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Musiktheater
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Tristan und Isolde

Handlung in drei Akten
Musik und Dichtung von Richard Wagner

in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 5h 40' (zwei Pausen)

Premiere an den Wuppertaler Bühnen
im Opernhaus Wuppertal
am 8. März 2009


Logo: Wuppertaler Bühnen

Wuppertaler Bühnen
(Homepage)
Ende der wagnerlosen Zeit im Tal


Von Thomas Tillmann / Fotos von Michael Hörnschemeyer

Für viele Wuppertaler war die Premiere von Tristan und Isolde die eigentliche Wiedereröffnung des Wuppertaler Opernhaus nach mehrjährigen Renovierungsarbeiten, für Generalintendant Gerd-Leo Kuck gleichzeitig auch der Abschied von einem Haus, das er in schwierigen Zeiten geleitet hat. Anders als vielleicht erwartet ließ der gebürtige Wuppertaler, der sich mehr im Schauspiel als im Musiktheater engagiert hatte, in seiner Inszenierung der Musik den Vorrang und verließ sich zudem im Wesentlichen auf die Wirkung des abstrakten, von geometrischen Formen dominierten Bühnenraumes von Roland Aeschlimann, der in seiner Hermetik immer wieder durch Schlitze, Bodenluken und Segmentierungen durchbrochen ist. Zwei Stufen in der Nähe des (um die ersten Parkettreihen erweiterten) Orchestergrabens dienen Isolde und Brangäne die längste Zeit des ersten Aktes als Spielfläche, als einziges Requisit kommt der Schrein mit den Tränken hinzu, rechts oben meint man ein stilisiertes Segel angedeutet zu sehen, der Rest ist szenische Reduktion. Ich fühlte mich erinnert an die halbszenischen Bemühungen um Wagners Ring, die es vor einigen Jahren in der Dortmunder Philharmonie zu Ehren von Hans Wallat gab - viel mehr passierte bei Gerd-Leo Kuck in Wuppertal auf der Bühne auch nicht, was keine Todsünde ist, aber ein bisschen mehr Aktion und ein bisschen mehr Interpretation hätte es schon sein dürfen.

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Isolde (Marion Ammann, l.) und Brangäne (Anette Bod)

Tristan macht man irgendwann in blau-violettem Schwarzlicht auf der Bühnenmitte hinter einem durchsichtigen Vorhang aus, der uns nun den ganzen Abend lang begleitet und für eine gleichsam weichgezeichnete Nebeloptik sorgt, manchem Zuschauer aber enorm auf den Wecker geht und trotz anders lautender Bekundungen meiner Meinung nach auch den Stimmen etwas wegnimmt, in jedem Fall aber die Kommunikation zwischen Bühne und Zuschauerraum stört. Der verhängnisvolle Trank wird noch vor dem Vorhang eingenommen, was bewirkt, dass dieser gleichsam aus seiner Verankerung tritt, bevor das Paar hinter ihm und damit im Reich aus Licht und Nebel verschwindet, das dahinter liegt. Wenn sie wieder sichtbar werden, sieht man im Bühnenhintergrund auch die Projektion eines schlichten Rings, den auch Mittelstufenschüler schnell als Symbol der Liebe entschlüsseln. Grünes Licht skizziert den Wald, in dem das Paar sich trifft, violett-schwarzes steht für das nächtliche Beisammensein, Rot wird für die Liebe hinzugemischt, grelles Weiß markiert den Tag und das Hereinbrechen der Realität beim Auftritt Markes - das sieht natürlich alles ganz hübsch aus und sorgt für Atmosphäre, erscheint aber doch ein wenig einfältig und durchschaubar angesichts der komplexen Vorlage und ist somit auch nicht dazu angetan, als Hommage an die bedeutenden Arbeiten von Wieland Wagner in Bayreuth in den sechziger Jahren durchzugehen. Im dünnen Programmheft (in dem Dramaturgin Karin Bohnert daran erinnert, dass eine Muse aus Elberfeld, Agnes Luckemeyer, aus der später Mathilde Wesendonck wurde, den Bayreuther Meister zu seinem Werk inspirierte) liest man Kluges von Nike Wagner über den zweimal einsamen Tod, das Schlüssel hätte sein können für Bilder, die über eindrucksvolle Ruhe und prächtiges Licht, über Darstellergesten, die zum größten Teil von diesen selber erdacht wirkten, über uninspiriertes Herumstehen hinausgegangen wären.

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Isolde (Marion Ammann, l.) und Tristan (John Uhlenhopp)

Für zeitlose Gültigkeit stehen laut Presseeinladung die mittelalterlich-asiatisch anmutenden Kostüme von Andrea Schmidt-Futterer, für das Rituelle der Handlung, mutmaßte mancher Kollege; ich selber halte diese Idee für reichlich willkürlich und zudem überholt, das war ein Trend vor einigen Jahren, und konsequent durchgezogen wurde es hier auch nicht. Sehr schlicht auch hier die Farbsymbolik: Unter ihrem fliederfarbenen Schminkmantel gewahrt man Isoldes rotes Kleid, während Tristan ganz in schwarz daherkommt, nur im Futter seines aufwändigen Kostüms blitzt hin und wieder kurz feuriges Rot auf.

Marion Ammann, die ein merkwürdig weit gespanntes Repertoire hat (neben zentralen Partien des deutschen wie des italienischen jugendlich-dramatischen und dramatischen Fachs sowohl Rosalinde als auch Orlofsky in der Fledermaus und weitere Mezzopartien!) profitierte von den Erfahrungen, die sie in Lübeck und Münster als Isolde gesammelt hat, und sang am Premierenabend einen bemerkenswerten ersten Akt, wohl gemerkt vor der eigentlichen Bühne und damit nah an den Zuschauern, so dass die helle, energisch-durchdringend, aber auch sehr facettenreich eingesetzte Sopranstimme nie in Gefahr geriet, vom Orchester überdeckt zu werden (wofür freilich in gleichem Maße auch der umsichtige musikalische Leiter sorgte), was ihre an sich schon exzellente Diktion noch weiter hervortreten ließ, die die Übertitelung eigentlich überflüssig machte - ein erfreuliches Phänomen in diesen Tagen, in denen Textverständlichkeit mitunter als Sekundärtugend abgetan wird. Als konzentrationsfördernd erwies sich zudem, dass ihr als Darstellerin kaum mehr als ein paar sehr persönlich wirkende Gesten abverlangt wurden (zu denen man sicher auch die großen Vorgängerinnen in den dreißiger Jahren hätte bewegen können), was der Eindringlichkeit ihrer szenischen Interpretation jedoch nichts nahm. In Erinnerung bleiben aber vor allem wunderbare Piani (etwa beim "Er sah mir in die Augen"), zarteste Lyrismen, mit Respekt und Vorsicht gebildete tiefe Töne, die dennoch gut klingen, aber auch fanfarenartige Cs in alto, wenngleich diese noch besser in die Gesangslinie integriert werden könnten, und ein Fluch, der auf Grund der eher lyrischen Möglichkeiten vergleichsweise knapp ausfiel. Im zweiten Akt auf die Mitte der Bühne verbannt, verliert die Stimme dann doch einiges an Durchschlagskraft und Präsenz, jetzt merkt man, wie hilfreich die Position im ersten Akt war, wie klein und reduziert der Sopran der weiterhin sehr bemühten Künstlerin letztlich ist, wie wenig Wärme und wirklich dramatische Farbe er aufweist. Immerhin, den Schluss des Duetts dominierte sie erneut mit unangefochtenen Tönen oberhalb des Systems und großer musikalischer Sicherheit, während sie im dritten Akt seltsam unterkühlt sang und mindestens den Rezensenten kaum anrührte, auch und gerade nicht im Liebestod, bei dem sie sicher ein etwas bewegteres Tempo favorisiert hätte.

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Tristan und Isolde mit Liebestrank

John E. Uhlenhopp war bereits Tristan in Turin und Bremen und überzeugte grundsätzlich mit dunklem Ton in Mittellage und Tiefe, während die Höhe schon zu Beginn enger und weniger farbig klingt. Im ersten Akt machte ihm das Produzieren von leiseren Tönen noch hörbar Mühe, im zweiten hustete er hinter vorgehaltenem Ärmel, atmete auffällig häufig, zerhackte manche Phrase geradezu, kämpfte mit der Intonation und rettete sich in Sprechgesang, heisere Nebengeräusche, einige beinahe abbröckelnde Töne (und Textfehler!) schlichen sich ein, was auf körperliche Probleme oder immense Nervosität schließen lässt, denn auch darstellerisch wirkte der Sänger bis zum dritten Akt merkwürdig unbeteiligt, was Regiekonzept sein könnte, aber im Verbund mit dem ständigen Fixieren eines der Monitore auch musikalische Unsicherheit bedeuten könnte. Glücklicherweise hatte der Künstler sich zum letzten Akt hin erholt, er überraschte jetzt zunehmend auch mit Verinnerlicht-Subtilem, aber schon bald erschrak man auch wieder über heisere, gebrochene Töne, über fahle in der hohen Lage, aber wie so vielen Kollegen gelang es auch Uhlenhopp, aus vokaler Not Ausdrucksmomente zu schaffen, die unmittelbar beührten, auch wenn mir manches Mal bei seinem gewaltsamen Strapazieren der Stimme das Zuhören geradezu wehtat.

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Melot (Olaf Heye, l.), Marke (Gregory Reinhart) und Tristan (John Uhlenhopp)

Eine Enttäuschung war Anette Bod, die als Brangäne über eine Durchschnittslautstärke ungefähr im Fortebereich nicht hinauskam, deren Textverständlichkeit arg zu wünschen übrig ließ, deren Spiel altmodisch und betulich war und die bei grundsätzlichem angenehm reifen, kompakten Ton mit eklatanten Höhenproblemen bis hin zum quälend schrillen Schrei und die Toleranzgrenze überschreitendem Flackern und Pressen kämpfte. Die ganze Partie scheint der Dänin inzwischen eine Terz zu hoch zu liegen, was spätestens in den Proben hätte auffallen müssen. Immerhin, der berühmte Ruf litt weniger unter den beschriebenen Defiziten als die übrigen Passagen. Über frenetischen Beifall konnte sich Kay Stiefermann freuen, der einen sehr hellstimmigen Kurwenal gab, dessen Musik wirklich singend gestaltete und der so nichts gemein hatte mit bellend lauten Interpretationen von Heldenbaritonen im Herbst ihrer Karriere. Man freute sich über den jugendlichen Schwung, die Verve seines Singens im ersten Akt, das Bemühen auch um textliche und dynamische Nuancen, die man sonst oft vermisst, im dritten, in dem er sich auch als sehr aktiver, natürlicher Darsteller erwies. Das Metall in der Stimme indes bleibt Geschmackssache, und ob die Übernahme solcher Partien nicht doch zu ambitioniert ist, wird die Zeit zeigen.

Gregory Reinhart begann als König Marke imposant mit geradezu überrumpelnder Klangfülle, aber die letzte Durchdringung des Textes ließ der Amerikaner dann doch vermissen, und die Stimme hat auch ihre Grenzen in der Höhe. In den kleineren Partien überzeugten die eigentlichen Ensemblemitglieder, namentlich Cornel Frey und Andreas Heichlinger im ersten sowie Boris Leisenheimer mit sorgfältiger Phrasierung im dritten Akt, anders als Olaf Haye, der für den Melot nur schütter-farbloses Material und schlimmen wobble anzubieten hatte.

