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Die lustige Witwe

Operette in drei Akten
Text von Viktor Léon und Leo Stein
Musik von Franz Lehár

in deutscher Sprache

Aufführungsdauer: ca. 2h 30' (eine Pause)


Premiere im Theater Hagen am 15. November 2008

Logo: Theater Hagen

Theater Hagen
(Homepage)
Große Operettenkunst

Von Stefan Schmöe / Fotos von Stefan Kühle (© Theater Hagen)

Was passiert, wenn man eine Operette wie Lehárs Lustige Witwe einmal ernst nimmt? Der Wirkung von Stoff und Musik vertraut, Sentiment akzeptiert (und nicht als Sentimentalität denunziert), ein gewisses Maß an Biederkeit hinnimmt, der Unterhaltungsqualität ihr Recht zugesteht? Und die Gattung Operette nicht als (vom breiten Publikum zwar geschätzten, in der Intendanz- und Dramaturgenetage aber naserümpfend beäugten) Lückenfüller zwischen den „großen Brocken“ des Spielplans inszeniert, sondern herangeht in der Überzeugung, dies sei das wichtigste, größte, tollste Stück der Saison überhaupt? Dann dankt, wie jetzt in Hagen zu beobachten, das Publikum einem ausgesprochen spielfreudigem Ensemble mit stehenden Ovationen.

Vergrößerung in neuem Fenster Mann liegt ihr - oder genauer: ihrem Reichtum - zu Füßen: Hanna Glawari (Stefanie Smits)

Das Theater Hagen hat alle Kräfte aufgeboten: Das hauseigene Ensemble wurde, obwohl ohnehin gut aufgestellt, um hochkarätige Gäste erweitert, das Ballettensemble eingebunden, in den Proben offenbar akribisch genau gearbeitet. Dazu hat Regisseur Thomas Weber-Schallauer gut erkannt, dass der Weg von der Operette zur Revue nicht weit ist und deshalb zunächst einmal handwerklich alles stimmen muss, das Tempo und die große Geste ebenso wie das Detail. Und ein Sänger, der mit seiner Präsenz die Bühne füllt und dann punktgenau am Ende seines Auftritts strahlend an der Rampe steht, punktet mehr als aller klugen Worte im Programmheft. In diesem Sinne gelingt hier bestes Theater von unmittelbarer Wirkung, denkbar weit vom Regietheater entfernt (das Sinn und Bodenhaftung ja erst durch solche kreuzsoliden Produktionen, zu denen es Stellung beziehen kann, erhält).

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Konspirativ auf Witwenfang: Baron Zeta (Martin Blasius, l.), Kanzlist Njegus (Werner Hahn) und Graf Danilo (Markus Petsch)

Bühnenbildnerin Bettina Neuhaus hat einen großbürgerlichen, nach hinten gestaffelten Raum mit blätternder Farbe als Zeichen des drohenden pontevedrinischen Staatsbankrotts gebaut (und sich dankenswerterweise Anspielungen auf die aktuelle Finanzkrise verkniffen) – ein ebenso einfaches wie wirkungsvolles und funktionstüchtiges Modell. Die Kostüme von Judith Peters haben einen Hauch der 20er-Jahre mit gelegentlich leicht mafiosem Einschlag (beim Grafen Danilo). Die Nebenfiguren sind von der Personenregie karikierend, darin aber genau gezeichnet und folgen bewährten Operettenstandards, nichts Neues also, aber gut gemacht. Sehr differenziert ausgestaltet sind die beiden Paare, um die sich alles dreht: Hanna Glawari, die lustige Witwe, und Graf Danilo als ernstes Paar (mit komischen Zügen), die verheiratete Valencienne und ihr Verehrer Camille de Roussilon als komisches Paar (mit ernsten Zügen). Dabei sind auch die großen Gefühle zugelassen, und die sind überhaupt nicht kitschig, wenn die Musik mitspielt: Wie Dirigent Bernhard Steiner mit dem ebenso engagiert und präzise wie nuanciert musizierenden Philharmonischen Orchester Hagen den Walzer „Lippen schweigen“ beim ersten Mal fragil und zerbrechlich, ja fast stockend spielen, das macht unmittelbar deutlich, warum diese Operette so ungeheuer erfolgreich war und ist.

Vergrößerung in neuem Fenster Hier geht's tatsächlich einmal nicht um's Geldd, sondern um Liebe: Camille de Rossilon (Jeffery Krueger) und die verheiratete Valencienne (Tanja Schun)

Auch wenn die hier und da allzu glatte Choreographie (Ricardo Viviani) mitunter etwas beliebig bleibt, an den entscheidenden Stellen insbesondere des zweiten Akts gewinnt sie an Kontur und setzt das Ballettensemble wirkungsvoll in Szene. Eine hübsche Idee ist die Bebilderung des „Vilja-Lieds“ durch ein Schattenspiel, von einem Paar hinter einer rückwärtigen Leinwand mehr als dezente tänzerische Pantomime denn als pas de deux angelegt. Aber auch hier versteht es der Regisseur, rechtzeitig wieder auf die Hauptbühnenmitte zu focussieren und die Nähe zum Publikum zu suchen.

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"Lippen schweigen, 's flüstern Geigen: Hab mich lieb!" - Danilo (Markus Petsch) und Hanna (Stefanie Smits)

Natürlich lebt das Stück von den Sängerpersönlichkeiten, und da ist zuallererst der famose Markus Petsch, als Gast für der Partie des Danilo verpflichtet (alternierend singt der hochkarätige hauseigene Tenor Dominik Wortig). Pletsch verfügt über enorme Bühnenpräsenz und Spielwitz, sein klarer, Raum füllender Tenor ist glanzvoll in der Höhe und sehr souverän geführt. Nicht ganz so glücklich ist die Hanna Glawari mit Stefanie Smits besetzt, deren recht kleine Stimme, wenn auch sauber geführt und in der musikalischen Linie tadellos, sich nicht immer gegen das Orchester behaupten kann. (Da hätte man sich doch die hauseigene Primadonna Dagmar Hesse gewünscht, die auf dem Sprung ins dramatische Fach steht und in dieser Produktion gar nicht eingesetzt ist.) Ein ähnliches Ungleichgewicht, wenn auch weniger stark ausgeprägt, zeigt sich beim zweiten Paar: Dem leichten, entwicklungsfähigen Tenor von Jeffery Krueger (er singt den Camille de Roussilon) fehlt es zwar noch an Fülle, die Mittellage klingt etwas scharf und eng, die sichere, emphatisch ausgesungene Höhe von erheblicher Durchschlagskraft ist beachtlich. Tanja Schun als sympathische Valencienne ist eine sehr agile Soubrette mit ziemlich kleiner Stimme. Der solide Martin Blasius als Baron Zeta und der komödiantisch versierte Werner Hahn als kauziger Kanzlist Nielgus runden ein Ensemble ohne Ausfälle ab. Einen guten Eindruck hinterlässt auch der von Wolfgang Müller-Salow zuverlässig einstudierte Chor.


FAZIT

Die lustige Witwe in konventioneller Lesart, sehr sorgfältig inszeniert und musiziert - eine mustergültige und vom Publikum gefeierte Operettenproduktion alter Schule, die überhaupt nicht verstaubt wirkt.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Bernhard Steiner

Inszenierung
Thomas Weber-Schallauer

Bühne
Bettina Neuhaus

Kostüme
Judith Peter

Choreographie
Ricardo Viviani

Choreinstudierung
Wolfgang Müller-Salow

Dramaturgie
Thilo Borowczak


Opernchor
des Theater Hagen

Ballett des
Theater Hagen

Philharmonisches
Orchester Hagen


Solisten

* Besetzung der rezensierten Aufführung

Baron Mirko Zeta
* Martin Blasius /
Rolf A. Scheider

Valencienne,
seine Frau
Tanja Schun

Graf Danilo Danilowitsch
* Markus Petsch /
Dominik Wortig

Hanna Glawari
Stefanie Smits

Camille de Rossillon
* Jeffery Krueger /
Boris Leisenheimer

Vicomte Cascada
Dieter Goffing

Raoul de St. Brioche
Richard van Gemert /
* Marc Haag

Bogdanowitsch
Horst Fiehl

Sylvaine,
seine Frau
Verena Michael

Kromow
Krzysztof Jakubowski

Olga,
seine Frau
Margarete Nüßlein

Pritschitsch
Dirk Achille

Praskowia,
seine Frau
Nicole Nothbaar

Njegus
Werner Hahn


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Hagen (Homepage)




Da capo al Fine

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