|
Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
|
|
|
Der Herzog guckt in die RöhreVon Stefan Schmöe / Fotos von Thilo Beu
Hier soll Rigoletto radikal anders inszeniert werden: Während der jahrzehntelangen falschen Rezeptionsgeschichte dieser Oper wurden die Charaktere von Herzog, Gilda und Rigoletto musikdramaturgisch und vom Libretto her nicht klar überprüft, sondern nach den üblichen Parametern erzählt. Na, wenn das keine Kampfansage ist, die Regisseur Bruno Berger-Gorski im Programmheft verkünden lässt! Er formuliert auch gleich aus, wie es richtig geht: Rigoletto ist schuldig am Tod seiner Tochter, weil er diese vor der Welt versteckt und sich nicht entfalten lässt, und der Herzog ist keineswegs nur der eindimensionale Frauenheld, wie ihn viele Aufführungen zeichnen, sondern Getriebener seiner gesellschaftlichen Rolle. Das klingt ja so weit ganz plausibel, nur sähe man es lieber auf der Bühne als im Programmheft. Aber ist das wirklich so radikal anders?
Keine Party ohne Drogen: Rigoletto (Mark Morouse, links) und der Herzog von Mantua (George Oniani)
Ist ja auch egal, die Bonner Oper braucht den Rigoletto ja nicht völlig neu zu erfinden, und ein durchdachtes psychologisches Konzept, das Berger-Gorski in der Tat hat, ist ja nicht die schlechteste Voraussetzung für eine gelungene Neuinszenierung. Tatsächlich ist mancher von den im Programmheft geäußerten Gedanken tatsächlich spannend und erhellend umgesetzt, auch wenn die Personenregie insgesamt recht holzschnittartig bleibt eine genauere, detailliertere Figurenzeichnung wäre da wünschenswert. Berger-Gorski und sein Ausstatter-Team aber setzen auf den schrillen und grellen Effekt, arbeiten lieber mit dem groben Keil als mit der feinen Nadel. Der Herzog ist, wie sich nach und nach herauskristallisiert, ein mächtiger Bauunternehmer im heutigen oder zukünftigen Mantua, auf dessen Baustellen so manche Leiche vergraben ist. Seinen Status sichert er mit ausschweifenden Parties mit viel Sex und Drogen. Das ist als zeitgemäße Übersetzung des Renaissance-Fürstentums nicht ganz schlecht. In der Umsetzung bleibt dabei manches halbherzig; von anderen Regisseuren, die vergleichbare Wege beschreiten wie z.B. Calixto Bieito (oder in näherer Bonner Umgebung zuletzt Tilman Knabes Essener Rheingold oder Tatjana Gürbacas Duisburger Salome), ist man da Konsequenteres gewohnt in dieser Aufführung wirken etwa die mehr angedeuteten als ausgespielten Sex-Szenen und Schlägereien ziemlich bemüht.
Verliebt in einen geheimnisvollen Unbekannten: Gilda (Julia Novikova)
Allerdings setzt das Regieteam nicht auf schonungslosen Realismus, sondern findet eine zumindest momentweise psychedelisch anmutende Erzählform. Im ersten Akt besteht das Bühnenbild (Ausstattung: Fred Fenner und Daniel Nunez-Adinolfi) aus einem unwirklichen System aus Rohrleitungen, die auf das Publikum zulaufen. Die Kostüme sind überdreht; aus dem vorherrschenden Grau stechen gleißende Neonfarben hervor. Die Scharen von Prostituierten mit allesamt gleichen blonden Perücken tragen orangefarbene Kleidchen, die sie wie Baustellenhütchen aussehen lassen. Solche schrillen Momente verstören, hinterlassen aber auch nachhaltigeren Eindruck als der relativ konventionell erzählte und dadurch in der Wirkung biederere dritte Akt. Ganz allerdings wird man den Eindruck nicht los, dass es manchmal in erster Linie um Provokation des Publikums geht. In der Wirkung bleibt das Spektakel ambivalent: Einerseits erzeugt die Brechung des Realismus durchaus eigene Spannung, auf der anderen Seite ist das in vielen Szenen nicht viel mehr als Ausstattungstheater der etwas bunteren Art, ohne dass damit wirklich ein erkennbares Konzept verbunden wäre. Und der zentrale Vater-Tochter-Konflikt, um den es Berger-Gorski ja erklärtermaßen geht, wird durch das Trara drumherum ein wenig in den Hintergrund gedrängt. Zuletzt erhängt sich der Herzog voller Kummer über Gildas Tod das müsste durch mehr als ein paar Verzweiflungsgesten vorbereitet werden, ebenso wie Gildas Selbstopferung, die sich kaum von anderen Aufführungen unterscheidet.