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Tristan (John Uhlenhopp, l.) und Kurwenal (Kay Stiefermann)

Toshiyuki Kamioka überrascht im Vorspiel und an anderen Schlüsselstellen mit ungewöhnlich langen Generalpausen und den ganzen Abend lang immer wieder mit sehr gedehnten Passagen, in denen die die ja ohnehin immense Spannung dieser Musik bis zum Äußersten und mitunter etwas künstlich auch darüber hinaus ausgereizt wird. Da gibt es Crescendi, die aus dem Nichts kommen (ich musste an diese scheußlichen Hörtests beim HNO-Arzt denken, bei denen man einen Knopf drücken muss, wenn man den eingespielten Ton hört) und mitunter etwas gesucht und "showy" wirken, Pianissimi, die man bewundert, bei denen man aber gleichzeitig den Eindruck nicht los wird, als sollte man an die sorgfältige, harte Probenarbeit erinnert werden, die vorausgegangen sein muss, gewaltige Steigerungen, auch sie mit größter Sorgfalt herausgearbeitet und dadurch in manchen Momenten etwas künstlich und gewollt daherkommend. Er ermöglicht den Sängern durch große Rücksichtnahme manch leiseren Ton, ohne dass man das Gefühl hätte, mit einem "kastrierten" Orchesterklang vorlieb nehmen zu müssen, und für die Patzer beim Hörnerschall kann er ja nicht wirklich, wohl aber für die schönen Höhepunkte während des großen Duetts, die großen Bögen, die Sinnlichkeit, die aus dem Graben dringt und für mein Empfinden mitunter gar einen Hauch zu schwülstig, zu süßlich zu werden droht, die Kontrolle der Klangmassen selbst an Tuttistellen, die vielen wundersam schwebenden Momente - alles in allem also kein Grund, sich jeweils zu Aktbeginn ans Pult zu schleichen und berechtigtem Applaus mit hitzigem Spielbeginn zuvorzukommen (was nicht zuletzt den unangenehmen Nebeneffekt hat, dass die ersten Takte immer in nicht aufschiebbaren Pausengesprächen untergingen). Umso herzlicher wurde er am Ende vor dem Vorhang begrüßt, wie überhaupt der Applaus auffallend frenetisch, langanhaltend, großzügig und dankbar ausfiel. Dennoch konnte diese Wuppertaler Premiere bei mir nicht den Eindruck der Wagnersternstunden von vor zwanzig Jahren auslöschen, als die sicher nicht unumstrittene, wunderbare Gudrun Volkert die Isolde war (neben Danielle Grima als Brangäne, James McCray und Theo van Gemert respektive Jef Vermeersch als Tristan und Kurwenal, dazu Hartmut Bauer als Marke und Peter Gülke am Pult in einer merkwürdigen, viel gescholtenen, aber nie langweiligen Inszenierung der Französin Elisabeth Navratil, von der ich damals beinahe alle Vorstellungen gesehen habe).


FAZIT

"The home team did well", resümierte eine Premierenbesucherin sehr treffend nach einem langen Abend (dem Vernehmen nach hatten die Sängerinnen und Sänger sich eine Stunde Pause zwischen den ersten beiden Akten ausbedungen) im neu eröffneten Opernhaus. Das ganz große Ereignis war es sicher nicht, dazu ist vor allem die Inszenierung nicht angetan, die zwar niemanden stört, aber auch niemanden freuen kann. Immerhin, die lange Wagner-Dürrezeit in Barmen ist vorbei.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Toshiyuki Kamioka

Inszenierung
Gerd Leo Kuck

Mitarbeit
Klaus-Peter Kehr

Bühne und
Lichtkonzept
Roland Aeschlimann

Künstlerische Mitarbeit
Philipp Kiefer

Künstlerische Mitarbeit
Licht
Fredy Deisenroth

Kostüme
Andrea Schmidt-Futterer

Choreinstudierung
Jaume Miranda

Dramaturgie
Karin Bohnert



Herrenchor der
Wuppertaler Bühnen
Sinfonieorchester Wuppertal


Solisten

Tristan
John Uhlenhopp

Isolde
Marion Ammann

Marke
Gregory Reinhart

Kurwenal
Kay Stiefermann

Melot
Olaf Haye

Brangäne
Anette Bod

Hirte
Boris Leisenheimer

Ein Steuermann
Andreas Heichlinger

Stimme eines
jungen Seemanns
Cornel Frey



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