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Nicht "Werther", "Charlotte" müsste sie heißen
Von Gerhard Menzel / Foto von Andrea Kremper So wie Gounods Oper "Faust" oft unter dem Namen "Margarethe" auf den Spielplänen erscheint, so müsste Jules Massenets "Werther" - zumindest bei einer Besetzung wie jetzt in Baden-Baden - unter dem Titel "Charlotte" aufgeführt werden. Es war wirklich un- und außergewöhnlich, was das Publikum in den drei konzertanten Aufführungen im Festspielhaus Baden-Baden erleben konnte. Für Jules Massenets 1892 uraufgeführtes Lyrisches Drama "Werther" schufen Edouard Blau, Paul Milliet und Georges Hartmann ein Libretto nach dem Briefroman "Die Leiden des jungen Werthers" von Johann Wolfgang von Goethe, in dem sie die Rolle der Charlotte stark aufwerteten und "operngerechter" anlegten. Durch die besondere Aufführungs- bzw. Besetzungskonstellation in Baden-Baden erfuhr diese Aufwertung durch Elina Garanca als Charlotte eine nochmalige Steigerung und Veränderung. In den ersten beiden Akten (auch durch die auftretenden Nebenrollen) noch in ihr gesellschaftliches Umfeld eingebettet, ist der Fokus im dritten und vierten Akt ganz auf sie gerichtet. Bei Elina Garanca hört und spürt man allerdings kein naives, unbedarftes Mädchen, das sich von einem romantschen Schwärmer "verführen" lässt, sondern eine früh gereifte junge Frau, die durch den Tod der Mutter deren Rolle eingenommen hat und als alles umsorgendes Zentrum der Familie nie ihre "Aufgabe" aus den Augen verliert. Trotz großer Gefühlswallungen und heftiger (musikalischer) Ausbrüche - die Elina Garanca leidenschaftlich, intensiv und klangvoll aber nie überzeichnend gestaltet - gerät sie nur kurz ins Wanken, lässt aber niemals den Eindruck aufkommen, ihr Leben und das der Anderen für Werther aufs Spiel zu setzen. Ihre große Szene, in der sie von Werther bedrängt wird, erinnert sehr stark an Kundrys Bemühungen, Parsifal zu verführen. Jules Massenet gelangen hier ungeheuer intensive und aufwühlende Momente, die zweifellos in Verbindung mit seinem Besuch der Bayreuther Festspiele 1884 stehen. Unmittelbar danach reiste er übrigens mit seinem Freund und Verleger Georges Hartmann nach Wetzlar, wo sie das Haus besichtigten, in dem Goethe 1774 "Die Leiden des jungen Werthers" geschrieben hatte und wo - Dank Hartmann Einfluss - Massenets Interesse für seinen eigenen "Werther" geweckt wurde. Elina Garanca überragte in dieser Aufführung das gesamte Ensemble in allen Belangen: in Erscheinung, Stimme und Charisma. Das Timbre, der Farbreichtum und die Intensität ihrer herrlich dahinströmenden Stimme, ihre ausgezeichnete Technik und der fein dosierte Einsatz an Dynamik sowie ihre facettenreiche Ausdruckspalette unterstrichen einmal mehr ihre Ausnahmestellung unter den derzeit aktiven Mezzosopranistinnen. Ihre Szene im dritten Akt ("Va! Laisse couler mes larmes") mit den aparten Saxophonsoli war einer der ganz großen Momente der Aufführung.
Stefano Secco und Elina Garanca
Da Rolando Villazón auf Grund einer notwendigen Kehlkopfoperation alle Termine für das Jahr 2010 absagen musste, hatte die Partie des Werther in Baden-Baden der italienische Tenor Stefano Secco übernommen, der in dieser Partie zusammen mit Elina Garanca bereits in München auf der Bühne gestanden hat. Mit seiner geschmeidigen und attraktiven Baritonstimme schien Ludovic Tézier als von der Mutter vorgesehener Ehemann Albert dagegen stimmlich und charismatisch eher der "Richtige" für Charlotte zu sein. Die junge und vielversprechend klingende Sopranistin Malin Christensson als Sophie und der gewaltig tönende Jean-Philippe Lafont als Le Bailli sowie René Schirrer (Johann) und Tony Stevenson (Schmidt) komplettierten dieses ganz besondere Ensemble, das eine außergewöhnliche Interpretation dieses Meisterwerks der französischen Oper hören ließ. Ein musikalischer Gewinn waren auch die (je drei) stimmlich präsenten und sehr harmonisch singenden Mädchen und Jungen der Les Petits Chanteurs de Strasbourg. Der Dirigent Betrand de Billy, der schon in Wien mit Elina Garanca eine Serie von Werther-Aufführungen geleitet hat, konnte mit dem Orchestre de l'Opéra de Lyon allerdings keine großen Akzente setzen. Sehr solide und meist elegant die Melodien und Linien ausspielend, hörte man zumindest herrliche Instrumentalsoli und edel tönende Hörner. Einige kleinere Unpässlichkeiten lassen sich für die geplante Schallplattenproduktion sicherlich noch ausbügeln.
Diese ganz ungewöhnliche und interessante Aufführung von Massenets Werther kreiste einzig und allein um die herausragende Elina Garanca als Charlotte. Es ist nun äußerst spannend, wie diese Interpretation auf der geplanten CD-Veröffentlichung der Deutschen Grammophon klingen wird, bei der man ja ausschließlich den Höreindruck geliefert bekommt. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Orchestre de l'Opéra de Lyon SolistenCharlotte Elina Garanca
Werther
Albert
Sophie
Le Bailli
Johann
Schmidt
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