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Elektra

Tragödie in einem Aufzug
von Hugo von Hofmannsthal
nach seiner gleichnamigen Tragödie
nach der Tragödie von Sophokles
Musik von Richard Strauss


In deutscher Sprache mit flämischen und französischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 1h 45' (keine Pause)

Koproduktion mit dem Gran Teatre del Liceu (Barcelona)
Premiere in Barcelona am 9. Februar 2008
Premiere im Theater La Monnaie, Brüssel
am 19. Januar 2010

Besuchte Aufführung: 29. Januar 2010


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La Monnaie
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Evelyn Herlitzius' erste Elektra

Von Thomas Tillmann / Fotos © Bernd Uhlig


Guy Joosten bebildert in seiner bereits aus Barcelona bekannten, nun in Brüssel neu einstudierten Elektra-Inszenierung keine Vorlesung zum Thema Psychoanalyse, präsentiert keine intellektuell-kopflastige Analyse unserer Zeit auf der Folie eines hundert Jahre alten Stücks, sondern erzählt durchaus konventionell, aber nicht unspannend eine grauenvolle Familiengeschichte vor dem Hintergrund der letzten Tage des zweiten Weltkriegs (oder wenig später, denn "Die Zeit", die die Aufseherin liest, erschien erst 1946 zum ersten Mal, andererseits tragen Aegisth und seine Saufkumpel noch unbeschwert Uniform). Der Abend beginnt mit einem Blick in die Umkleideräume der Mägde, die mit ihren Waffen und Schlagstöcken als Gefängniswärterinnen oder Sicherheitsbeamte fungieren und vom ersten Moment das Klima der Gewalt transportieren, das in diesem Palast herrscht, der nicht nur äußerlich bessere Tage gesehen hat und erheblich gestützt und mit Wellblechen abgedichtet werden muss (die aufwändige Ausstattung stammt von Patrick Kinmonth, das geniale Licht von Manfred Voss, man erinnert sich dankbar an viele bedeutende Abende an der Kölner Oper).

Vergrößerung in neuem Fenster "Allein! Weh, ganz allein" - Elektra (Evelyn Herlitzius)
(Foto: © Bernd Uhlig)

Prägnante Töne einer intakten, charaktervollen Stimme und intensives Spiel - so ist der Einsatz von Renate Behle als brutal-eisige Aufseherin zu bewerten, die Künstlerin ist inwzischen selber eine gesuchte Klytämnestra und wird mir als eine der besten Sieglinden in Erinnerung bleiben, die ich gehört habe (diese Partie sang sie auch in Brüssel vor vielen Jahren). Dagegen verfügt der verdiente Franz Mazura zwar immer noch über einige Bühnenpräsenz als alter Diener und Pfleger des Orest, aber die wenigen Töne, die er zu singen hatte, stimmten doch traurig, die von Alexandre Kravets als jungem Diener blieben dagegen nicht lange im Gedächtnis. Und auch bei den Mägden hatte man nicht gespart: Graciela Araya etwa als deren erste hat(te) eine bemerkenswerte Mezzokarriere (die Stimme indes klang sehr abgesungen, bei aller Präsenz), Lisa Houben, die die vierte Magd und die Schleppträgerin gab, ist an La Monnaie im Juni immerhin als Zweitbesetzung der Lady Macbeth in Verdis Oper engagiert - ich erinnere mich an den Lütticher Andrea Chénier vor einigen Jahren, in dem sie "eine junge, schauspielerisch sehr begabte und anrührende Maddalena (war) ..., die eben nicht nur an der Produktion schöner Töne interessiert war, sondern sich beeindruckend auf das Drama einließ und viel aus dem Text machte". Anna Gabler, die sich hinsichtlich der Rollenauswahl langsam in Richtung jugendlich-dramatisches Fach zu entwickeln scheint, kennt man noch aus Düsseldorf, entsprechende vokale Mittel ließ die Stimme indes an diesem Abend eigentlich nicht erkennen, an dem sie die fünfte Magd gab, die in dieser Produktion dadurch aufgewertet war, dass sie in weißer Krankenschwestertracht auch als Vertraute und Freundin Elektras agierte.

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"Weißt du kein Mittel gegen Träume?" - Klytämnestra (Doris Soffel, links) und Elektra (Evelyn Herlitzius, rechts)
(Foto: © Bernd Uhlig)

Diese hat sich unter einem Wachhäuschen und neben Ölfässern vor einem improvisierten dunkelroten Samtvorhang einen Ort der Erinnerung geschaffen, auch ihrer Mutter Liege hat sie sich bemächtigt. Aus ihrem Koffer kramt sie nicht nur das Beil, mit dem ihr Vater getötet wurde, sondern auch dessen Soldatenmantel hervor und zieht ihn über ihr schlichtes blaues Kleid, während sie in Chrysothemis' Besitz später nicht unerwartet ein Brautkleid und eine Puppe findet - keine neuen Einfälle natürlich, aber auch keine schlechten, um die Befindlichkeiten der Schwestern zu illustrieren.

