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Musiktheater
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Lucio Silla
Dramma per musica in drei Akten
von Giovanni de Gamerra
Musik von Wolfgang Amadeus Mozart
KV 135

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3 Stunden (eine Pause)

Premiere am 15. Oktober 2008
Eine Kooperation mit dem Theater Aachen
(dort ab 29. März 2009).

Logo: Theater Freiburg

Theater Freiburg
(Homepage)

Grausame Mechanismen missbrauchter Macht

Von Christoph Wurzel / Fotos von Maurice Korbel

Zu einer besonderen Art Tetralogie verbindet das Freiburger Theater in Kooperation mit dem Theater Aachen die vier "Herrscherdramen" Mozarts, vier opere serie, in denen antike Machthaber die Titelhelden darstellen. Zuerst wurde 2006 "Idomeneo" (siehe unseren Bericht) gegeben, dann 2007 "Mitridate", nun zu Beginn dieser Spielzeit "Lucio Silla". "La clemenza di Tito" wird in der nächsten Saison den Abschluss bilden. In Mozarts musikalischer Entwicklung ist man also von seinem Sturm-und-Drang-Meisterwerk zurück gegangen zu den beiden erstaunlichen Jugendwerken des 15- bzw. 16Jährigen, um den Zyklus mit dem letzten Bühnenwerk des reifen Genies zu beenden. Kontinuitäten und Varianten der Stoffe und der musikalischen Substanz lassen sich so verdeutlichen. Daher ist solch ein Unterfangen schon aus diesem Grunde ein anregendes, ja spannendes Projekt.

Für die szenische Realisierung zeichnet in allen vier Fällen dasselbe Team verantwortlich. Dies garantiert eine einheitliche Handschrift. In der Personenführung hat der Regisseur Ludger Engels sehr genau gearbeitet und die Figuren individuell prägnant charakterisiert und entwickelt. Mit wenigen Details schafft er zwischen den einzelnen Opern bisweilen ein kleines verbindendes déjà-vu. Als Handlungsraum hat Christin Vahl jeweils eine helle Einheitsbühne entworfen, die mit wenigen Requisiten auskommt und die nötigen Entwicklungsmöglichkeiten für die meist sehr heftigen Aktionen bietet. Die Kostüme von Gabriele Rupprecht bestehen aus neutraler moderner Kleidung und betonen die zeitlose Gültigkeit der Problemlagen, die in den Regiekonzepten hier unterstellt werden. Ansonsten sind die Opern in ihrer Besonderheit und eigenen Aussage deutlich unterschieden.

In allen vier Opern geht es um die unheilvolle Verquickung von politischer Macht mit persönlichen Interessen, um Gewalt als Mittel ihrer Durchsetzung und schließlich um das für die opera seria typische lieto fine. Alle vier Machthaber sind mehr oder weniger grausame Diktatoren und als Akteure steuern und beherrschen sie die von ihnen Abhängigen. Engels zeigt subtile Psychogramme von Machtmenschen und deren Opfern: Idomeneo als in einer falschen Staatsraison verfangenen König, der seiner nachfolgenden Generation die Verwirklichung ihres persönlichen Glücks verbaut; Mitridate als einen verblendeten Herrscher, dem seine eigenen Söhne nichts als Instrumente seiner Macht bedeuten. Nun in "Lucio Silla" erlebt man einen skrupellosen Machthaber, der über Menschen wie ein Imperator über Gladiatoren richtet, mal mit dem Daumen nach oben, mal nach unten. Sein Charge Aufidio muss dieses Selbstbild des Diktators als Zeichen seiner Macht für alle sichtbar an der Wand des Palastes verewigen. Verzweifelt versuchen die Untertanen sich zu wehren und ihre Not als Graffiti an derselben Wand sich regelrecht von der Seele zu fetzen oder sich gar als Untergrundkämpfer (mit Terroristenmütze und Bombenkoffer) zu üben. Aus der anfänglich zur Schau gestellten Spaßgesellschaft mit neckischem Herumbalgen auf dem Lotterbett (stummes Spiel zur Ouvertüre) wird nach und nach ein aggressiver Kampf um die Selbstbehauptung mit beinahe allen Mitteln.

Vergrößerung Jeder gegen jeden:
Jana Havranová, Bernard Richter, Christoph Waltle, Iride Martinez
(hinten, blaues Kleid), Sang-Hee Kim, Aleksandra Zamojska

Viel Gewalt ist also im Spiel, die auch recht drastisch gezeigt wird; etwa der mysteriöse Mord an Sillas Gegner Marius, dem Vater der von ihm begehrten Giulia auf einer Herrentoilette, ein als Video eingeblendetes Handlungsdetail, das allerdings keinen höheren Erkenntniswert bietet. Auch die sporadisch zum Geschehen synchron projizierten Großaufnahmen lenken eher ab, allenfalls verdeutlichen sie im Falle Sillas dessen Größenwahn. Ist im ersten Teil das Geschehen noch psychologisch gut nachzuvollziehen, so neigt es sich nach der Pause bisweilen stark der überzeichnenden Groteske zu. Plötzlich spielen alle die Reise nach Jerusalem oder Silla rappt mit ihnen über die Bühne. Solche Verrücktheiten wirken aufgesetzt und nicht genügend aus dem Ganzen entwickelt.

Weniger ist eben manchmal mehr, aber abgesehen von derartigen Überfrachtungen nimmt die Inszenierung durch temperamentvolles und deutliches Spiel und insgesamt verständlichen Handlungsverlauf ein. Dass sich hier ein glückliches Ende nicht wirklich einstellt, sondern nur eine gebrochene Welt übrig bleibt, ist in der Logik dieser Sichtweise nur allzu verständlich. Ob Idomeneo, Mitridate oder Lucio Silla - sie haben alle drei die innere Ruhe, die Hoffnungen und das Vertrauen ihrer Mitmenschen aufs Schwerste erschüttert.

Vergrößerung

Bernard Richter als selbstverliebter,
machtgeiler römischer Diktator

Mozarts Musik kommt mit viel Schwung aus dem etwas erhöhten Graben. Der belgische Dirigent Patrick Peire hat als Leiter des Collegium Instrumentale Brugense hinreichend Erfahrungen in der Musik des 18. Jahrhunderts und bietet mit dem engagierten Orchester ein trockenes, oft kantiges Klangbild im Sinne der historisch informierten Praxis. Allerdings wäre insgesamt mehr Feinschliff und Tiefenschärfe wünschenswert gewesen. Oftmals wird auch zu laut musiziert, sodass die Sänger zugedeckt werden, vor allem die in der mittleren und tiefen Lage recht wenig durchschlagende Stimme von Aleksandra Zamojska. Besonders die Bläser fallen aber durch schöne Phrasierung und reinen Klang auf.

Vergrößerung Aleksandra Zamojska als durchsetzungswillige Giulia

Mit dem jungen Schweizer Sänger Bernard Richter steht Freiburg ein außergewöhnlicher Mozarttenor für alle vier Partien zur Verfügung. Er besitzt eine strahlende, leichte Höhe und bewältigt die mit Koloraturen gespickte Partie mühelos. Schon als Idomeneo und Mitridate hatte er seine besondere Klasse bewiesen. Auch ist er der für diese Inszenierung exakt passende Sängerdarsteller, höchst präsent und agil im Spiel. Dieser Name wird noch von sich hören machen. Aber vier weitere gute Sänger braucht diese Oper und mindestens in der Mezzosopranistin San Hee Kim kann das Freiburger Theater mit einem weiteren außergewöhnlichen Sängertalent aufwarten. Die Koreanerin verbindet intensives Darstellen mit ihrer in allen Lagen festen, ausdrucksfähigen Stimme und wird der Partie technisch perfekt gerecht. Als Giunia kann Aleksandra Zamojska besonders mit ausdrucksstarken Affekten von Trauer und Verzweiflung überzeugen. Jana Havranová (Cinna) und Iride Matinez (Celia) bleiben ihren Partien nichts schuldig. Christoph Waltle ist ein solider Aufidio. Es ist ein rundum erfreuliches Sängerensemble, das Mozarts Jugendwerk hier zu frischem Leben verhilft.


FAZIT

Etwas weniger Hektik auf der Bühne und mehr Farbigkeit in der Musik hätten dieser Produktion gut getan. Dennoch ist auch dieser Teil der Reihe mit den Herrscher-Opern Mozarts und deren moderne Gewandung ansehens- und anhörenswert.



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* Alternativbesetzung

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Patrick Peire
/ Clemens Flick *

Inszenierung
Ludger Engels

Bühne
Christin Vahl

Kostüme
Gabriele Rupprecht

Licht
Bernhard Oesterle

Choreinstudierung
Bernhard Moncado

Dramaturgie
Andri Hardmeier
Kai Weßler

Cembalo
Clemens Flick /
Norbert Kleinschmidt *


Opernchor des
Theaters Freiburg

Philharmonisches
Orchester Freiburg


Solisten

Lucio Silla
Bernard Richter

Giunia
Aleksandra Zamojska

Cecilio
Sang Hee Kim

Cinna
Jana Havranová

Celia
Lini Gong
/ * Iride Martinez

Aufidio
Roberto Gionfriddo
/ * Christoph Waltle


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Freiburg
(Homepage)





Da capo al Fine

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