|
Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
|
|
|
|
Grenzüberschreitungen
Von Stefan Schmöe
Neither: Das Stück nennt sich ganz klassisch Oper in einem Akt, ist aber viel mehr eine Anti-Oper. Keine Handlung, nicht einmal ein in der Vertonung verständliches Libretto (das nämlich in einzelne Laute aufgelöst wird), und selbst der dem Ganzen zugrunde liegende kurze Text von Samuel Beckett deutet auf den Gebrauch als konventionelle Oper hin. Nun deutet schon der Titel Neither - weder (ohne das nachfolgende noch) an, dass es hier etwas verquer zugeht. Ein Fall also für Theatermacher, die andere Zugänge suchen als die klassische Erzähloper. Trotzdem erscheint es wunderlich, dass innerhalb kurzer Zeit gleich zweimal in der Rhein-Ruhr-Region sich Choreografen dem Werk tänzerisch nähern - erst in Gelsenkirchen von Annett Göhre (unsere Rezension), jetzt Martin Schläpfer im Düsseldorf-Duisburger Ballett am Rhein. Denn die verwobene, oft kammermusikalisch feine Musik mit Anklängen an die minimal music hat so gar nichts Tänzerisches. Annett Göhres Versuch war nicht zuletzt deshalb reichlich Unbestimmten gestrandet. Martin Schläpfer kann am Rhein natürlich mit ganz anderen Mitteln arbeiten; 45 Tänzerinnen und Tänzer listet das Programmheft auf, dazu kommt eine Rauminstallation von rosalie, die es sich erlauben kann, als Beleuchtung einer Bühnen beherrschenden Plastik aus verdrehten Quadraten eine komplexe Videoinstallation zu verwenden: Architektonische Landschaften, so hilft das Programmheft weiter, die man aber nicht mehr erkennen kann. Ähnlich wie Feldmans Musik klingt, als sei sie aus Bruchstücken einer verschwundenen Partitur entstanden, arbeitet rosalie hier mit nicht greifbaren Elementen, deren Existenz man mehr ahnt als kennt, die in Abstraktion fast völlig aufgelöst sind, in denen aber noch etwas von ihrer Herkunft mitschwingt. Ein metallisch blaues Licht beherrscht die Bühne (graublau sind auch die leichten Kleider, Hemden und Hosen der Tänzerinnen und Tänzer), das wiederum mit Feldmans silbrigen Klangfarben korrespondiert. Aber auch das wäre nutzlos, würde Martin Schläpfer nicht virtuos die Bühne füllen können. Alles ist hier in sanftem Fluss, nahtlos wachsen aus großen Ensembleszenen kleine Gruppen oder Paare heraus und umgekehrt. Nichts ist greifbar, und doch scheint alles einer strengen Regel unterworfen zu sein: So bekommt das Unbestimmte auf grandiose Art künstlerische Form. Neither wird zum Werk kleinster Nuancen und Übergänge und erzählt gleichzeitig viel von der Verletzbarkeit der Tanzenden. Sopranistin Alexandra Lubchansky fügt sich mit klar konturiertem, in jeder Phase sehr souverän geführtem Sopran im Orchestergraben perfekt in das Spiel der sehr guten Düsseldorfer Symphoniker ein, Dante Anzolini am Dirigentenpult ist ein umsichtiger Leiter. Vorangestellt sind diesem Hauptwerk des Abends, dessen Choreographie hier seine Uraufführung erlebt, zwei recht kurze ältere Werke mit denen Schläpfer seinem Programm folgt, eigene Arbeiten mit Werken des Repertoires zu kontrastieren. Der rote Faden, der thematisch locker, aber dennoch wirkungsvoll den Abend zusammen hält, könnte man mit Grenzüberschreitungen bezeichnen. Bewegt sich Neither virtuos auf der Abbruchkante des tänzerisch Machbaren hin zum Stadium der Auflösung, so ist Twyla Tharps Baker's Dozen eine sehr viel handfestere Studie über die Verschmelzung von klassischem Ballett und Gesellschaftstanz. Auf Klavierstücke von Willie The Lion Smith (1897 1973), einem Vertreter des Harlem Stride in der Ragtime-Nachfolge, integrieren sechs Paare den Twist und Ähnliches in die hohe Ballettkunst, und das auf sehr witzige Weise. In dem 1979 entstandenen, etwa 20-minütigen Stück verschmelzen die verschiedenen Stile mit großer Selbstverständlichkeit ineinander. Das ist mit leichter Hand, aber großer Genauigkeit choreographiert und hier auch perfekt getanzt. A Baker's Dozen, also ein Bäckerdutzend (nämlich 13 statt 12) lässt sich hier verstehen als ein Sprachbild für Großzügigkeit, mit dem die Stilgrenzen im Handstreich weggewischt werden. In der Mitte des Abends steht ein gerade einmal fünfminütiger Klassiker des Tanzes: Pavane auf den Tod einer Infantin von Kurt Jooss aus dem Jahr 1929. Auf ein Klavierstück Maurice Ravels hin tanzen fünf Damen und drei Herren des spanischen Renaissancehofes eine strenge Pavane, der sich die Infantin zu entziehen versucht: Ein Ringen zwischen Strenge und Freiheit, das mit dem Tod der Infantin endet und immer noch von großer Faszination ist leider an diesem Abend zwar ordentlich, aber doch schwächer getanzt als die beiden anderen Werke. Carolina Francisco Sorg als Infantin fehlt es ein wenig an unbekümmerter Leichtigkeit, um es mit dem gravitätischen Hofstaat aufzunehmen. Cécile Tallec am Klavier ist eine zuverlässige Begleiterin, in der Interpretation etwas zu pauschal den Mittelweg suchend: Für die swingende Musik zu Baker's Dozen könnten die Ecken und Kanten noch pointierter sein, Ravels Pavane pour une infante défunte dürfte noch entrückter klingen.
Wieder ein ganz starker Abend für das Ballett am Rhein, das sich in großer Tanztradition positioniert und mit Neither auf geniale Weise in Grenzbereiche vorstößt. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
ProduktionsteamBaker's Dozen
Choreographie
Kostüme
Einstudierung
Licht
Klavier Tänzerinnen und TänzerAnn-Kathrin AdamMariana Dias Christina Garcia Fonseca Ainara Garcia Navarro So-Yeon Kim Nicole Morel Florent Cheymol Helge Freiberg Sonny Locsin Bruno Narnhammer Bogdan Nicula Alexandre Simões Pavane auf den
|
© 2010 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de