|
Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
|
|
Premiere im Nationaltheater München am 5. Juli
2009 Münchner Opernfestspiele 2009 Ein fast
einhelliger, wütender Orkan
von „Buh“-Rufen schlug
dem Regieteam beim Schlussapplaus entgegen. Es schien, als ob sich in
diesem
Moment nur noch wenige Hände rührten und niemand den Mut
hatte, dieser
scheinbar so einhelligen Ablehnung sein „Bravo“
gegenüberzustellen. Was war
geschehen? Richard Wagners
nicht ganz unproblematische,
große
romantische, aber eben auch politische Oper hatte als Premiere der
Münchner
Opernfestspiele 2009 sehr hohe Erwartungen geweckt. Als Regisseur war
Richard
Jones verpflichtet worden, der in den Bühnenbildern und
Kostümen von Ultz ungewöhnliche
Sichtweisen auf die Geschichte des Schwanenritters anbot. Wer sich nach
den
zugegebenermaßen zunächst – aber eben auch nur zunächst
– verstörenden Bildern
des ersten Aktes auf das ganz und gar schlüssige Regiekonzept
einließ, erlebte
einen außerordentlich spannenden, bereichernden Opernabend. Das
beherrschende Bühnenelement ist ein
Ein-Familien-Haus,
das von der Bauzeichnung an bis zum Bezug auf der Bühne entsteht.
Eine
bühnenbreite Brücke, die im Laufe der Handlung demontiert
wird, bietet dem Chor
eine zusätzliche Spielfläche. Elsa (Anja Harteros) vor König Heinrich (Christof
Fischesser), Während
die Männer vor einem
runenreihen geschmückten
Zwischenvorhang Krieg und Ehre verhandeln, haben Frauen begonnen, die
Wände
eines neuen Hauses zu mauern (was bei Elsa allerdings eher wieder ein
liebevolles Spielen mit dem Mörtel ausschaut). Auch hier entsteht
eine
Assoziation, man denkt an Trümmerfrauen und liegt damit sicher
nicht ganz
verkehrt. Lohengrin
selbst erscheint in blauem T-Shirt
mit grauer
Hose. Lediglich die silbernen Streifen und Schuhe lassen auf etwas
Ungewöhnliches an ihm schließen. Er trägt einen Schwan
(sic!) über die Bühne
nachdem er sein „Nun sei bedankt“ aus dem Off gesungen hat. Im
fulminanten Zweikampf entwaffnet Lohengrin Telramund mit
einem Blitz und kann den erneuten Angriff Telramunds mit Lohengrins
abgelegtem
Schwert abwehren. Mit fairen Mitteln kämpft Telramund nicht. Wie
auch, denn er selbst ist seiner Gattin hörig und tut,
was er eigentlich nicht tun will. Diese wiederum arbeitet mit ganz
einfachen,
aber effektiven Mitteln: Ortrud ist ein blonder Vamp im Hosenanzug. Mit neuem Elan
und der Hoffnung auf eine
bessere Zukunft
wird das Haus weitergebaut - angeführt von Lohengrin, der mit der
Kelle so gut
umgehen kann wie mit dem Schwert. Ein Herrscher, der mit anpackt – und
der
auch im zweiten Akt nicht müßig ist: In Zimmermannskluft
schleift und lackiert
er in seiner Werkstatt erst einen Fensterrahmen, dann eine Babywiege.
Die
Jesus-Assoziation drängt sich auf. Während Ortrud erst
Telramund und dann Elsa
betört, schläft der Antiheld auf einem Feldbett den Schlaf
des Gerechten. Hochzeitsmarsch
zum Einzug Pünktlich zur Hochzeit ist das Haus
dann fertig. Ortrud
benimmt sich schlecht, Telramund vom Kiefernholzbalkon aus noch
schlechter.
Eine Zwischenlösung zwischen Kirche und Standesamt stellt ein
einfacher Tisch
mit Holzkreuz dar. Das Unterschreiben des Ehevertrages wird per Kamera
live
übertragen und auf die runden Leinwände projiziert. Elsa
schreibt ihren Namen,
Lohengrin macht nur einen Haken – ob das verwaltungstechnische
Bestandskraft
hat? Trautes Heim, Glück allein? Wohl kaum.
