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La Fanciulla del West
(Das Mädchen aus dem goldenen Westen)


Oper in drei Akten
Libretto von Guelfo Civinini und Carlo Zangarini
nach David Belasco
Musik von Giacomo Puccini

In italienischer Sprache mit niederländischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h 20' (zwei Pause)

Premiere im Muziektheater Amsterdam am 2. Dezember 2009
Besuchte Aufführung: 6. Dezember 2009


Homepage

De Nederlandse Opera
(Homepage)
Brava, Minnie!

Von Thomas Tillmann / Fotos von Clärchen und Matthias Baus


Beim Betreten der Amsterdamer Oper fällt der Blick auf einen mit einem Wells Fargo Bank-Emblem versehenen Tresor vor dem roten Vorhang, und sobald dieser sich öffnet, wird ein Film vom New Yorker Wall Street-Parkett auf einen durchsichtigen Vorhang projiziert - Nikolaus Lehnhoff will offenkundig nicht einen musikalischen Western bebildern, sondern sucht nach Ansatzpunkten für eine Aktualisierung, die er als Kritik an zentralen Aspekten des American Way of Life anlegt. Man sieht Spielautomaten in einem vorwiegend aus Wellblech bestehenden Etablissement mit Bar und einem Loch in der Decke, das den Blick freigibt auf projizierte Wolkenkratzer, man sieht eine Horde rauher Gesellen in schwarzer Lederkluft und mit Tattoos auf den Armen, die man früher wohl als Rocker bezeichnet hätte. Oder sind es Broker, die sich in ihrer überschaubaren Freizeit bei einem Rollenspiel amüsieren und deren Traum nach einem Leben auf den saftigen grünen Wiesen ihrer Heimatstaaten (als Film eingespielt) sie rührselig werden lässt wie einst die Goldgräber des Librettos? Jack Wallace darf sein trauriges Lied jedenfalls in Cowboyoutfit und mit Westerngitarre vortragen, es bleibt bei diesem Zitat, das wie ein nostalgischer Showact wirkt. Showcharakter hat auch Minnies Auftritt: Nach zwei Revolverschüssen taucht sie oben mit Cowboyhut und rotem Ledermantel auf, darunter trägt sie einen altmodischen Rock und eine ebensolche Bluse, sozusagen ihre Dienstkleidung in dem modernen Saloon, der ihr gehört. Noch weniger als sonst will die Bibelszene passen, selbst eine faszinierende Frau wie Minnie dürfte es kaum schaffen, ihre harten Jungs zum Studium der Heiligen Schrift zu bewegen, da nützt auch die zwischen den Skyscrapern eingeblendete Kirche nichts.


Vergrößerung Jack Wallace (André Morsch, oben) sehnt sich in seinem traurigen Lied nach der Heimat, Nick (Roman Sadnik, Mitte unten) und die anderen (Herrenchor der Nederlandse Opera) lauschen andächtig.

Amüsiert zeigt sich das Amsterdamer Publikum (und die vielen Gäste, man war erstaunt über das Sprachengewirr in den Pausen) über das zweite Bühnenbild: Im Schnee sitzen zwei riesige Bambis, deren Augen beim ersten Kuss des Paares zu leuchten beginnen, rechts ist eine USA-Flagge in den Boden gesteckt, aber dominiert wird die Szene von Minnies rosa ausgeschlagenem mobile home - es dauert eine Weile, bis man die ganzen liebevoll platzierten Details zur Kenntnis genommen hat, angefangen von den Stofftieren auf ihrem Bett (die Johnson später unsensibel runterwirft), über eine Kitschmadonna bis zum Fernseher, auf dem Zeichentrickfilme laufen - Klischees über Amerika, wie die meisten sie eben hegen, natürlich, aber doch eine gelungene Illustration der Persönlichkeit Minnies, ebenso wie das schwarze Corsagenkleid, unter das sie vorsorglich noch ein stofffarbenes T-Shirt gezogen hat und zu dem es auch noch eine beschützende Stola gibt (Kostüme: Andrea Schmidt-Futterer). Unabhängig davon freut man sich, dass Bühnenbildner Raimund Bauer sich hier ausgetobt hat und man nicht nur eine glänzende schwarze Spielfläche ohne Requisiten sieht, auch wenn der szenische Aufwand zwei nicht eben kurze Pausen nötig macht.


Vergrößerung

Minnie (Eva-Maria Westbroek) tritt auf, Traum aller Männer in ihrem Etablissment

Im letzten Akt dann gibt es einen Autofriedhof zu bestaunen, ein gutes Dutzend Schrottwagen ist hier aufeinandergestapelt worden, was den Zuschauern einen respektvollen Szenenapplaus in die subtilen Anfangstakte hinein wert war. Eher belächelt wurde der letzte coup de théâtre: Rechtzeitig (aber etwas schwerfällig) fährt der Autoberg auseinander und macht Platz für eine riesige Showtreppe, auf der Minnie dann wasserstoffblond und in mondäner rotgoldener Robe vor dem röhrenden MGM-Löwen heruntersteigt, um ihren Jungs die Leviten zu lesen und ihren Geliebten zu retten, der ihr nach kurzem Umziehen im Smoking Gesellschaft leistet. Sicher, das Ganze wirkt ziemlich kitschig, aber Minnies dea-ex-machina-Auftritt ist ja auch in der Vorlage nicht unproblematisch und erinnert an B-Western. Rance bleibt allein zurück, sein letzter Schuss öffnet den Tresor, ein Geldscheinregen wird auf den durchsichtigen Vorhang projiziert, ganz am Schluss eine Zwanzig-Dollar-Note bis zu den Grenzen des Bühnenrahmens herangezoomt. Wir ahnen, dass das Geld ihn nicht glücklich machen wird. Durchaus glücklich werden konnte man aber mit dieser aufwändigen, irgendwie großstädtisch-repräsentativen Produktion, die das Stück mit all seinen Problemen für den modernen Zuschauer durchaus ernst nimmt: Lehnhoff erzählt die Geschichte präzis, ohne sie permanent besser machen zu wollen, aber er führt sie auch nicht unnötig vor, was so leicht wäre, sondern betrachtet sie ein wenig augenzwinkernd-ironisch, aber liebevoll, und er hat keine Angst vor den ganz großen Gefühlen oder auch Kitsch, den die meisten ja insgeheim doch lieben. Und er setzt nicht auf blöden Aktionismus, sondern beweist durchaus auch Mut zum kontemplativen Stillstand etwa in ariosen Momenten.


Vergrößerung Minnie (Eva-Maria Westbroek) bereitet sich auf ihr Rendezvous mit Dick Johnson vor.

Im Zentrum der Aufführung stand natürlich die wunderbare Eva-Maria Westbroek mit ihrem unverstellt-natürlichen Zugriff auf die anvertraute Rolle, die sie auch schon in London mit großem Erfolg interpretiert hatte. Man bewundert die unangestrengte Mittellage und Tiefe, den schlichten Ton für die Bibelstunde, das selbstverständliche Ansprechen der Stimme, den herrlich "saftigen", gesunden Klang, das sinnliche Vibrieren, das wunderbare Leuchten der aufregenden Höhe - ich verheimliche nicht, dass mir das Singen von Eva-Maria Westbroek Gänsehaut bescherte und dass ich seit langer Zeit wieder einmal beim Schlussvorhang mit "Brava"-Rufen nicht geizte. Man möchte der Künstlerin wünschen, dass sie die Stärke hat, die aktuellen Partien und einige mehr des jugendlich-dramatischen Fachs möglichst lange zu singen (in den berühmten Matineen im Concertgebouw folgt am 27. 2. 2010 Catalanis Wally, im Oktober 2011 Ponchiellis Gioconda, an der Wiener Staatsoper singt sie im kommenden September die Forza-Leonora, dazu an verschiedenen wichtigen Häusern die Tannhäuser-Elisabeth, Sieglinde, Kaiserin und Chrysothemis und anderes mehr), bevor der Opernbetrieb sie ins hochdramatische Fach drängt und dort verschleißt (die Fans etwa wollen wissen, dass Christian Thielemann sie 2016 an prominentem Ort ihre erste Isolde machen lassen will). Gespannt sein darf man natürlich auch auf ihre erste Cassandre in der Amsterdamer Wiederaufnahme der Troyens im Frühjahr. Den Verantwortlichen der wichtigen Plattenfirmen möchte man dringend empfehlen, sich ein Herz zu fassen und trotz Krise jetzt in eine sorgfältig produzierte CD mit der Sopranistin zu investieren, es ist ja offensichtlich auch noch genügend Geld da, die Top 5-Stars mit immer neuem absurden Repertoire auf den Markt zu schicken.


Vergrößerung

Das vereinte Paar (Zoran Todorovich und Eva-Maria Westbroek) verlässt die "Rocker" (Chor der Nederlandse Opera).

Die Partie des Dick Johnson mag für Zoran Todorovich ein bisschen zu dramatisch sein, mitunter schmettert er ein bisschen und muss etwas viel Kraft aufwenden, was der Intonation nicht zugute kommt, aber ich fand den Klang seiner farbigen, durchdringenden und doch geschmeidigen Stimme ausgesprochen attraktiv und hervorragend zur Rolle passend. Und man freute sich über das herrliche Diminuendo beim "Non piangete!" am Ende des ersten Aktes und das hinreißend verführerische "Un bacio sola" im weiteren Verlauf. Neben vokaler Wucht und dominanter Ausstrahlung schlug auch Lucio Gallo mit seinem unverbraucht klingenden Heldenbariton als Jack Rance auch durchaus leise Töne an. Licht und Schatten gibt es wie an jedem Haus bei der Besetzung der vielen kleinen Rollen, von denen Roman Sadnik mit expressivem Spintotenor und prägnantem Spiel herausragte, während ein schwachbrüstiger Ashby (Diogenes Randes), ein unnötig brüllender José Castro (Roger Smeets) und eine Wowkle, die mehr Kraft in der unteren Mittellage bräuchte (Ellen Rabiner), eher enttäuschten. Der Herrenchor dagegen überzeugte mit einer homogenen, dynamisch durchaus subtilen Leistung und darstellerischer Flexibilität, die nicht selbstverständlich ist.

Eher diszipliniert und auf Feinheiten bedacht präsentierte Carlo Rizzi die ungemein farbige Partitur, da hätte man sich mitunter doch noch ein paar kräftigere Akzente und Drive gewünscht, die aber vielleicht auf Kosten des Bühnenpersonals gegangen wären, dem er ein verlässlicher Partner mit großer Übersicht war.


FAZIT

Nikolaus Lehnhoff und seinem Team gelingt eine durchaus überzeugende Inszenierung meiner Lieblings-Puccini-Oper, und auch musikalisch kommt man hier voll auf seine Kosten, nicht nur wegen der bemerkenswerten Minnie von Eva-Maria Westbroek. Beide Namen sollten gesetzt sein, wenn sich die Intendanz der Nederlandse Opera wirklich zu einem Puccini-Zyklus entschließt. Im Frühjahr steht eine Wiederaufnahme der Turandot von Lehnhoff an, die Tosca von 1998 lässt sich sicher auch noch einmal reaktivieren, und Interesse an einer neuen Butterfly hat der Deutsche auch artikuliert.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Carlo Rizzi

Inszenierung
Nikolaus Lehnhoff

Bühne
Raimund Bauer

Kostüme
Andrea Schmidt-Futterer

Licht
Duane Schuler

Video
Jonas Gerberding

Choreografie
Denni Sayers

Chor
Martin Wright

Dramaturgie
Klaus Bertisch



Chor der
Nederlandse Opera
Nederlands Philharmonisch
Orkest


Solisten

Minnie
Eva-Maria Westbroek

Jack Rance
Lucio Gallo

Dick Johnson
Zoran Todorovich

Nick
Roman Sadnik

Ashby
Diogenes Randes

Sonora
Stephen Gadd

Trin 
Jean-Léon Klostermann

Sid
Leo Geers

Bello
Peter Arink

Harry
Pascal Pittie

Joe 
Ruud Fiselier

Happy 
Harry Teeuwen

Larkens
Patrick Schramm

Billy Jackrabbit 
Tijl Faveyts

Wowkle 
Ellen Rabiner

Jake Wallace 
André Morsch

José Castro 
Roger Smeets

Un postiglione 
Francois Soons





Weitere Informationen
erhalten Sie von
De Nederlandse Opera
(Homepage)



Da capo al Fine

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