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Arianna in Creta

Dramma per musica in tre atti
Libretto: Pietro Pariati in der Bearbeitung eines Unbekannten
Musik: Georg Friedrich Händel (HWV 32)


Aufführungsdauer: 3:40h (1 Pause)

Konzertante Aufführung am 15. Mai 2009
Staatstheater Braunschweig, Opernhaus

im Rahmen von Soli Deo Gloria . Feste Alter Musik im Braunschweiger Land
Schirmherr: S.K.H. Heinrich Prinz von Hannover


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Staatstheater Braunschweig
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Spannung pur

Von Bernhard Drobig


Eher still haben sich in den letzten Jahren unter der Ägide des Grafen Günther von der Schulenburg im Braunschweiger Land Feste Alter Musik etabliert, die unter dem Titel SOLI DEO GLORIA Konzerte an historischen Orten nicht nur der Welfenstadt, sondern auch in Goslar, Wolfenbüttel und Wolfsburg umfassen. Dem wachsenden Zuspruch entsprechend hatte der heuer vierte Zyklus (Händel und England) in der Woche um Christi Himmelfahrt mit einer konzertanten Opernaufführung erstmals auch das Staatstheater der ehemaligen Hansestadt miteinbezogen: Anlässlich des 250. Todestages von Georg Friedrich Händel erklang jenes Dramma per musica Arianna in Creta, das vier Jahre nach der Londoner Uraufführung von 1734 just in Braunschweig seine einzige Wiedergabe auf dem Festland fand, ehe es durch die Göttinger Händel-Festspiele 1946 wieder zu neuem Leben erweckt wurde.

Arianna gehört immer noch zu den seltener gespielten Werken des Hallensers, obwohl auch diese Seria, wie das Gastspiel von Christopher Hogwood und seiner Academy of Ancient Music zeigte, Händels meisterliches Gespür für einen effizienten Einsatz musikalischen Formen und Strukturen aufweist. Mag man das Libretto in der Literatur verschiedentlich als wenig glücklich beurteilen, immerhin stammt es aus der Feder des späteren Wiener Hofpoeten Pietro Pariati und war von Conti, Leo und Porpora bereits in drei Fassungen vertont worden, ehe es ein Unbekannter für Händel bearbeitete.

Es handelt von der Ermordung des in einem Labyrinth des Kreterkönigs Minos hausenden Stiers, dem Athen zur Sühne für die Ermordung des Königssohnes alle neun Jahre je sieben junge Männer und Frauen zu opfern hatte. Diesmal bringt sie Theseus in Begleitung seines Freundes Alkestes nach Kreta, dessen heimlich geliebte, auch vom Kreterfeldherrn Tauris begehrte Carilda das erste Opfer sein soll, falls niemand für sie mit dem Stier und, wenn heil zurück, mit dem zaubermächtigen Tauris kämpfen würde. Als Theseus sich anbietet, weckt er damit die Eifersucht der ihn liebenden, am Kreterhof als attische Geisel lebenden Ariadne, die ihm dennoch verrät, wo er zustechen muss und wie er zurückfindet. Als sie wegen der entflohenen Carilda nun auch noch selbst zum Opfer bestimmt wird, gerät sie in neue Ängste, ehe sie sich, als Tochter des Minos erkannt, dem über Minotaurus und Tauris siegreichen Theseus verbinden kann wie Carilda dem Alkestes.

Konfliktpotential zuhauf für seriatypische Affektspiegelungen wie etwa gefühllose Rechtsvorwände und Drohungen selbstherrlicher Überheblichkeit, ferner Mut, Wut, Furchtlosigkeit und Kampfbereitschaft neben gefasster Schicksalsergebenheit, und natürlich die facettenreiche Skala von Liebesängsten, Ahnungen, Hoffnungen, Unsicherheit, Zweifel, Enttäuschung, Klagen, Vorwürfen und Treueschwüren bis hin zum Glück der Erfüllung.

Händel schenkte all dem bei rund zwei Dutzend Da capo-Arien, zwei Duetten und zwei Accompagnati nicht nur einen wohldurchdachten Wechsel der Stimmungen, sondern orientierte sich insgesamt auch stärker als zuvor an Belcanto und Bravouren der italienischen Oper; stand er doch in Konkurrenz zur neu gegründeten Opera of the Nobility, deren musikalischen Leiter Niccolò Porpora es mit seinen eigenen Mitteln zu schlagen galt, und gegen dessen alternden Starkastraten Senesino Händel den jüngeren Carestini ins Rennen schickte. Eben das aber kam bei Christopher Hogwood's Gastspiel in seinem ganzen Umfang zum Tragen: Sogar ohne für die weit über drei Stunden dauernde Aufführung von einem gedruckten Libretto und Übertiteln unterstützt zu sein, riskierte er es, das Werk mit allen Wiederholungen in seiner Gesamtheit vorzustellen, und mehr noch, es insofern aus sich heraus wirken zu lassen, als er auf schnörkelhafte Ausdifferenzierungen des Basso continuo verzichtete und sich mit einem gezielten Minimum an Verzierungen und Kadenzen begnügte.

