Zwischen
Apollo und Dionysos
Von Bernd Stopka
/ Fotos von Jörg
Landsberg
Letzten Werken
wird gern eine besondere
Bedeutung
zugesprochen, denn oft paaren sich darin Altersweisheit und der Mut,
Wichtiges
noch zu sagen und/oder zu wagen. Benjamin Brittens letzte Oper „Death
in
Venice“ gehört sowohl inhaltlich als auch musikalisch dazu.
Nach dem Kampf
der
Götter hat
Dionysos (Nmon Ford)
gewonnen und bietet Aschenbach (Michael Schade) Tadzio (Gabriele Frola)
dar.
Thomas Manns
Novelle „Der Tod
in Venedig“ über den
vereinsamten Schriftsteller Gustav von Aschenbach, der nach Venedig
reist, um eine
Schaffenskrise zu überwinden, und dort etwas ganz anderes findet als er
gesucht
hat, trägt nicht nur Manns autobiographische Züge, sondern trifft auch
tief in
die Gefühlswelt des Komponisten. Myfanwy Piper hat sich beim Verfassen
des
Librettos eng an die Novelle gehalten, fügte aber Apollo und Dionysos
als
leibhaftige Figuren ein. So wird der Kampf zwischen Ordnung, Ernst,
Würde und
Selbstbeherrschung und dem Rauschhaften, Impulsiven, Triebhaften und
Ungestümen
personalisiert. Da wohnen nicht nur zwei Seelen in Aschenbachs Brust,
da
kämpfen zwei leibhaftige Götter um seine Seele.
Musikalisch bemerkenswert ist
Brittens Reduzierung der
klanglichen Mittel auf ein Minimum des Wesentlichen. Man spricht von
„kargen“
Klängen, denkt aber stellenweise auch an homöopathische Dosierungen.
Das könnte
die Musik spröde machen, macht sie aber umso spannender,
eindringlicher,
intensiver. Ein großes musikalisches Vermächtnis – mit kleinen Mitteln.
Gustav von
Aschenbach (Michael Schade),
Kinder beim Spielen
Diese
Minimalisierung nehmen Regisseur Ramin
Gray und sein
Bühnenbildner Jeremy Herbert für ihre Neuproduktion des Werkes an der
Staatsoper Hamburg auf. In der Mitte der fast leeren Bühne wird ein
Hubpodium
zum vielfältig einsetzbaren Schauplatz: Gondel und Hotelrezeption,
Höllenschlund
und Gauklerbühne… Die
Requisiten
sind auf das Notwenigste beschränkt und doch
vermisst man nichts.
Rechts und links der Bühne
machen zwei
Windmaschinen ihrem
Namen bis ins Parkett spürbare Ehre. Vor allem in der Kombination mit
einem
langen Seiden- oder Gazetuch entstehen sehr anschauliche Effekte, ob es
nun an ein
Lagunenlüftchen oder den Schirokko erinnernd. Im hinteren Teil der
Bühne
werden
helle, fast bühnenbreite und –hohe Tücher als Hänger langsam in die
Höhe
gezogen. Hinter ihnen entsteht ein weiterer, eher jenseitig wirkender
Spielort.
Das dort Geschehende wirkt zumeist wie ein Schattenspiel.
Ein
weiteres Element des Bühnenbildes ist
ein Gebilde, von
dem lange schwarze Gazebahnen herabhängen, die sich kreisförmig in
gegensätzliche Richtungen bewegen - labyrinthisch, verwirrend. Am
Schluss wird Aschenbach
von ihnen begraben und muss sich mühsam herauskämpfen. Üppiger als das
Bühnenbild sind die Kostüme von Kandis Cook
gestaltet, in denen die jungen Männer des zweiten Bildes
bunt-lebendigen
Übermut und die Hotelgäste – in edlem Beige oder Weiß – vornehme Blässe
zeigen.
Gustav von
Aschenbach (Michael
Schade),
Tadzio
(Gabriele Frola)
Die
Kargheit der Bühne muss durch eine
intensive
Personenregie mit Leben gefüllt werden. Größtenteils gelingt dies, auch
wenn
über die eine oder andere Strecke der große Spannungsbogen abbricht.
Der
Regisseur konzentriert sich vor allem auf die Ausleuchtung der inneren
Vorgänge. Aber nicht durch plakative Überzeichnung, sondern sehr viel
subtiler.
Dabei bleibt er fast immer eng an der Vorlage und erlaubt sich nur
wenige
Umdeutungen.
Gustav von
Aschenbach (Michael Schade, hinten)
und der Reisende (Nmon Ford)
Der
Reisende im ersten Bild ist
keine unheimliche, sondern
eher eine exotische Figur. Die Besetzung der Partie mit einem
Südamerikaner ist
auch visuell sehr geschickt. So bekommt die Aufforderung, etwas
Anderes,
Außergewöhnliches zu erleben für Aschenbach einen ganz besonderen
Aspekt, den
Reiz des Fremden und Neuen, fremder und neuer für ihn als Venedig. Die
mephistophelische Erscheinung des Fremden, der mit viel Bühnennebel aus
der
Unterbühne hinaufgefahren wird, deutet an, dass Aschenbach
verführerische Wege
betritt. Das überzeugt. Dass der – eigentlich alte eitle – Geck im
zweiten Bild
ein sehr agiler, nur ganz am Beginn den Tattrigen spielender junger
Mann ist,
erklärt sich indes nicht wirklich. Und es verschenkt die Parallele zum
drittletzten Bild, in dem sich Aschenbach vom Friseur verjüngen lässt
und genau
das macht, was er bei dem Alten so widerwärtig fand.
Olympiade.
Apollo
(David DQ Lee, schwebend),
Tadzio (Gabriele Frola, auf der Pyramide)
Das Spiel der Jungen am Ende des
ersten Aktes ist von
vornherein als Spektakel für die Strandgäste inszeniert. Apollo schwebt
in Deus
ex machina-Manier am Bühnenhimmel und beobachtet einen olympischen
Fünfkampf.Ein ganz starker Moment ist die Begegnung zwischen
Aschenbach und Tadzios Mutter. Auf dem leicht erhöhten Podium laufen
sie
aneinander vorbei und vermeiden doch das gegenseitige Ansprechen. Er
will sie
vor der Cholera warnen. Aber was will sie ihm sagen? Da öffnen sich
Wege zu
neuen Gedanken.
Tadzio
ist auch im Original mit einem Tänzer
besetzt, aber
nur selten wird diese Vorgabe zu so vielen Balletteinlagen genutzt.
Einerseits
wirkt Tadzio dadurch über weite Strecken wie eine unnatürliche
Kunstfigur, aber
gerade das ist es auch, was die erste Anziehung so rein, so ästhetisch
begründet erscheinen lässt. Der sechzehnjährige Gabriele Frola,
Mitglied der
Ballettschule des Hamburger Balletts, ist in dieser Interpretation eine
Idealbesetzung.
Gustav von
Aschenbach (Michael
Schade),
Tadzio (Gabriele Frola), ein Freund von Tadzio (Statist)
Sehr
wohl leidenschaftlich, aber nie
anzüglich erscheinen
die erotischen Elemente. Als Beispiel sei ein flüchtiger, eigentlich
spaßhafter
Kuss genannt, den Tadzios Freund ihm auf die Wange setzt und gegen den
er sich
wehrt. Spielerisches wird zu Ernstem, wenn genau dieser Freund es ist,
der
Tadzio am Schluss der Oper brutal zu Boden drückt. So stellen sich
viele
gedankliche Verbindungen her, die das Dilemma, in dem sich Aschenbach
befindet,
von vielen Seiten beleuchten. Wo sind die Wege? Wo die Grenzen?
Gustav
von Aschenbach ist ein
Schriftsteller, der das Leben
in der Literatur kennt – das wirkliche Leben wird ihm aber erst jetzt
bewusst. Selbstdisziplin
und Beherrschung sind seine Götter. Er wirkt weltfremd und ein bisschen
nicht
dazugehörig. Das alltägliche Leben macht ihm Mühe, er ist schnell
beleidigt
oder ungeduldig, dabei aber immer auf Haltung und Selbstkontrolle
bedacht,
erschrocken, wenn er sie verliert. Dass seine Frau starb, ist tragisch,
dass
seine Tochter ihn verließ, nachvollziehbar.

Gustav
von Aschenbach (Michael Schade) verjüngt geschminkt,
der Hoteldirektor (Nmon Ford)
Mit seinem klaren, ganz
geradlinigen,
stellenweise geradezu
sachlich klingenden Tenor kann Michael Schade dies sehr eindringlich
stimmlich
gestalten. Da klingt die Disziplin in stimmtechnischer Vollendung. Aber
auch
das Zerrissensein, die Leidenschaft, die Sehnsucht kämpfen in ihm. Das
hört man
eher, als dass man es sieht, denn er bewahrt (fast) immer Haltung,
darstellerisch
konzentriert er sich eher auf die kleinen Gesten.
Sein Gegenspieler, Verführer, ja
auch Helfer ist Nmon Ford,
der die vielen unterschiedlichen Figuren, die er darzustellen hat, auch
stimmlich sehr individuell charakterisiert und dabei auf das sichere,
kultivierte und kraftvolle Fundament seines Baritons bauen kann. Der
Countertenor David DG
Lee, ein
Spezialist für
Händel-Opern, verleiht dem Apollo barocke Würde und strahlt – vom
Schnürboden
schwebend – stimmlich mit dem Gold und Silber seines Kostüms um die
Wette.
Moritz Gogg hinterlässt mit noblem Bariton vor allem als Angestellter
des
Reisebüros nachhaltig einen guten Eindruck. Als Erdbeer- und
Zeitungsverkäuferin
bezaubert Vida Mikneviciutes glockenklarer, inniger Sopran. Bis in die
kleinsten Rollen ergibt sich ein stimmiges, fein abgestimmtes
sängerisches
Gesamtbild, was umso mehr beeindruckt, da es sich ausschließlich um
Rollendebüts handelt.
Gustav
von Aschenbach (Michael Schade)
Opernintendantin und Generalmusikdirektorin
Simone Young
setzt mit „Death in Venice“ die Reihe der Neuproduktionen von
Britten-Opern an
der Staatsoper Hamburg fort. Jedem Ton der über weite Strecken
minimalistischen
Orchestrierung zollt sie Respekt und erreicht mit ihrem Dirigat eine
ungeheure
atmosphärische Dichte, einen Sog, der gefangen nimmt, wer sich davon
gefangen
nehmen lassen will. Chor und Orchester folgen ihr gut vorbereitet und
sicher.
FAZIT
Eine
szenisch wie musikalisch sehr eindrucksvolle Produktion.
Ihre
Meinung ?
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
|
Produktionsteam
Musikalische
Leitung
Simone Young
Inszenierung
Ramin Gray
Bühnenbild
Jeremy Herbert
Kostüme
Kandis Cook
Choreografie
Thom Stuart
Chor
Florian Csizmadia
Dramaturgie
Kerstin Schüssler-Bach
Philharmoniker
Hamburg
Chor der Staatsoper Hamburg
Komparserie
Solisten
Gustav
von Aschenbach
Michael Schade
The
Travellar,
The Elderly Fop,
The Old Gondolier,
The Hotel Manager,
The Hotel Barber,
The Leader of the Players,
The Voice of Dionysos
Nmon Ford
The Voice of
Apollo
David DQ Lee
Lido
Boatman,
Clerk in the Travel Bureau,
Hotel Waiter
Moritz Gogg
Russian
Mother,
Strolling Player
Miriam Gordon-Stewart
French Girl,
Lace Seller
Trine W.Lund
English Lady,
Strawberry Seller,
Newspaper
Seller
Vida Mikneviciute
German Mother
Ute
Kloosterziel
French
Mother
Sabine Renner
Danish Lady
Kathrin von der
Chevallerie
Russian
Nanny,
Beggar Lady
Deborah Humble
First
Gondolier
Thomas Gottschalk
Hotel
Portier,
Third Gondolier
Benjamin Hulett
First
American
Findlay A. Johnstone
Second
American,
Glass Maker,
Strolling Player
Jun-Sang Han
Ship's
Steward,
Polish Father,
Second Gondolier
Hee-Saup Yoon
Russian
Father,
Guide in Venice
Wilhelm Schwinghammer
German
Father,
Restaurant Waiter,
Priest in St. Mark's
Kyung-Il Ko
Tadzio
Gabriele Frola
Weitere
Informationen
erhalten Sie von der
Hamburgischen
Staatsoper
(Homepage)
|