Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum



Dido and Aeneas

Oper in drei Akten
Libretto von Nahum Tate
Musik von Henry Purcell


in englischer Sprache

Miss Donnithorne's Maggot

Libretto von Randolph Stow
Musik von Sir Peter Maxwell Davies


in deutscher Sprache

Aufführungsdauer: ca. 1h 30' (keine Pause)

Premiere am 9. Mai 2009
im Kleinen Haus des Musiktheaters im Revier Gelsenkirchen


Homepage

Musiktheater im Revier
(Homepage)

Dido und Miss Donnithorne

Von Ursula Decker-Bönniger / Fotos von Pedro Malinowski


Wenn die karthagische Königin Dido, von fürsorglichen, aufmunternden Geistern umsorgt, auf einer Couch, einem gemütlichen, antiken Wohnzimmersofa, auf die Bühne gefahren wird, ahnt man noch nichts von ihrem modernen Alter Ego, dem expressiven musikalischen Sprachgestus der verlassenen Miss Donnithorne, ihrem Wahnsinn, ihrer Angst, Einsamkeit und Verzweiflung: Ausgehend von den Gemeinsamkeiten der beiden Frauenschicksale – beide „lieben, werden verlassen und dadurch zerstört“ – verzahnt Regisseur und Choreograph Bernd Schindowski in einer spannenden, beeindruckenden Inszenierung des Musiktheaters im Revier Henry Purcells Oper Dido und Aeneas und Sir Peter Maxwell Davies musiktheatralischen Monolog Miss Donnithorne's Maggot miteinander. Ergebnis ist eine neue Rahmenhandlung, die die „vordergründige Hast“ der Purcell-Oper um die Seelen- und Gedankenwelt, den Prozess der langsamen geistigen Verwirrung erweitert. Es entsteht darüber hinaus ein faszinierendes Musikerlebnis, bei dem die stilisierte, barocke Musikrhetorik einer hochexpressiven, modernen Musiksprache gegenübergestellt wird.

Vergrößerung in neuem Fenster Noriko Ogawa-Yatake als Miss Donnithorne

Eingeleitet wird der Abend im Foyer mit der Davies' Komposition „Fantasia on a Ground and two Pavans“. Typisch barocke Basslinien, Rhythmen, Motive und Satzstrukturen werden in dieser Bearbeitung witzig kommentiert, der Nähmaschinenbarock mit Charlestonanklängen, Trillerpfeife, verstimmten Barpianoklängen aufgepäppt. Lockere Unterhaltung, gelöste, heitere Stimmung kommen auf, bis Miss Donnithorne die Anwesenden auffordert, an ihrem Hochzeitsfest und Ball teilzunehmen mit den Worten „Mögen Sie alle daran ersticken!“

Nach Ouvertüre und erstem Akt der wahrscheinlich 1689 in einem Mädchenpensionat in Chelsea uraufgeführten Purcell-Oper beginnt Miss Donnithorne ihre erregten Phantasien, um dann als Hexe verkleidet das Liebesglück von Dido und Aeneas zu unterbinden. Auf dem Höhepunkt von Purcells grotesk höhnenden Hexentänzen und -gesängen wird die Oper erneut von den rauschhaften, erotischen Phantasien und Wahnbildern der am Hochzeitstag von ihrem Bräutigam verlassenen Miss Donnithorne unterbrochen.

Vergrößerung in neuem Fenster

Noriko Ogawa-Yatake als Miss Donnithorne

Purcells einzige Oper im wahrsten Sinne des Wortes erklingt in Gelsenkirchen in Anlehnung an Davies Komposition für Mezzosopran und Kammerorchester in kammermusikalischer Fassung: Streicher und Chor sind solistisch besetzt. Die beiden Instrumentalensembles befinden sich - leicht abgeschirmt vom eigentlichen Geschehen - auf der Bühne. Anklänge an historische Spielpraxis mit Theorbe als Generalbassinstrument kontrastieren mit einem modernen Kammerensemble, dessen Farbspektrum u.a. von Metronom, Schleifpapier, Fensterleder auf Glas gerieben, quietschender Luftballonhaut und Trillerpfeifen ergänzt werden.