Hier hatte man Händels Konzept pur, Spannung pur. Man hörte die Klarheit seiner Gesangslinien und ihre Verknüpfung mit dem Instrumentalgeschehen, dessen auffälligstes Merkmal die in der Emphatisierung gleichartige Wiederaufnahme vokaler Phrasen in den Streichern war, erlebte von natürlichem Empfinden beherrschte Rezitative, die zusammen mit nahezu gestenfreier Körpersprache und Mimik auch die des Italienischen Unkundigen ahnen ließen, um was es da ging. Und begegnete einem mit 23 Streichern nebst sechs Bläsern sowie zwei Cembali und Theorbe gut ausbalanciertem und transparentem Klangkörper, der es an dynamischen Schattierungen ebenso wenig fehlen ließ wie an Zurückhaltung gegenüber den Protagonisten.

Diese aber waren eine Auswahl der europäischen Spitzenklasse und gaben ein überzeugendes Muster dafür, wie viel dramatische Spannkraft Händels Musik zu entfalten vermag. Antonio Abete, die einzige Männerstimme, zeichnete mit seinem stentoralen und doch wohlklingenden Bass die furchterregende Härte des kretischen Tyrannen Minos und fand für den Gott des Schlafes wie zum lieto fine und Schlusschor auch angenehme mildere Töne. Vortrefflich auch gelang es dem koloraturenstarken, an sich gefälligen Mezzosopran Marina de Liso, sich mit dem wegen seines Zaubergürtels schnittig spottenden und drohenden Feldherrn Tauride zu identifizieren. Lisa Milne hatte als Theseusfreund Alceste keinen spektakulären Part, faszinierte mit ihrem reif wirkenden Sopran bei nüchternem Räsonnieren ebenso wie im Ausloten Kräfte freisetzender Hoffnungszeichen. Carildas leidenschaftsloser Todesbereitschaft, entschiedener Verweigerung eines Treubruchs, Unsicherheit im Verhalten gegenüber dem sich für sie einsetzenden Theseus und Sehnen nach ihrem Freund schenkte Sonia Prina ihren ausdrucksstarken, berückend tief reichenden Alt. Miah Persson beeindruckte mit silbrig-hellen Sopran in der Darstellung sowohl ihrer Besorgnisse, Enttäuschung und vermeintlichen Verlassenheit als auch ihrer Zerrissenheit zwischen Zorn und Liebe, ihres Überraschtseins von Teseos Treue und der Freude über den endlich erreichten Bund.

Kristina Hammerström als Teseo aber war trotz aller untadelig meisterlichen Leistungen ihrer Mitspieler der eigentliche Star des Abends, machte ahnen, wie London dem neuen Altkastraten Carestini in den ersten 17 Aufführungen der Oper zugejubelt haben mag. Souverän in der mitreißenden Bewältigung aller ihr zufallenden, zuletzt auch einmal mit brillanten Verzierungen leuchtenden Bravourarien gestaltete sie die Accompagnati ihrer Traum- und Labyrinth-Szene sowie Arien beruhigenden Zuspruchs und der Versicherung von Treue in einer berührenden Art gefrorener Glut. Bleibt noch zu erwähnen, das Christopher Hogwood's geringe Zeichengebung auf eine gründliche Einstudierung schließen ließ, im übrigen die unprätentiöse Wahl seiner Tempi Händels Musik in jedem Takt zu einem wahren Genuss machte.

FAZIT

Christopher Hogwood's ARIANNA-Einstudierung war ein mustergültiges Plädoyer für die Spannkraft einer von Eitelkeiten freien, werkgerechten Wiedergabe Händelscher Musikdramatik.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Christopher Hogwood



Academy of Ancient Music


Solisten

Arianna
Miah Persson

Teseo
Kristina Hammarström

Carilda
Sonia Prina

Tauride
Marina de Liso

Alceste
Lisa Milne

Minos / Sonno
Antonio Abete



Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Staatstheater Braunschweig
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Da capo al Fine

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