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Die lustige Witwe

Operette in drei Akten
(teilweise nach einer fremden Grundidee)
von Victor Léon und Leo Stein
Musik von Franz Lehár


Aufführungsdauer: ca. 2h 50' (eine Pause)

Premiere am 4. Dezember 2009 im Opernhaus Düsseldorf


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Rheinoper
(Homepage)
Die unlustige Witwe

Von Thomas Tillmann

Nein, was hatte es nicht für einen Medienhype gegeben im Vorfeld der Premiere von Lehárs Die lustige Witwe, Plakate überall mit den "Witwenmachern" Harald Schmidt und Christian Brey vor dem Silberfädenvorhang (der einer der wenigen Glanzpunkte des Abends sein sollte, wie sich bald herausstellte, sieht man vom Konfettiregen ab, der den Zuschauern am Ende spendiert wurde), wie viel Düsseldorfer Lokalprominenz und Boulevardgrößen hatten sich in der Rheinoper eingefunden, um dem Jahrhundertereignis beizuwohnen: Der Doyen der deutschen Late Night Shows inszeniert zum ersten Mal Operette, und da hatte auch die Presseabteilung noch schnell Plakate und Programmhefteinleger herstellen lassen, um auf den sensationellen Umstand hinzuweisen, dass die Aktuelle Stunde des WDR live berichten würde. Schmidt selber hatte unzählige Interviews gegeben und gleich etwas zurückgerudert, wollte das Inszenieren lieber Christian Brey überlassen, mit dem er in Stuttgart auch schon Der Prinz von Dänemark und Elvis lebt. Und Schmidt kann es beweisen gemacht hat, und eher als eine Art Producer oder Faktotum die Produktion begleiten.

Wie so häufig herrscht kein Mangel an klugen Statements auf geduldigem Programmheftpapier: Christian Brey beschwört den "Reiz, den komödiantischen Witz ... herauszuarbeiten und andererseits tolle Bilder herzustellen für die tolle Musik, so dass am Ende pure Unterhaltung dabei herauskommt", und weiß, dass es darauf ankommt, "dass der Gag funktioniert. Das ist reines Handwerk, und wenn man das nicht beherrscht, bleibt nichts anderes übrig als ein Gag, der nicht funktioniert. Das entscheidet die Wirkung der Kömodie: entweder sie ist lustig oder nicht" - an purer Unterhaltung aber und funktionierenden Gags mangelte es seiner Inszenierung allenthalben. Harald Schmidt selber möchte den "Eskapismus" unserer Zeit "bedienen, dem Publikum ... ermöglichen abzuschalten und sich weg tragen zu lassen von der Musik und den Bildern" und es "zur Sentimentalität ermutigen" (und zerstört die Stimmung des Viljaliedes, wenn er seine Hauptdarstellerin nach dem letzten Ton auf dem Mond-Ballon ausrutschen lässt, und widerspricht der kühlen Ästhetik des Bühnenbildes nicht) und sieht ausdrücklich die Gefahr, "eine Operettenproduktion zu 'versemmeln'" - was hier leider passiert ist. Von wegen "die Produktion konsequent Richtung 'Ausverkauft' steuern", wie er es in der Rheinischen Post vielleicht ein bisschen ironisch vollmundig angekündigt hatte!

Der spektakulärste Regieinfall war noch, die Witwe vom Bühnenhimmel aus einer kleid- oder glockenförmigen Gondel herunterzulassen und sie beim Entrée von den ihre Witzchen übertrieben belachenden Herren mit Trippelschritten verfolgen zu lassen. Auch dass Danilo das berühmte Maxim-Couplet vor dem Refrain unterbrechen muss, um das Zuviel an Champagner im Off gut hörbar zu entsorgen, fanden einige Premierenbesucher rasend komisch - der Rezensent nicht, der sich auch durch die ironisch umgedeuteten Folkloreelemente in der Tanzszene zu Beginn des zweiten Aktes nicht so gut unterhalten fühlte wie manch anderer, vielleicht auch weil die Ausführung so glänzend nicht war. Wirklich einfallslos war auch die Choreografie des Weibermarsches (zuständig: Stefan Stewart), bei dem die alte Riege der Rheinopernstars zum Einsatz kam und Markus Müller auch noch die Hose fallen lassen muss - alles kein Grund für zwei (sicher aufwändig geprobte, vom Publikum aber nicht wirklich ersehnte) Reprisen der Nummer, bei deren letzter Njegus zu langsam ein Spruchband mit dem Text präsentiert, Ballettgirls eine Art Clubtanz anzetteln und Chorherren sich im Parkett einfinden, um die gar nicht so großartige Stimmung anzuheizen.

Unerträglich dann die von WDR4-Jingles unterbrochenen, über die Hauslautsprecher verbreiteten Kalauer und Witzchen von Harald Schmidt, die bei geschlossenem Vorhang eingeschoben wurden, damit höhenverstellbare Discokugeln und überdimensionierte Cocktailgläser auf die Bühne geschafft werden konnten, in denen sich die Damen des Balletts und später Njegus unnötigerweise zu räkeln hatten (eine ähnliche Idee hat man übrigens vor nicht allzu langer Zeit bereits in Wuppertal bei einer Produktion des Musicals Sugar gesehen).

Was aber schlimmer wiegt als die mageren Einzelideen: Die Figuren bleiben entsetzlich zweidimensional und entwickeln sich nicht, kaum jemand vermag wirklich die Dialoge zu sprechen, die halbherzig mit tagespolitischen Pointen (?) und viel "Scheiße" und "Arschloch" ins Umgangssprachliche verlegt wurden und sich trotz Kürzungen zäh und auswendig gelernt dahinschleppten, kaum jemand besitzt soviel Bühnenpräsenz, dass er oder sie die Defizite einer offenbar nicht vorhandenen Regie durch Persönlichkeit wirklich ausgleichen könnte. Und so wird viel herumgestanden, und nur in einzelnen Momenten erkennt man so etwas wie eine Personenführung, etwa bei dem sehr durchchoreografierten gesummten Lippen-Walzer. Das ist einfach zu wenig für einen fast drei Stunden sich hinziehenden Abend, der auch optisch wenig zu bieten hat: Häufig ist die große, nur mit zahllosen (nicht durchgängig akkurat beklebten) Spiegeldrehelementen bestückte Bühne von Anette Hachmann und Elisa Limberg einfach nur leer (das Team wollte "keinen alten Operettenkitsch", sondern spricht von einer "musicalartigen Ausstattung" - und hat offenbar lange keine richtige gesehen!), die Beleuchtung ist keineswegs so raffiniert, dass sie für Ausgleich sorgen könnte, ebensowenig wie Bühnennebel, der permanente Einsatz der Drehbühne und der phänomenale Einfall, nur echte und wie überdimensionale Ballons wirkende Requisiten zuzulassen, ein Einfall, der sich nach kürzester Zeit mehr als abgenutzt hatte.

Wenig Freude machten zudem die Kostüme von Petra Bongart, die kaum netter anzusehen waren als die 100-Euro-Kleider, die man im Moment in niedrigpreisigen Warenhäusern angeboten bekommt, Kostüme dazu, die häufig nicht gut saßen, farblich nicht zueinander oder zu Ausstattungsdetails passten (der viel gesuchte Fächer etwa passte zu keinem einzigen von den Damen getragenen Kleidern, das Zitronengelb des zweiten Glawari-Outfits biss sich geradezu mit dem Gold des Mondballons, vor dem sie das Viljalied zu singen hatte), zum Teil geschmacklos mit Boas überfrachtet und nach der Pause auch noch kurz waren - kein einziges Kleid hätte meine enttäuschte Sitznachbarin mit nach Hause nehmen mögen, wie sie mir anvertraute, und Recht hat sie.

Es kann nicht oft genug wiederholt werden, dass Morenike Fadayomi auf der Bühne hervorragend aussieht, was bei einer Operettendiva keineswegs eine quantité négligeable ist. Es war die Rolle der Hanna Glawari, in der ich sie in der deutlich überlegenen Vorgängerinszenierung bei einer der letzten Wiederaufnahmen zum ersten Mal erlebt und bewundert habe. Die vielen Einsätze im viel zu schweren Fach etwa als Aida, Lady Macbeth (von Verdi und Schostakowitsch), Wally, Emila Marty und kürzlich als problematische Salome fordern nun aber ihren Tribut, die Stimme klingt schwerfällig, das Vibrato ist ausladend und ebenso störend wie das Anbohren von Tönen, das man selbst in die Jahre gekommenen Hochdramatischen nach Hunderten von Isolden und Brünnhilden nur schwer nachsehen würde. Eher als mit den scheppernd-lauten Tönen in den Ensembleszenen konnte ich mit dem Säuselpiano an anderen Stellen leben. Dagegen fand ich diesmal auch die schauspielerische Leistung nicht überzeugend, sondern vordergründig-plakativ, was sicher nicht ihr allein anzulasten ist.

An ihrer Seite gefiel Will Hartmann als Danilo, der nicht nur eine sympathische Ausstrahlung mitbrachte, sondern einen metallisch grundierten Tenor, der über alle vorgesehenen Töne verfügt (es ist erstaunlich, wie viele Punktierungen Erich Kunz in der Schwarzkopf-Referenzaufnahme vornehmen darf, über Michael Heltaus desaströsen Danilo-Versuch sei wegen sonstiger Meriten der gnädige Mantel des Schweigens gehängt), über ein sensibles, tragfähiges Piano und die Fähigkeit, den ihm anvertrauten Text nicht nur glänzend auszusprechen, sondern auch wirklich zum Leben zu erwecken, besonders natürlich in der Erzählung im zweiten Finale.

Anett Fritsch ist 23 Jahre alt und ein Talent, ließ der Hausherr die Besucher der Premierenfeier wissen. Man stimmt ihm natürlich zu, die junge Sängerin ist hübsch anzusehen und hat eine sehr angenehme, nicht zu kleine, "unsoubrettige" Stimme, ist aber darstellerisch noch so unbeholfen und gerade im Grisettenchanson, das ohnehin zum Einschlafen choreografiert war, vokal wie tänzerisch derart überfordert und hölzern, dass man sich fragt, ob nicht eine der erfahrenen Kolleginnen wie Romana Noack oder Anke Krabbe die Premiere hätten übernehmen können und die jüngere in einer "sicheren" Sonntagsnachmittagsabovorstellung ihr Glück hätte versuchen und Erfahrungen hätte sammeln können.

Peter Nikolaus Kante, den ich ebenfalls schon in der alten Produktion erlebt habe, mag bei seinem allerersten Auftritt an diesem Abend ziemlich gepoltert und mit der Intonation gekämpft haben, war aber mit seiner charaktervollen Stimme und ehrlichem Spiel einer der Sympathieträger. Keine schlechte (aber auch keine besonders geistreiche oder zwingende) Idee war es, den starken amerikanischen Akzent von Eric Fennell als Rosillon noch zu betonen, der so weniger störte als seine dünne, enge, farb- und körperlose Tenorino-Stimme (mit Schrecken liest man, welche Opernpartien des italienischen und französischen Repertoires er bereits übernommen hat). Warum war da nicht Ensemblemitglied Jussi Myllys besetzt, was ja auch noch Kosten gespart hätte? Bemüht und zurückhaltend klamaukig gab sich Lutz Salzmann als Njegus, aber auch da hat man Darsteller mit mehr Format erlebt (und fragte sich, ob Schmidt nicht hier die bessere Wahl gewesen wäre, denn selbst Pointen servieren, das kann er ja).

Routiniert-Flottes tönte unter der Leitung des neuen GMD Axel Kober aus dem Graben, auch viele solistische Highlights (wie etwa das Geigensolo bei "Geigen erklingen" im ersten Finale von Egor Grechishnikov) und Feinheiten wie das sensible Piano in der zweiten Strophe des Viljaliedes und die schillernden Begleitfiguren, die weit entfernt waren vom Einheits-"hm ta ta", das einem mitunter ans Ohr dringt. Ein wirkliches Gegengewicht gegen die zähe Kost auf der Bühne konnte das Spiel der Symphoniker indes nicht sein.


FAZIT

Eine unlustige, zähe Witwe also wird da nun ihren Weg ins Repertoire finden und dort vermutlich noch weiter an Qualität verlieren. Den von Harald Schmidt erhofften Operettenboom wird diese Neuproduktion, die auch die Mehrheit des Publikums ablehnte, kaum auslösen, die Ankündigung, Wagner inszenieren zu wollen, bleibt hoffentlich ein ironisch gemeinter Publicitygag des Fernsehstars.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Axel Kober

Inszenierung
Christian Brey
Harald Schmidt

Choreografie
Stefan Stewart

Bühne
Anette Hachmann
Elisa Limberg

Kostüme
Petra Bongart

Licht
Volker Weinhart

Chor
Christoph Kurig

Dramaturgie
Hella Bartnig



Corps de Ballet, Chor
und Statisterie der
Deutschen Oper am Rhein

Die Düsseldorfer
Symphoniker


Solisten

Baron Mirko Zeta
Peter Nikolaus Kante

Valencienne,
seine Frau
Anett Fritsch

Graf Danilo Danilowitsch
Will Hartmann

Hanna Glawari
Morenike Fadayomi

Camille de Rosillon
Eric Fennell

Vicomte Cascada
Marco Vassalli

Raoul de St. Brioche
Markus Müller

Bogdanowitsch
Lucasz Konieczny

Sylviane,
seine Frau
Lisa Griffith

Kromow
Wilhelm Richter

Olga,
seine Frau
Nassrin Azarmi

Pritschitsch
Manfred Fink

Praskowia
Cornelia Berger

Njegus
Lutz Salzmann



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Rheinoper
(Homepage)



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