Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur OMM-Homepage Zur Musiktheater-Startseite E-mail Impressum



Le Pescatrici

Dramma giocoso in drei Akten
Libretto: Carlo Goldoni
Musik: Joseph Haydn, ergänzt von Karl Heinz Füssl,
herausgegeben von H. C. Robbins Landon


Aufführungsdauer: ca. 2:30h (eine Pause)

Premiere am 21. Februar 2009
Wiener Kammeroper

Logo:

Wiener Kammeroper
(Homepage)

Haydns erste Semiseria in geschickter Ergänzung

Von Bernhard Drobig

Für Insider längst ein Geheimtipp, widmet sich die 1953 gegründete, seit 1961 in einem eigenen Haus residierende Wiener Kammeroper mit gutem Zuspruch jenem Repertoire aus Barockoper, Opera buffa, Kammer-Musical und zeitgenössischem Musiktheater, das in den drei größeren Häuser der Metropole keinen Platz findet. Heuer beispielsweise der ersten Semiseria "Le Pescatrici" von Joseph Haydn, einer Hochzeitsoper mit dem Libretto von Carlo Goldoni, uraufgeführt am 16.09.1770 in der Oper von Schloss Esterháza. Leider fielen Teile des Werkes anno 1779 einem Brand im Schlosstheater zum Opfer, erfordert eine heutige Aufführung daher Entscheidungen, ob man die musikalisch nicht mehr vorhandenen, aber bekannten Texte nach der Haydn-Gesamtausgabe nur gesprochen einbringt, oder, wie hier geschehen, mit den schon 1965 entstandenen, im Stil Haydns komponierten Ergänzungen des Österreichers Karl Heinz Füssl, herausgegeben von H. C. Robbins Landon, die zwar schon in Utrecht, Edinburgh, München und anderenorts zu hören waren, doch jetzt erstmalig auch in Wien. Und um es gleich vorwegzunehmen, so wie vorgestellt, d.h. ohne konkrete Hinweise auf das, was insbesondere im zweiten Akt ergänzt worden ist, fügten sich Füssls nachempfundene Vertonungen unmerklich in das Original ein, so dass man einen überraschend geschlossenen Eindruck vom dem erhielt, was nach Haydns eigenen Aussagen sich beim Publikum besonderer Beliebtheit erfreut hatte.

Die Handlung des für das dramma giocoso typischen Sieben-Personen-Stücks ist relativ einfach: Zwei Fischerinnen, von Berufskollegen umworben, wittern ihre große Chance, als ein Fürst auftaucht, der ein im gleichen Ort lebendes adliges Findelkind sucht. Flugs empfehlen sich beide als die Gesuchte, was nicht klappt, da sie Argwohn erwecken und die echte Prinzessin einen anderen Stil pflegt. Verärgert meinen die Freier zwar noch sich rächen zu sollen, indem sie die Ihren verkleidet auf die Probe stellen, doch lange währt's nicht und man verträgt sich wieder. Man mag da an Mozarts Così fan tutte denken, aber dort ist die Liebesprobe zentraler Inhalt, hier indessen nur Annex, der sich nahezu folgerichtig aus dem Vorhergehenden ergibt. Heiter, locker, leichtfüßig kommt eben Goldonis Spiel daher, und doch hat ihm Haydn, dem beste Sängerschauspieler zur Verfügung standen, anspruchsvolle Musik geschenkt: Arien, manche gar vierteilig, voll bravouröser Koloraturen, auch mit lamentoser Chromatik, Ensemblesätze voll spritziger Formvarianten, das Ganze erfüllt von einem geradezu sprühendem Erfindungsreichtum, freilich ohne eine andere Individualcharakterisierung vorzunehmen als die, dass Fürst und Prinzessin Seria-Typen bleiben und nicht an den buffonesken Ensembles teilhaben.

Enthielt man sich der Versuchung, die hier aufgebotenen Künstler in Vergleich zu setzen zu Spitzenkräften größerer Häuser, konnte man vor der musikalischen Seite der Produktion nur respektvoll den Hut ziehen. Die drei weiblichen Rollen jedenfalls lagen bei zwar jungen, doch international nicht unbewährten Sängerinnen: Jennifer Davison und Auxiliadora Toledano als Fischerinnen Lesbina und Nerina, in ihrem anmutigen Diskant wie auch in ihrem erfrischend lebhaften Spiel nur in Nuancen zu unterscheiden, Anna Pierard als Ziehkind Eurilda, zum Adel ihres Mezzo auch den Charme standesgemäßer Noblesse ausspielend. Leistungsstark in den ihnen zufallenden Bravouren erwiesen sich auch Leif Aruhn-Solén als hell timbrierter, José Aparicio als dunklerer, fülligerer Tenor, der eine - Burlotto - graziler, der andere - Frisellino -temperamentvoller im Spiel, während Sebastian Huppmann als Lindoro weich geartete baritonale Brillanz mit fürstlicher Etikette zu verbinden verstand. Gute Figur machte auch Alfred Werner mit kräftigem Bass als würdevoller Ziehvater Eurildas.

Mit zu den schönsten Eindrücken des Abends zählten die schwungvolle, doch suo loco auch sensibel getragene, insgesamt genregerechte Leitung von Orchester und Solistenriege durch Daniel Hoyem-Cavazza sowie die von Akkuratesse und Einsatzfreude geprägte Leistung des mit 15 Streichern und 10 Bläsern nebst Pauke und Cembalo nahezu originalgetreu besetzten Orchesters (443 Hz).

Einziger Wermutstropfen: die Regie. Peter Pawliks plumpe Bezugnahme auf die aktuelle Arbeitsmarktsituation kann man wohl kaum anders denn als Misstrauen gegenüber dem duftig blumigen Flair von Libretto und Musik erklären, jedenfalls verzerrte sie den Grundcharakter des entzückenden Spiels und erwies dem so stolzen Jubilar keinen gerade guten Dienst. Gleichwohl, durch eine niedrige Zwischenwand und die rückwärtig höhere Bühne waren raffiniert nutzbare Spielebenen geschaffen, einige drollige Einzeleinfälle wie das Auskochen von Fischgräten hätten sich auch gut in adäquaterem Ambiente ausgemacht, und insbesondere die reizende Kostümierung der aufs große Glück hoffenden Damen wie auch die der verkleideten Fischer ließen wenigstens einen Hauch von der Eleganz ahnen, die dem Ganzen auch heute noch optisch hätte zufließen können. Zu schade, dass hier eine große Chance vertan wurde, Haydns so selten gespieltes Werk, wenn schon vervollständigt, dann auch ungestört goutieren zu lassen.


FAZIT

Trotz szenischer Vorbehalte bezeugte eine erfrischende sängerische und orchestrale Leistung zugleich Haydns ausgeprägte Semiseria-Kunst anno 1770 und den Wert ihrer geschickten Ergänzung aus uns näher liegender Zeit.



Ihre Meinung ?
Schreiben Sie uns einen Leserbrief

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Daniel Hoyem-Cavazza

Inszenierung
Peter Pawlik

Austattung
Maria Pavlova

Licht
Christian Weißkircher


Orchester der
Wiener Kammeroper


Solisten

Mastricco
Alfred Werner

Eurilda
Anna Pierard

Lindoro
Sebastian Huppmann

Lesbina
Jennifer Davison

Nerina
Auxiliadora Toledano

Burlotto
Leif Aruhn-Solén

Frisellino
José Aparicio


Weitere Informationen

Wiener Kammeroper
(Homepage)





Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Zur Musiktheater-Startseite E-mail Impressum

© 2009 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -