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Der fliegende Holländer

Romantische Oper in drei Akten
von Richard Wagner
Text vom Komponisten
Urfassung von 1841

in deutscher Sprache

Aufführungsdauer: ca. 2 h 15' (keine Pause)

Premiere am 11. Oktober 2008 im Opernhaus Leipzig

(rezensierte Aufführung: 19.11.2008 - Generalprobenfassung)


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Oper Leipzig
(Homepage)
Die Verzweiflung vor dem Schuss

Von Joachim Lange / Fotos von Andreas H. Birkigt


Nachdem es an der Oper Leipzig wegen der Turbulenzen in der Führungsetage des Hauses bislang nur aus der Versenkung geholte, alte Produktionen gab, kam jetzt mit dem Fliegenden Holländer in der Geburtsstadt des Komponisten eine echte Neuproduktion auf die Bühne. Gespielt wurde die Urfassung ohne den Verklärungsschluss. Mittlerweile gibt es diese Neuproduktion bereits in zwei Versionen. Und zusätzlich ein opernübergreifendes Nachspiel.

Das nämlich, was sich zwischen der Premiere am 11. Oktober, der geplatzten zweiten Vorstellung am 15.10. und der seither wieder in der „Generalprobenfassung“ laufenden Version der Inszenierung des 29jährigen Regisseurs Michael von zur Mühlen abspielte, hat selbst schon etwas von einem eigenständigen Kunstwerk.


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Dafür liefert eines der Videos von Stefan Bischoff die vorwegnehmende Metaphorik: Die Mannschaft des Holländers nämlich ist hier eine Truppe von jungen Männern, die zunächst wie vereinzelte Alter Egos zwischen den übrigen Seeleuten auf der Bühne auftauchen, sich - bis auf die Unterhose entkleidet - wie Fremde bewegen und sich dann mit Pech überschütten. Sie schlagen das Häusermeer auf der Bühne kurz und klein und stürmen dann (jetzt auf dem Video) durchs Opern-Foyer, setzten auf dem Augustusplatz ein Auto in Brand, rennen an verdutzen Passanten vorbei durch die Fußgängerzone, um schließlich in einem neuen Kaufhaus der Leipziger Innenstadt zu randalieren. Während dieses anarchistischen Ausbruches versucht sich auf der Bühne der biedere Erik im brauen Cordanzug mit allen Mitteln seiner Sangeskunst einer Senta als Lebensperspektive zu empfehlen, die in ihrem Sehnen und in ihrem Habitus mit den Gedanken längst ganz woanders ist. Was Wagner an Anarchischem, Unbehaustem, auch durchaus auch revolutionärem Impetus sozusagen in die Geisterwelt des ewig kreuzenden, verfluchten Holländerschiffes gebannt hatte, das lassen von zur Mühlen und sein Mann fürs Video hier wieder frei. Wie den Geist aus der Flasche. Eigentlich ist dieses Video das irritierend Herausfordernde. Und dessen assoziativem Bezug zum Stück und zur Musik muss man sich schon bewusst verweigern, um ihn nicht wenigstens ansatzweise zu spüren. (Bei der Premiere hatten sich die Gemüter an anderen Sequenzen festgemacht. Besonders an einer, in der sich gleich zu Beginn dem Vernehmen nach, Kampfhunde ineinander verbissen haben sollen.)


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Mit einem zweiten, subtileren Video ist es ähnlich. Wenn sich der Holländer und Senta, jeder aus seiner eigenen Einsamkeit kommend, aufeinander zu bewegen, sieht man auf der Leinwand wie ein nackter Mann und eine nackte Frau zunächst immer wieder aneinander vorbeilaufen, sich mehr zufällig berühren, dann anrempeln, schließlich so rabiat zusammenstoßen, dass die Frau zu Boden geht. Im Verlaufe unzähliger Wiederholungsschleifen scheinen sie auch jeder für sich zu überlegen, ob es nicht besser wäre, langsam aufeinander zu zugehen, sich zu umarmen, zu halten, vielleicht auch zu lieben. Doch sie schaffen es einfach nicht. Damit wird aber bereits hier die Sicht auf den Schluss der Oper vorweggenommen. Auf den ersten Blick erschießt sich hier nämlich eine allein zurückbleibende Senta mit der Pistole selbst. Doch die Verzweiflung vor dem Schuss ist das Entscheidende. Da waren nämlich nicht nur ihr Vater (der zeitweise auch mal so aussah, wie ein Mann, der einfach seine Tochter verhökert) und die gut mit ihrem Piccolofläschchen vertraute Frau Mary ziemlich vergnügt gemeinsam gegangen, sondern auch der Holländer und Erik. Machos verschiedener Provenienz allesamt. Und Senta, die hier offenbar als einzige an Liebe, Gefühl und die ganze romantische Verpackung geglaubt hatte, erkennt, dass sie wirklich allein ist. Das übersteigt dann ihre Kraft.

Diese Sicht auf das Ende hat Michael von zur Mühlen durchaus schlüssig hergeleitet. Die Bühne bleibt ein assoziativer, karger Phantasieraum, der von einem bekletterbaren Häusermeer in Modellgröße dominiert wird. Begrenzt durch eine Holzwand, die von vorn an einen Bauzaun und von hinten durch ein paar angestellte Leitern entfernt an eine Schiffswand erinnert. Im Hintergrund wird das Ganze von einer Videoleinwand überragt, deren Beiträge die heutzutage gängigen Rezeptionsanforderungen keineswegs überfordern. Im Gegenteil. Konsequenter wäre es vielleicht sogar gewesen, wenn man, so wie Christoph Schlingensief es in seinen letzten beiden Opernproduktionen gemacht hat, die gesamte Bühne als Projektionsfläche genutzt und den Raum radikal in eine assoziative Herausforderung umgewandelt hätte. Dass das Leipziger Publikum sich zumindest teilweise schon von den relativ maßvoll beisteuernden, aber nicht von der Szene Besitz ergreifenden Einspielungen überfordert zeigte, hängt wohl weniger mit der Qualität der Videos oder ihrem etwaigen provozierenden Inhalt zusammen. Es liegt möglicherweise mehr an jener Unverbindlichkeit, in der die (von Henri Maier und Riccardo Chailly geprägte) Bühnenästhetik in den Jahren nach Udo Zimmermanns Intendanz in Leipzig abgedriftet war.


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Sicher kann man gegen diese Inszenierung auch eine Reihe von berechtigen Einwänden vorbringen. Ob das Spinnrad der Frauen wirklich durch die Bearbeitung von rohem Fleisch ersetzt werden muss, darüber kann man streiten. Das Messer und die Handtasche wären für sich genommen auch schon bedrohlich und aussagekräftig genug. Aber völlig falsch ist diese Übersetzung auch nicht. Man kann auch einwenden, dass man sich vor allem die Abgänge der Chöre reibungsloser vorstellen könnte. Und man kann es natürlich auch für einen Kalauer halten, wenn zum Sehnsuchtsseufzer des Steuermanns, Südwind, Südwind blase mir, eine Tänzerin strippt und dann tatsächlich andeutungsweise so tut, als würde sie dieser Aufforderung nachkommen. Man kann das aber auch ganz einfach als szenische Ironie mit einem Schmunzeln quittieren.


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Einen wirklichen Grund zu den lautstarken Pöbeleien während der Premiere, und für die gewaltige Protest-Bugwelle, die sich danach über die Oper, die Medien, bis hin in den Posteingang der Staatsanwaltschaft ergoss, für die gibt es keinen nachvollziehbaren Grund. Jedenfalls befindet sich die Leipziger Oper mit diesem szenischen Wagnis nicht kurz vor dem Abgrund (oder schon drin), wie blinde Wut behauptet, sondern eher auf der Höhe von Häusern wie in Stuttgart, Essen, Hannover oder der Komischen Oper in Berlin, wo die überwiegende Mehrheit der Zuschauer bereit ist, sich auch auf solch ästhetisch unbequeme Herausforderungen einzulassen und zum Vergnügen an der Musik auch das Vergnügen am Nachdenken zu entwickeln.

