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Musiktheater
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Boris Godunow
Musikalisches Drama in sieben Bildern von Modest Mussorgski
Erstfassung von 1869 ("Ur-Boris")
Text von Modest Mussorgski nach Alexander Puschkin und Nikolaj Karamsin


In russischer Sprache mit deutschen Übertiteln.

Aufführungsdauer: ca. 2 h 45 Minuten (eine Pause)

Premiere am 17. Dezember 2008
an der Sächsischen Staatsoper Dresden


Homepage

Sächsische Staatsoper Dresden
(Homepage)
Variationen von Wahnsinn

Von Bernd Stopka / Fotos von Matthias Creutziger

Steht eine Neuproduktion des "Boris Godunow" von Modest Mussorgski auf dem Programm, stellt sich zunächst die Frage nach der Fassung. "Ur-Boris", "Original-Boris", eine der Bearbeitungen anderer Komponisten oder eine Kombination verschiedener Teile unterschiedlicher Fassungen. Die Opernwelt hat da schon Spannendes, Reizvolles und auch Skurriles erlebt.

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Boris (René Pape) mit Bojaren (Herrenchor)

In Dresden inszenierte Christian Pade in der Ausstattung von Alexander Lintl jetzt erstmalig den sogenannten "Ur-Boris", die erste Fassung, die Mussorgski 1869 vollendete. Nachdem sie unter anderem wegen des musikalischen Wagemutes und des Fehlens einer größeren Frauenrolle abgelehnt worden war, hat Mussorgski sein musikalisches Volksdrama in den folgenden drei Jahren umgearbeitet, es theatertauglicher gemacht und die obligatorische Liebesgeschichte eingefügt. Vergleicht man diese beiden Fassungen - "Ur-Boris" und "Original-Boris" - erscheint die zweite im herkömmlichen Sinne formvollendeter, die erste jedoch schnörkelloser, originaler, auf das Wesentliche reduziert. Die unorthodoxe Form scheint die Dramatik der Geschichte zu unterstützen, sie näher zu bringen, klarer und authentischer zu machen.

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Boris (René Pape) als gewählter Zar
auf den Schultern des Volkes

Ging der Dichterkomponist Mussorgski noch davon aus, dass Boris Godunow tatsächlich der Mörder des Zarewitsch Dimitrij war, stellt die neuere Geschichtsforschung dies in Zweifel. Dieser Umstand ist die Keimzelle des Konzeptes, mit dem Regisseur Christian Pade die Figur des Boris Godunow beleuchtet. In seiner Neuinszenierung für die Dresdner Semperoper stellt er die Tatsächlichkeit von Geschichte in Frage und beleuchtet das Seelendrama des Zaren Boris unter dem Aspekt der Schuldbeladenheit eines Unschuldigen und zwar eines schwachen Unschuldigen, der sich gegen die Schuldzuweisung der anderen nicht wehren kann. Boris' Wahnsinn erhält dadurch eine andere Nuance. Alexander Lintl hat düstere, zeitlose Bühnenbilder geschaffen, die die Räume abstrakt andeuten und nur die wichtigsten Requisiten enthalten. Die Kostüme wären in der Jetztzeit wiederzufinden.
Um es vorweg zu sagen: Das Konzept geht auf - vorausgesetzt man ist willens, den Original-Text nicht ganz so wörtlich zu nehmen, ja stellenweise sogar zu vergessen.

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Boris (René Pape), Schuiskij (Wolfgang Schmidt),
Gottesnarr (Timothy Oliver)

Gleich im ersten Bild wird eine etwas andere Geschichte erzählt. Das Volk schreit nach Befreiung, bemächtigt sich des Zarewitsch' und reißt ihm die edlen Kleider vom Leib. Es wählt Boris zum neuen Zaren. Wobei das Wählen nicht ganz so ernst zu nehmen ist: Vorgefertigte Wahlzettel werden dem halbnackten Zarewitsch in die Ärmchen gedrückt, damit er sie in Wahlurnen stopfen kann. Inmitten des Tumultes steht plötzlich Boris mit dem toten Kind auf den Armen in der Menge. Keiner hat etwas gesehen, aber alle beschuldigen Boris des Mordes. Der Chronist Pimen kommt hinzu, sieht diese Situation - und macht sich sein Bild ohne zu wissen, was wirklich geschah. Er segnet den Leichnam, umarmt den Fürsten Schuiskij, der dem Gottesnarren die Hand küsst.

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Boris (René Pape) vor der
"Zarewitsch-Gedenkstätte"

Eine Gedenkstätte mit Grabkerzen, Blumen und Bildern des Knaben wird nun zum permanenten Bühnenelement. Der toten Zarewitsch bleibt allgegenwärtig. Dennoch - oder gerade wegen der Befreiung von der alten Herrschaft - bejubelt das Volk seinen neuen Zaren. Doch der zeigt sich völlig überfordert und verschüchtert, lächelt irr und winkt wirr aus seinem archetypischen Zarenmantel, den man ihm über seinen Trainingsanzug gezogen hat.

