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Armide

Tragédie en musique en un prologue et cinq actes (1686)
Libretto von Philippe Quinault
Musik von Jean-Baptiste Lully


in französischer Sprache

Aufführungsdauer: ca. 3h 15' (eine Pause)

Premiere am 8. Oktober 2008 im Grand Théâtre Genève (Genf)


Théâtre des Champs-Élysées
(Homepage)

Der König sind wir

Von Joachim Lange / Fotos von Alvaro Yañez


Erstaunlicherweise haben die Versuche, Opern von Jean Philippe Rameau oder dessen großem Vorgänger Jean Baptiste Lully zu einem ähnlich boomenden Nachruhm zu verhelfen, wie er etwa Georg Friedrich Händel seit Jahren zuteil wird, in Paris Seltenheitswert. In Gerard Mortiers Kanon für die Opera National de Paris passten diese alten Franzosen einfach nicht. Es liegt Jahre zurück, dass im Palais Garnier Rameaus Platee über die Bühne quakte oder, dass William Christie aus dem Tanz der Friedenspfeife als Zugabe zur Galanten Inderin einen regelrechten da capo Hit machte. Da hat es fast schon etwas von ausgleichender Gerechtigkeit, dass jetzt Dominique Meyer für sich und das in der Opernmetropole Paris sozusagen nebenher laufende Théâtre des Champs-Élysées einen durchschlagenden Erfolg ausgerechnet mit Lullys später Armide verbuchen kann. Die sonst so schnell nach heftigem aber kurzem Schlussapplaus das Weite suchenden Pariser hielt es diesmal für einen minutenlangen Jubel an ihren Plätzen.


Vergrößerung in neuem Fenster Ensemble

Kein Wunder, denn Lullys Fünfakter mit ausführlichem Prolog und ausgedehnten Balletteinlagen gehört zu dessen reifsten Werken. Seine Version des vielfach vertonten, populären Armide-Stoffes ist ein Jahr vor seinem Tod entstanden und mit der Hoffnung komponiert worden, die verloren gegangene Gnade seines Königs wieder zurückzuerlangen. Lully verfügt hier souverän über alle seine Mittel, verblüfft aus heutiger Sicht durch eine trotz aller Zugeständnisse an die höfischen Konventionen stringente, stets musikalisch getriebene Handlung und eine recht weitgehende psychologische Auslotung seiner Figuren. Wobei das Pariser Produktionsteam allerdings schon durch seine gemeinsame Erfahrung prädestiniert dafür war, die Vorzüge des speziell Französischen dieser Armide aufscheinen zu lassen. Und zwar musikalisch und szenisch. William Christie und seine Spezialistentruppe Les Arts Florissantes halten seit Jahren eine internationale Spitzenstellung, wo es um eine unaufgeregte, lebendige sogenannte historische Aufführungspraxis geht. Und der Kanadier Robert Carsen läuft immer dann zu Hochform auf, wenn er sich Stoffen zuwendet, die nicht einer tagespolitisch überforderten Dauerinterpretation auf den Opernbühnen ausgesetzt sind.


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Armide (Stéphanie d’Oustrac) - Hidraot (Nathan Berg)

Carsen, der gerade die große Marie-Antoinette-Ausstellung im Pariser Grand Palais arrangiert hatte, beginnt mit zu spät kommenden Touristen, die sich noch in die Reihen drängeln und die dann das heutige Versaille besichtigen. Die allegorischen Figuren Ruhm (Claire Debono) und Weisheit (Isabelle Druet) des Prologs übernehmen als couragierte Fremdenführerinnen dieser sommerlich gekleideten Touristen eine Führung durch diesen Ort der Selbstverherrlichung des Königs und Frankreichs. Mit Louis Quatorze in allen Posen und Lebenslagen. Mit einer ausgelassen Tanzeinlage im berühmten Spiegelsaal (wohl als kleine Zusatzprämie für das Bemühen um Marie Antoinette genehmigt) und im Park.

