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Linie U18 oder Wie die Oper irrtümlich zum öffentlichen Personennahverkehr kam
Von Stefan Schmöe
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Fotos von Diana Küster
20.10 Uhr, Essen, U-Bahn-Haltestelle Hirschlandplatz. Der Raum ist sauber herausgeputzt, es gibt sicherlich ödere Orte im Untergrund. Menschen in gehobener Freizeitkleidung gruppieren sich um die Tische, an denen die Eintrittskarten für die Eichbaumoper und Programmhefte zu erstehen sind. Viele Journalisten. Wer zu normal, zu alltäglich gekleidet ist, gerät schnell in den Verdacht, zum Stück zu gehören. Man könnte Prosecco und Orangensaft erstehen; angesichts der doch etwas stickigen Luft bevorzuge ich einen Espresso in einem der Straßencafés 10 m höher. So schön ist es unter dem Hirschlandplatz dann auch wieder nicht. Handlungsanweisung für das Publikum, das nach frischer Luft sucht: Bitte seien Sie um Viertel vor Neun wieder hier. 20.48 Uhr, Essen, U-Bahn-Haltestelle Hirschlandplatz. Small Talk mit anderen Besuchern, warten. Dann das Zeichen zum Start: Das Publikum darf hinunter, eine Ebene tiefer auf den Bahnsteig, weiter in den Sonderzug der Straßenbahn U 18, die im Essener Stadtgebiet teilweise unterirdisch verkehrt. Die meisten sitzen, ein paar Leute stehen; zur Hauptverkehrszeit geht es sicher gedrängter zu. Ein Blick in die Zeitung zur Eichbaumoper" am Premierentag ist die zweite Ausgabe erschienen und das dort abgedruckte Libretto zeigt, dass dieser Waggon der erste Spielort sein wird, was ein wenig von der Überraschung (falls eine solche eingeplant war) nimmt. Gegen 21 Uhr setzt sich der Wagen in Bewegung.
Entgleisung. Eine Kammeroper: Die U-Bahn singt (Bernadette La Hengst).
21.05 Uhr, in der U-Bahn irgendwo unterirdisch zwischen Essen und Mülheim. Der Zug bleibt stehen, aus dem Lautsprecher entschuldigt jemand den Halt im Tunnel aus technischen Problemen. Dann beginnt es zu singen, ebenfalls über Lautsprecher. Es ist, so entnehmen wir dem Libretto, die U-Bahn selbst, die sich hier musikalisch äußert: Und nach einem harten Tag, wenn ich nicht mehr fahren mag, und dann stehe ich still, dann stehe ich still, und warte, warte, warte. Doch ich muss immer weiter, ich bin ein Zeit-ab-arbeiter Ein wenig erinnert es an den melancholischen Seeelefanten in den Urmel-Geschichten der Augsburger Puppenkiste. Schließlich geht es tatsächlich weiter. Leute stehen im Zug auf, fangen an zu singen oder zu erzählen von der Heimat in Essen und in Afrika, von der Arbeitslosigkeit, von einem langen Berufsleben. Das sind, keineswegs frei von Klischees, die Prototypen des Ruhrgebiets-U-Bahn-Reisenden, gleichzeitig ist es eine Variation auf das Erfolgsmusical Linie 1 des Berliner Grips-Theaters. Wir befinden uns mitten in der Kammeroper Entgleisung von Ari Benjamin Meyers, geboren 1972 in New York. 21.25 Uhr, Mülheim, U-Bahnhaltestelle Eichbaum, Bahnsteig. Wir sind am Ziel angekommen und steigen aus. Auf dem Bahnsteig singt schon wieder die U-Bahn, diesmal verkörpert durch Bernadette La Hengst und von einem Kammerorchester in knallig bunter Schaffnerkluft begleitet. Sie singt eine Art Chanson im Stile der minimal music ( Ich bin als ein Kind des Wachstums geboren, die Vision ist verraucht und gedankenverloren ). Hinzu kommt ein Kammerchor, als U-Bahn verkleidet. Wir sind offenbar beim Karneval oder Kindergeburtstag angekommen. Hatten die musikalischen Szenen während der Fahrt noch einen gewissen Reiz, so ist diese Szene in ihrer plumpen Naivität ein Ärgernis. Die Musik ist belanglos. Unfreiwillig absurd wird das Ganze durch die Vielzahl von Kameras und Mikrophonen, die den Event dokumentieren. Zwischenfazit 1: Entgleisung. Eine Kammeroper. ist knallbunte Eventkultur für Leute, die auch bei der McDonalds-Kindergeburtstagsparty ihren Spaß hatten.
Simon der Erwählte: Anna, die Mutter (Anna Agathonos)
21.54 Uhr, Mülheim, U-Bahnhaltestelle Eichbaum, oberirdisch. Hinter dem Bahnsteig treten die Gleise aus dem Tunnel, sind für das Projekt Eichbaumoper mit einer Zuschauertribüne und einer einfachen Holzbühne überbaut. In Blickrichtung rechts erhebt sich die Opernbauhütte, ein futuristisch anmutender Container. Jetzt wird Simon der Erwählte gespielt, komponiert von der 1967 in Belgrad geborenen Komponistin Isidora ebeljan. Im linear erzählenden Libretto von Borislav Cicovecki geht es um den Russen Simon, der als Säugling einst von seiner Mutter vor einem Kloster ausgesetzt wurde und nun als junger Mann sein Glück in Deutschland sucht und sich dabei unwissend in seine ebenfalls hier am Eichbaum gestrandete Mutter verliebt. Eine Variation des Oedipus-Mythos also, mit einem nicht ganz nachvollziehbaren Finale. Wahrscheinlich ist das nicht einmal eine schlechte Oper, stilistisch an Strawinsky, Berg und Schönberg orientiert mit markanter rhythmischer Struktur und perkussiven Bläsersätzen. Kreuzsolide, aber auch kreuzbrav. Enstanden sind alle drei Kurzopern dieses Abends für genau diesen Ort, Komponisten und Librettisten haben in der Opernbauhütte gearbeitet und angeblich die Menschen rund um den Eichbaum einbezogen in den künstlerischen Prozess. In Simon der Erwählte ist davon nichts zu spüren. Es mag nahe liegen, diese Haltestelle, die zwischen Autobahn und Autobahnzufahrt unwirklich eingeklemmt ist, als symbolischen Ort des Gestrandet-Seins aufzufassen, aber mit dieser nicht ganz kitschfreien Ausdeutung ist es dann auch getan: Diese Kurzoper scheint in jedem konventionellen Theaterraum mit größeren szenischen Möglichkeiten besser aufgehoben zu sein. Und bei der Inszenierung von Cordula Däuper (die für die Regie des ganzen Abends verantwortlich ist) fragt man sich an dieser Stelle, ob es sich um Einfallslosigkeit oder demonstrative Lustlosigkeit handelt. Piotr Prochera als Simon und Anna Agathonos als Mutter schlagen sich tapfer, ebenso das kleine Orchester unter der Leitung von Bernhard Stengel. Trotzdem fällt das Zwischenfazit II nicht gerade günstig aus: Den Abend hätte man bis jetzt besser vor dem Fernseher verbringen können.