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Pimen (John Tomlinson), Grigorij (Stefan Margita)

Unzufrieden mit seiner Rolle erscheint auch der Mönch Pimen, der seine Chronik der Ereignisse einem Nachfolger übergeben möchte. Im Hintergrund wurde zwischen den Seiten des zuvor angedeuteten Krönungssaales ein bühnenhohes Schriftbanner herabgelassen, das wie eine Seite zwischen zwei goldenen Buchdeckeln wirkt. Doch die kyrillischen Worte und Sätze verändern und verschieben sich. Durch diese Projektionen wird wiederum angedeutet, dass Geschichte nicht starr ist und Ereignisse sich je nach Blickwinkel verschieden darstellen können. Das große Zweifeln wird dadurch deutlich, dass Pimen immer wieder Seiten aus seiner Chronik herausreißt und sie durch den schon völlig überfüllten Aktenvernichter laufen lässt. Schließlich schreibt Grigorij die Geschichte während Pimens Erzählung nach seinem Gutdünken selbst zu Ende. Denn damit schafft er sich die Möglichkeit als falscher Zarewitsch aufzutreten. Auch mit solchen Absichten kann Geschichte manipuliert werden.

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Missail (Tom Martinsen), Waarlam (Markus Marquardt)
mit der Schankwirtin (Christa Mayer)

Mit der Stärke dieser Szenen hat der Regisseur die Ansprüche sehr hoch geschraubt. Die Schank-Szene kann da nicht so ganz mithalten. Einerseits erklärt sich die Lokalität nicht (Wartehalle, Abschiebehaft?) und andererseits wirkt es unpassend albern, dass die Schankwirtin die Getränke aus der Damentoilette holt, in die sich der Mönch Missail dringend begeben muss, nachdem sein alkoholisches Kaltgetränk durchgeschlagen hat. Und wenn Grigorij im Selbstmordattentäter-Kostüm flüchtend die Wand durchbricht, hat das schon etwas Aufgesetztes.

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Boris (René Pape) "Regierungserklärung"
wird von Fjodor (Martin Wölfel) aufgezeichnet

Im Umgang mit seinen Kindern zeigt sich Boris als liebevoller und besorgter Vater, während die Amme vergeblich versucht, Blut von den Wänden zu waschen. Das Gespräch mit Boris, wird wie eine Regierungserklärung von seinem Sohn Fjodor per Digitalkamera aufgezeichnet. Sein erste Wahnattacke erleidet Boris mit einem Totenschädel in der Hand vor dem Zwischenvorhang. Er untersucht den Knochenkopf mit der Kamera, die Bilder werden überdimensional auf den Vorhang projiziert. So, als ob Boris einen Beweis dafür sucht, dass es tatsächlich der Zarewitsch ist, der tot ist. Doch das bringt ihn in eine Zwickmühle: Ist Dimitrij am Leben beweist das zwar Boris' Unschuld, doch verliert Boris dann den Zarenthron an den rechtmäßigen Herrscher.

Der Gottesnarr, so wirr und schmutzig er erscheint, genießt bei allen (außer den Kindern) großen Respekt. Gern nimmt man die Blumen, die er verteilt. Boris befindet sich im nächsten Stadium des Wahnsinns. Verkrampft hält er seine Krone fest. Flehentlich kniet er vor dem Gottesnarren und bettelt geradezu um dessen Segen. Doch der verweigert das Handauflegen - denn auch er gehört zu der Fraktion, die zu wissen meint, was man sah.

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Boris (René Pape) vor dem brennenden Bett

Eher unklar bleibt die Anwesenheit von auffällig gekleideten Frauen, die wie neureiche Nutten wirken, zwischen den Bojaren im letzten Bild. Theatralisch hochwirksamen Eindruck macht ein bei Boris' Auftritt brennendes Bettgestell, mit dem der kleine Zarewitsch später wie gekreuzigt aufgestellt wird. Zuvor hatte er versucht Boris die Krone wieder aufs Haupt zu setzen, was dieser mit größten Entsetzen quittierte. Schuiskij nimmt Boris den Ring vom Finger - er wird der übernächste Zar werden. Der Wahnsinn nimmt seinen Lauf, Wahrheit und falsche Anschuldigungen vermischen sich und werfen Boris in einen zerreißenden Wahn, aus dem ihn der Tod erlöst. Ein abruptes, aber so eindrucksvolles Ende, dass der Schlussapplaus erst nach einer Betroffenheitsverzögerung einsetzt.

