Die um das Leben ihres Gatten bittende Lady Essex, Elisabeth und ihr historisches Vorbild Elisabeth I. (Anna Agathonos, Majken Bjerno, Judith Jakob)

Engagiert, transparent, ausdrucksstark und spannungsvoll gestaltend präsentieren sich Solistenensemble, Chor und Orchester der Neuen Philharmonie Westfalen unter der souveränen Leitung von Rasmus Baumann. Majken Bjernos klangvoller, tiefgründig leuchtender Sopran weiß auch in dramatischen Momenten offen zu schwingen und gibt der bewegenden, oft aufgewühlt dargestellten Persönlichkeit Elisabeths eine warmherzige Souveränität. Anerkennung verdient auch die pantomimische Leistung von Judith Jakob als historisches Vorbild Gloriana, Elisabeth I.

Lars-Oliver Rühl ist ein verführerischer, strebsamer Earl of Essex. Stimmlich überzeugt er durch ein strahlendes, weich grundiertes Timbre. Er gestaltet differenziert, lyrische und dramatische Momente gleichermaßen hervorhebend. Wunderbar anrührend das schlank und dynamisch zurückhaltend interpretierte Liebesständchen und Duett der beiden Protagonisten im 1. Akt. Anna Agathonos ist eine demütig um Gnade flehende Frances, deren weich grundierter, vibrierender Stimmklang sich wunderbar mit den tiefen Holzblasinstrumenten mischt. Lee Poulis hell timbrierter, lyrischer Bariton stellt einen klangvollen Lord Mountjoy dar, Michael Tews überzeugt als Sir Walter Raleigh mit weich angesetzten tiefen Basstönen, Piotr Procheras Bariton schwingt auch in der Höhe lyrisch, weich, Noriko Ogawa-Yatake ist eine kesse, umtriebige Penelope.


FAZIT

Ein gerade in unserer Zeit faszinierendes, stimmiges, begeisterndes Opernerlebnis.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Rasmus Baumann

Inszenierung
Elisabeth Stöppler

Bühne und Kostüme
Kathrin-Susann Brose

Choreographie
Kristin Schaw Minges

Licht
Patrick Fuchs

Chor
Christian Jeub

Kinderchor
Alfred Schulze-Aulenkamp

Dramaturgie
Anna Melcher



Statisterie des
Musiktheater im Revier

Opernchor und Extrachor des
Musiktheaters im Revier

Gelsenkirchener Kinderchor
Neue Philharmonie
Westfalen


Solisten

* Besetzung der rezensierten Aufführung

Gloriana
Majken Bjerno

Elisabeth I.
Judith Jakob

Robert Devereux, Lord Essex
Lars-Oliver Rühl

Frances, Lady Essex
Anna Agathonos

Charles Blount, Lord Mountjoy
Lee Poulis

Penelope, Lady Rich
*Noriko Ogawa-Yatake /
Petra Schmidt

Sir Robert Cecil
Piotr Prochera

Sir Walter Raleigh
Michael Tews

Henry Cuffe
Mohsen Rashidkhan

Hausdame
Engjellushe Duka /
*Elise Kaufmann



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