Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum



Werther
Drama lyrique in vier Akten
Nach Johann Wolfgang von Goethe
Text von Edouard Blau, Paul Millet, Georges Hartmann
Musik von Jules Massenet


In französischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln.

Konzertante Aufführung im Festspielhaus Baden-Baden
am 7., 10. und 14. Juni 2009

Rezensierte Aufführung: 10. Juni 2009


Homepage

Festspielhaus Baden-Baden
(Homepage)
Nicht "Werther", "Charlotte" müsste sie heißen

Von Gerhard Menzel / Foto von Andrea Kremper


So wie Gounods Oper "Faust" oft unter dem Namen "Margarethe" auf den Spielplänen erscheint, so müsste Jules Massenets "Werther" - zumindest bei einer Besetzung wie jetzt in Baden-Baden - unter dem Titel "Charlotte" aufgeführt werden. Es war wirklich un- und außergewöhnlich, was das Publikum in den drei konzertanten Aufführungen im Festspielhaus Baden-Baden erleben konnte.

Für Jules Massenets 1892 uraufgeführtes Lyrisches Drama "Werther" schufen Edouard Blau, Paul Milliet und Georges Hartmann ein Libretto nach dem Briefroman "Die Leiden des jungen Werthers" von Johann Wolfgang von Goethe, in dem sie die Rolle der Charlotte stark aufwerteten und "operngerechter" anlegten. Durch die besondere Aufführungs- bzw. Besetzungskonstellation in Baden-Baden erfuhr diese Aufwertung durch Elina Garanca als Charlotte eine nochmalige Steigerung und Veränderung.

In den ersten beiden Akten (auch durch die auftretenden Nebenrollen) noch in ihr gesellschaftliches Umfeld eingebettet, ist der Fokus im dritten und vierten Akt ganz auf sie gerichtet. Bei Elina Garanca hört und spürt man allerdings kein naives, unbedarftes Mädchen, das sich von einem romantschen Schwärmer "verführen" lässt, sondern eine früh gereifte junge Frau, die durch den Tod der Mutter deren Rolle eingenommen hat und als alles umsorgendes Zentrum der Familie nie ihre "Aufgabe" aus den Augen verliert. Trotz großer Gefühlswallungen und heftiger (musikalischer) Ausbrüche - die Elina Garanca leidenschaftlich, intensiv und klangvoll aber nie überzeichnend gestaltet - gerät sie nur kurz ins Wanken, lässt aber niemals den Eindruck aufkommen, ihr Leben und das der Anderen für Werther aufs Spiel zu setzen. Ihre große Szene, in der sie von Werther bedrängt wird, erinnert sehr stark an Kundrys Bemühungen, Parsifal zu verführen. Jules Massenet gelangen hier ungeheuer intensive und aufwühlende Momente, die zweifellos in Verbindung mit seinem Besuch der Bayreuther Festspiele 1884 stehen. Unmittelbar danach reiste er übrigens mit seinem Freund und Verleger Georges Hartmann nach Wetzlar, wo sie das Haus besichtigten, in dem Goethe 1774 "Die Leiden des jungen Werthers" geschrieben hatte und wo - Dank Hartmann Einfluss - Massenets Interesse für seinen eigenen "Werther" geweckt wurde.

Elina Garanca überragte in dieser Aufführung das gesamte Ensemble in allen Belangen: in Erscheinung, Stimme und Charisma. Das Timbre, der Farbreichtum und die Intensität ihrer herrlich dahinströmenden Stimme, ihre ausgezeichnete Technik und der fein dosierte Einsatz an Dynamik sowie ihre facettenreiche Ausdruckspalette unterstrichen einmal mehr ihre Ausnahmestellung unter den derzeit aktiven Mezzosopranistinnen. Ihre Szene im dritten Akt ("Va! Laisse couler mes larmes") mit den aparten Saxophonsoli war einer der ganz großen Momente der Aufführung.


