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Lachender Tod
Von Roberto Becker / Fotos von Eva Ripoll / Palau de les Arts Reina Sofia Am Ende dieser Götterdämmerung wird Loges berühmte Frage an sich selbst aus dem Rheingold-Finale (Wer weiss, was ich tu ...) tatsächlich einmal explizit beantwortet. Nachdem Brünnhilde nämlich mit beachtlichem Effekt das große Weltenfeuer entzündet hat, und auf dem halben Dutzend durchweg fantastisch funktionierender Wunderprojektionswände die Flammen lodern, da taucht der Halbgott noch ein mal auf seinem fahrbaren Untersatz in Windeseile auf, um sich an seinem grandiosen Auftritt mit geradezu teuflischem Schalk zu erfreuen. Anders als seine in diesem Schlussbild ebenfalls wiederkehrenden Voll-Götter-Kollegen dürfte er aber als einziger überleben. Oder sich in den Flammen, die den Untergang der anderen besiegeln, sozusagen als dialektische Pointe vollenden. Bei diesem Finale bleibt jedenfalls kein Funken erkennbarer Hoffnung auf einen Neuanfang, außer vielleicht die vage Spekulation mit der kreativen Kraft der Zerstörung.
Die Nornen und ihr Seilsalat Auch wenn man das bei all der illustrierenden Oberflächenfixierung, ja Verliebtheit, mit der die spanischen Theatermacher von La Fura dels Baus (wobei als Regisseur namentlich Carlus Padrissa benannt ist) ihre Reise durch das Ring-Universum in den letzten drei Jahren absolviert haben, gar nicht mehr erwartet hatte, kriegen sie mit dieser Götterdämmerung doch noch so etwas wie eine halbwegs schlüssige, eigene Interpretationskurve. Zunächst einmal fluten vor allem wieder die Bilder: Da gibt es projiziertes Rheinwasser-Geblubber mit vorbeiziehenden Fischen, aber auch mit Müll. Da imponieren wieder die Anflugperspektiven aus den Tiefen des Alls auf eine rotierende Erde, deren Kontinente flammenumspielte Ränder haben. Da schweben die raunenden Nornen unter Einsatz der Hebetechnik und richten ihren Seilsalat an. Da gibt es wieder die Schwindel erregenden Kamerafahrten durchs Gebirge, hin zum Brünnhilden-Felsen, der sich bei der Ankunft auf der Bühne dann doch wieder nur als der überdimensionale Servierteller für eine im Hartschalenkorsett verpackte dramatische Sopranistin entpuppt, über den man schon einmal schmunzeln durfte.
"Schläfst du, Hagen, mein Sohn?"
Neben all diesem illusionistischen Dauerfeuer gibt es aber doch auch immer wieder Bilder, die nicht nur durch ihre pure Perfektion faszinieren, sondern die ihre eigene visionäre Kraft und narrative Dynamik entfalten. Dazu gehört vor allem jene fantastische und mit eigenständigem Kunstanspruch vom Nibelheim-Mechanismus zu einem postindustriellen Gibichungen-Megalopolis weiterentwickelte urbane Utopie, über die Hagen herrscht. Deren finstere Mechanik einer Menschenproduktion wird jetzt zunehmend von einem fließenden Strom der Zeichen und Zahlen überflutet. Sie legen sich wie die Insignien eines digitalen Zeitalters über die industriell mechanischen Versatzstücke einer aus der Mode gekommenen Welt. Nicht nur diese metaphorische Pointe ist vor allem im Rheingold vorbereitet worden, sondern auch das Bild für den utopischen Gegenentwurf Wotans. Sein Walhall hatte sich im Rheingoldfinale als matrixartig verknüpftes Menschennetz geriert. Jetzt taucht dieses zum Logo des ganzen Ringprojektes avancierte artistische Konstrukt wieder auf. Aber nur, um im Ansturm der Flammen erst seine Verknüpfungen aufzugeben und dann in Gestalt vereinzelter Individuen am Ende tot in den Seilen zu hängen. Für sich genommen ist das nicht nur ein grandioses, artistisch umgesetztes Gleichnis, sondern trifft in der Zusammenschau des Ring-Vorabends und seines Finales auf gewisse Weise auch den Kern der Geschichte.
Die Ankunft der verratenen Braut Selbst einen Verweis auf die politische Dimension des Intrigenstadels der Götterdämmerung findet sich. Voll auf den grandiosen, stimmlich vom biologischen Alterungsprozess scheinbar abgekoppelten Matti Salminen als Hagen bauend, wird sein Komplott, vor allem die Einberufung der Mannen, zu einem beklemmenden Zählappell für ein letztes Aufgebot. Während dieses Aufmarsches zerlaufen die Götternamen auf den Riesenspruchbändern im Hintergrund zu blutigen Spuren von Gewaltopfern. So wird auch der tote Siegfried ganz wiedererkennbar heutig von einer Gruppe Vermummter durch den Zuschauersaal herausgetragen, wobei während des Trauermarsches das Orchester auch optisch in der Draufsicht die Bühne füllt. Diese direkte Hinwendung zur Musik und zu den Zuschauern gehört zu den stärksten Momenten, die Padrissa gelungen sind.
Die Götternamen zerfließen im Blut beim Aufmarsch der Mannen
Das ist für eine Ringdeutung, die das Potenzial der Personenführung für das Gesamtkunstwerk weitgehend ungenutzt lässt, dann doch beachtlich. Im Siegfried hatte man noch versucht, die Defizite bei der Personenführung durch den deutschen Regieroutinier Hans-Peter Lehmann etwas ausgleichen zu lassen. Da das bei der Dominanz der Videos nicht recht gelang, hat man diesen Ehrgeiz im letzten Teil gleich ganz sein lassen. Und doch kann letztlich die inhaltliche und technische Qualität von Franc Aleus Videos, vor allem aber die musikalische Überzeugungskraft dieser Götterdämmerung diesen essentiellen Mangel zu einem großen Teil kompensieren. Für das Sängerensemble hat Hausherrin Helga Schmidt auch beim abschließenden Ring-Teil ein gutes Händchen bewiesen. In Valencia dürfte es dann noch mal besonders gut ankommen, wenn bei den zwei Komplett-Durchläufen der Tetralogie im Juni auch Placido Domingo als Siegmund mit von der Partie ist. In der Götterdämmerung ist allein der dämonische Hagen von Matti Salminen eine Sensation und auch Franz-Josef Kapellmann als Alberich hinreichend düster.
Walhallskulptur und Rheintöchter Die stattliche Jennifer Wilson ist eine prachtvolle Brünnhilde. Auch für ihren kurzen Besuch bei der Verbannten liefert die Waltraude von Chatherine Wyn-Rogers Walkürenformat. Lance Ryan ist ein zuverlässig heldischer Siegfried mit guter Kondition. Ralf Lukas und Elisabete Matos überzeugen als wendiger Gunther und als liebesbedürftige Gutrune ebenso, wie die Nornen, die Rheintöchtern und auch der grandiose Chor! Für den inneren Zusammenhalt des Ganzen, aber auch der Götterdämmerung im Einzelnen, liefern Zubin Mehta und das Orquestra de la Comunitat Valencia ein fabelhaftes und sicheres Fundament. Metha hat hier ein Wagnerorchester von beachtlichem Format geformt, schwelgt geradezu in der Spiellust und Detailfreude der Musiker und lässt sich natürlich weder den Rückenschauer beim Trauermarsch noch den bei Brünnhildes Schlussgesang entgehen.
Diese Götterdämmerung schließt ein Ring-Projekt ab, das in das spektakuläre Opernhaus von Santiago Calatrava passt. Die Defizite in der Personenführung, die im Vergleich zur üblichen Rezeption unübersehbar sind, werden durch die eigenständige Qualität der Bebilderung zum Teil kompensiert. Musikalisch ist dieser Ring ohnehin eine runde Sache. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Videos
Chor
SolistenSiegfriedLance Ryan
Brünnhilde
Gutrune
Gunther
Alberich
Hagen
Waltraute
1. Norn
2. Norn
3. Norn
Wellgunde
Woglinde
Floßhilde
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