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Die entfesselten Kräfte des Unbewussten
Von Stefan Schmöe
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Fotos von Pedro Malinowski
Benjamin Britten, so scheint's, wird auf deutschen Opernbühnen gerade in den Rang eines Klassikers erhoben. Jedenfalls erleben die Opern des 1976 gestorbenen britischen Komponisten hierzulande einen regelrechten Boom. Die wachsende zeitliche Distanz spielt dabei vermutlich weniger eine Rolle als die mehr und mehr verschwimmende Abgrenzung der Avantgarde gegen die vermeintlich rückständigen tonalen Komponisten. Auch ein Überdruss an Werken, die hinter einer Fassade vermeintlicher Ironie und Brechung mehr Selbstgefälligkeit als Substanz verbergen, mag dazu beitragen, dass sich die Theater den durchaus konventionell narrativen, aber eben deshalb auch sehr bühnenwirksamen Stoffen des Engländers zuwenden, die zudem genug Geheimnisse beinhalten, um Regisseur wie das Publikum herauszufordern. Mehr und mehr macht sich aber auch die Erkenntnis breit, dass ein Werk wie Peter Grimes durchaus keine leichte Moderne mit romantischem Nachklang ist, sondern ein überaus gewichtiges Werk ganz eigener Prägung und ganz eigener Modernität.
Der Außenseiter und die Frau, die (noch) zu ihm hält: Peter Grimes (Jan Vacik) und Ellen Orford (Majken Bjerno)
Man hätte es nicht unbedingt von der zuletzt eher in der musikalisch zweiten Reihe spielenden Neuen Philharmonie Westfalen erwartet, dies ganz fabelhaft hörbar zu machen. Aber mit sehr zuverlässigen und kammermusikalisch prägnanten Solo-Bläsern und einem im Tutti zwar manchmal etwas eckigen, aber insgesamt transparenten und ausgewogenem Klang präsentiert sich das Orchester in guter Verfassung und am Pult steht mit dem jungen Kapellmeister Rasmus Baumann jemand, der mutig aufs Ganze geht und über weite Strecken im Piano und Pianissimo spielen lässt, ohne dabei je die Spannung zu verlieren: Peter Grimes als subtiles Psycho-Musikdrama vor allem der ganz leisen Töne. Baumann entschlackt das Stück von romantischem Ballast, nimmt die Tutti-Streicher zurück und hebt die Bläser hervor. Die Partitur erscheint durchsichtig und kammermusikalisch klar, verliert aber nichts von ihrer Sinnlichkeit. Baumann gelingt da Außerordentliches, und, das sei noch einmal erwähnt, dazu gehört natürlich ein Orchester, das dieses auch umsetzt. Im Gegensatz zu den leisen, dadurch bedrohlich und unheimlich die Sphäre des Unbewussten aufzeigenden Klängen stehen im dritten Akt die glasklar wie in den Raum gemeißelten Peter Grimes-Schreie des vorzüglichen und zu Recht bejubelten Chores (Einstudierung: Christian Jeub). Dieser kollektive Aufschrei nimmt vorweg, was rund 20 Jahre später Bernd Alois Zimmermann in den Soldaten und im Requiem für einen jungen Dichter noch einmal (und noch hoffnungsloser) auskomponieren wird: Der erratische Schrei als Zeichen der Ausweglosigkeit. Auf der anderen Seite knüpft Rasmus am Beginn des Aktes markant an die Wirtshausszene in Bergs Wozzeck an. Damit verortet er die Oper zwischen zwei bestimmenden Polen der modernen Musik: Britten nicht als englischer Sonderweg der Musikgeschichte, sondern eingebunden in die westeuropäischen Leitlinien, aber mit unüberhörbar individueller Ausprägung.
Dorfbewohner vor Videoprojektion: Boles (William Saetre)
Das setzt sich in den Gesangsstimmen fort. Jan Vacik stürzt sich mit außerordentlicher Intensität in die Titelrolle, singt, spricht und schreit (was Alban Berg für seine Opernfiguren ja auch vorschwebte), ist dabei klangschön und höhensicher, wo die Musik es verlangt, aber expressiv bis an die Grenzen der Musik, wo die Handlung es verlangt. Dieser Mann spielt nicht den Peter Grimes, er ist Peter Grimes. Majken Bjerno als Ellen Orford (die Frau, die lange zu dem Außenseiter hält) verfügt über einen durch und durch lyrisch geprägten Sopran, der zwar nicht das Volumen, aber die Intensität einer Jugendlich-Dramatischen besitzt (die Sängerin hat auch Wagner-Partien wie die Elisabeth im Repertoire). Dagegen fällt der grundsolide, aber nicht allzu charismatische Bariton von Tomas Möwes als Kapitän Balstrode ein wenig ab. Die anderen Partien sind passabel besetzt, wahren aber musikalisch die Distanz was nicht negativ ins Gewicht fällt, sondern zur klanglichen Gesamtdisposition passt, die auf die Hauptfiguren Grimes Ellen Balstrode fokussiert. Neben der beeindruckenden musikalischen Seite steht gleichrangig die ebenso starke Inszenierung von Elisabeth Stöppler. Im Prolog, in dem Grimes von der Dorfgemeinschaft wegen des Todes seines Lehrbuben verhört wird, steht der Chor wie eine Mauer an der Rampe, Grimes sitzt im Publikum. Das gleiche Bild wird sich am Ende wiederholen hier ist die Erzählstruktur aufgebrochen, wird das tragische Ende (Grimes versenkt sein Boot und ertränkt sich) als Verstoßung des Außenseiters aus der Gemeinschaft im gesellschaftlichen Kontext gedeutet. Das mag als theatralisches Stilmittel ein wenig in die Jahre gekommen sein, zeigt hier aber durchaus Wirkung auch, weil die Inszenierung konsequent zwischen einer naturalistischen (wenn auch immer wieder gebrochenen) und abstrahierenden Erzählweise ausbalanciert ist. Im ersten Akt sieht man Möbel wie Strandgut an der Küste herum liegen, und mit ein paar Handgriffen entsteht daraus das Dorf in nuce - ohne trennende Mauern, was den Druck der Masse (die sich zeitlich nicht exakt festlegen lässt) auf das Individuum überdeutlich macht. Die Regisseurin lässt den Chor oft einfrieren, hebt mit kluger Personenregie die Handlung schlüssig hervor, lässt aber auch viel Freiraum für Assoziationen. Und für die Orchesterzwischenspiele werden Filmsequenzen von tauchenden, wohl auch ertrinkenden Jungen eingeblendet, was die Übermacht des Wassers (das Meer ist allgegenwärtig in dieser Oper) auf rätselhafte Weise verdeutlicht. Andreas J. Etter, der die Filme gedreht hat, sind da sehr eindrucksvolle Bilder gelungen, deren Sog man sich nicht entziehen kann.
Tragischer Anti-Held: Peter Grimes (Jan vacik) mit dem toten Kind (Christian Pelker)
Die Motive von Homoerotik und Knabenliebe, die sich wie ein roter Faden durch das Werk Brittens ziehen und auch den Peter Grimes beherrschen (wie überhaupt die Oper durchwoben ist von sexuellen Anspielungen), ist in der Inszenierung und auch in den Videosequenzen latent spürbar, ohne konkret ausgedeutet zu werden. Damit gelingt es der Regisseurin und ihrer Ausstatterin Kathrin-Susann Brose, die spannungsvolle Offenheit und Vieldeutigkeit dieser Oper zu wahren. Vor allem aber greifen Szene und Musik ausgezeichnet ineinander. Das Werk vollständig entschlüsseln (und damit banalisieren) wollen weder das Regieteam noch der Dirigent. Aber sie befeuern sich wechselseitig darin, eben die vielschichtige und gefährlich im Unbewussten drängende Kraft dieser Oper erfahrbar zu machen ein Meisterwerk, das durch Aufführungen wie diese auch als solches erkannt wird.
Musikalisch wie szenisch eine ganz starke Produktion mit großen Bildern. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Ausstattung
Licht
Chor
Dramaturgie
SolistenPeter GrimesJan Vacik
Ellen Orford
Captain Balstrode
Auntie
1.Nichte
2. Nichte
Bob Boles
Swallow
Mrs. Sedley
Pastor Adams
Ned Keene
Hobson
John, Grimes' Lehrjunge
Dr. Crabbe
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