„Hier wo mein Wähnen
Frieden fand…“ Die Wahnfried-Inschrift in Blumen gesteckt, verweist auf
die
Dramen unter der Oberfläche, verweist auf Wagner selbst und auf
Wotan im
„Rheingold“. Das Haus ist fertig. Die
Hochzeitsgäste begleiten das
Paar und bringen die restlichen Möbel. Vom Kinderwagen bis zum
Kaninchenstall
ist alles da und über das Bett wird die Bauzeichnung gehängt.
Doch als Elsa und
Lohengrin allein sind, scheint es, als trauten sie sich in der
Hochzeitsnacht
nicht, die Socken voreinander auszuziehen. Da war doch noch etwas… Unter
Opernfreunden ist es üblich, viel
Verständnis für Elsa
zu zeigen („hältst Du auch Elsa die
Stange?“) und Lohengrins Frageverbot als unmöglich zu enttarnen.
Nachdem Elsa
die Frage dann nicht mehr zurückhalten konnte und Lohengrin
Telramunds Angriff
mit der bloßen, flachen Hand abwehren konnte, wird deutlich, dass
nicht nur
Elsa Lohengrin brauchte, sondern auch Lohengrin Elsa. Nur so kann er
aus „Glanz
und Wonnen“ herauskommen und Mensch werden. So ist es Lohengrin, der
vor dem sich
senkenden schwarzen Vorhang verzweifelnd, gebrochen, entsetzt
zurückbleibt. Ein
starkes, ein erschreckendes Bild, das für sich genommen
völlig ausreichen
würde. Dass der Regisseur hier noch eine Parallele zur beinahe
erfolgten
Hexenverbrennung im ersten Akt zieht, in dem er Lohengrin, das
Kinderbett aufs
Ehebett stellen, alles mit Benzin übergießen und dann
verbrennen lässt, stört
die Sensibilität der Szene, zeigt aber auch, dass Lohengrin nicht
nur sanftmütig ist. Das ist eine starke
Geschichte in starken
Bildern. Die
Geschichte des Hausbaus mit allen seinen gesellschaftlichen,
politischen und
persönlichen Hintergründen bietet gleichzeitig einen Rahmen
und eine
Assoziationsplattform. Die Gedanken zu gesellschaftlichen und
politischen Vakuumsituationen werden ebenso deutlich wie die Frage, wer
hier wen braucht, um glücklich zu sein. Eine handwerklich gut
gearbeitete Personenregie,
die
viele ganz starke Momente enthält, eine überzeugende
Modernisierung sowie das
Beleuchten von Teilaspekten lässt diese Inszenierung zu einer
spannenden
Produktion werden. Diese Lesart muss nicht jedem gefallen, mag dem
einen
vielleicht auch zu plakativ erscheinen, dem anderen zu detailverliebt,
aber
hier offenbart sich ein schlüssiges Konzept, das sich selbst
erklärt. Und mehr noch: Wenn Lohengrin
allein vor dem Vorhang
verzweifelt, wenn selbst die kitschig-peinliche Textstelle „Elsa, ich
liebe
Dich“ durch einen innigen Kuss zu einem schönen Moment wird, und
wenn das
Brautlied vom Wunschkonzert-Image befreit wird, in dem der Chor
während des
Singens auf- und später wieder abtritt, dann zeigt dies, dass
Richard Jones ein
außerordentlich musikalischer Regisseur ist, der nie gegen die
Musik, sondern
immer mit ihr arbeitet. Und alles das ist in Zeiten des Regietheaters
sehr
viel. Das ganz große Ereignis dieses Abends
war jedoch ein anderes
Rollendebüt: Anja Harteros blieb der Elsa nichts, aber auch gar
nichts
schuldig. Diese Kombination aus Stimmschönheit, Ausdruckskraft und
absoluter
Präzision erschien schon fast überirdisch. Ein warmer,
substanzreicher Sopran,
der auch samtig-dunkle Töne hat und doch so mädchenhaft rein
klingen kann –
einfach wundervoll. Die Kombination von Präzision und
Ausdruckskraft beherrscht
auch Michaela Schuster, wenn man von ein paar unschönen Höhen
absieht. Eine
Ortrud, die so kultiviert flucht und geifert, erlebt man selten – und
gerade die
verführerischen, ja erotischen Momente gelingen ihr
außerordentlich stark. Dabei
beweist sie, dass man auch Furien präzise singen und gleichzeitig
eindringlich
gestalten kann. Wolfgang Kochs kraftvoller Bariton klingt
prächtig, auch wenn
der Sänger seinem üppigen Material häufiger freien Lauf
lässt, was auf Kosten
der Intonation geht. Er erreicht so eine Rollengestaltung, die eher an
einen
auftrumpfenden Emporkömmling erinnert als an einen edlen Grafen.
