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Zwischen Obersalzberg und Reichskanzleibunker
Von Joachim Lange / Fotos: Bettina Stoess im Auftrag der Deutschen Oper Berlin Musikgeschichtlich ist Wagners Rienzi das etwas monströse und hybride Frühwerk eines Endzwanzigers. Eine Grand Operá, die oft ziemlich italienisch klingt und Ohrwürmer bietet, die mit Nachhall wirken. Rezeptionsgeschichtlich ist dieses vom Komponisten selbst ausdrücklich aus dem Bayreuther Werkekanon verbannte Frühwerk allerdings besonders braun kontaminiert. Dass man Hitlers Lieblingsoper tatsächlich fast so wie ein Drehbuch der sogenannten Machtergreifung interpretieren kann, darauf hat jetzt an der Deutschen Oper Berlin der vor allem in Video und Film versierte, bei der Oper aber erst auf das halbe Dutzend zusteuernde, deutsche Allround-Regisseur Philipp Stölzl gebaut. Die Parallelen der Chortableaus und Tribunen-Auftritte zur Rhetorik und den Ritualen der Nazis, die er in seiner Berliner Inszenierung zieht, sind tatsächlich verblüffend. Und beim Wagnerverehrer Hitler ja keineswegs zufällig. Dass gerade im Rienzi auch sein eigener Untergang vorweggenommen wird, das hat der wohl übelste aller Wagnerianer geflissentlich übersehen.
Das Neue Rom und sein Führer Stölzl, der sich bei den Salzburger Festspielen vor drei Jahren mit Benvenuto Cellini schon einmal einer Gran Operá im übervollen Breitbandformat genähert hatte, setzt auch heuer auf eine Melange aus großen Tableaus und eingebauten Videos. Wenn sich zur Ouvertüre der Vorhang öffnet, gibt's als Auftakt den berühmten Berghof - Ausblick vom Obersalzberg. Mit Schreibtisch und einem von der Musik hingerissenen, tänzelnden Führer, der hier eher wie Göring aussieht. Die Wette, dass der alsbald, wie weiland Chaplins Großer Diktator, mit der Weltkugel Ball spielt, gewinnt man natürlich ebenso siche, wie die über das Bild seines Untergangs im Bunker der Reichskanzlei. Da steckt der erstaunlich kontinuierlich zu stimmlicher und mimischer Hochform auflaufende Torsten Kerl zwar immer noch in seiner weißen Tribunen- resp. Diktatorenuniform, gibt aber den Bruno Ganz-Hitler aus dem Filmepos „Der Untergang“. Man mag dieses Zusammendenken von Kunstfigur und historischer Biografie für einen Kurzschluss halten. Für eine differenzierte Charakterisierung Rienzis bleibt da in der Tat kaum Raum. Szenische Energie, die über den auf zweieinhalb Stunden drastisch eingekürzten Abend hält, setzt er damit aber frei. Die geht zwar nicht in Richtung einer differenzierenden Charakterisierung Rienzis. Was in den Tableaus aber deutlich wird, ist die Selbstinszenierung des Machtwahns und die Verführbarkeit der Massen.
Der Größenwahn in Trümmern: Adriano zwischen den Fronten verloren Für das Bild, in dem die Machtübernahme Rienzis vorbereitet wird, schweben futuristisch urbane Prospekte wie aus dem cineastischen Metropolis-Klassiker gebohrt in den Berghof-Salon, den Ulrike Siegrist und Stölzl gebaut haben. Was zusammen mit den grotesk maskierten Massen an die überdrehten Zwanziger-Jahre erinnert. In einer Mischung aus Hitler- und Mussolini- Gestik und Orwells „Großem Bruder“ geriert sich dann Rienzi in seinen stets auf die große Hintergrund-Leinwand übertragenen Reden ans Volk. Wie Stölzl und seine Filmpartner Momme Hinrichs und Torge Moller von fettFilm überhaupt die Riefenstahl- und Wochenschau-Ästhetik für die Propaganda Bild vom „Neuen Rom“ mit seinen glücklichen und ihrem Führer ergebenen und zujubelnden Massen adaptieren, das ist eine Glanzleistung.
Treue bis zum Tod – Irene im Bunker Wenn diese Massen sich nur allzu willig ihrer individuellen Maskierung und bunten Kostümierung (Kathi Mauerer, Ursula Kudrna) entledigen und darunter schon die schwarz-weißen Einheits-Uniformen dieses „Neuen Rom“, wie ihre eigentliche Natur (!) zum Vorschein kommen, dann ist Schluss mit lustig. Nach der Pause ist die Bühne geteilt und in der unteren Hälfte sieht man den Tribunen, seine wenigen verbliebenen Paladine und die Schwester-Geliebte Irene in zunehmender Realitätsferne. Rienzi hält immer noch seine Reden – inklusive des berühmten Gebetes. Er hat immer noch die Germania-Modelle für die Hauptstadt einer neugeordneten Welt und eine Geheimwaffe im Spielzeugformat. Oben dagegen liegt die Welt längst in Trümmern. Dort hat das Volk längst die Seiten gewechselt und dort triumphieren schließlich die Sieger mit dem Victory-Zeichen über den erschlagenen Größen des untergegangenen Regimes. Der erst spät zur Produktion gestoßene Dirigent Sebastian Lang-Lessing hat das Orchester der Deutschen Oper im Großen und Ganzen wirkungssicher im Griff und seine Sänger im Blick. Unter denen beeindrucken neben Torsten Kerl vor allem die dunkelsatt leuchtende Kate Aldrich mit ihrem Adriano, aber auch Camilla Nylund als kantable Irene. Die bestens vorbereiteten Chöre werden ihrer Hauptrolle voll gerecht.
Mit dem neuen Rienzi darf die Deutsche Oper musikalisch einen Erfolg für sich verbuchen. Und dass es für die Regie auch kräftige Buhs gibt, das gehört bei einem, zwar etwas einseitig, aber doch spannend und relevant in Szene gesetzten Wagner dazu. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Co-Regie
Bühne
Kostüme
Video
Chor
Dramaturgie
Künstlerische Produktionsleitung
Solisten
Rienzi
Irene
Steffano Colonna
Adriano
Paolo Orsini
Kardinal Orvieto
Baroncelli
Cecco del Vecchio
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