Dass die Wogen in Leipzig so hoch schlagen, hat auch damit zu tun, dass in der Lokalzeitung sowohl Leopold Hager als auch James Johnson, der während (nicht vor!) der Premierenvorstellung aus der Inszenierung ausgestiegen war und sie nach eigenem Gusto zu Ende gesungen hatte, um dann ganz aus der Produktion auszusteigen, ausführlich darlegen konnten, warum ihnen die ganze Richtung nicht passe. Obendrein sah sich die Opernleitung plötzlich mit wütenden Wagnervereinen konfrontiert. In der Geburtsstadt des Komponisten gibt's gleich drei solcher illusterer Clubs, die sich nun endlich mal in gemeinsamer Front zusammenfanden. Mit Schaum vorm Mund und einem zünftigen Kampfvokabular, wie man es sonst eher aus Österreich kennt. Von „Beleidigung des Komponisten“ über „Verletzung der Würde von Mitwirkenden und Publikum“ bis hin zu „kulturelles Erbe mit Füßen getreten“. Und dann gibt's am Ende noch eine politisch korrekte Distanzierung von der Äußerung einiger „erregter Damen aus den alten Bundesländern“, die die Inszenierung als „entartete Kunst“ bezeichnet hatten, um das dann auch noch unterzubringen!


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Bei der Tonlage der aufgeflammten Debatte und dem inquisitorischen Verlautbarungsdeutsch der Verbände kann einem allerdings angst und bange um die Freiheit der Kunst werden. Und um das Werk Richard Wagners. Da heißt es nämlich auch allen Ernstes: „Die versammelten Richard-Wagner-Verbände einigten sich darauf, ein verstärktes Augenmerk auf die Verantwortung der Intendanzen gegenüber dem Werk Richard Wagners und der Interpretation durch die Regisseure zu legen.“ Oder: „Die Vorstände sind sich einig, dass die Oper Leipzig nicht zur Experimentalbühne am Werk Richard Wagners mutieren darf. Die Vorgänge um die Premiere der Oper 'Der fliegende Holländer' dürfen sich nicht wiederholen.“ Na wenn das keine klare Ansage ist!

In der jetzt laufenden Fassung kann man sich zwar keine eigene Meinung mehr über die inkriminierten Kampfhundvideos bilden, erlebt aber dafür mit Wolfgang Brendel einen wunderbar singenden, neuen Holländer allererster Güte, der obendrein hochprofessionell in die Rolle eingestiegen ist. Außerdem singt Edith Haller, ob nun bei ihren unaufgeregten Ausflügen in den Zuschauerraum, unter der Dusche oder auch bei Ihren Balanceakten auf den Bühnenhäusern ihre Senta erstklassig. Stets zwischen selbstbewusst und träumerisch und ohne Forciertheit. Der Daland profitiert von James Moellenhoffs darstellerischer Präsenz ebenso wie von seiner profunden Stimmkraft. Für Frau Mary findet Susan Maclean dunkel gefärbte, beredte Töne und auch bei den Tenören, Stefan Vinkes vehement drängendem Erik und Dan Karlströms spielerischen Steuermann ist das Niveau des Ensembles in Ordnung. Beim Chor überzeugen vor allem die Herren. Im Graben hielt Leopold Hager mit dem Gewandhausorchester einen dramatischen, aber nicht überhitzten Kurs. Ungeplante Ablenkungen gab es jetzt nicht mehr, so dass leider auch diverse Patzer bei den Bläsern nicht untergingen. Sei's drum - alle Interpreten wurden mit verdientem und einhelligem Beifall bedacht.

Und auch – das sei in diesem speziellen Falle zur Ehre sächsischer Diskurskultur und Toleranz gesagt – das Publikum folgte aufmerksam und ohne Zwischenrufe oder Türenknallen. Ein erheblicher Teil nahm viel lieber das Angebot zu einer Diskussion nach der Vorstellung an. Die Oper hat in Leipzig in der letzten Zeit häufig den Anlass für Streit und Polemik geliefert. Aber so heftig wie diesmal ging es lange nicht zu. Und dabei stand diesmal die Kunst im Mittelpunkt. Eigentlich eine tolle Sache!


FAZIT

Bei allem was man aus Leipzig hört oder liest bleibt in diesem Falle die Empfehlung, sich selbst eine Meinung zu bilden!


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Leopold Hager

Regie
Michael von zur Mühlen

Bühne
Natascha von Steiger

Kostüme
Dorothee Scheiffarth

Video
Stefan Bischoff

Choreinstudierung
Sören Eckhoff

konzeptionelle Beratung
Carl Hegemann



Chor und Zusatzchor
der Oper Leipzig

Gewandhausorchester Leipzig



Solisten

Der Holländer
Wolfgang Brendel

Daland
James Moellenhoff

Senta
Edith Haller Erik
Stefan Vinke

Mary
Susan Maclean

Steuermann
Dan Karlström

Tänzerin
Peggy Plätzer



Weitere
Informationen

erhalten Sie von der
Oper Leipzig
(Homepage)



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