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Zersplitterungen
Von Stefan Schmöe
Der Abend beginnt sportlich: Tänzer in knielangen Shorts und Tänzerinnen in knappen Höschen lassen Muskeln spielen, erinnern an Sport und Akrobatik aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Dann wieder agieren sie wie Marionetten mit erschlafften Gliedmaßen, scheinen an unsichtbaren Fäden gehalten zu sein. Meisterhaft ist einmal mehr die Kunst des souveränen Übergangs zwischen verschiedenen Stilelementen. Dazu spielt (leider nur vom Band, allerdings in exzellenter Tonqualität) ein einsames Sopransaxophon die Tre pezzi von Giacinto Scelsi, eine verinnerlichte, den Klängen nachhörende Musik. Drei kurze Nummern, dann erfolgt auf der leeren Bühne ein Bruch (obwohl wir immer noch im gleichen Stück sind): 15 Walzer von Franz Schubert, arrangiert für Violine und Gitarre, choreographiert für Yuko Kato und Jörg Weinöhl, das eigentümlichste, wohl auch charismatischste Paar des Ballett am Rhein. Die Geschichte eines Paars en miniature, von leichter Melancholie umgeben und von Martin Schläpfer mit feinem Humor choreographiert. Es bleibt eine rätselhafte Spannung zwischen den beiden Teilen der Choreographie. Irreversibel so der Titel des zweiten Stücks, Uraufführung einer Choreographie der 1966 in Buenos Aires geborenen Teresa Rotemberg, die in Zürich eine eigene Compagnie (Company MAFALDA) leitet. Irreversibel nennt man in der Physik Prozesse, die nicht mehr umkehrbar sind, die in der Regel von einem geordneten in einen ungeordneten Zustand übergehen. Zu Musik von John Cage (Sonatas für präpariertes Klavier) und Herbert Henck (Aus den Festeburger Fantasien für präpariertes Klavier) sieht man zunächst Tänzerinnen und Tänzer in die Boxen eines riesigen Setzkastens eingesperrt, in denen sie Bewegungen auf engstem Raum ausführen. Später verlassen sie unwiderruflich den Kasten, formieren sich zu Gruppen. Die hautfarbenen Kostüme (vereinzelt sind grellrote Stofffetzen aufgenäht) verleihen ihren Trägern ein androgynes Aussehen. Es bilden sich starke Bilder heraus, vielleicht die einprägsamsten des ganzen Abends. Was diesen irreversiblen Prozess antreiben könnte und warum er unumkehrbar ist -, bleibt ungewiss. Da fehlt der aparten Choreographie letztlich das Unbedingte, künstlerisch Zwingende. Schläpfer schließt noch vor der Pause die Klammer mit einem weiteren eigenen Ballet, nämlich Ramifications zum gleichnamigen Stück für Streicher von György Ligeti eine mikrotonal tastende, sich fast statisch entwickelnde Musik. Die großartige Marlúcia do Amaral scheint gegen das Unbestimmte der Musik antanzen zu wollen, oft auf Spitze, ein Wechselspiel von Form und Verschwimmen eine hoch konzentrierte Viertelstunde Tanz. Für einen kompletten Ballettabend wäre dieser Dreischritt aus Pezzi und Tänze, Irreversibel und Ramifications mit zusammen rund 75 Minuten etwas kurz, daher folgt nach der Pause eine weitere Dreiviertelstunde Schläpfer inhaltlich ist das allerdings etwas viel, zumal die Musik von Paul Pavey (der live zu einer vorab von ihm selbst aufgenommenen Tonspur spielt und gelegentlich singt) ähnlich wie die von Ligeti und Scelsi kleinteilig verästelt kleinsten Intervallen nachhört: Das erfordert auch vom Publikum höchste Konzentration, bleibt aber in dieser Zusammenstellung nicht ohne Ermüdungseffekt. Vielleicht wäre es eine bessere Idee gewesen, 3 (so der rätselhaft knappe Name des Stücks) in anderen Zusammenhang zu setzen. Spielten die Werke zuvor auf leerer Bühne (sieht man von dem Setzkasten aus Irreversibel ab, der mehr Requisit als Bühnenbild ist), so gestaltet Thomas Ziegler hier einen Raum, der mit einem riesigen Spiegel an einen Ballettsaal, mit einem ebenso großen Blumenstilleben (an die Wand gelehnt) wie ein Museum oder das Magazin eines Museums aussieht, vielleicht ein Atelier sein könnte, kein realer Raum, aber immerhin ein Hintergrund, der die Tänzer umgibt auch wenn sie ihn im Wesentlichen ignorieren, ja diesem Raum enthoben scheinen. Schläpfer choreographiert viele kleine Fragmente, die unvermittelt im plötzlich verlöschenden Licht enden (während die Musik weiterspielt) Bruchstücke statt Kontinuität. Es wird auch hier viel auf Spitze getanzt, die Spitzenschuhe andererseits geradezu in den Boden gehämmert, als solle das Formenrepertoire des neoklassischen Balletts mit Gewalt etabliert werden, was durch die Geste selbst sofort parodiert wird. Die Tänzer wirken entmenschlicht, fast abstrakt, wie Träger einer tänzerische Geste, die den Menschen dahinter ersetzt. Trotz der 10 Tänzerinnen und 9 Tänzer ist 3 kein Ensemblestück, eher agieren die Tänzer aneinander vorbei, auch darin fragmentarisch aus der Gruppe gelöst. Die Schönheit des Tanzes kann die Brüche nicht kitten. So endet der Abend resignativ und düster. Erschöpfter Applaus.
Vier eindrucksvolle, aber eben auch sehr anspruchsvolle Choreographien sind etwas viel für einen Abend. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
ProduktionsteamPezzi und Tänze
Choreographie
Kostüme
Ballettmeister
Licht Tänzerinnen und TänzerPezzo 1 Pezzo 2 Pezzo 3 Tänze Irreversibel
Choreographie
Bühne und Kostüme
Licht
Ballettmeister Tänzerinnen und TänzerCamille AndriotDoris Becker Mariana Dias Carolina Francisco Sorg Ainara García Navarro Carrie Johnson Carly Morgan Daniela Svoboda Louisa Rachedi Florent Cheymol Helge Freiberg Antoine Jully Sonny Locsin Bogdan Nicula Sascha Pieper Martin Schirbel Alexandre Simões Remus Sucheana Pontus Sundset Maksat Sydykov Ramifications
Choreographie
Kostüm
Licht
Ballettmeister Tänzerinnen und TänzerMarlúcia do Amaral3
Choreographie
Bühne
Kostüme
Licht
Ballettmeister
Gesang, Cello und Electronics Tänzerinnen und TänzerSachika AbeMarlúcia do Amaral Camille Andriot Mariana Dias Géraldine Dunkel Carolina Francisco Sorg Yuko Kato Anne Marchand Nicole Morel Julie Thirault Callum Hastie Antoine Jully Bogdan Nicula Ordep Rodriguez Chacon Alexandre Simões Remus Sucheana Pontus Sundset Maksat Sydykov Jörg Weinöhl
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