"La donna e mobile": Der Herzog (George Oniani) singt einen Opernschlager
Was die streitbare Produktion, die bei schlechterer musikalischer Umsetzung wohl als Desaster geendet wäre, letztendlich rettet, das ist eine überzeugende Sängerbesetzung. Ein Ereignis sind vor allem die leisen und ganz leisen Töne der Gilda von Julia Novikova. Die Stimme ist lyrisch und sehr beweglich, aber dennoch substanzvoll und unangestrengt auch in dramatischeren Passagen und kann auch groß aufblühen. Szenisch wie musikalisch gestaltet die Sängerin die Partie sehr mädchenhaft und zerbrechlich, geradezu belcantistisch. Über einen vergleichbaren Farb- und Nuancenreichtum verfügen die stimmlich imposanten Herren um sie herum nicht. Mark Mourouse ist in der Titelpartie ein kraftvoller Heldenbariton mit großem, bisweilen etwas eindimensionalem Ton. Die gebrochenen Momente bleibt er der Figur allerdings ein wenig schuldig. Mit heldentenoraler Attacke, aber immer kontrolliert und klangschön, trumpft George Oniani in der Rolle des Herzogs auf. Die Stimme ist, auch wenn man mitunter etwas an lyrischer Geschmeidigkeit vermisst, biegsam und beweglich und meistert die Partie mit großem Schwung. Der Sparafucile von Ramaz Chikviladze grummelt düster und etwas ungenau, aber durchaus bühnenwirksam. Sehr präsent ist Martin Tzonev als Monterone, recht unscheinbar die Maddalena von Anjara I. Bartz.
Tragisches Ende: Rigoletto (Mark Morouse) mit deiner sterbenden Tochter Gilda (Julia Novikova)
Dirigent Enrico Delamboye hat noch viel damit zu tun, Bühne und Orchester zusammenzuhalten manche heiklen Übergänge sind deshalb wohl noch bewusst auf Nummer sicher dirigiert. Davon abgesehen begleitet Delamboye einfühlsam und findet mit dem insgesamt sehr guten Beethoven Orchester (großartig die Solo-Oboe bei Gildas Tutte le feste al tempio) einen großen und effektvollen, aber nicht knalligen Verdi-Ton. Am Ende großer Beifall für die musikalische Seite und ein in seiner Heftigkeit und Einhelligkeit so doch nicht ganz nachvollziehbarer Buh-Sturm über dem Regie-Team.
Eine tolle Gilda, ein guter Herzog, ein sehr ordentlicher Rigoletto, vom Orchester mehr als akzeptabel begleitet das kann sich hören lassen und überwiegt gegenüber einer aufdringlich grellen Inszenierung, die sich nicht immer trittsicher auf schmalem Grat zwischen verstörenden Momenten und Albernheiten bewegt. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Ausstattung
Licht
Chorleitung
Dramaturgie
Solisten
Herzog von Mantua
Rigoletto, Hofnarr
Gilda, seine Tochter
Graf von Monterone
Sparafucile
Maddalena, seine Schwester
Giovanna
Marullo
Borsa
Graf von Ceprano
Gräfin von Ceprano
Ein Gerichtsdiener
Ein Page
|
© 2009 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de