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A Streetcar Named Desire
(Enstation Sehnsucht)


Oper in drei Akten
Libretto von Philip Littell
nach dem Schauspiel von Tenessee Williams
Musik von André Previn


in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h (eine Pause)


Premiere im Theater Hagen am 4. Oktober 2008
(rezensierte Aufführung: 20.11.2008)

Logo: Theater Hagen

Theater Hagen
(Homepage)
Lebenslügen in starken Bildern und suggestiven Tönen

Von Stefan Schmöe / Fotos von Stefan Kühle (© Theater Hagen)

Mit seinem Schauspiel A Streetcar Named Desire (in der deutschen Übersetzung Endstation Sehnsucht) zeichnete Tennessee Williams ein Bild des Amerika nach dem zweiten Weltkrieg, geprägt vom Verfall der reichen Landbesitzer-Familien der Südstaaten und dem Aufstieg des Industrie-Proletariats. Das Stück, 1947 uraufgeführt, ist längst zum Klassiker geworden, nicht zuletzt durch Elia Kazans Verfilmung von 1951 (mit Vivian Leigh und Marlon Brando). Das mag ein Grund gewesen sein, warum André Previn den Stoff als Grundlage für seine gleichnamige Oper wählte, die vom War Memorial Opera House in San Francisco in Auftrag gegeben und dort 1998 uraufgeführt wurde. Ohnehin ist in der amerikanischen Musik der Weg vom Komponisten zum breiten Publikum leichter als in Europa; auch Previn hat eine sofort eingängliche, suggestive Musik geschrieben. Zwischen der großen, spätromantisch inspirierten Oper, der rhythmischen Kraft des Musicals und der subtilen Wirkung von Filmmusik angesiedelt, wird die Stimmung der Vorlage genau nachgezeichnet. Bei allem Eklektizismus gelingt Previn darin ein durchaus eigenständiges und eindrucksvolles Werk, das lediglich im letzten Akt in den Traumvisionen der nervenkranken Blanche (in deutlicher Nähe zu Richard Strauss) einen gewissen Überhang zum Pathos bekommt.

Vergrößerung in neuem Fenster Besser, sie wären sich nie begegnet: Stanley (Frank Dolphin Wong) und Blanche (Dagmar Hesse)

Nach Dead Man Walking im Vorjahr (unsere Rezension) hat das Theater Hagen mit A Streetcar Named Desire nun erneut ein Werk der amerikanischen Moderne aufs Programm gesetzt. Mag die Musiksprache auch ähnlich sein, so zeigt sich im Vergleich zumindest eine Schwäche von Previns Oper: Dem Libretto von Philip Littell fehlt es an theatralischen Handlungsmomenten. Previn hat wunderbar gesangliche Szenen für die Hauptpartien geschrieben, in denen diese ihre Stimmungen und Träume ausdrücken; ein Vollblut-Theaterpraktiker wie Puccini aber hätte sicherlich – nicht zu Unrecht – das Fehlen der großen Theatermomente beklagt. Und ausgerechnet da, wo die Handlung über den Text dominiert - die Vergewaltigung von Blanche durch ihren Schwager Stanley – komponiert Previn eine Orchestermusik, die sich eben nicht mit der berühmten (und ungleich deftigeren) Vorlage von Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk messen kann. So bleibt das mit drei Stunden Spieldauer recht umfangreiche Werk trotz seiner suggestiven Klangsprache eine nicht ganz leichte Opernkost.

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Ungleiche Schwestern: Stella (Stefania Dovhan, l.) und Blanche (Dagmar Hesse)

Dass dieser Einwände zum Trotz A Streetcar Named Desire große und sehr sehenswerte Oper bieten kann, zeigt die in allen Belangen exzellente Hagener Produktion. Regisseur Roman Hovenbitzer erzählt die düstere Geschichte detailgetreu und aus neutralem Blickwinkel nach. Auf einer leicht schrägen Spielfläche in der Bühnenmitte hat Ausstatter Jan Bammes das trotz fehlender Wände klaustrophobisch enge Appartment von Stella und Stanley Kowalski nachgebaut, in das Stellas Schwester Blanche mit allen ihren Lebenslügen herein bricht. Eine kalt-grüne Beleuchtung unterstreicht die Beklemmung, die von Beginn an über dem Geschehen liegt. Verfremdete Videoproduktionen (Volker Köster) zeigen immer wieder, wie Toten die Augen zugestrichen werden (Blache erzählt zu Beginn vom Sterben der Menschen auf dem ehemaligen Landsitz der Familie), und auch den Selbstmord von Blanches Ehemann. Zeitlich bleibt die Handlung in der Schwebe zwischen dem Entstehungszeitraum des Schauspiels und der Gegenwart. Zurück genommen hat der Regisseur die Momente der körperlichen Gewalt Stanleys gegenüber seiner Frau Stella. Stanley ist weniger der ordinäre Kraftprotz (als der er in der Rezeptionsgeschichte lange gesehen wurde) als vielmehr ein Machtmensch nicht ohne Eleganz, der sein vulgäres Benehmen strategisch geschickt einsetzt. Auch damit holt Hovenbitzer die Geschichte geschickt in die Gegenwart, ohne die historische Situation aufgeben zu müssen.

Vergrößerung in neuem Fenster Pokerrunde

Ein Glücksfall ist hier die Besetzung, die bis in die Nebenrollen perfekt stimmt – und zwar stimmlich wie optisch. Die Vermischung von sexueller Ausstrahlung und Gewalt muss der Darsteller des Stanley eben nicht nur vokal, sondern als Sängerschauspieler auch unmittelbar körperlich verdeutlichen. Das gelingt Frank Dolphing Wong, mit schlankem und geradlinigem, dabei zupackendem und auch in dramatischen Momenten durchsetzungsfähigem Bariton, vorzüglich. Aber auch der fast pubertär mädchenhaft kokettierenden Stefania Dovhan in der Rolle der Stella nimmt man sofort ab, dass sie die erotischen Verlockungen Stanleys über das unglückliche Familienschicksal stellt. Ihre lyrisch leuchtende Stimme ist nicht sehr groß, aber tragfähig und auch in der Höhe einschmeichelnd und glanzvoll. Im Kontrast zu diesem attraktiven Liebespaar gibt Dominik Wortig Stanleys Kollegen Mitch, der eine Affäre mit Blanche beginnt, als etwas naiven Tölpel, herzensgut, aber Blanches aristokratischen Ansprüchen wohl kaum genügend (und am Ende recht unbeholfen, wenn er handgrefilich werden möchte). Wortig trumpft mit lyrischem und höhensicherem Tenor auf und verleiht der Figur damit auch musikalisches Profil.

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Dem Wahnsinn verfallen: Blanche (Dagmar Hesse)

Einmal mehr grandios ist Dagmar Hesse in der riesigen Partie der Blanche. Ihr jugendlich-dramatischer Sopran ist lyrisch grundiert und nie scharf, eher zerbrechlich als auftrumpfend. Das Scheitern der Figur zeigt sich mehr szenisch als musikalisch, wo diese Blanche bis zuletzt ihr Schönheitsideal zumindest klanglich aufrecht erhält – optisch aber sieht man ihr die Zeichen des Verfalls mehr und mehr an. Durchweg gut besetzt und engagiert gespielt und gesungen sind auch die Nebenrollen.

Florian Ludwig, Hagens neuem Generalmusikdirektor, gelingt es sehr gut, die Sänger zu begleiten, ohne sie zuzudecken. Er dirigiert die ohnehin emotional aufgeladene Partitur sachlich und ohne falsches Pathos. Die rhythmisch geprägten, manchmal an Bernsteins West Side Story (die – ein Zeichen kluger Spielplanpolitik - auch gerade in Hagen gespielt wird) erinnernden Momente haben Kraft und Präzision. Das Philharmonische Orchester Hagen zeigt sich, von kleineren Unaufmerksamkeiten abgesehen, in sehr guter Verfassung.


FAZIT

Eine ganz starke Produktion des Hagener Theaters, dass alle Partien dieses eindrucksvollen, nicht ganz einfachen Werks ideal besetzen kann.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Florian Ludwig

Inszenierung
Roman Hovenbitzer

Ausstattung
Jan Bammes

Video
Volker Köster

Dramaturgie
Birgitta Franzen

Statisterie des
Theater Hagen

Philharmonisches
Orchester Hagen


Solisten

* Besetzung der rezensierten Aufführung

Blanche Dubois
Dagmar Hesse

Stanley Kowalski
Frank Dolphin Wong

Stella Kowalski
Stefania Dovhan

Harold Mitchell (Mitch)
Dominik Wortig

Eunice Hubbell
Marilyn Bennett

Steve Hubbell
* Dieter Goffing /
Werner Hahn

A young collector
Ingmar Klusmann

Mexican Woman
Ensemble

Doctor
Horst Fiehl


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Hagen (Homepage)




Da capo al Fine

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