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Eine Frau mit Schatten
Von Joachim Lange / Fotos von Theater an der Wien / Rolf Bock, Armin Bardel und Lili Strauss Was da 1924 als bürgerliche Komödie mit sinfonischen Zwischenspielen unter dem Titel Intermezzo in der Dresdner Semperoper uraufgeführt wurde, war schon in gewisser Hinsicht ein typischer Strauss. Es war aber vor allem auch ein geradezu pikant genauer Blick in die gute (Landhaus-)Stube des Komponisten und seiner selbstbewussten, scharfzüngigen Ehefrau Pauline. Angeblich wusste die ja bis zum Premierenabend nicht, was sie da erwartet. Immerhin hat sie diese Bühnenattacke ihres Mannes nicht zu einem Scheidungsgrund gemacht. Wie es ihr Bühnen-Alter Ego Christine mit einem irrtümlich an ihren Hofkapellmeister-Ehemann Robert (sprich Richard) gegangenen, kompromittierenden Schreiben einer gewissen Mieze Maier beinahe gemacht hätte. Passiert war so etwas ähnliches, gut zwanzig Jahre vorher, im Hause Strauss tatsächlich. Und weil sich der Komponist des Rosenkavalier ohnehin für einen Komödienspezialisten hielt und obendrein der Meinung war, dass man aus seiner Frau ganz auch zehn Stücke machen könnte, hat er sich selbst den Text für diese eine Oper dazu geschrieben. Nach dem Hugo von Hofmannsthal und Hermann Bahr dankend abgelehnt hatten, versteht sich. Denen war das zu heikel und wohl auch zu banal. So gibt es einen Griff ins volle Menschen- bzw. Eheleben a la Richard Strauss mal ohne Mord und Totschlag.
Carola Glaser (Christine), Gabriela Bone (Anna), Barbara Spitz (Fanny), Lauri Vasar (Notar), Martin Mairinger (Franz), Doris Hindinger (Marie), Ulla Pilz (Notasgattin) & Anne-Kathrin Frank (Resi); Foto: Rolf Bock
Da führt ein kleines Missverständnis zwischen dem vielbeschäftigten erfolgreichen Ehemann Robert Storch und seiner sich permanent unterschätzt fühlenden, etwas frustrierten Gattin Christine zur großen Oper (im übertragenen Sinne), weil letztere einen Hang zum großen Auftritt hat. Dabei schmeichelt sie selbst gerade mit der Zufallsbekanntschaft eines jungen Mannes, die sie nach der Abreise ihres Gatten zu einem Gastspiel beim Rodeln gemacht hat. Mit diesem Baron Lummer verbringt sie, angetan von dessen vermeintlichen Avancen, ihre Zeit, bis der sie um tausend Mark anpumpt. Was ihr Selbstbild dann doch etwas wanken lässt und diese (Nicht-)Affäre schnell beendet, die vom Sohnemann und dem durchweg den Hausherrn anhimmelnden Personal sowieso mit Skepsis gesehen wurde. Als sie dann den Brief einer gewissen Mieze an den Lieben Schatz öffnet, hat sie ihre Beschäftigung und die heißt: zum Notar und Scheidung beantragen. In der Skatrunde Roberts kennt zwar scheinbar jeder diese (oder eine) Mieze, aber der Verdächtigte weiß tatsächlich von Nichts. Gerade noch rechtzeitig gesteht ihm sein Kapellmeister Stroh, das er es war, der diese Verwechselung mit dem berühmteren Kollegen mit dem ähnlichen Namen billigend in Kauf genommen hat, um den Ehekrach in ein ziemlich dick aufgetragendes, ausführliches Happy End münden zu lassen.
Carola Glaser (Christine), Gabriela Bone (Anna), Barbara Spitz (Fanny), Ulla Pilz (Notarsgattin) und Lauri Vasar (Notar); Foto: Armin Bardel
Es ist eigentlich nicht mehr als ein nettes Schmankerl im Konversationston. Mit einer Mordsrolle vor allem für die wortreiche Christine. Aber bei einem Richard Strauss, dem die ganze Fülle seiner grandiosen Möglichkeiten, ein Orchester aufblühen zu lassen, zur Verfügung steht, wird daraus dann tatsächlich so etwas wie große Oper. Zumindest in den aufrauschenden Zwischenspielen, bei denen Kirill Petrenko mit dem Radio-Symphonieorchester Wien der Delikatesse und Opulenz mit entspannter Lust und Souveränität nachspürt. Ihm glückt dabei ein so üppig funkelnder, lebhafter, durchscheinender und verführerischer Strauss-Klang, für den selbst ein Straussorchester wie die Sächsische Staatskapelle Dresden einen guten Tag erwischen müsste. Ein Fest für die Strauss-Gemeinde! Eins, das beinahe geplatzt wäre, weil die ursprünglich vorgesehene Christine (Soile Isokoski) und dann auch noch der Ersatz ausfiel. Dass schließlich Carola Glaser hier in kürzester Zeit einspringen konnte, und mit Bravour, stimmlicher Kondition und gestalterischer Verve einen Riesenpublikumserfolg für sich verbuchen konnte, lag daran, dass sie diese Partie schon für eine Intermezzo- Produktion im sächsischen Freiberg vor drei Jahren einstudiert hatte. An ihrer Seite überzeugte natürlich vor allem Bo Skovhus als großformatiger Ehemann mit markantem Timbre und einer exzellenten Diktion. Aber auch durch Oliver Ringelhahn als flexibel singendem und spielendem Techtelmechtel der einsamen Ehefrau, Gabriele Bone als intensiv spielender Anna ergänzt durch ein durchweg sorgfältig besetztes übriges Ensemble war dieser Strauss-Exot somit nicht nur ein Orchester-, sondern auch ein Sängerfest im Theater an der Wien.
Carola Glaser (Christine) und Bo Skovhus (Robert Storch); Foto: Rolf Bock
Das Regie-Konzept stammt von Christof Loy. Im Programmheft heißt es dazu wörtlich: Aufgrund einer krankheitsbedingten mehrfachen Umbesetzung während der Probenzeit haben sich Herr Loy und die Intendanz entschlossen, Axel Weidauer und Thomas Wilhelm mit der szenischen Fertigstellung zu betrauen. Bei seinem kurzen Statement vor der Premiere, bei dem er sich vor allem bei Carola Glaser bedankte, erwähnte der Intendant Roland Gayer den Namen Loy dann aber nicht einmal. Bei der Verleihung des Deutschen Theaterpreises Faust, den es für den ja in diesem Jahr auch schon mit dem Titel Regisseur des Jahres der Opernwelt geehrten, auch noch gab, war er neulich gar nicht erst nach Stuttgart angereist. In Wien nun reiste er jedenfalls früher ab, und überließ seine Assistenten die Inszenierung. Das hat schon einen schalen Beigeschmack. Es sieht zumindest so aus, als würde da einen die Höhenluft zu dünnheutig machen, um sich mit solchen Lebenswidrigkeiten wie Umbesetzungen noch persönlich abzuplagen. Pech für ihn, denn nun können Alexander Weidauer und Thomas Wilhelm einen Erfolg für sich verbuchen.
Gabriela Bone (Anna), Andreas Conrad (Kapellmeister Stroh), Andrea M. Dewell (Therese), James Creswell (Kammersänger) & Martin Mairinger (Franz); Foto: Lili Strauss
Ohne jeden realistisch biographischen Bezug zu Strauss ist ihnen eine profilierende Personenführung gelungen. Die ist ohnehin die Hauptsache in der reduzierten Szene, die nur von einer aufklappbaren Parkettwand beherrscht wird. Der Abschied der Eheleute findet zu Beginn in dem schmalen Bereich an Rampe statt. Dann klappt die Riesenparkettwand einfach wie eine Tür zur Seite und die leere Bühne wird zu einer Spielfläche. Als Andeutung für die Rodelpartie genügen da ein Paar Wintersportgeräte, für die Pension ein Klappbett. Mehr ist nicht nötig. Hier entfaltet sich der komödiantische Witz aus der Spannung zwischen den dahin geplapperten Ehe-Klischees und dem großen Strauss-Ton. Und doch ist ein doppelter Boden eingezogen mit Nebengeschichten, einer grotesk eskalierenden Walzerszene, einem gekonnt erfunden Skatspiel, mit Blick ins Publikum und nach hinten weggeschnipsten Karten. Und mit der Schlusspointe, bei der jenes so überschwängliche Nachgeben der Frau am Ende, von dieser Christine direkt aus einer Partitur vorgetragen wird, die ihr der Gatte aufgeschlagen hat. Am Ende ist das beschworene Eheglück wohl doch nur eine Erfindung oder das Wunschbild ihres Mannes? Richard Strauss und seine Pauline blieben jedenfalls ein Leben lang zusammen. In Wien gehen Robert und Christine in verschiedene Richtungen auseinander. Bis sie der Schlussjubel wieder gemeinsam nach vorne ruft.
Das Stück ist fürs Repertoire wohl nicht zu retten. Aber wenn man es schon macht, dann so wie jetzt im Theater an der Wien! Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Licht
Solisten
Robert Storch
Christine
Baron Lummer
Anna
Kapellmeister Stroh
Kommerzienrat
Justizrat
Kammersänger
Notar
Notarsgattin
Franz
Resi
Fanny
Marie
Therese
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