Das lag auch an der atemberaubenden Darstellung des Boris durch René Pape. Ein Sängerdarsteller, der stimmlich aus dem Vollen schöpfen kann, aber nie plakativ auftrumpft oder mit seiner vorhandenen Stimmkraft prahlt. Er ist ein Meister der leisen und feinen Töne, der differenzierten Gestaltung und der psychologischen Durchdringung einer Partie. Da stehen neben balsamisch wohltönenden Passagen verzweifelte Ausbrüche und feinste Klangnuancen, er zeigt Vernunft und Wahnsinn in vielerlei Variationen. Den verzweifelten Unschuldigen, aber doch an seiner Unschuld (!) zweifelnden hat er tief verinnerlicht und verhilft so absolut überzeugend dem Regiekonzept zum Erfolg.

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Der Zarewitsch Dimitrij (Taddeus Ehrhardt),
Pimen (John Tomlinson), Boris (René Pape)

John Tomlinson gibt als Pimen ein eindrucksvolles Beispiel seiner szenischen und stimmlichen Darstellungskunst. Die Partie liegt ihm ausgesprochen gut. Er kann seinen großen Baß strömen lassen und brüchige Klänge fügen sich nahtlos in die Interpretation des greisen Mönches ein. Stefan Margita verleiht dem Grigorij mit kultivierter Stimmstärke und tenoralem Glanz Profil. Wolfgang Schmidt lässt den edlen Intriganten Fürst Schuiskij mit angemessenem Nachdruck in der Stimme als ernstzunehmenden Feind erscheinen.

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Boris (René Pape) mit seinem Sohn Fjodor (Martin Wölfel)

Christa Mayer gibt im Outfit einer gealterten Marilyn eine herrlich verruchte Schankwirtin, Markus Marquardt einen satten, runden Warlaam, dem Tom Martinsen als Missail ein ebenbürtiger Kumpane ist. Die Besetzung des Fjodor mit einem Countertenor ist ungewöhnlich aber reizvoll: Martin Wölfel und Lin Lin Fan als Xenia sind ein entzückendes Geschwisterpaar. Timothy Oliver klagt als Gottesnarr anrührend. Als Polizeikommissar erheischt sich Peter Loberts voll und bedrohlich tönender Bass Respekt. Obwohl sie als Amme hier nur in einer Mini-Partie auf der Bühne steht, hinterlässt Hanna Schwarz einen ungeheuren Eindruck. Welch eine Bühnenpräsenz, welch eine volle, ausdrucksstarke und blühende Stimme!

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Boris (René Pape), Xenias Amme (Hanna Schwarz)

Musikalisch also ein ganz großer Abend in der Semperoper. Nicht zuletzt durch Sebastian Weigle, der am Pult die reizvollsten Aspekte der Partitur auslotete, dem Orchesterklang schwelgerisch auflodernde oder bedrückend düstere Klänge in mannigfaltigen Nuancen entlockte und auch die Brüche in Harmonik und Rhythmik nicht verschwieg. Die Staatskapelle war in Höchstform und auch die üppigsten Chorszenen klangen immer kultiviert und homogen.

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Boris (René Pape) im Wahnsinn


FAZIT

Ein Regiekonzept, das im Programmheft ausführlich erläutert und auf der Bühne vor allem durch eine sehr gut gearbeitete Personenregie nachvollziehbar dargestellt wird. Im Grunde so spannend und interessant, dass man auf einige aktualisierende Aktionen gern hätte verzichten können.
Musikalisch bleiben keine Wünsche offen und werden große Erwartungen noch übertroffen: Bis ins kleinste Detail fantastisch. Ein großer Abend mit großen Sängerdarstellern!


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Sebastian Weigle

Inszenierung
Christian Pade

Bühne und Kostüme
Alexander Lintl

Projektionen
Bastian Trieb

Licht
Franz Peter David

Dramaturgie
Stefan Ulrich

Choreinstudierung
Ulrich Paetzholdt



Chor und Kinderchor der
Staatsoper Dresden

Sinfoniechor Dresden e. V.

Sächsische Staatskapelle
Dresden


Solisten

Boris Godunow
René Pape

Fjodor
Martin Wölfel

Xenia
Lin Lin Fan

Xenias Amme
Hanna Schwarz

Fürst Schuiskij
Wolfgang Schmidt

Schtschelkalow
Matthias Henneberg

Pimen
John Tomlinson

Grigori
Stefan Margita

Waarlam
Markus Marquardt

Missail
Tom Martinsen

Schankwirtin
Christa Mayer

Gottesnarr
Timothy Oliver

Leibbojar
Gerald Hupach

Polizeioffizier (Pristav)
Peter Lobert

Mitjucha
Sangmin Lee

Zarewitsch Dimitrij
Taddeus Ehrhardt



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Sächsische Staatsoper Dresden
(Homepage)



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