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Neues Stück 2009
Ein Stück von Pina Bausch

Uraufführung am 12. Juni 2009
Wuppertaler Schauspielhaus
Besuchte Aufführung: 14. Juni 2009

www.pina-bausch.de/
(Homepage)
Partnerland Chile

Von Jürgen Kasten / Fotos von Karl-Heinz Krauskopf

Alle Stücke der letzten Jahre entstanden in Zusammenarbeit mit internationalen Partnern. Dieses mal eine Koproduktion mit Festival International de Teatro Santiago a Mil und Goethe-Institut Chile. Im Februar bereiste das Ensemble Chile, um Eindrücke zu sammeln.

Work in Progress nennt Pina Bausch es üblicherweise, wenn ihre Stücke ihr noch nicht formvollendet erscheinen. Einen Namen erhält dieses neue Stück später. Nach der Uraufführung am 12.06.09 im neu gestalteten Opernhaus Wuppertal, erlebte ich die dritte Aufführung am 14.06., die mir ziemlich vollendet erschien.

Peter Pabst, oft schwelgend in überbordenden Bühnenbildern, schuf hier einen schlichten schwarzen Raum mit fast weißem Boden. Vulkane, Asche, Eis, Wüste, solch Assoziationen setzen sie frei. Kontrastreich dazu die bunten, edlen Abendkleider der Damen, entworfen von Marion Cito. Die Herren dagegen wie immer in gedeckten Anzügen.

Vergrößerung

Pina Bausch setzt in diesem Stück fast ganz auf ihre "junge Garde", auch auf neue Gesichter. Morena Nascimento zum Beispiel, die das Publikum zu begeistern und belustigen verstand. Sie sitzt an einem fein gedeckten Tisch. Kaum ist der Kellner verschwunden, kippt sie das gesamte Essen in den Topf zurück, versteckt sich unter dem Tisch und isst mit den Fingern direkt aus dem Topf.

Im Kopf der Zuschauer entsteht die ganze Geschichte
Viele solcher kleiner Szenen fügen sich zwischen die Tanzsequenzen. Deutungsmöglichkeiten werden dem Zuschauer überlassen. Einiges bleibt unerschlossen, doch vieles verweist auf das Partnerland Chile. Das kraftvoll, eindringliche Solo des "Altmeisters" Dominique Mercy, der das Eis aufbrechen lässt. Spalten öffnen sich im Boden, lässt die Bühne brüchig werden. Gefährlich erscheint dies in manchen Szenen, hart und laut erklingt dazu Musik. Umso eindringlicher setzen die Tänzerinnen ihre exakt fließenden Bewegungen oder springen leichtfüßig über die Abgründe hinweg.

Vergrößerung

Eine Frau trägt auf ihrem Rücken einen hell grünenden Baum, setzt ihn inmitten des brüchigen Bodens bedächtig ab. Neues Leben wird gepflanzt.
Tänzer überwinden an einem Seil hängend eine tiefe Schlucht, während eine Tänzerin gehindert wird, ihre Tanzschritte zu vollenden. Ein Seil reißt sie immer wieder zurück.

Durchgängig Pina Bauschs Hauptthema, der Geschlechterkampf. Hier aber liebevoll, augenzwinkernd dargestellt, wobei die Frauen dominieren. Wie immer gieren die Männer nach Aufmerksamkeit. Gehen die Frauen jedoch auf sie zu, zucken sie zurück. Finden sie doch einmal zusammen, werden sie sogleich von anderen Tänzern auseinander gezogen.

Köstlich agiert Fernando Suels Mendoza mal als Gockel, mal als Macho oder erschrockener Liebeswerber, wenn Azusa Seyama mit klassischen Tanzschritten auf ihn zu stürmt und auf den Mund küsst. Ein anderes Mal nutzt er Anna Wehsargs ausgreifende Armbewegungen, um jeweils ihre Hand zu einem Kuss aufzufangen. Oder er sitzt breitbeinig auf einem Stuhl, begrüßt überschwenglich und grinsend die auf die Bühne tretende Frau, zieht sie im Vorbeigehen zu sich hinunter, küsst sie ab. Alle Frauen schreiten vorbei. Das Ritual wiederholt sich gleichbleibend. Eine einzige Tänzerin entzieht sich seiner Umarmung.

Vergrößerung

Immer wieder machen die Männer die Frauen an, nicht wirklich ernsthaft interessiert. Sie unternehmen in der Regel den ersten Schritt zur Zweisamkeit. Die Männer entziehen sich verschreckt.
In wenigen kleinen Augenblicken kommt es zu rührenden Annäherungen.
Dominique Merci und Clémentine Deluy führen eng umschlungen einige Tanzschritte durch. Clémentine schaut über die Schulter Dominiques in den Zuschauerraum. "Ich liebe diesen Moment", lächelt sie, "nicht vorher, nicht nachher - jetzt."

Altbekannt - neu interpretiert
Es sind unzählige Szenen, die sich nicht alle verankern. Zwischenstücke der dreistündigen (inklusive Pause) Tanzcollage. Einige kleine Ensembleauftritte, ansonsten Soli. Getragene, schmalzende bis stampfende südamerikanische Musik. Dazwischen ein amerikanischer Schlager, der aus der Rolle fällt. Im ersten Teil sind es vor allem die Frauen, die ihre Soli hingebungsvoll vortragen. Man kennt sie, die fließenden, ausladenden Arm-Choreographien, die Körper und Gesichter umschmeicheln. Die exakten, ausdrucksstarken Handstellungen. Die langen, wallenden Haare, die lustvoll in den Tanz einbezogen werden.

Doch perfektionieren die Tänzer diese typischen Bausch- Bewegungsabläufe ein ums andere Mal. Altbekannt und doch immer wieder neu. Eine Freude zuzusehen.
Jeder hat sein bemerkenswertes Solo. Und doch stechen für mich vor allem im zweiten Teil zwei Frauen besonders hervor. Clémentine Deluy und die kleine Indonesierin Ditta Miranda Jasjfi. Ihre Präsenz ist raumeinnehmend, vibrierend.

Vergrößerung

Neun Frauen und sieben Männer bilden das Ensemble. Erst im fortgeschrittenem Stück finden sie zusammen, sitzen hinter einander und kraulen zärtlich das Haupthaar des jeweiligen Vordermannes und natürlich …frau.
Fast ganz zum Schluss noch eine anrührende Gruppenszene. Bäuchlings an der Rampe liegen die Damen, bewegen neckisch Arme und Kopf, lächelnd dem Publikum zugewandt. Die Männer präsentieren sich analog, müssen aber versetzt hinter den Frauen liegen. So kommt auch diese Botschaft an: Letztendlich bestimmen die Frauen das Geschehen im inzwischen nicht mehr aggressiven Geschlechterkampf.

Im Gegensatz zu früheren Stücken ist alles leichter, heiterer geworden. Auch in dem neuen Stück, das gleichwohl von Wehmut, Ängsten, Hoffnungen durchzogen ist.
Eine dramaturgische Klammer unterstreicht diesen Eindruck: zu Beginn des Abends kniet eine Darstellerin im weißen Kleid wie ein verlorenes Tier auf der leeren Bühne. Zwei Männer kommen hinzu, wollen sie woanders hintragen. Sie schreit auf. Die Männer lassen ab und versuchen es erneut. Im Schlussbild wiederholt sich diese Szene. Wortlos und alleine hockt die Frau nun aber dort. Ein trauriger Anblick im langsam ausblendetem Scheinwerferlicht.
Aufbrausender Beifall, der sich zu stehenden Ovationen ausweitet, als Pina Bausch sich nach dem dritten Vorhang dem strahlenden Ensemble einfügt.


Nachtrag zum Tode von Pina Bausch:

Der Kulturbeauftragte der Landesregierung NRW hofft, dass das Tanztheater Wuppertal weiter bestehen wird und auch Pina Bausch bisherige Stücke aufgeführt werden. Die Zuschüsse des Landes stehen dafür jedenfalls weiterhin zur Verfügung.




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Inszenierung und Choreographie :
Pina Bausch

Bühne und Videoprojektion:
Peter Pabst

Kostüme:
Marion Cito

Musikalische Mitarbeit:
Matthias Burkert,
Andreas Eisenschneider

Das Ensemble:
Pablo Aran Gimeno,
Rainer Behr,
Damiano Ottavio Bigi,
Aleš Cucek,
Clémentine Deluy,
Silvia Farias Heredia,
Ditta Miranda Jasjfi,
Nayoung Kim,
Eddie Martinez,
Dominique Mercy,
Thusnelda Mercy,
Morena Nascimento,
Azusa Seyama,
Fernando Suels Mendoza,
Anna Wehsarg,
Tsai-Chin Yu.
Musik:
Cecilia, Congreso,
Rodrigo Covacevich,
Inti Illimani,
Victor Jara,
Magdalena Matthey,
Mecánica Popular,
Violeta Parra,
Chico Trujillo,
Mauricio Vivencio.

The Alexander Balanescu Quartett,
Cinematic Orchestra,
Carl Craig & Moritz von Oswald,
Matthew Herbert,
Jean Pierre Magnet,
Russel Mills,
Daniel Melingo,
Madeleine Peyroux,
Pilote,
David Sylvian,
Amon Tobin,
Allen Toussaint,
Manuel Wandji,
Bugge Wesseltoft,
Alexander Zekke.





Weitere Informationen

www.pina-bausch.de/





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