Beim Schlossrundgang riskiert dann einer der etwas verträumten Touristen sogar ein Probeliegen im Prunkbett des Königs. Er schläft dabei ein und träumt sich die ganze dann folgende Oper. Natürlich mit sich selbst in der Rolle des standhaften Ritters Renaud, den Paul Agnew mit stimmlicher Geschmeidigkeit und gut konditionierter Eloquenz so lange verkörpert, bis er für die Schlusssequenz dann wieder erwacht, als schon die nächste Touristengruppe durchs Chambre du Roi geschleust wird. Innerhalb dieser ganz unverkrampft spielwitzigen Klammer finden sich die Akteure dieser Liebesgeschichte, die zwischen Verführung, Widerstehen, Erliegen und Scheitern changiert und in der auch der Hass seine Rolle spielt, in einem Raum, der sowohl an den Spiegelsaal als auch an das königliche Schlafzimmer erinnert. Der Abglanz einer sonnengoldenen Zeit schimmert immerhin noch silbrig grau: von den Wänden, über das eine zentrale Schlafmöbel und die kleine Abtrennung davor bis hin zu allen Kostüme. Die beiden Fremdenführerinnen tauchen als Armides Vertraute Phénice und Sidonie jetzt in silbriger Krinolinenpracht wieder auf. Jetzt liegt Armide im Prunkbett und beginnt die Hofhaltung wie es sich gehört, von hier aus. Nur sie, bzw. die erwachenden und dann lodernden Emotionen, fallen mit leuchtendem Rot aus dem Einheitsgrau heraus.


Vergrößerung in neuem Fenster Armide (Stéphanie d’Oustrac) - Renaud (Paul Agnew)

Auch wenn es sich durch den strukturell hohen Anteil auch besinnlicher Ballettmusik gegen Ende etwas hinzog, so boten die insgesamt über drei Stunden nicht nur Musik vom Feinsten. Dass die spezifisch französische Symbiose von Wort und Musik mustergültig geriet, geht auf das Konto der Interpreten. Dass man obendrein ein durchaus spannendes, in sich stringentes Stück Musiktheater erlebte, dass auch den seit Ludwigs Zeiten deutlich gewandelten Erwartungen an einen durchgängigen, dramaturgisch schlüssigen Handlungsbogen und nachvollziehbare Figurenpsychologie standhält, geht auf das Konto des Regieteams, das nicht nur mit der für Carsen typischen, stilsicheren szenischen Opulenz glänzte, sondern mit der durchweg faszinierend nacherfundenen, ganze Epochen des Ausdrucks gleichsam überwölbenden Choreographie von Jean-Claude Gallotta symbiotisch zusammenfand. Es ist ein Operntraum, der immerhin einen silbernen schimmernden Abglanz jenes goldenen Zeitalters aufscheinen lässt, in dem der König selbst so gerne eine Sonne tanzte. Und dann der Sonnenkönig wurde, an dem sich auch Lully erwärmte.


FAZIT

Nicht zum ersten Mal ist William Christie und Robert Carsen ein gemeinsamer Wurf gelungen. Diese Lully-Ausgrabung war in jeder Hinsicht eine runde Sache und eigentlich viel zu schade für nur eine Aufführungsserie an einem Haus.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
William Christie

Inszenierung
Robert Carsen

Ausstattung
Gideon Davey

Choreographie
Jean-Claude Gallotta



Tänzer des Centre
Choréographique National
de Grenoble /
Group Emile Dubois

Les Arts Florissants


Solisten

La Gloire, Phénice, Lucinde
Claire Debono

La Sagesse, Sidonie, Mélisse
Isabelle Druet

Armide
Stéphanie d'Oustrac

Hidraot
Nathan Berg

Renaud
Paul Agnew

Ubalde, Aronte
Marc Mauillon

Artémidore
Marc Callahan

Le Chevalier Danois
Andrew Tortise

La Haine
Laurent Naouri

Un amant fortuné
Anders J. Dahlin



Weitere
Informationen

erhalten Sie vom
Théâtre des Champs-Élysées
(Homepage)



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