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Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
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Die Oper der Kinder von Theresienstadt
Von Ursula Decker-Bönniger
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Fotos von Michael Hörnschemeyer
Auf dem Höhepunkt des Sängerkriegs verstummt die Musik. Und der Zuschauerraum des Kleinen Hauses wird als Spielfläche miteinbezogen, wenn die Kinder in Reih und Glied marschieren, sich im ostinaten, bedrohlich wirkenden Rhythmus symbolisch zur Widerstandsgruppe vereinen und dem bösen Leierkastenmann Brundibár, der sie verfolgte und beraubte, die Fluchtwege versperren. Anschließend feiern sie ihren Sieg in einem Chor der Freundschaft und des Zueinanderstehens. Eingebettet in eine Autorenlesung mit Zeitzeugengespräch und Ausstellung, die von Schülern des Johann-Conrad-Schlaun-Gymnasiums erarbeitet wurde, kooperierten gleich mehrere Münsteraner Institutionen, darunter maßgeblich die Städtischen Bühnen, die Dommusik (Chor und Solosänger) und die Westfälische Schule für Musik (Orchester), um die aus der eigenen jüdischen Leidensgeschichte erwachsene Oper Brundibár des Komponisten Hans Krása aufzuführen und an die Novemberpogrome von 1938 zu erinnern.
Simon Bode (Erzähler), Lennard Belke (Spatz), Nienke Balz (Aninka), Robert Schlüter (Katze), Constantin Mühlan (Pepicek), Jan-Niklas Niehaus (Hund)
Krása, der Kompositionsschüler Alexander Zemlinskys und bis 1933 als Lehrer, erfolgreicher Komponist und Dirigent tätig war, hatte seine Kinderoper ursprünglich für einen Wettbewerb des tschechoslowakischen Kultusministeriums vorgesehen. 1939, nach der deutschen Besetzung des Landes, war eine öffentliche Aufführung jedoch nicht mehr möglich, sodass eine heimliche Uraufführung 1941 in einem Prager Waisenhaus stattfand. Die in Münster aufgeführte Textfassung entstand im Jahre 1943 im Konzentrationslager Terezín (Theresienstadt). Hier war aus der Kinderoper ein Lehrstück à la Brecht geworden, wo anstelle der Liebe zu Vaterland und Eltern die Verpflichtung zu Wahrheit und Angstlosigkeit als Voraussetzung, um das Böse, ja Verbrecherische zu bekämpfen, besungen werden. Erzählt wird die Geschichte der mittellosen Geschwister Aninka und Pepicek, die - ähnlich wie der Leierkastenmann Brundibár auf dem Marktplatz - Geld durch Straßenmusik verdienen wollen, um Milch für ihre kranke Mutter kaufen zu können. Ein Sängerkrieg beginnt, der dank der Solidarität eines Tiertrios und der anderen Kinder der Stadt glücklich endet. Krásas an Weill erinnnernder, durchsichtiger Kompositionsstil, mit eingängigen, atonal und jazzig verfremdeten Rhythmen und Harmonien, war dabei so mitreißend, dass die Oper eine Art Hymne der Kinder von Theresienstadt wurde. Innerhalb eines Jahres kam es zu legendären 55 Aufführungen.
Lennard Belke (Spatz), Robert Schlüter (Katze), Jan-Niklas Niehaus (Hund), Constantin Mühlan (Pepicek), Nienke Balz (Aninka)
Im Bewusstsein ihrer vielfältigen historisch-politischen Bezüge inszeniert Regisseur Jan Sturmius Becker die etwa 35minütige Oper als Oper der Kinder von Theresienstadt, der autobiographische Erinnerungen an das Leben im Ghetto vorangestellt sind. In der Gestalt eines alten, großväterlich wirkenden Zeitzeugen, der seinen Kindern von der Entstehung der Oper, der Deportation nach Terezín und den folgenden Aufführungen erzählt, verbinden sich Gegenwart und Vergangenheit. Symbolträger für die barbarisch unmenschlichen Verhältnisse und die Hoffnung der Kinder ist der Koffer. Mit ihm betreten sie die Bühne, er wird in die bereits voller Koffer stehenden Regale gewuchtet, er wird zum Leierkasten des bösen Brundibár umfunktioniert, aus ihm nehmen sie die bunten T-Shirts, die sie für das Spiel gegen ihr sepiafarbenes Einheitsgrau tauschen, um wie damals den Lageralltag zu vergessen und in Erinnerungen an ihren normalen, schönen Kinderalltag aufzuleben ein Hoffnungsschimmer damals für kurze Zeit, denn je nach Kapazitäten der weiter im Osten gelegenen Vernichtungslager wurden die Mitwirkenden in den Tod geschickt. Das kleine, aus Schülern der Musikschule zusammengestellte, überwiegend solistisch besetzte Kammerorchester aus Streichern, Querflöte, Klarinette, Trompete, Gitarre, Akkordeon, Klavier und Percussion spielt den unkonventionellen, anspruchsvollen Orchesterpart unter der Leitung des ersten Kapellmeisters der Dommusik Andreas Bollendorf ausgesprochen professionell, einfühlsam und spritzig. Und auch das Spiel der lebendig und unverkrampft auf der Bühne agierenden Solisten und Chorkinder macht einen mitunter die historische Last dieses Werkes vergessen.
Eine empfehlenswerte, politisch und historisch bildende Inszenierung für Jung und Alt. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Regie
Bühne und Kostüme
Choreinstudierung
Dramaturgie
Solisten
Pepicek
Aninka
Brundibár
Eismann
Bäcker
Milchmann
Polizist
Spatz
Katze
Hund
Erzähler
Erzähler Vorspiel
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