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Mozart jugendfrei
Von Stefan Schmöe
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Fotos von Pedro Malinowski
Die letzte Inszenierung der Entführung aus dem Serail am Gelsenkirchener Musiktheater im Revier dürfte manchem langjährigen Besucher des Hauses immer noch schwer im Magen liegen. Am ersten Weihnachtsfeiertag hatte Dietrich Hilsdorf im Jahr 1995 die Oper als grausige Episode der Türkenkriege mit ziemlich realistischen Hinrichtungsszenen inszeniert nichts für zarte Gemüter, und auch nicht eben kindgerecht. Hilsdorfs grandioser Mozart-Zyklus gehört sicher zu den absoluten Höhepunkten der Gelsenkirchener Theatergeschichte, aber dennoch hat man den Eindruck, das Theater wolle mit seiner aktuellen Neuinszenierung fast 14 Jahre später so etwas wie Wiedergutmachung an den verprellten Kindern betreiben. Denn jetzt hält man eine derart putzige Entführung parat, dass die spannendste Frage des Abends lautet: Warum beginnt die Vorstellung erst um 20 Uhr, wenn Kinder doch eigentlich ins Bett gehören?
Frauensachen: Konstanze (Diana Petrova, links) wird von Blonde (Alfia Kamalova) getröstet.
Mozarts Singspiel für die ganze Familie - das ist ja ein durchaus plausibler Ansatz. Regisseur und Bühnenbildner Elmar Gehlen hat für die Bühne des Kleinen Hauses (das Große Haus wird gerade saniert) einen rückwärtigen Prospekt mit Farbklecksen und verlaufenden Farbspuren gemalt und davor zwei drehbare Halbzylinder gestellt, die je nach Ausrichtung Außen (Straßenfront) und Innen (der eine Konstanzes Gemach in Rot, der andere abstrahierter Garten in Grün) von Selims Palast darstellen. Darin die Befindlichkeit der Personen erkennen zu wollen, wie dem Regisseur-Bühnenbildner-Künstler Gehlen offenbar vorschwebt, scheint etwas weit hergeholt; die passende Kulisse für ein unbeschwertes Singspiel bietet das aber durchaus. Dazu gibt's jede Menge hübsche Kostüme (Martina Feldmann). Der Chor sieht in etwa so aus, wie man sich die Menschen auf einem orientalischen Basar vorstellt; Belmonte ist ein Tourist im Stile der 60er-Jahre (da liegt ein ganz winziger Hauch von Kulturkritik vor). Auf der Bühne ist eigentlich immer etwas los, die Personen viel in Bewegung da gibt es durchaus viel zu sehen. Die Personenregie bewegt sich dabei zwischen Commedia dell'Arte, Kasperletheater und Slapstick, und die Janitscharen drehen sich, als sei's eine große Spieluhr. Kinderfreundlich also. Wenn man das zum Ziel haben sollte, wären ein paar Kürzungen allerdings nicht falsch gewesen (die Spieldauer beträgt annähernd drei Stunden). Die großen Konflikte, die es in dieser Oper ja auch gibt (und die ansonsten gerne von Regisseuren vorgeführt werden), bleiben aus. Am Ende erklärt Gehlen uns sogar, warum der Bassa die Europäer laufen lässt: Er war nämlich mit Belmontes Mutter liiert und liebt sie noch immer, und da will er ihr nicht den Sohn rauben. So einfach ist das also. Man könnte auch sagen: So schlicht, denn insgesamt fehlt der Inszenierung das tragische Moment, das die Entführung dann eben doch braucht, selbst (oder gerade) als Kinderstück sonst plätschert sie ein wenig belanglos dahin wie hier. Etwas weniger Kasperletheater und etwas mehr Ernst, auch etwas mehr ästhetische Strenge (das schöne Bühnenbild liefert ja durchaus die Vorlage dazu) hätten der Produktion gut getan.
Vivat Bacchus, Bacchus lebe: Osmin (Michael Tews, links) und Pedrillo (E. Mark Murphy) sprechen dem Alkohole zu.
Der Eindruck des allzu Heiteren wird, das muss man dem Regisseur zu Gute halten, dadurch verstärkt, dass die Darsteller der komischen Partien den stärkeren Eindruck hinterlassen als die der ernsten. Da ist vor allem Alfia Kamalova als zupackende, mit intensivem (stellenweise noch etwas unbeweglichem) Ton singende Blonde, keine niedliche Soubrette, sondern kraftvoll-selbstbewusst singende Frau. E. Mark Murphy als Pedrillo ist ein leichter und heller, mitunter etwas greller Spieltenor, der sehr agil herumtobt. Und Michael Tews singt einen volltönenden und sonoren, dabei nie altväterlichen Osmin. Heikler ist die Besetzung des hohen Paares. Lars-Oliver Rühl als Belmonte hat ein flaches und wackliges Piano und ein metallisch strahlendes Forte, das für den kleinen Raum und die ungewohnte Nähe zum Publikum allzu durchdringend ist. In den Ensembles kommt er sehr viel besser zurecht als in den Arien, in denen doch merklich die Zwischentöne fehlen und auch die Leichtigkeit und Geschmeidigkeit, die es für diese eben doch im Singspiel verhaftete Figur bräuchte. Dagegen steht allerdings ein wirklich strahlendes Forte, das anderen Mozart-Tenören doch oft fehlt. Insgesamt bleiben die Eindrücke recht ambivalent. Ähnliches gilt für die Konstanze von Diana Petrova. Die volle und kräftige Stimme gibt der Figur Gewicht, ist aber in den Koloraturen technisch deutlich überfordert. Dazu bricht der Klang je nach Vokalfärbung weg bei jedem e wird die Stimme flach und matt. Und ein Unding ist der Umgang mit dem Text: Natürlich muss man nicht jedes Wort verstehen, und manche Mogelei sei angesichts der höllisch schweren Partie zugestanden, aber eine so pointiert vertonte Zeile wie Zuletzt befreit mich doch der Tod! in der großen Martern-Arie darf nicht gesungen sein, als habe die Sängerin Kaugummi im Mund.
Glückliche Heimfahrt: Unten Konstanze und Belmonte, oben Blonde und Pedrillo - und im Hintergrund drehen sich Janitscharen wie bei einer Spieluhr.
Mit dem scheidenden Musikdirektor Samuel Bächli (der nach der Saison nach Erfurt gehen wird) steht ein in jeder Hinsicht kompetenter Dirigent am Pult, der mit Gespür für die richtigen Tempi die Sänger stützt und einbettet. Die Neue Philharmonie Westfalen spielt sehr diszipliniert. Allerdings neigen die Streicher dazu, alles sehr breit zu spielen wie mit dem romantischen Weichzeichner. Natürlich ist dies kein Spezialensemble für alte Musik, aber der Klang dürfte aufgerauter, kammermusikalischer sein in den Bläsern gelingt das besser. So wird der Drive, den Bächli vorgibt, umgehend abgedämpft. Trotz dieser Einschränkung ist es aber orchestral eine durchaus überzeugende Leistung. Gleiches gilt für Chor und Extrachor, die sehr engagiert spielen und dabei aufmerksam und konzentriert singen.
Eine familientauglich hübsche, beinahe allzu niedliche Produktion, die Mozarts gar nicht so harmlosem Singspiel deshalb auch nur teilweise gerecht wird. Musikalisch durchwachsen. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung und Bühne
Mitarbeit Bühne
Kostüme
Chor
Dramaturgie
Solisten* Besetzung der rezensierten AufführungBassa Selim Joachim G. Maaß
Konstanze
Blonde
Belmonte
Pedrillo
Osmin
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