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Musiktheater
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Death in Venice

Oper in zwei Akten
von Benjamin Britten
Libretto von Myfanway Piper
nach der Novelle "Der Tod in Venedig" von Thomas Mann
 

In englischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Aufführungsdauer: ca. 3 Stunden (eine Pause)

Premiere in der Staatsoper Hamburg am 19. April 2009

Logo: Staatsoper Hamburg

Hamburgische Staatsoper
(Homepage)

Zwischen Apollo und Dionysos

Von Bernd Stopka / Fotos von Jörg Landsberg

Letzten Werken wird gern eine besondere Bedeutung zugesprochen, denn oft paaren sich darin Altersweisheit und der Mut, Wichtiges noch zu sagen und/oder zu wagen. Benjamin Brittens letzte Oper „Death in Venice“ gehört sowohl inhaltlich als auch musikalisch dazu.

Vergrößerung in neuem Fenster Nach dem Kampf der Götter hat Dionysos (Nmon Ford)
gewonnen und bietet Aschenbach (Michael Schade) Tadzio (Gabriele Frola) dar.

Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“ über den vereinsamten Schriftsteller Gustav von Aschenbach, der nach Venedig reist, um eine Schaffenskrise zu überwinden, und dort etwas ganz anderes findet als er gesucht hat, trägt nicht nur Manns autobiographische Züge, sondern trifft auch tief in die Gefühlswelt des Komponisten. Myfanwy Piper hat sich beim Verfassen des Librettos eng an die Novelle gehalten, fügte aber Apollo und Dionysos als leibhaftige Figuren ein. So wird der Kampf zwischen Ordnung, Ernst, Würde und Selbstbeherrschung und dem Rauschhaften, Impulsiven, Triebhaften und Ungestümen personalisiert. Da wohnen nicht nur zwei Seelen in Aschenbachs Brust, da kämpfen zwei leibhaftige Götter um seine Seele.

Musikalisch bemerkenswert ist Brittens Reduzierung der klanglichen Mittel auf ein Minimum des Wesentlichen. Man spricht von „kargen“ Klängen, denkt aber stellenweise auch an homöopathische Dosierungen. Das könnte die Musik spröde machen, macht sie aber umso spannender, eindringlicher, intensiver. Ein großes musikalisches Vermächtnis – mit kleinen Mitteln.

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Gustav von Aschenbach (Michael Schade),
Kinder beim Spielen

Diese Minimalisierung nehmen Regisseur Ramin Gray und sein Bühnenbildner Jeremy Herbert für ihre Neuproduktion des Werkes an der Staatsoper Hamburg auf. In der Mitte der fast leeren Bühne wird ein Hubpodium zum vielfältig einsetzbaren Schauplatz: Gondel und Hotelrezeption, Höllenschlund und Gauklerbühne… Die Requisiten sind auf das Notwenigste beschränkt und doch vermisst man nichts.

Rechts und links der Bühne machen zwei Windmaschinen ihrem Namen bis ins Parkett spürbare Ehre. Vor allem in der Kombination mit einem langen Seiden- oder Gazetuch entstehen sehr anschauliche Effekte, ob es nun an ein Lagunenlüftchen oder den Schirokko erinnernd. Im hinteren Teil der Bühne werden helle, fast bühnenbreite und –hohe Tücher als Hänger langsam in die Höhe gezogen. Hinter ihnen entsteht ein weiterer, eher jenseitig wirkender Spielort. Das dort Geschehende wirkt zumeist wie ein Schattenspiel.
 
Ein weiteres Element des Bühnenbildes ist ein Gebilde, von dem lange schwarze Gazebahnen herabhängen, die sich kreisförmig in gegensätzliche Richtungen bewegen - labyrinthisch, verwirrend. Am Schluss wird Aschenbach von ihnen begraben und muss sich mühsam herauskämpfen. Üppiger als das Bühnenbild sind die Kostüme von Kandis Cook gestaltet, in denen die jungen Männer des zweiten Bildes bunt-lebendigen Übermut und die Hotelgäste – in edlem Beige oder Weiß – vornehme Blässe zeigen.

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Gustav von Aschenbach (Michael Schade),
Tadzio (Gabriele Frola)

Die Kargheit der Bühne muss durch eine intensive Personenregie mit Leben gefüllt werden. Größtenteils gelingt dies, auch wenn über die eine oder andere Strecke der große Spannungsbogen abbricht. Der Regisseur konzentriert sich vor allem auf die Ausleuchtung der inneren Vorgänge. Aber nicht durch plakative Überzeichnung, sondern sehr viel subtiler. Dabei bleibt er fast immer eng an der Vorlage und erlaubt sich nur wenige Umdeutungen.

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Gustav von Aschenbach (Michael Schade, hinten)
und der Reisende (Nmon Ford)

Der Reisende im ersten Bild ist keine unheimliche, sondern eher eine exotische Figur. Die Besetzung der Partie mit einem Südamerikaner ist auch visuell sehr geschickt. So bekommt die Aufforderung, etwas Anderes, Außergewöhnliches zu erleben für Aschenbach einen ganz besonderen Aspekt, den Reiz des Fremden und Neuen, fremder und neuer für ihn als Venedig. Die mephistophelische Erscheinung des Fremden, der mit viel Bühnennebel aus der Unterbühne hinaufgefahren wird, deutet an, dass Aschenbach verführerische Wege betritt. Das überzeugt. Dass der – eigentlich alte eitle – Geck im zweiten Bild ein sehr agiler, nur ganz am Beginn den Tattrigen spielender junger Mann ist, erklärt sich indes nicht wirklich. Und es verschenkt die Parallele zum drittletzten Bild, in dem sich Aschenbach vom Friseur verjüngen lässt und genau das macht, was er bei dem Alten so widerwärtig fand.

Vergrößerung in neuem FensterOlympiade. Apollo (David DQ Lee, schwebend),
Tadzio (Gabriele Frola, auf der Pyramide)

Das Spiel der Jungen am Ende des ersten Aktes ist von vornherein als Spektakel für die Strandgäste inszeniert. Apollo schwebt in Deus ex machina-Manier am Bühnenhimmel und beobachtet einen olympischen Fünfkampf.Ein ganz starker Moment ist die Begegnung zwischen Aschenbach und Tadzios Mutter. Auf dem leicht erhöhten Podium laufen sie aneinander vorbei und vermeiden doch das gegenseitige Ansprechen. Er will sie vor der Cholera warnen. Aber was will sie ihm sagen? Da öffnen sich Wege zu neuen Gedanken.

Tadzio ist auch im Original mit einem Tänzer besetzt, aber nur selten wird diese Vorgabe zu so vielen Balletteinlagen genutzt. Einerseits wirkt Tadzio dadurch über weite Strecken wie eine unnatürliche Kunstfigur, aber gerade das ist es auch, was die erste Anziehung so rein, so ästhetisch begründet erscheinen lässt. Der sechzehnjährige Gabriele Frola, Mitglied der Ballettschule des Hamburger Balletts, ist in dieser Interpretation eine Idealbesetzung.

Vergrößerung in neuem Fenster Gustav von Aschenbach (Michael Schade),
Tadzio (Gabriele Frola), ein Freund von Tadzio (Statist)

Sehr wohl leidenschaftlich, aber nie anzüglich erscheinen die erotischen Elemente. Als Beispiel sei ein flüchtiger, eigentlich spaßhafter Kuss genannt, den Tadzios Freund ihm auf die Wange setzt und gegen den er sich wehrt. Spielerisches wird zu Ernstem, wenn genau dieser Freund es ist, der Tadzio am Schluss der Oper brutal zu Boden drückt. So stellen sich viele gedankliche Verbindungen her, die das Dilemma, in dem sich Aschenbach befindet, von vielen Seiten beleuchten. Wo sind die Wege? Wo die Grenzen?

Gustav von Aschenbach ist ein Schriftsteller, der das Leben in der Literatur kennt – das wirkliche Leben wird ihm aber erst jetzt bewusst. Selbstdisziplin und Beherrschung sind seine Götter. Er wirkt weltfremd und ein bisschen nicht dazugehörig. Das alltägliche Leben macht ihm Mühe, er ist schnell beleidigt oder ungeduldig, dabei aber immer auf Haltung und Selbstkontrolle bedacht, erschrocken, wenn er sie verliert. Dass seine Frau starb, ist tragisch, dass seine Tochter ihn verließ, nachvollziehbar. Vergrößerung in neuem Fenster

Gustav von Aschenbach (Michael Schade) verjüngt geschminkt,
der Hoteldirektor (Nmon Ford)

Mit seinem klaren, ganz geradlinigen, stellenweise geradezu sachlich klingenden Tenor kann Michael Schade dies sehr eindringlich stimmlich gestalten. Da klingt die Disziplin in stimmtechnischer Vollendung. Aber auch das Zerrissensein, die Leidenschaft, die Sehnsucht kämpfen in ihm. Das hört man eher, als dass man es sieht, denn er bewahrt (fast) immer Haltung, darstellerisch konzentriert er sich eher auf die kleinen Gesten.

Sein Gegenspieler, Verführer, ja auch Helfer ist Nmon Ford, der die vielen unterschiedlichen Figuren, die er darzustellen hat, auch stimmlich sehr individuell charakterisiert und dabei auf das sichere, kultivierte und kraftvolle Fundament seines Baritons bauen kann. Der Countertenor David DG Lee, ein Spezialist für Händel-Opern, verleiht dem Apollo barocke Würde und strahlt – vom Schnürboden schwebend – stimmlich mit dem Gold und Silber seines Kostüms um die Wette. Moritz Gogg hinterlässt mit noblem Bariton vor allem als Angestellter des Reisebüros nachhaltig einen guten Eindruck. Als Erdbeer- und Zeitungsverkäuferin bezaubert Vida Mikneviciutes glockenklarer, inniger Sopran. Bis in die kleinsten Rollen ergibt sich ein stimmiges, fein abgestimmtes sängerisches Gesamtbild, was umso mehr beeindruckt, da es sich ausschließlich um Rollendebüts handelt.

Vergrößerung in neuem Fenster Gustav von Aschenbach (Michael Schade)

Opernintendantin und Generalmusikdirektorin Simone Young setzt mit „Death in Venice“ die Reihe der Neuproduktionen von Britten-Opern an der Staatsoper Hamburg fort. Jedem Ton der über weite Strecken minimalistischen Orchestrierung zollt sie Respekt und erreicht mit ihrem Dirigat eine ungeheure atmosphärische Dichte, einen Sog, der gefangen nimmt, wer sich davon gefangen nehmen lassen will. Chor und Orchester folgen ihr gut vorbereitet und sicher. 


FAZIT

Eine szenisch wie musikalisch sehr eindrucksvolle Produktion. 


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Simone Young

Inszenierung
Ramin Gray

Bühnenbild
Jeremy Herbert

Kostüme
Kandis Cook

Choreografie
Thom Stuart

Chor
Florian Csizmadia

Dramaturgie
Kerstin Schüssler-Bach



Philharmoniker
Hamburg
Chor der Staatsoper Hamburg

Komparserie


Solisten

Gustav von Aschenbach
Michael Schade

The Travellar,
The Elderly Fop,
The Old Gondolier,
The Hotel Manager,
The Hotel  Barber,
The Leader of the Players,
The Voice of Dionysos
Nmon Ford

The Voice of Apollo
David DQ Lee

Lido Boatman,
Clerk in the Travel Bureau,
Hotel Waiter
Moritz Gogg

Russian Mother,
Strolling Player
Miriam Gordon-Stewart

French Girl,
Lace Seller
Trine W.Lund

English Lady,
Strawberry Seller,
Newspaper Seller
Vida Mikneviciute

German Mother
Ute Kloosterziel

French Mother
Sabine Renner

Danish Lady
Kathrin von der Chevallerie

Russian Nanny,
Beggar Lady
Deborah Humble

First Gondolier
Thomas Gottschalk

Hotel Portier,
Third Gondolier
Benjamin Hulett

First  American
Findlay A. Johnstone

Second  American,
Glass Maker,
Strolling Player
Jun-Sang Han

Ship's Steward,
Polish Father,
Second Gondolier
Hee-Saup Yoon

Russian Father,
Guide in Venice
Wilhelm Schwinghammer

German Father,
Restaurant Waiter, 
Priest in St. Mark's
Kyung-Il Ko

Tadzio
Gabriele Frola


Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Hamburgischen Staatsoper
(Homepage)





Da capo al Fine

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