Christof
Fischesser hat nicht den ganz großen Bass, verleiht König
Heinrich aber dennoch
die angemessene Würde. Evgeny Nikitin singt den Heerrufer angenehm
kultiviert,
ohne der Gefahr des Brüllens zu erliegen. Mit vier Tölzer
Knaben sind die
Edelknaben luxuriös besetzt. Prachtvoll und zuverlässig wie
immer klingen Chor
und Extrachor. Eine schlüssige Inszenierung, die in
außergewöhnlichen
Bildern ganz spannend Teilaspekte beleuchtet, ohne sich in
unnötigen Details zu
verlieren. Musikalisch ein Genuss, auch wenn die höchsten
Ansprüche an anderer
Stelle erfüllt wurden als erwartet. Musikalische
Leitung Inszenierung
Bühnenbild
und Kostüme Licht Choreografische
Mitarbeit Dramaturgie
Chor und
Extrachor der Komparserie der
Heinrich der
Vogler, deutscher König Lohengrin Elsa von
Brabant Friedrich
von Telramund Ortrud, seine
Gemahlin Der
Heerrufer des Königs Vier
brabantische Edle Vier
Edelknaben Herzog
Gottfried Weitere
Informationen
Lohengrin
Romantische Oper in drei Aufzügen
von Richard Wagner
Aufführungsdauer:
ca. 5 Stunden (zwei Pausen)

Münchner
Opernfestspiele
(Homepage)
Lohengrin wird
nicht erlöst
Von Bernd Stopka
/ Fotos von Wilfried
Hösl
Lohengrins
Ankunft
auf dem Hochsitz der Heerrufer (Evgeny Nikitin)
Maurermeister Lohengrin (Jonas
Kaufmann),
daneben Elsa (Anja Harteros)
(Lohengrin (Jonas Kaufmann) und Elsa (Anja Harteros)
am neuen Eßtisch, im Kinderzimmer darüber steht die
Wiege
"Das
süße Lied verhallt"
Lohengrin (Jonas Kaufmann)
und Elsa (Anja Harteros)
Lohengrin
(Jonas Kaufmann)
mit Elsa (Anja Harteros) vor der Trauung
Telramund
(Wolfgang Koch),
Ortrud (Michaela Schuster)
Kent Nagano malt mit dem Bayerischen Staatsorchester herrliche
Farben und baut immer wieder ausdrucksvolle Spannungen auf. Mit dem
großen Crescendo
im Vorspiel verspricht er viel – und hält noch mehr, lässt
blühen, was blühen
kann und legt den Stimmen immer wieder samtene Teppiche aus. Auch
musikalisch
ist diese Produktion keinen Moment langweilig.
FAZIT
Ihre
Meinung ?
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
Produktionsteam
Kent Nagano
Richard Jones
Ultz
Mimi Jordan Sherin
Lucy Burge
Silke Holzach
Chor
Andrés Máspero
Rainer Karlitschek
Bayerisches Staatsorchester
Bayerischen Staatsoper
Bayerischen Staatsoper
Solisten
Christof Fischesser
Jonas Kaufmann
Anja Harteros
Wolfgang Koch
Michaela Schuster
Evgeny Nikitin
Francesco Petrozzi,
Kenneth Roberson
Christiopher Magiera
Igor Bakan
Solisten
des Tölzer Knabenchors
Konstantin Wojtachnia
erhalten Sie von den
Münchner
Opernfestspielen
(Homepage)
![]()
© 2009 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de
- Fine -