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Der Fall (von) NanaVon Joachim Lange / Fotos von L. Edelhoff
Es sollte wohl so eine Mischung aus Traviata und Lulu werden. Doch den Ausflug auf die Opernbühne, den Manfred Gurlitt (1890-1972) Émile Zolas Nana in Max Brods Textversion verordnet hat, der ist weder eine ans Herz gehende Neuauflage der noblen Kurtisane Verdis, noch ein Schauerstück der Moderne, bei dem der männermordende Vamp als Projektionsfläche männlicher Machtobsessionen zum Spiegel einer kranken Gesellschaft wird. Dabei kommt in Gurlitts Vierakter Nana sogar der Zusammenhang von dekadent bourgeoiser Verschwendungssucht in den Pariser Salons und dem Schweiß der Hüttenarbeiter im Elsass zur Sprache.
Da will man nur weg - Nana vor ihrer Karriere
Und doch durchwehen Musik und Geschichte die Aura des matten Abglanzes. Schon mit seinem Wozzeck hatte Gurlitt 1926 mehr als Künstlerpech. Kurz nach Alban Bergs Wurf war er einfach chancenlos. Die Uraufführung seiner Nana hatten die Nazis 1933 verhindert. Als sie dann verspätet 1958 in Dortmund stattfand, wirkte die Musik erst recht überholt. Sie klingt ziemlich gefällig, illustrierend, eher operettenhaft im Opernhabitus, nur ohne den entsprechenden Schmiss.
Nana der Star
Das erinnert im besten Falle an den rezitativischen Tonfall von Strauss' Ariadne. Man muss ziemlich lange durchhalten bis zum Auftritt des Priesters, der seinen Bruder aus den Fängen Nanas (eher aber aus seiner Wahnvorstellung von dieser Frau) befreien will und mit origineller Verve losdonnert. Im Ganzen können aber weder das Erfurter Orchester, unter Enrico Calesso, noch die Protagonisten, die sich allesamt für das Stück ins Zeug legen, diese Musik nicht wirklich retten. Hinzu kommt, dass Michael Schulz mit dieser Inszenierung meilenweit vom hintergründigen Theaterwitz seines Weimarer Nibelungenringes entfernt bleibt.
Wenn die Gläubiger kommen ...
Er lässt zwar Menschen emsig über die Bühne laufen, um die modernen Zeiten zu imaginieren; er macht das dauerpräsente Bett auf Dirk Beckers Bühne zum zentralen Möbel, lässt dann aber bei jeder Gelegenheit grapschen und kopulieren. Schulz enthält zudem der attraktiven und stimmstarken Ilia Papandreou in der Rolle der Nana jene Vielschichtigkeit vor, die ihre behauptete Faszination beglaubigen würde. Sie bleibt letztlich immer das Kind aus der Gosse, das mit dem Aufstieg im Showgeschäft ebenso wenig klarkommt wie mit dem kleinen Glück, das ihr der Leutnant Hugon (Richard Carlucci) auf dessen Landsitz oder der reichen Graf Muffat (Peter Schöne) in der Stadt bieten.
Wer diese Frau liebt, lebt gefährlich: Nana und ihr Liebhaber
Am Ende stirbt sie an den Blattern. Schulz versucht durch die herumirrende alte Pomaré der Geschichte eine Fallhöhe hinzufügen, die Nana beständig ihre Zukunft vor Augen führt. Doch trotz Rosemarie Deibels Präsenz rettet auch dieser Kunstgriff die grell betuliche Szene des mit fast drei Stunden überlangen Abends nicht.
Auch wenn es in diesem Fall eine auf die Dauer eher verzichtbare Ausgrabung ist, spricht das nicht gegen die Erfurter Dramaturgie, die in jeder Spielzeit ein unbekanntes Stück riskiert und obendrein mit ihrer regelmäßigen Uraufführung auch noch mit einer Regelmäßigkeit Neuland erkundet, die in der deutschen Opernlandschaft ihresgleichen sucht. Dass dabei auch mal etwas nicht so überzeugt gehört dazu. Es bleibt in jedem Falle ein interessantes Zeitdokument. Und das ist ja auch schon was. Außerdem findet ja vielleicht auch dieser etwas operettige Opernversuch seine Freunde. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Chorleitung
Dramaturgie
Solisten
Nana
Graf Muffat de Bensville
Leutnant Philippe Hugon
Gustave, sein Bruder
Bordenave, Theaterdirektor
Fontan, Operettenkomiker/Vulkan
Zoe, Kammermädchen
Marquis von Chouard
Madam Tricon/Pomaré
Francis/Zeus
Autor/Kohlenhändler
1. Journalist/1. Herr
2. Journalist/2. Herr
3. Journalist/Exotischer Fürst
Blanche
Clarisse
Simonne
Der Junge
Krankenschwester/Pomare
1. Schauspielerin
Polizeioffizier
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