Fünfzehn Minuten Gedränge: Emma (Noriko Ogawa-Yatake), Max (William Saetre), Chor der Anwohner
22.37 Uhr, Mülheim, immer noch U-Bahnhaltestelle Eichbaum, oberirdisch. Inzwischen läuft Fünfzehn Minuten Gedränge von Felix Leuschner, 1972 in Deutschland geboren und damit der jüngste der drei Komponisten. Endlich hat die Eichbaumoper Konturen angenommen, spät und nach dem Vorangegangenen fast schon überraschend. Nicht, dass Leuschner (im Begleitmaterial vollmundig als Avantgarde angekündigt) die Musikgeschichte umschreiben würde, Techniken wie das Zerlegen von Wörtern in einzelne Vokale und Konsonanten sind wahrlich gut erprobt; aber diese Musik steht endlich einmal im spannungsvollen Kontrast zum Ambiente, und sie berührt in ihrer Expressivität. Auch hier geht es um kleine Geschichten der Menschen am Eichbaum, aber diesmal ohne das folkloristische Gepräge von Entgleisung. In konzertüblicher Kleidung stehen einige Sänger auf Holzkisten an der Rampe (das ist in diesem Fall die Brücke über die Gleise) und singen konzertant aus ihren Noten; dahinter steht manchmal der Chor mit Masken wie in der antiken Tragödie. Der Chor der Anwohner der Haltestelle Eichbaum stellt die Statisterie, Alltagsmenschen an der Straßenbahn eben. Ab und zu hält unten eine echte U-Bahn an, kommen vereinzelt wirkliche Passanten, die den Ort schnell verlassen, kaum Notiz von dem Spektakel nehmen. Hier wird eine Kunstmusik bewusst in eine unpassende Umgebung gestellt. Auch das Dach und die Opernbauhütte sind in die szenische Aktion, die mitunter gar keine solche sein will, einbezogen.
Fünfzehn Minuten Gedränge: Sabine (Elise Kaufmann), Chor, Orchester, Chor der Anwohner
Fünfzehn Minuten Gedränge funktioniert an diesem Ort, das ist das Paradoxe an diesem Abend, weil es im Grunde nicht funktioniert, weil die Oper nicht an solche Orte gehört, wo der Straßenlärm stört, die Mikrophone den Klang verzerren, die Kunst denkbar weit vom Alltag entfernt ist und die Menschen sich eben doch nicht dafür interessieren. Leuschners komplexe Musik macht die Unmöglichkeit deutlich, und das ist mit der Verweigerung einer szenischen Ausdeutung auch inszeniert. Sänger wie Musiker unter der Leitung von Clemens Jüngling leisten Außerordentliches, trotzen den widrigen Bedingungen. Die Kunst behauptet sich gegen die Realität. Zwischenfazit III: Fünfzehn Minuten Gedränge macht einiges der vorangegangenen Enttäuschungen wieder wett.
23.12 Uhr, ein Wagen der Linie U 18 Richtung Essen Hbf, an diesem Abend der letzte reguläre Zug im Linienverkehr. Die Premiere ist vorbei. Die Eichbaumoper will mehr (oder anders) sein als ein Opernprojekt an anderem Ort. Sie will den Ort verändern, die Oper den Menschen nahe bringen und viel mehr solches Zeug, das verdächtig nach Gutmenschentum von durch Steuergelder vergleichsweise großzügig alimentierten Künstlern aus fernen Städten klingt, die im Ruhrgebiet exotische Abwechslung suchen und finden. Die Eichbaumoper hat sich mit großem (auch finanziellem) Aufwand hier eingenistet. Ob der Ort dadurch sein Gesicht verändert hat, mögen die Anwohner beurteilen. Künstlerisch ist der Ertrag recht dürftig; Entgleisung. Eine Kammeroper scheint ebenso entbehrlich wie Simon der Erwählte - in beiden Stücken kommt die Eichbaumoper nicht über Eventkultur hinaus. Allein Fünfzehn Minuten Gedränge ist radikal genug für ein paar spannungsvolle Momente. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Regie
Künstlerische Gesamtleitung
Kostüme
Chor
Dramaturgie
EntgleisungMusikalische LeitungAskan Geisler
Mädchen
Mutter
Sopran II
Sopran I
Jesusfreak
Der Verrückte
Die U-Bahn I
Die U-Bahn II
Die U-Bahn III
Ehepaar
Die Idee
Das Mädchen / Anna
Simon
Vater Kiril
Kellnerin
Lozac, der Heizer
Emma
Sabine
Anna
Daniel
Max
Sven
Theater Essen (Homepage)
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