Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum



Daphne

Bukolische Tragödie in einem Aufzug
Text von Joseph Gregor
Musik von Richard Strauss


In deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 1 h 45' (eine Pause)

Premiere an der Oper Frankfurt am 28. März 2010
(rezensierte Vorstellung: 2. April 2010)

Homepage

Oper Frankfurt
(Homepage)
Dinner for One

Von Roberto Becker / Fotos von Barbara Aumüller

Man sieht die Dinge, die auf der Bühne passieren, ob man nun will oder nicht, immer durch die Brille der eigenen Zeit und ihrer Verwerfungen. Ganz gleich, ob sie vom Regisseur oder gar von Ihren Autoren so gemeint waren oder nicht. Der momentan viel diskutierte Missbrauch gehört dazu. In Claus Guths Frankfurter Daphne- Inszenierung sieht man jetzt die Folgen eines solchen exemplarischen, mythisch überhöhten Falls. Denn wenn eine junge Menschenfrau einem Gott in die Hände fällt, dafür ihre Lebensperspektive mit dem jungen Mann, der sie liebt und begehrt, fahren lässt, dann kann man sich das Resultat allenfalls schön reden. Dann ist der Baum, zu dem diese junge Frau am Ende verwandelt wird, eben der Lorbeer, der den Helden und Siegern die Stirne kränzt. Für Götter und Bäume mag das ja eine tolle Geschichte sein. Für jene Daphne ist es im Grunde eine Katastrophe. All das sieht man jetzt in Frankfurt deutlicher als sonst, wenn sich jemand (selten genug) dieser „bukolischen Tragödie“ annimmt.

Vergrößerung in neuem Fenster Daphne und ihr Refugium hinter der Wandverkleidung

Wohl wissend, dass Richard Strauss kein Mann des Widerstandes gegen die Nazis war, ihnen nicht nur die Hymne für die Olympiade komponierte, sondern einige Zeit sogar der Reichsmusikkammer vorstand, umweht gerade diesen Frauen-Einakter, der 1938 in Dresden uraufgeführt wurde, auch etwas Widerständiges. Mit seinem schwebenden Schwelgen hoch über den Erinnerungswolken an Elektra und Rosenkavalier sehnt sich diese Musik nach einer anderen als der martialisch auf die beginnende Welteroberung zusteuernden Welt, die Strauss in Deutschland umgab. Sicher kommt seine Daphne (zumal ihr Librettist Joseph Gregor dem verstorbenen Hugo von Hofmannsthal und dem verbannten Stefan Zweig nicht einmal annähernd das Wasser reichen konnte) weder an die Überwältigungswucht von Salome und Elektra, noch an die theatralische Raffinesse des Rosenkavalier heran. Dass sie aber dennoch mehr ist als ein Schmuckstück für Strauss-Liebhaber, das hat die Frankfurter Inszenierung so überzeugend klargemacht, wie es nur selten gelingt!

Vergrößerung in neuem Fenster

Leukippos (Daniel Behle) und Daphne (Maria Bengtsson)

Guth erzählt die Geschichte von einem fiktiven Ende her. Da sieht man nämlich die alte Daphne, wie sie mit wirrem, grauem Haar und am Stock gehend, ein Haus betritt, das einmal sehr pompös gewesen sein muss. Doch das Glas der Aktenschränke ist zerbrochen. Die Stufen, die vom großen Saal aus vielleicht einmal in einen Park geführt haben, sind schon vom Gras überwachsen. Im Abendlicht der Erinnerung beginnt hier alles wieder zu leben. Hier begegnet sie sich selbst. Als unbeschwertes Kind, das die Eltern mit ihrer maßlosen Naturliebe ängstigt und an der Schwelle zum Erwachsenwerden immer noch ihre geheimnisvolle Kammer hinter der Wandverkleidung hat. Die Tür ist mit Vögeln bemalt, der Raum voller Geäst. Dagegen hat ihr Jugendfreund Leukippos keine Chance.

Vergrößerung in neuem Fenster Der Gott und das Mädchen

Da kann der kurzbehoste Daniel Behle noch so betörenden Tenorschmelz verströmen. Auch ihrem Vater und dessen merkwürdig aus der Zeit gefallenen dionysischen Kult folgt sie nur wiederwillig. Zu Recht, denn dabei hat sie nicht nur das symbolische Opfer in dem Ritual zu spielen, sondern sie wird ganz körperlich und direkt das Objekt der Begierde enthemmter Männlichkeit. Daphnes Naturliebe und ihre geheime Kammer sind hier der Versuch des Mädchens, dem, was ihr hier offenbar schon oft geschehen ist, zu entfliehen. Selbst der inkognito auftauchende Gott Apollo ist da nur ein Mann, der Daphne begehrt. Er schaltet seinen Konkurrenten Leukippos gewaltsam aus, verzweifelt dann aber selbst an der Trauer Daphnes über dessen Tod. Die Verwandlung in einen Lorbeer-Baum, mit dem das Märchen endet, liest Guth also als eine Art Verdrängung, mit der sich Daphne selbst schützt. Doch sie ist von diesen Jugenderlebnissen gezeichnet. Offenbar lebenslang. So jedenfalls erzählen Claus Guth und sein wie immer kongenialer Ausstatter Christian Schmidt in Frankfurt die Geschichte. Und sie überzeugen damit (anders als bei manchen ihrer jüngsten Produktionen anderswo) restlos!

Vergrößerung in neuem Fenster

Ein verhängnisvolles Ritual und Daphne ist wider Willen der Mittelpunkt

Was natürlich nur funktioniert, weil auch die musikalische Seite der Produktion stimmt. Und die ist selbst für den in Frankfurt unter Bernd Loebe üblichen hohen Standard außergewöhnlich. Dieser so ausgewogen suggestive Strauss-Klang des Opern- und Museumsorchesters gehört zum Besten, was Sebastian Weigle bislang überhaupt produziert hat. Die Protagonisten sind als Ensemble ein weiterer Star des Abends. Ob nun die höhensichere Maria Bengtsson (die gerade als Gluck-Armida an der Komischen Oper Furore machte), die beiden um sie kämpfenden Tenöre (Daniel Behle als Leuikopps Lance Ryan als Apollo) oder die dunkel leuchtende Tanja Ariane Baumgartner als Gaea und Matthew Best als Daphnes Vater Peneios - hier obwaltet ein glücklicher Stern über dem Ensemble.


FAZIT

Diese Daphne–Produktion ist musikalisch und szenisch ein ganz großer Wurf!


Ihre Meinung
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
(Veröffentlichung vorbehalten)

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Sebastian Weigele

Regie
Claus Guth

Bühnenbild und Kostüme
Christian Schmidt

Licht
Olaf Winter

Chor
Matthias Köhler

Dramaturgie
Norbert Abels


Chor der Oper Frankfurt

Frankfurter Museumsorchester


Solisten

Peneios
Matthew Best

Gaea
Tanja Ariane Baumgartner

Daphne
Maria Bengtsson

Leukippos
Daniel Behle

Apollo
Lance Ryan

Erster Schäfer
Dietrich Volle

Zweiter Schäfer
Julian Prégardien

Dritter Schäfer
Franz Mayer

Vierter Schäfer
Sungkon Kim

Erste Magd
Christiane Karg

Zweite Magd
Nina Tarandek

Die alte Daphne
Corinna Schnabel



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Oper Frankfurt
(Homepage)







Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Zur Konzert-Startseite E-Mail Impressum
© 2010 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -