|
Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
|
|
|
|
Dido und Miss Donnithorne
Von Ursula Decker-Bönniger
/
Fotos von Pedro Malinowski
Wenn die karthagische Königin Dido, von fürsorglichen, aufmunternden Geistern umsorgt, auf einer Couch, einem gemütlichen, antiken Wohnzimmersofa, auf die Bühne gefahren wird, ahnt man noch nichts von ihrem modernen Alter Ego, dem expressiven musikalischen Sprachgestus der verlassenen Miss Donnithorne, ihrem Wahnsinn, ihrer Angst, Einsamkeit und Verzweiflung: Ausgehend von den Gemeinsamkeiten der beiden Frauenschicksale beide lieben, werden verlassen und dadurch zerstört verzahnt Regisseur und Choreograph Bernd Schindowski in einer spannenden, beeindruckenden Inszenierung des Musiktheaters im Revier Henry Purcells Oper Dido und Aeneas und Sir Peter Maxwell Davies musiktheatralischen Monolog Miss Donnithorne's Maggot miteinander. Ergebnis ist eine neue Rahmenhandlung, die die vordergründige Hast der Purcell-Oper um die Seelen- und Gedankenwelt, den Prozess der langsamen geistigen Verwirrung erweitert. Es entsteht darüber hinaus ein faszinierendes Musikerlebnis, bei dem die stilisierte, barocke Musikrhetorik einer hochexpressiven, modernen Musiksprache gegenübergestellt wird.
Noriko Ogawa-Yatake als Miss Donnithorne
Eingeleitet wird der Abend im Foyer mit der Davies' Komposition Fantasia on a Ground and two Pavans. Typisch barocke Basslinien, Rhythmen, Motive und Satzstrukturen werden in dieser Bearbeitung witzig kommentiert, der Nähmaschinenbarock mit Charlestonanklängen, Trillerpfeife, verstimmten Barpianoklängen aufgepäppt. Lockere Unterhaltung, gelöste, heitere Stimmung kommen auf, bis Miss Donnithorne die Anwesenden auffordert, an ihrem Hochzeitsfest und Ball teilzunehmen mit den Worten Mögen Sie alle daran ersticken! Nach Ouvertüre und erstem Akt der wahrscheinlich 1689 in einem Mädchenpensionat in Chelsea uraufgeführten Purcell-Oper beginnt Miss Donnithorne ihre erregten Phantasien, um dann als Hexe verkleidet das Liebesglück von Dido und Aeneas zu unterbinden. Auf dem Höhepunkt von Purcells grotesk höhnenden Hexentänzen und -gesängen wird die Oper erneut von den rauschhaften, erotischen Phantasien und Wahnbildern der am Hochzeitstag von ihrem Bräutigam verlassenen Miss Donnithorne unterbrochen.
Noriko Ogawa-Yatake als Miss Donnithorne
Purcells einzige Oper im wahrsten Sinne des Wortes erklingt in Gelsenkirchen in Anlehnung an Davies Komposition für Mezzosopran und Kammerorchester in kammermusikalischer Fassung: Streicher und Chor sind solistisch besetzt. Die beiden Instrumentalensembles befinden sich - leicht abgeschirmt vom eigentlichen Geschehen - auf der Bühne. Anklänge an historische Spielpraxis mit Theorbe als Generalbassinstrument kontrastieren mit einem modernen Kammerensemble, dessen Farbspektrum u.a. von Metronom, Schleifpapier, Fensterleder auf Glas gerieben, quietschender Luftballonhaut und Trillerpfeifen ergänzt werden. Musikalisch erinnert die Vokalpartie des mittlerweile zu den modernen Klassikern gehörenden, 1974 in Adelaide uraufgeführten Musiktheaterwerks des Sir Peter Maxwell Davies an Schönberg, Schnebel oder Berio. Der Darbietung einer entfesselten, grotesken Persönlichkeit entspricht eine die Konventionen traditionellen Kunstgesangs sprengende, alle möglichen Äußerungsformen einbeziehende Stimmbehandlung. Miss Donnithorne entäußert sich in schnellem Wechsel mal in Koloraturen, mal im Sprechgesang mit extremen Tonhöhenunterschieden, mal in Heulen, Fauchen, Flüstern oder Keuchen ausbrechend. Die souveräne Darbietung von Noriko Ogawa-Yatake, die auch die Rolle der Zauberin in der Purcell-Oper singt, ist nicht nur ein fesselndes, faszinierendes Erlebnis für die Ohren. Expressive Mimik, Gesten und Körperhaltungen und -bewegungen ergänzen die stimmliche Interpretation. obwohl - trotz der ins Deutsche übertragenen Textvorlage von Randolph Stow - eine Übertitelung sinnvoll wäre.
Noriko Ogawa-Yatake als Miss Donnithorne
Das auf wesentliche Spielelemente reduzierte Bühnenbild unterstreicht den kammertheatralen, intimen Charakter der Aufführung und rückt den kontrastierenden Ausdruck der Musik in den Vordergrund; ansprechend auch die Kostüme, die wesentlich für die zeitliche und situative Einordnung des abwechslungsreichen, tragischen Bühnengeschehens sind. Burlesker Kontrapunkt sind die bewusst tölpelhaften, eckigen Bewegungen und Fratzen der Hexen. Elise Kaufmann, Yael Izkovich, Daniel Wagner und Charles E.J.Moulton begeistern ebenso durch ihr engagiertes, musikalisches Zusammenspiel. Homogener Stimmklang und Präzision machen auch die solistisch besetzten Purcell-Chöre zu einem beeindruckenden Erlebnis. Yael Izkovich, deren samtiger, lyischer Mezzosopran auch in der Rolle der zweiten Hexe zu hören ist, meistert ihren ersten Soloauftritt im MiR solide und stimmsicher. Alfia Kamalova ist eine spielfreudige, manchmal dramatisch glänzende, mit tiefgründigemVolumen ausgestattete Edelfrau Belinda, Piotr Prochera ein textverständlich singender, brustig, metallisch schillernder Aeneas. Anna Agathonos gestaltet anrührend Liebesleid und Abschiedsschmerz der Dido. Samuel Bächli wechselt souverän zwischen barockem und modernem Kammerensemble, deren klangliche Gemeinsamkeiten vielleicht mit einem verstärkten Streicherchorus des Barockensembles und einer schärferen, die Geräuschgrenzen des Streicherklangs aufspürenden Interpretation zum Ausdruck kommen könnten.
Eine gelungene, faszinierende Inszenierung, die auch musikalisch überzeugt. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Dramaturgie
SolistenMiss Donnithorne's Maggot
Miss Donnithorne
Dido and Aeneas
Dido
Aeneas
Belinda
Zauberin / Geist
1. Hexe / 2. Frau / Chorus
2. Hexe /Chorus
3. Hexe / Matrose / Chorus
4. Hexe / Chorus
Amor
|
© 2009 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de