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Z mrtvého domu
(Aus einem Totenhaus)


Oper in drei Akten
Musik von Leoš Janáèek
Text vom Komponisten
nach Fjodor M. Dostojewskis Aufzeichnungen aus einem Totenhaus

In tschechischer Sprache mit deutschen Untertiteln

Premiere im Theater Basel am 8. November 2009

Aufführungsdauer: ca. 1h 35' Stunden (keine Pause)


Homepage

Theater Basel
(Homepage)
Wo der Tod zum einzigen Weg in die Freiheit wird

Von Dr. Joachim Lange


Dieser Hölle entkommt niemand. Bei Calixto Bieito nicht mal der höher gestellte politische Gefangene Alexander Petrowitsch Gorjantschikow, der zu Beginn einer verrohten Meute von Sträflingen wie zum Fraß vorgeworfen wird. Er behauptet sich zwar, nimmt sich sogar des jungen Alej (Fabio Trümpy) an, bringt ihm Lesen und Schreiben bei und versucht ihm beizustehen, nachdem man ihn vergewaltigt und übel zugerichtet hatte. Die Beziehungen Gorjantschikows (Eung Kwang Lee) reichen immerhin, ganz am Ende, für eine Korrektur des Urteils, das ihn ins Straflager brachte. Der brutale Platzkommandant (Andrew Murphy) entschuldigt sich sogar mit theatralischer Geste bei ihm. Doch das ist weder ernst gemeint, noch wird es so aufgefasst. Bei Bieito wird dieser Gefangene am Ende hinterrücks und wie nebenbei erschossen. Wie eine Gruppe von Gefangenen, die man vorher an die Wand gestellt und niedergemäht hatte. Einfach so. Hier ist Überleben reiner Zufall. Der allmächtige Kommandant herrscht über Leben und Tod. Er spreizt sich im Pelzmantel zwischen den Zerlumpten, kassiert sie regelmäßig für kleine Vergünstigungen ab. Da gilt die Devise: nur keine Zeugen.

In der postzivilisatorischen Zukunft, in die der Katalane das exemplarische Totenhaus Janáèeks (der mit dem Text und der Musik kongenial Dostojewskis authentischem Erlebnisbericht folgt) projiziert, gibt es wahrscheinlich niemanden mehr, vor dem ein Wiederkehrender Zeugnis ablegen könnte. In vollendetem Zynismus wird der Tod so tatsächlich zum einzigen Weg in die Freiheit. An diesem Un-Ort einer schwarzen Utopie werden die nach und nach erzählten Lebens-Geschichten der Gefangenen zum Befund einer Gesellschaft von ihrem Ende her. Selbst im Verhalten der Gefangenen untereinander werden Reste von menschlichen Regungen immer wieder von ausbrechender Gewalt überlagert. So ist auch das derbe, mit erotischen Fantasien aufgeladene Theaterspiel nur ein Ventil. Der konkrete Ort bleibt bewusst offen. Die Waffen der Bewacher weisen aber in Richtung eines exemplarischen Gulags.

Der spanische Bühnen-Spezialist für die Darstellung drastischer Gewalt und den Blick in den „Abgrund Mensch“ findet zusammen mit seinem Team (bei der Bühne hilft Philipp Berweger, Kostüme sind von Ingo Krügler) für Janáèeks letztes und nur von Männern bestrittenes Bühnenwerk eine beklemmende Atmosphäre. Ihnen genügen fahles Licht, die Brandmauern, eine große Pfütze und ein paar Autoreifen. Das gewaltige Wrack eines Doppeldeckers, das sich als phantastischer Bruder des allegorischen Adlers aus der Geschichte für eine gewisse Zeit herabsenkt und die große, leere Bühne füllt, wirkt als Sinnbild einer vergeblichen Utopie so erschlagend, wie die Leere und Verzweiflung, die bleibt, wenn es wieder in Richtung Schnürboden verschwindet.

Doch das ist nur der triftige atmosphärische Rahmen für das eigentliche Ereignis des Abends. Und das besteht in der faszinierenden Präzision einer aus der Musik erwachsenden, detaillierten Figurenzeichnung. Nicht nur bei den durchweg überzeugenden, insgesamt neunzehn Protagonisten, sondern buchstäblich bei jedem Choristen. Nach und nach gestalten Ludovit Ludha, Rolf Romei, Karl Heinz Brandt oder Claudio Otelli bewegende individuelle Blicke in ihre durchlebten Katastrophen. Bieito erweist sich gerade dabei als ein Regisseur, der es mittlerweile meisterhaft versteht, packende Personenregie mit gesellschaftlicher Verbindlichkeit zu vereinen. Nicht gleich von Anfang an, aber nach und nach, wird klar, dass sich auch der Zuschauer diesen Menschenschicksalen nicht entziehen kann. Dass dabei nicht nur die Brutalität untereinander abstößt, sondern die Überreste von Leben so berühren, liegt natürlich zu einem großen Teil auch am souveränen Gabriel Feltz, der das Sinfonieorchester Basel nicht nur zu einem farbenreichen, suggestiven Klangsog animiert, sondern jeden Ton präzise mit der aktionsreichen und ausdrucksstarken Szene verschränkt.


FAZIT

Das aktuelle Opernhaus des Jahres hatte einen großen Opernabend.



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Produktionsteam

* Besetzung der rezensierten Aufführung

Musikalische Leitung
Gabriel Feltz

Inszenierung
Calixto Bieito

Bühne
Calixto Bieito
Philipp Berweger

Kostüme
Ingo Krügler

Chorleitung
Henryk Polus

Dramaturgie
Ute Vollmar



Statisterie des Theater Basel

Chor des Theater Basel

Sinfonieorchester Basel


Solisten

Filka Morosow (Luka Kusmitsch)
Ludovit Ludha

Skuratow
Rolf Romei

Schapkin/ Kedrill
Karl-Heinz Brandt

Schischkow
Claudio Otelli

Alexander Petrowitsch Gorjantschikow
Eung Kwang Lee

Alej
Fabion Trümpy

Der große Sträfling/ Eine Stimme hinter der Szene
Carlos Osuna

Der kleine Sträfling/ Tschekunow
Hee Do An

Alexander Petrowitsch der Platzkommandant
Andrew Murphy

Der ganz alte Sträfling
Jacek Krosnicki

Dirne
Constantin Rupp

Ein Sträfling in der Rolle des Don Juan und des Brahminen
Eugen Chan

Tscherewin/ Der junge Sträfling
Piotr Jan Hoeder

Der betrunkene Sträfling
Markus Moritz

Der Koch
Wladyslaw W. Dylag

Der Schmied
Krysztof Debicki

Der Pope
Martin Krämer

Wache
Erlend Tvinnereim

Ein lustiger Sträfling
André Schann





Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Basel
(Homepage)



Da capo al Fine

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