Vergrößerung in neuem Fenster "Nun muß es hier von uns geschehn." - Chrysothemis (Eva-Maria Westbroek, links) und Elektra (Evelyn Herlitzius, rechts)
(Foto: © Bernd Uhlig)

Zentrum der Aufführung ist aber natürlich die wunderbare Evelyn Herlitzius, die in dieser Serie als Elektra ihr Rollendebüt gab und sich meiner Meinung nach sofort in die erste Linie der Interpretinnen gesungen und gespielt hat. Die Deutsche begann mit vielen zarten, immer noch sehr jugendlichen Tönen, bemühte sich spürbar um Schöngesang, steigerte sich dann aber immer mehr in die Rolle hinein, scheute keinerlei Risiko und hatte dann auch Augenblicke, in denen man das pure Metall zu hören bekam und sich ein leichtes Klingeln einstellte, das aber der Intensität und dem Überschwang ihres Singens keinerlei Abbruch tat, zumal sie etwa in der Wiedererkennensszene mühelos zu der sorgfältigen Phrasierung und dem schönen Ton des Anfangs zurückfand - was für eine faszinierende, nicht nur mit der Kraft ihrer Stimme, sondern auch mit ihrer hohen Textverständlichkeit und einer ganz eigenen Körpersprache immer wieder von Neuem in ihren Bann ziehende, die Bühne in jeder Sekunde beherrschende Künstlerin! Angesichts einer solchen Ausnahmeleistung hatte es Eva-Maria Westbroek nicht leicht, die ohnehin uninteressantere, ängstliche Schwester auf ähnlichem Niveau zu geben, und so wirkte ihre Darstellung doch etwas eindimensional mädchenhaft-brav, naiv und etwas linkisch. Stimmlich ist sie hier mit ihrem üppigen jugendlich-dramatischen Ton natürlich genau richtig, wenngleich sie das Pech hatte, an einigen der Paradestellen ziemlich weit hinten auf der Bühne stehen zu müssen, so dass die Durchschlagskraft doch etwas litt und ihr Sopran vielleicht nicht ganz die gewohnte Strahlkraft entfalten konnte.

Doris Soffel war in diesem Ambiente eine optisch glamouröse Klytämnestra mit Turban, Hollywood-Robe in Cremetönen und funkelndem Collier, mit enormem Durst auf Hochprozentiges und erheblichem hypochondrischen Profil - ihre Liege muss mit einem frischem weißen Tuch belegt werden, ihre Entourage sprüht Desinfizierendes, vor der Sonne schützt ein Schirm -, und auch stimmlich blieb sie der Rolle nichts schuldig mit ihrem nach wie vor eher lyrisch als dramatisch klingenden Mezzo, einer enorm nuancierten Textbehandlung und herrlich spöttischen, beinahe operettenhaften, dann wieder furchteinflößend herrischen Momenten.

Wenig Persönlichkeit entfaltete leider Gerd Grochowski als Orest, die kraftvolle-dunkle, sehr gesunde Stimme und die gute Diktion rechtfertigen natürlich trotzdem den Erfolg an diesem Abend und die Karriere, die der Deutsche macht. Donald Kaasch, den ich als skandalös überforderten Enée vor einigen Jahren in Les Troyens in Amsterdam gehört hatte, scheint im Charaktertenorfach seine Bestimmung gefunden zu haben, er war hier im Kreise seiner Soldatenfreunde ein bestens gelaunter, alkoholseliger, lächerlich-feister, über die Bühne tänzelnder Aegisth, mit dem Orest leichtes Spiel gehabt haben dürfte.

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"Darf ich nicht leuchten?" - Aegisth (Donald Kaasch, links) und Elektra (Evelyn Herlitzius, rechts)
(Foto: © Bernd Uhlig)

Bevor letztgenannter zur Mordtat schreitet, wäscht Elektra ihm wenigstens noch einen Fuß - eine überflüssige Parsifal-Anspielung, die aber symptomatisch ist für Joostens schon häufiger beobachtenden Inszenierungsstil mit etwas zu viel Aktion und zu vielen Einzelideen, die gar nicht nötig wären und fast so wirken, als misstraue der Regisseur seiner eigenen Lesart (und seinen hervorragenden Darstellern) und wolle sie aufmotzen. In diese Richtung geht auch der Schluss: Für den großen Showdown zieht auch Elektra ein Abendkleid mit passender Kappe an und frischt ihr Make-up auf, die Palastaußenwand hebt sich, man sieht all die Ermordeten und den geistig abwesend scheinenden Orest. Leider konnte ich nicht sehen, ob er Elektra nur brüderlich in den Arm nimmt und sie darüber stirbt oder ob er auch sie noch flugs erstochen hat.

Aggressiv und ekstatisch, aber nie unkontrolliert oder unkonturiert war das Spiel des Brüsseler Orchesters, an dessen Pult Lothar Koenigs debütierte und einen sehr farbenreichen, mitreißenden Strauss-Abend leitete und dabei vielleicht nicht ganz so exakt, wohlüberlegt und am Detail orientiert vorging wie Daniele Gatti in Zürich eine Woche zuvor, dafür mitreißender und ekstatischer musizieren ließ, auch wenn man sich in einigen Momenten vielleicht doch etwas mehr Ruhe gewünscht hätte.


FAZIT

La Monnaie präsentiert einen großen, unter die Haut gehenden Strauss-Abend, den Evelyn Herlitzius als bemerkenswerte Elektra dominiert.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Lothar Koenigs

Inszenierung
Guy Joosten

Bühne und Kostüme
Patrick Kinmonth

Licht
Manfred Voss



Symphonieorchester des
Theaters La Monnaie


Solisten

Klytämnestra
Doris Soffel

Elektra
Evelyn Herlitzius

Chrysothemis
Eva-Maria Westbroek

Aegisth
Donald Kaasch

Orest
Gerd Grochowski

Der Pfleger des Orest
Franz Mazura

Die Vertraute
Klytämnestras
Mireille Capelle

Die Schleppträgerin
Lisa Houben

Ein junger Diener
Alexandre Kravets

Ein alter Diener
Franz Mazura

Die Aufseherin
Renate Behle

1. Magd
Graciela Araya

2. Magd
Mireille Capelle

3. Magd
Carole Wilson

4. Magd
Lisa Houben

5. Magd
Anna Gabler





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La Monnaie
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