Vergrößerung in neuem Fenster Stefano Secco und Elina Garanca

Da Rolando Villazón auf Grund einer notwendigen Kehlkopfoperation alle Termine für das Jahr 2010 absagen musste, hatte die Partie des Werther in Baden-Baden der italienische Tenor Stefano Secco übernommen, der in dieser Partie zusammen mit Elina Garanca bereits in München auf der Bühne gestanden hat.
Seine Stimme ist hell, klar und scheint an Substanz gewonnen zu haben, die er allerdings nicht gerade schont. Sie passt hervorragend zu Partien wie Fenton (Falstaff), Herzog (Rigoletto), Rodolfo (La bohème) oder Alfredo (La traviata). Ob seiner Stimme dramatischer angelegte Partien auf Dauer gut tun, muss sich zeigen. Er ist immer präsent, wenn auch die Grenzen seines Stimmmaterials schnell erreicht scheinen und seine Stimme selten wirklich entspannt und schwelgerisch klingt. Allerdings korrespondiert seine Interpretation genau mit seinen stimmlichen Möglichkeiten. Sein Werther ist kein sehnsüchtig schmachtender, romantisch schwärmerischer und schon gar kein weinerlich flehender und um Mitleid heischender Verliebter, sondern jemand, der mit seiner wild verzückten Leidenschaft, an maßloser Selbstüberschätzung und einer fanatisch zerstörerischen Liebe leidet. So entsteht der Eindruck, dass er für Charlotte eher wie ein weiteres "Kind" wirkt, das sie ebenfalls liebt und für das sie wie für alle anderen sorgen will und für das sie Verantwortung zu übernehmen hat. Ein gleichberechtigter Partner oder Liebhaber war er für Elina Garanca jedenfalls nicht.

Mit seiner geschmeidigen und attraktiven Baritonstimme schien Ludovic Tézier als von der Mutter vorgesehener Ehemann Albert dagegen stimmlich und charismatisch eher der "Richtige" für Charlotte zu sein. Die junge und vielversprechend klingende Sopranistin Malin Christensson als Sophie und der gewaltig tönende Jean-Philippe Lafont als Le Bailli sowie René Schirrer (Johann) und Tony Stevenson (Schmidt) komplettierten dieses ganz besondere Ensemble, das eine außergewöhnliche Interpretation dieses Meisterwerks der französischen Oper hören ließ. Ein musikalischer Gewinn waren auch die (je drei) stimmlich präsenten und sehr harmonisch singenden Mädchen und Jungen der Les Petits Chanteurs de Strasbourg.

Der Dirigent Betrand de Billy, der schon in Wien mit Elina Garanca eine Serie von Werther-Aufführungen geleitet hat, konnte mit dem Orchestre de l'Opéra de Lyon allerdings keine großen Akzente setzen. Sehr solide und meist elegant die Melodien und Linien ausspielend, hörte man zumindest herrliche Instrumentalsoli und edel tönende Hörner. Einige kleinere Unpässlichkeiten lassen sich für die geplante Schallplattenproduktion sicherlich noch ausbügeln.


FAZIT

Diese ganz ungewöhnliche und interessante Aufführung von Massenets Werther kreiste einzig und allein um die herausragende Elina Garanca als Charlotte. Es ist nun äußerst spannend, wie diese Interpretation auf der geplanten CD-Veröffentlichung der Deutschen Grammophon klingen wird, bei der man ja ausschließlich den Höreindruck geliefert bekommt.


Ihre Meinung
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
(Veröffentlichung vorbehalten)

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Betrand de Billy

Orchestre de l'Opéra de Lyon

Les Petits Chanteurs de Strasbourg
- Maîtrise de l'Opéra national du Rhin
Chorleiter: Philippe Utard


Solisten


Charlotte
Elina Garanca

Werther
Stefano Secco

Albert
Nikolai Borchev (7. Juni)
Ludovic Tézier (10. und 14. Juni)

Sophie
Malin Christensson

Le Bailli
Jean-Philippe Lafont

Johann
René Schirrer

Schmidt
Tony Stevenson




Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Festspielhaus Baden-Baden
(Homepage)



Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum
© 2009 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -