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Lohengrin, übernehmen Sie!
Von Dr. Joachim Lange
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Fotos von Claudia Heysel
Menschen gestalten Zukunft bewegen prangt in großen Lettern über dem gewaltigen Bühnenportal des Dessauer Opernhauses. Im Laufe des Abends wird einem diese griffige human coaching-Losung immer klarer und immer unheimlicher. Die neue Chefregisseurin des Anhaltischen Theaters Dessau, Andrea Moses, macht in ihrer Einstandsinszenierung nämlich aus Wagners Lohengrin vor allem eine packende Studie über die Manipulierbarkeit der Massen und über die Undurchschaubarkeit von Machtstrukturen. Sie zeigt, wie Menschen, die dagegen kämpfen, nicht mehr funktionieren oder auf der Strecke bleiben, aussortiert oder ersetzt werden. Das war nach den fast zwei Jahrzehnten, in denen Walter Felsensteins Sohn Johannes hier das (Theater erhaltende) Intendanten-Zepter führte, als Regisseur aber demonstrativ eine eher konservative Opernästhetik pflegte, für einen Teil des Publikums ziemlich neu - und zu viel. Dabei haben Andrea Moses und ihr Ausstatter Christian Wiehle Wagners Schwanenritteroper zwar das historisch Märchenhafte verweigert, aber nicht das geheimnisvoll Spannende eines Kampfes um die Macht und die Frage, ob die Freiheit Brabants an der ungarischen Grenze verteidigt werden muss. Dass bei dieser Regisseurin (nach ihrem atemberaubend gegenwärtigen Nahost-Strauss Doppel mit Salome und Elektra in Meiningen und ihrer nicht minder packenden US-Fernsehshow Turandot in Weimar) Lohengrin vom Märchen zum Gegenwartsstück werden würde, war nicht anders zu erwarten. Am Ende marschieren sie denn auch alle im Gleichschritt unter wehenden Fahnen im wahrsten Wortsinn rückwärts in den Krieg. Nur Elsa entkommt dem triumphierenden Wahnsinn über den Zuschauerraum.
Ortrud und Telramund Widerstand gegen die um sich greifenden Massenhysterie hat es schwer
Wo Peter Konwischtny in Hamburg eine Geschichts- und Deutschstunde aus Lohengrin machte, Katharina Wagner in Budapest in ihrem Wende" Version den 89er-Bruch verarbeitet und der junge Regisseur Florian Lutz in Gera-Altenburg die Nachwende-Zeit im Osten Deutschlands thematisiert hat, da verlängert Moses dieses Lohengrin-Potential sozusagen in die drohende Zukunft einer durchmanipulierten, von nicht legitimierten Mächten gelenkten Gesellschaft. Ohne auf eine allzu direkte politische Metaphorik auszuweichen. Das bleibt mit Du bist Brabant" über dem Traualtar und einem eher ironischen Vertrauen in Deutschland" über dem Brautgemach-Bungalow mit seinem ebenso ironischen Wolke-Sieben-Video und etwas Bühnennebel eher in der Andeutung. Zu Beginn sieht man in einer Art Auditorium, das Hörsaal oder auch Parlament sein könnte, die Brabanter noch als ziemlich individuelle und offensichtlich in verschiedene Lager differenzierte Zeitgenossen. Im gläsernen Stehpult erinnert ein Bonsai-Bäumchen an die Gerichtseiche, Degen, Helm und Horn sind wie Reliquien der Überlieferung in Vitrinen verbannt. Manche lesen Zeitung, einige stricken, andere reden miteinander und ein paar smarte Herren verstecken sich hinter ihren Sonnenbrillen und schreiben auf ihren Laptops das mit, was hier so geredet wird. In der Mitte hängt der Bildschirm für die Medienbilder, die bleiben und wirken sollen.
Du bist Brabant auch so eine Hochzeit des Jahres
(König, Elsa, Lohengrin, Heerrufer)
Und auch als der König und sein Heerrufer eintreffen und mit Friedrichs Anklage gegen Elsa der Kampf um die Macht beginnt, ist das Pro und Kontra, die offene Parteinahme für oder gegen Telramund und Ortrud noch deutlich wahrnehmbar. Doch der zum Krieg rüstende Heinrich und sein Heerrufer verlassen sich nicht auf die bedingungslose Gefolgschaft der Brabanter oder strategische Argumente. Sie haben einen Plan und der heißt Lohengrin. Der Superheld, der Strahlemann mit Charisma, der hochgepuschte Messias. Er wird mit einem medialen Brimborium von Obama'scher Perfektion denn auch installiert. Da greift der König selbst zum Handy und setzt seinen backstage wartenden Kandidaten punktgenau in Marsch. Auf der Leinwand kann man seinen Weg in die Arena mit verfolgen bis er plötzlich genau vor dem Rednerpult aus der Versenkung auftaucht. Mit Schwanen-Auftritts-Video, Schaukampf und einer ganzen Truppe von ideologischen Hostessen, die neue Bibeln mit einem ziemlich aggressiven Schwanenlogo in der Geschenktüte endet das ganze in einer eine Art von fingierter Kandidatenkür mit Luftballons und Konfettiregen aus dem Schnürboden. Der Heerrufer ist in diesem abgekarteten Spiel dafür verantwortlich, dass Elsa, die sich hier tatsächlich so seltsam bewegt, wie sie redet, nicht aus der ihr zugedachten Rolle fällt. Als Telramund sie in aller Öffentlichkeit auffordert, das Frageverbot zu brechen, reicht ihr der Heerrufer schon mal auf seinem Minidisplay den Text mit ihren Argumenten. Bis eben auch Elsa im Brautgemacht nicht mehr funktioniert. Hier lässt Telramund schließlich Lohengrin auch auffliegen. Er hat einen Mitschnitt, auf dem man sieht, wie der Held für seinen Auftrag Brabant abkassiert
Von wegen allein das Brautgemach auf Wolke sieben
Diese enthüllende Sichtweise ist konsequent durchgehalten und läuft im szenischen Detail mit einer bis zum letzten Choristen durchgestalteten Personenregie als spannender Thriller ab. Dass es dann Lohengrin ist, der dem König und dem Heerrufer eine Telefonnummer zusteckt, über die sie den Ersatz-Jungen (noch ziemlich unfertig und mit Maske) aus dem Schnürboden einschweben lassen können, ist mit Blick auf das Wissen Lohengrins über Gottfrieds Verbleib zwar einleuchtend, wäre aber in der Logik der erzählten Geschichte auch als Plan B der beiden Strippenzieher denkbar gewesen. Allerdings sind Lohengrin (neben Ortrud) bzw. dessen Zentrale auch die einzigen, der Gottfrieds Schicksal kennen. All das erfährt man in der hier mitgelieferte, äußerst selten zu hörende zweite Strophe der Gralserzählung, die über Gottfrieds Schicksal aufklärt.
Dafür hat der junge neuseeländische Tenor Andrew Sritheran dann auch noch genügend Kraft. Die kleinen Angestrengtheiten lagen zum Glück vor dem In fernem Land Auch sonst kann Dessau (das ja ein Theater mit großer Wagnervergangenheit und nie ganz abgerissener Gegenwart ist) ein Ensemble von Sängerdarstellern aufbieten, das sich hören und sehen lassen kann. Es ist imponierend mit welcher darstellerischen Intensität und stimmlichen Wucht Iordanka Derilova eine mit allen Mittel kämpfende Power-Ortrud liefert und Ulf Paulsen als Telramund auch in seiner Niederlage souverän der Mann an der Seite seiner strategisch denkenden Frau ist. Bettine Kampp ergänzt ihre wunderbar klare Elsa um eine Studie einer stets manipulierten Frau, die sich erst am Ende aus dem Alptraum dieses Lebens befreien kann. Pavel Shmulevich macht aus dem König mit nobler Wucht einen modernen Manager der Macht, und der junge Wiard Witholt ist seiner Rolle als Sprecher und Coach Elsas in jeder Hinsicht gewachsen! Die Spielfreude auch des aufgestockten Chores war allenthalben spürbar.
Alles in allem überzeugte auch die Anhaltische Philharmonie unter ihrem neuen Chef Antony Hermus. Obwohl das beim Vorspiel noch nicht so klar war, etliche Patzer dazwischenfunkten und Hermus aus dem Hochzeitsmarsch zum Beginn des dritten Aufzug einen Geschwindmarsch machte, der (vielleicht ja bewusst) mehr einer Parodie dieses Ohrwurms glich. Doch im Ganzen fand das Orchester überzeugend zu seinen Qualitäten, lieferte im dramatischen Auftrumpfen der Massenszenen das martialisch Enthüllende ebenso mit, wie dann doch noch die betörenden Gralsklänge.
Mit diesem Lohengrin ist Dessau ein ausgesprochen spannender und lohnender Neustart gelungen, der auch musikalisch die Stärken dieses Hauses belegt. Ihre Meinung ? Schreiben Sie uns einen Leserbrief |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Ausstattung
Video
Choreinstudierung
Kinderchor
Dramaturgie
Solisten
Heinrich der Vogler
Lohengrin
Elsa von Brabant
Friedrich von Telramund
Ortrud, seine Gemahlin
Der Heerrufer
Vier brabantische Edle
Vier Edelknaben
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