Musikalisch erinnert die Vokalpartie des mittlerweile zu den modernen Klassikern gehörenden, 1974 in Adelaide uraufgeführten Musiktheaterwerks des Sir Peter Maxwell Davies an Schönberg, Schnebel oder Berio. Der Darbietung einer entfesselten, grotesken Persönlichkeit entspricht eine die Konventionen traditionellen Kunstgesangs sprengende, alle möglichen Äußerungsformen einbeziehende Stimmbehandlung. Miss Donnithorne entäußert sich in schnellem Wechsel mal in Koloraturen, mal im Sprechgesang mit extremen Tonhöhenunterschieden, mal in Heulen, Fauchen, Flüstern oder Keuchen ausbrechend.

Die souveräne Darbietung von Noriko Ogawa-Yatake, die auch die Rolle der Zauberin in der Purcell-Oper singt, ist nicht nur ein fesselndes, faszinierendes Erlebnis für die Ohren. Expressive Mimik, Gesten und Körperhaltungen und -bewegungen ergänzen die stimmliche Interpretation. obwohl - trotz der ins Deutsche übertragenen Textvorlage von Randolph Stow - eine Übertitelung sinnvoll wäre.

Vergrößerung in neuem Fenster

Noriko Ogawa-Yatake als Miss Donnithorne

Das auf wesentliche Spielelemente reduzierte Bühnenbild unterstreicht den kammertheatralen, intimen Charakter der Aufführung und rückt den kontrastierenden Ausdruck der Musik in den Vordergrund; ansprechend auch die Kostüme, die wesentlich für die zeitliche und situative Einordnung des abwechslungsreichen, tragischen Bühnengeschehens sind. Burlesker Kontrapunkt sind die bewusst tölpelhaften, eckigen Bewegungen und Fratzen der Hexen. Elise Kaufmann, Yael Izkovich, Daniel Wagner und Charles E.J.Moulton begeistern ebenso durch ihr engagiertes, musikalisches Zusammenspiel.

Homogener Stimmklang und Präzision machen auch die solistisch besetzten Purcell-Chöre zu einem beeindruckenden Erlebnis. Yael Izkovich, deren samtiger, lyischer Mezzosopran auch in der Rolle der zweiten Hexe zu hören ist, meistert ihren ersten Soloauftritt im MiR solide und stimmsicher. Alfia Kamalova ist eine spielfreudige, manchmal dramatisch glänzende, mit tiefgründigemVolumen ausgestattete Edelfrau Belinda, Piotr Prochera ein textverständlich singender, brustig, metallisch schillernder Aeneas. Anna Agathonos gestaltet anrührend Liebesleid und Abschiedsschmerz der Dido.

Samuel Bächli wechselt souverän zwischen barockem und modernem Kammerensemble, deren klangliche Gemeinsamkeiten vielleicht mit einem verstärkten Streicherchorus des Barockensembles und einer schärferen, die Geräuschgrenzen des Streicherklangs aufspürenden Interpretation zum Ausdruck kommen könnten.


FAZIT

Eine gelungene, faszinierende Inszenierung, die auch musikalisch überzeugt.


Ihre Meinung
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
(Veröffentlichung vorbehalten)

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Samuel Bächli

Inszenierung
Bernd Schindowski

Bühne
Manfred Dorra

Kostüme
Andreas Meyer

Dramaturgie
Anna Melcher



Statisterie des
Musiktheater im Revier

Chor des
Musiktheater im Revier

Mitglieder der
Neuen Philharmonie
Westfalen


Solisten

Miss Donnithorne's Maggot

Miss Donnithorne
Noriko Ogawa-Yatake

Dido and Aeneas

Dido
Anna Agathonos

Aeneas
Piotr Prochera

Belinda
Alfia Kamalova

Zauberin / Geist
Noriko Ogawa-Yatake

1. Hexe / 2. Frau / Chorus
Elise Kaufmann

2. Hexe /Chorus
Yael Izkovich

3. Hexe / Matrose / Chorus
Daniel Wagner

4. Hexe / Chorus
Charles E.J.Moulton

Amor
Adrian Eilert
Felix Warczek



Weitere
Informationen

erhalten Sie vom
Musiktheater im Revier
(Homepage)



Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum
© 2009 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -