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Salome


Musikdrama in einem Aufzug
Nach dem Drama Salomé von Oscar Wilde
in der Übersetzung von Hedwig Lachmann
Musik von Richard Strauss


in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 1h 45' (keine Pause)

Premiere im Theater Duisburg am 19. September 2009


Homepage

Rheinoper
(Homepage)
Desperate Housewives - das Finale

Von Thomas Tillmann / Fotos von Hans-Jörg Michel

Als mein Blick am Abend der Premiere der Neuinszenierung der Salome auf den überdekorierten, engen Wohnraum von Klaus Grünberg fiel, musste ich unwillkürlich an die Sets vom Pro 7-Blockbuster Desperate Housewives denken (und angesichts des Raumes, "der sich komplett in der Oberfläche erschöpft" und seinen Tapeten und Teppichen, deren "Muster eigens für unsere Inszenierung entworfen und gedruckt" worden sind, an die Verschwendung von Steuergeldern, zumal auch Silke Willretts Kostüme so alltäglich waren, dass man sie hier eigentlich gar nicht erwähnen müsste, sondern man einmal mehr fordern muss, solche Alltagskleidung einfach in Warenhäusern einzukaufen und fünfstellige Gagen für Wichtigeres auszugeben). Und tatsächlich wirkt diese Produktion wie die siebzehnte Staffel der amerikanischen Serie, wenn wirklich alle Protagonisten Sex miteinander hatten, alle dunklen Geheimnisse gelüftet sind und man dem Zuschauer nur noch einen "würdigen" Abschluss mit viel Knallerei und Blut schuldig ist.

Foto kommt später Herodes (Wolfgang Schmidt) ist das Oberhaupt einer kranken, sexualisierten Familie - der in dieser Produktion weibliche Sklave (Alma Sadé) starrt auf den Apfel, den der Hausherr sich in den Schritt gelegt hat.

Es ist symptomatisch, dass man im Programmheft keine Inhaltsangabe des Werkes findet, sondern eine "Handlung", die das Gezeigte zusammenfasst und uns wissen lässt, dass Herodes seinen Geburtstag mit Freunden und Geschäftspartnern feiert (da macht die Sahnetorte auf dem Couchtisch Sinn), dass Salome, anstatt mit und ohne Schleier zu tanzen, in einem improvisierten Theaterstück die schauerliche Geschichte ihrer skrupellosen Familie enthüllt und in einem Rausch aus Lust und Gewalt mit der ganzen sie umgebenden Welt abrechnet, wenn sie die "Blickpositionen wechselt" und "vom Objekt zum betrachtenden und beschreibenden Subjekt" wird, wenn sie sich als Amokläuferin aus der Vorstadt entpuppt, wie wir sie immer häufiger in den Nachrichten präsentiert bekommen, und nach allen anderen den Stiefvater und sich selbst erschießt. Es ist ebenso symptomatisch für das Selbstbewusstsein des Produktionsteam, wenn es sich zur Aufwertung der Rolle des Sklaven äußert: "Strauss hat ihr nur einen Satz zu singen gegeben, aber offensichtlich wollte er auf diese winzige Partie nicht verzichten - und schuf damit dem Regisseur die Freiheit, sich ihrer anzunehmen". Und wenn Strauss die Partie nun doch nicht wichtig war, er aber einfach einen Sklaven (kein Dienstmädchen, an dem herumgefummelt wird und das Gewehre bedient) dabei haben wollte, weil das bei Tetrarchen nun einmal so ist?

Aber die Künstlerbiografie erinnert uns daran, dass die 1976 in Berlin geborene Tatjana Gürbaca zu den vielversprechendsten Regisseurinnen ihrer Generation gehört, waren ihre Arbeiten in den letzten Jahren doch an vielen großen Häusern zu sehen und hat sie doch zur Vorbereitung Meisterkurse bei Ruth Berghaus und Peter Konwitschny besucht. (Hätten die beiden Herodes auch direkt in den ersten Minuten mit dem Golfschläger unter Salomes Rock fahren lassen, um deren Verhältnis zu illustrieren?) Traumatisiert und sexualisiert sind eigentlich alle Bewohner dieses adretten Hauses (da darf Analverkehr unter den Anzugträgern nicht fehlen), von welchen Substanzen auch immer abhängig natürlich auch (Kokaingeschnupfe allerdings fehlt diesmal), korrumpierbar sowieso (sie nehmen alle gern die Scheine, die Salome ihnen zusteckt, damit sie weitgehend allein sein kann mit Jochanaan). Natürlich ist der ohnehin total zugestellte Raum voll mit technischem Gerät, Notebooks, Flachbild-TV, der allerdings dringend gebraucht wird, um das Ergebnis der Filmerei zeitnah überprüfen zu können, die unter anderem den von Herodes geschworenen Eid und manches Überflüssige mehr festhält. Auch vorher werden dauernd Fotos gemacht, gern auch mit Mobiltelefonen - wir verstehen, dass die hoch technisierte Jetztzeit gemeint ist, auch weil die Soldaten natürlich Securities in gut sitzenden Anzügen sind, während die Idee, die Juden und Nazarener als zänkische Geschäftspartner des Herodes darzustellen, wenig sinnvoll und letztlich auch sehr diskutabel ist (ihre Reaktion auf Herodes' Vorschlag, Salome den Vorhang vom Allerheiligsten zu schenken, wird vorsorglich gestrichen - was nicht passt, wird eben passend gemacht, um die geniale eigene Idee nicht zu korrumpieren). Völlig daneben geht auch die Szene der Nazarener: Alle Mitwirkenden führen in pinkem Licht eine Art Clubtanz auf, wenn über Jesus gesprochen wird - das ist keine Kritik an religiösen Utopien, das ist infantil und intellektuell unter der Gürtellinie wie so vieles an diesem Abend. Letztlich unklar bleibt auch, wer eigentlich dieser Mann ist, den man unter dem weißen Holzfußboden gefangen hält und der für das Team wenig glaubwürdig und musikalisch unattraktiv von Erlösung faselt, die längste Zeit übrigens offenbar aus dem Heizkörper auf der linken Bühnenseite. Ist er ein illegitimes enfant terrible, das man versteckt hält oder doch der einzige, der nicht zu diesem Clan gehört und daher eine Bedrohung darstellt?

Foto kommt später

Herodias (Renée Morloc) will nicht, dass Salome sich mit Herodes (Wolfgang Schmidt) betrinkt.

Ebenso wenig überzeugend wie die Personenzeichnung gelingt die Darstellung der Gewalt, die gegen Ende ihren traurigen Höhepunkt findet. Richtig eindringlich wirken (Selbst-)Morde auf dem Theater nicht, wenn man bis weit ins Parkett hinein sieht, wie der Darsteller Sekunden vor der Tat nervös nach dem Beutel mit Theaterblut fingert und dann kräftig draufdrückt, damit der gewünschte Effekt eintritt - auch das funktioniert in Film und Fernsehen einfach besser und wirkt professioneller, und so versteht man, dass stellenweise eher gelacht als geschluckt wird im Parkett, auch wenn Augen rausgeschnitten werden und mit ihnen herumgespielt wird. Mit einer gewissen Schadenfreue registrierte ich, dass ausgerechnet der Bühnenbildner beim Schlussvorhang im reichlich vergossenen Theaterblut auszurutschen drohte, dem die beklagenswerten Darsteller die ganze Zeit ausgesetzt waren, während man über eine Vorhangordnung zu sprechen offenbar nicht mehr genügend Zeit hatte.

"Nie zuvor ist das Flirrende und Dunstige einer schwülen Tropennacht so suggestiv in Tönen eingefangen worden, nie zuvor gab es eine Musik von derart überwältigender Sinnlichkeit wie in Salomes glutvoll sich verzehrendem Schlussgesang." heißt es plakativ auf der Homepage der Rheinoper - und fasst glänzend zusammen, was Gastdirigent Michael Boder, der immerhin Generalmusikdirektor am Liceu in Barcelona ist, der wundervollen Partitur schuldig blieb: Wuchtig, kompakt, kalt und das Bühnenpersonal erschlagend dröhnte das Werk ans Ohr, kein bisschen orientalisch, erotisch oder atmosphärisch, auch wenn die Duisburger Philharmoniker durchaus engagiert und konzentriert musizierten.

Foto kommt später Herodes (Wolfgang Schmidt) und Herodias (Renée Morloc) versuchen beide, Salome (Morenike Fadayomi) für die jeweils eigenen Interessen zu gewinnen.

Wolfgang Schmidt bringt seine ganze Erfahrung in die Gestaltung des Tetrarchen ein, und so freut man sich noch mehr über die vielen fein ziselierten textlichen Nuancen als über die gesanglichen Stärken des ehemaligen Heldentenors; szenisch indes wirkt der Künstler zwar bemüht, aber von der Regie doch auch ein wenig vernachlässigt. Stets ein Gewinn ist natürlich auch Renée Morloc als Herodias, wenngleich ihr die Tessitur der anderen großen Straussheroine (nämlich Klytämnestra) noch besser liegt und man bei den wenigen hohen Tönen nicht allzu genau sein darf. Leider wird auch sie ausgesprochen klischeehaft gezeichnet, so dass die Interpretin nicht recht zeigen kann, welche schauspielerischen Qualitäten sie doch hat.

Morenike Fadayomi ist eine bemerkenswerte, attraktive Darstellerin (und eine hinreißende Operettendiva), die durch bloße Anwesenheit Intensität zu schaffen weiß und so schnell zum Zentrum jeder Aufführung wird, sie hat auch leise, lyrische Töne, die gut geraten, aber es gibt auch jede Menge häßlich-spröden Sprechgesang und wildes Geschreie ohne jeden Glanz, ein quälendes Anbohren von Tönen und viele weitere Zeichen der Überforderung. Natürlich gibt es eine Besetzungstradition, die sich eher auf die Stimme einer Sechzehnjährigen konzentriert als auf die einer Isolde (man erinnert sich, dass Strauss eine Kombination aus beidem haben wollte), Tondokumente erinnern auch an Salomes mit eher lyrischem Hintergrund wie Maria Cebotari (die laut Karajan Strauss' Ideal in späteren Jahren gewesen sein soll), aber all diese Künstlerinnen hatten immer noch mehr Stimme und vor allem schönere Stimmen als Frau Fadayomi, die für mich trotz der szenischen Meriten in dieser Gesangspartie eine Enttäuschung bleibt. Man fragt sich auch, warum man eine Eröffnungsgala und eine Ballo-Wiederaufnahme (am kommenden Samstag) mit Stars dekoriert, in der zweiten Premiere der neuen Intendanz aber Solistinnen und Solisten in den Hauptpartien zu erleben sind, die ihre Rollen bereits in der alten Produktion des Stückes gesungen haben (was an sich natürlich legitim ist, wenn sie es gut tun).

Foto kommt später

Salome (Morenike Fadayomi) tötet im Blutrausch auch den Zweiten Soldaten (Timo Riihonen), der Erste Nazarener (Günes Gürle) muss tatenlos und entsetzt zuschauen.

Markus Marquardt war ein robuster Jochanaan ohne Fehl und mit großem Bemühen um Textverständlichkeit, aber man hat die strengen Worte des Propheten schon charismatischer, vor allem auch balsamischer gesungen gehört. Die betörenden Phrasen des Narraboth indes hört man selten so schön und so verständlich gesungen wie von Norbert Ernst, der ab der nächsten Saison fest an die Wiener Staatsoper engagiert ist und den man am Rhein vermissen wird. Für die junge Theresa Kronthaler kommt die Partie des Pagen zu früh, sie liegt ihr auch zu tief, und so ist sie in dieser Poduktion eher optisch ein Ereignis (und darf ein "Mensch, ärger dich nicht"-Spiel bedienen). Viele Jahre Rheinopern- und Rollenerfahrung brachten Johannes Preißinger (warum musste er so lispeln?), Michael Pflumm, Markus Müller, Manfred Fink und Benno Remling als Judenquintett mit, ein Gewinn waren auch Günes Gürle und Alexandru Ionitza als sehr engagierte Nazarener, Rolf Broman und vor allem Timo Riihonen als hier vielbeschäftigte Soldaten, der junge Lukasz Konieczny als Cappadocier und nicht zuletzt Alma Sadé als Dienstmädchen, das offenbar eine sehr zärtliche Beziehung zur Protagonistin hat und ihr bei der Mordorgie am Ende den Rücken freihält.


FAZIT

Ein enttäuschender, banaler Abend, auch für große Teile des Publikums übrigens, das diese Art von vermeintlich schockierendem, spätfeministischen Regietheater der Konwitschny-Schülerinnen leid ist. Und musikalisch wurde man nicht in dem Maße entschädigt, dass man sich durch Schließen der Augen einen doch noch ganz schönen Abend hätte einreden können.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Michael Boder

Inszenierung
Tatjana Gürbaca

Bühne und Licht
Klaus Grünberg

Kostüme
Silke Willrett

Dramaturgie
Anne do Paco



Die Düsseldorfer
Symphoniker


Solisten

Herodes
Wolfgang Schmidt

Herodias
Renée Morloc

Salome
Morenike Fadayomi

Jochanaan
Markus Marquardt

Narraboth
Norbert Ernst

Ein Page
Theresa Kronthaler

Erster Jude
Johannes Preißinger

Zweiter Jude
Michael Pflumm

Dritter Jude
Markus Müller

Vierter Jude
Manfred Fink

Fünfter Jude
Benno Remling

Erster Nazarener
Günes Gürle

Zweiter Nazarener
Alexandru Ionitza

Ein Cappadocier
Lukasz Konieczny

Ein Sklave
Alma Sadé



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Rheinoper
(Homepage)



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