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Budapest-Wiener Jugendstil
Von Stefan Schmöe /
Fotos von Vera Éder Der Ort der Handlung könne, das stehe ganz außer Zweifel, nur Wien sein, betont Regisseur Andrejs agars im Programmheft zum neuen Budapester Rosenkavalier, und trifft damit einen für Regisseure nicht ganz unproblematischen Punkt: Tatsächlich lebt das Stück vom Lokalkolorit, und zwar nicht zuletzt deshalb, weil eben dieses Lokalkolorit zum großen Teil eine Erfindung des Librettistn Hugo von Hofmannsthal ist. Die artifizielle Sprache ist ebenso erfunden wie die vermeintlich traditionellen Rituale wie die überreichung der silbernen Rose. Hofmannsthal und Strauss haben eine Kunstwelt geschaffen, die nicht das reale Wien darstellt, aber nur vor dieser Schablone funktioniert. Das schränkt die Möglichkeiten der Regie ein (daran krankte zuletzt auch Stefan Herheims Stuttgarter Rosenkavalier, der trotz allen Theaterzaubers die Geschichte ein wenig aus den Augen verlor unsere Rezension). In Budapest hat sich agars für eine vergleichsweise konventionelle Sichtweise entschieden, verlegt die Geschichte aus dem Rokoko-Kunst-Wien in die Entstehungszeit der Oper, aber Wien immerhin bleibt. Bei einer Koproduktion der Ungarischen und der Slowakischen Staatsoper und einem Werk, das sicher über Jahre im Repertoire verbleiben wird, sind die Grenzen für eine stärker experimentelle Regie wohl ohnehin eng gefasst.
Jugendstilsalon in leichter Schieflage: Überreichung der silbernen Rose
Raffiniert ist das Bühnenbild von Julia Müer: Ein Jugendstil-Salon für alle drei Akte, der mehr und mehr aus den Fugen gerät. Im ersten Akt noch ganz traditionell, befindet er sich im zweiten Aufzug als Haus Faninals schon in bedenklicher Schieflage, im dritten Akt ist er komplett auf die Seite gekippt. Das Kleid der Marschallin im Finale greift die Ornamentik der Deckenverglasung auf da wird die Figur selbst zum Ornament (Kostüme: Kristine Pasternaka) ihrer Zeit. Solche Ansätze werden von der Regie allerdings nicht weiter aufgegriffen; die konzentriert sich darauf, die Geschichte psychologisch plausibel und mit genauer Personenzeichnung nachzuerzählen, ohne sie darüber hinaus auszudeuten. Das gelingt außerordentlich gut, weil die Sänger sehr gut ausgewählt sind: Eine junge Besetzung, die szenisch wie musikalisch glaubwürdig macht, was sich Strauss und Hofmannsthal vorgestellt haben.
Octavian (hier: Victória Mester) und Sophie (hier: Júlia Hajnóczy)
Lars Woldt als jugendlicher, sehr kraftvoller Ochs hat zuletzt auch in Herheims Stuttgarter Inszenierung diese Partie gestaltet. Er macht mit seiner Präsenz deutlich, warum das Stück beinahe den Titel Ochs Auf Lerchenau geheißen hätte. Die Stimme ist schlank und klar geführt, behauptet sich aber mühelos gegen den vollen Orchesterklang. Woldt hat viel Sinn für Komik, zeichnet die Figur fast slapstickhaft (manchmal dürfte das eine Spur sparsamer eingesetzt werden), ist dabei ein gar nicht unsympathischer Ochs. Eszter Sümegi singt und spielt eine attraktive, jung gebliebene Marschallin, die plausibel macht, warum ihr ein Siebzehnjähriger wie Octavian verfallen kann. Die lyrische Stimme blüht in der hohen Lage auf (das tiefe Register bleibt etwas blasser), die Partie ist sehr nuanciert gestaltet (ohne dass die Abgründe dahinter vollends ausgelotet wären). Sehr schön ist die Abstufung der drei Frauenpartien: Der jugendliche Octavian von Andrea Meláth hat ein leicht metallisches, dadurch männliches Timbre, die mädchenhaft-zarte Sophie (Rita Rácz) steuert einen sehr leichten Sopran bei.
Vom Rosenkavalier geschlagen: Ochs (Lars Woldt), 2. Akt
Péter Kálmán singt einen akkuraten, im Klang etwas flachen Faninal. Mária Temesi ist eine Marianne mit großer, voller Stimme. Das Intrigantenpaar Valzacchi (Zsolt Derecski) und Annina (Jolán Sánta) ist akzeptabel besetzt, ganz hervorragend der italienische Sänger (Attila Fekete) mit prachtvoll strahlender Stimme.Die kleineren Partien dagegen sind sängerisch ein wenig unter Wert besetzt,allerdings durchweg gut gespielt bleibt zu hoffen, dass diese szenische Genauigkeit, durch die sich die Inszenierung auszeichnet, auch im Repertoirebetrieb beibehalten werden kann. Die Budapester Staatsoper hat jede Rolle doppelt besetzt, wobei es offenbar gelungen ist zumindest nach den Fotos zu urteilen in Typus und äußerer Erscheinung jeweils sehr ähnliche Besetzungen zu finden.
Langsam versteht er, dass die Sach' ein Ende hat: Ochs (Lars Woldt) zwischen Octavian (Viktória Mester, l.) und der Marschallin (Eszter Sümegi)
An diesem Abend dirigiert István Dénes (der dem deutschen Publikum aus seiner Zeit als Kapellmeister in Bremen und Generalmusikdirektor in Trier bekannt ist). Insgesamt leitet er den Abend umsichtig, lässt vieles recht frei laufen (das Orchester der Staatsoper ist offenbar bestens einstudiert), ein paar Wackler mit der Bühne sind bei diesem nicht eben leichten Stück verzeihlich. Hier und da wäre etwas mehr Flexibilität im Tempo wünschenswert, ein mehr der Gesangslinie und dem Text angepasstes Dirigat, und oft ist das Orchester recht laut und schränkt die Sänger dadurch in ihren Gestaltungsmöglichkeiten ein. Trotzdem ist das alles in allem solide und zielstrebig auf den rauschenden Schluss hin dirigiert. FAZIT Neu erfunden wird der Rosenkavalier hier nicht, aber eine konzentrierte, atmosphärisch dichte und stimmige Inszenierung ist Andreis agars allemal gelungen, die sich musikalisch auf sehr gutem Niveau bewegt.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Licht
Chor
Kinderchor
Dramaturgie
Solisten
Die Feldmarschallin
Der Baron Ochs auf Lerchenau
Octavian
Herr von Faninal
Sophie
Jungfer Marianne Leitmetzerin
Valzacchi
Annina
Polizeikommissar
Der Haushofmeister
Der Haushofmeister bei Faninal
Ein Wirt
Ein Notar
Ein Sänger
Eine Modistin
Drei adelige Weisen
Ein Hausknecht
Vier Lakaien der Marschallin
Vier Kellner
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