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Mein lieber Bär
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Von Joachim Lange / Fotos: Karl Forster Als Wagner-Regisseur hat sich Stefan Herheim (38) gleich ganz vorne angestellt. Es war schon selbstbewusst, ja geradezu kühn, sich nach einem Rheingold (in Riga) ohne weitere Umwege an das Bühnenweihfestspiel des Meisters heranzumachen. Und dann auch noch in der Nachfolge von Christoph Schlingensiefs ästhetischem Umsturzversuch 2008 einen grandiosen Erfolg zu landen! Der Norweger hatte das Stück und seine Rezeptionsgeschichte in einem grandiosen Bildertheater mit der Geschichte der Familie Wagner und der Deutschlands verbunden. Damit hat sich der Grals-Experte natürlich auch für seinen Lohengrin die Messlatte selbst ziemlich hoch gelegt. Hinter derart hohen Erwartungen konnte er im Grunde nur zurückbleiben, als er jetzt, gemeinsam mit Daniel Barenboim, in Berlin im wahrsten Sinne des Wortes die Puppen tanzen ließ. Und das nicht nur, weil sich ein im Vorfeld vernehmbares Knirschen im Getriebe der Lindenoper am Ende auch auf der Bühne in etlichen Unebenheiten wiederfand. Von einer musikalisch und szenisch glänzenden Wagnergala blieb diese Eröffnungspremiere der traditionellen österlichen Barenboimschen Opernfesttage an der Lindenoper jedenfalls deutlich entfernt.
Nun hat es ja gerade Lohengrin mit seiner silbrig strahlenden Aura, dem ominösen Frageverbot, seinen opportunistischen Chören, dem martialischen Waffenrasseln und der vagen Perspektive am Ende durchaus in sich. Stefan Herheim sucht die Annäherung durch eine Distanz im Spielerischen und er nutzt dabei seine Affinität zum Puppentheater. Im Vorspiel sieht man, wie eine Marionette im Habitus des Komponisten die Inspiration zur Musik und den Federkiel für das Notenpapier sozusagen vom obersten Spielführer zugereicht bekommt, wie er dann zu diesen Tönen findet, sich daran berauscht, um schließlich selbst in einem riesigen Gralskelch zu entschwinden. Der senkt sich langsam wie ein Ufo als eine Art geraffte Brecht-Gardine von oben auf den Eichenstumpf mit der Wagner-Puppe herab. Am Ende nimmt Wagner dann, jetzt selbst als der große Strippenzieher, seinen silbern eingerüsteten Wunderritter mit einer gewaltigen Fahrt gen Schnürboden wieder aus dem Spiel. Um ihn dann dem Chor als Parsifal-Marionette vor die Füße knallen und das restliche Bühnenbild einstürzen zu lassen. Als Schlusspointe bleibt dann ein Schild mit der berühmten Aufforderung des Meisters Kinder, schafft Neues!
Das Spielerische und die Distanz der vorführenden Reflexion stellt Herheim am Anfang des ersten Aktes auch dadurch aus, dass er die Brabanter von ehedem, die vor dem König ihre Probleme ausbreiten, als Berliner von heute zeigt, die mit Transparenten vor einem als Berliner Bär kostümierten Heerrufer ihre Kommentare zur Opernsituation abgeben. Schilder mit Deutsche, Komische, Staats, und Oper werden kombiniert und auch der berühmtestes Ausspruch des Regierenden Bürgermeisters Das ist auch gut so nicht ausgespart. Mit dieser Art von anspielendem Humor, bleibt Herheim vor allem deshalb unter seinem Niveau, weil er folgenlos verpufft. Abgesehen davon wäre zu klären, wer in diesem Spiel dann der König (oder die Königin) wäre.
Eigentlich wollte Herheim aber wohl zeigen, dass ein Plot, der mit einem deus ex machina spielt, der nur in Aktion tritt, wenn sein Inkognito gewahrt bleibt, zwar purer Mummenschanz ist, aber wirkungsvoll sein kann, wenn er nur richtig unter die Massen gebracht wird. Der ganze zweite Akt wird so zu einem Jahrmarktstheater mit Bretterbühne, vor Pappkulissen und voller Witzfiguren. Das sah streckenweise sehr nach spätem Konwitschny aus. Es funktioniert vor allem dann, wenn das Demagogische, das den Geheimnisvollen umgibt, schlaglichtartig verdeutlicht wird. Ortrud und Telramund widerstehen anfangs dieser Selbstaufgabe der Brabanter, die sich alsbald dem Wunderzauber in holzgemaserten Nackttrikots quasi ausliefern. Dass ausgerechnet die anfangs scharf beobachtende und verstehende Ortrud dann aber im Quasi-Wahnsinn endet, gehört zu den ungelösten Fragen dieser in mancher Hinsicht anregenden Deutung.
Auch musikalisch war dieser Lohengrin von der Faszination der entrückten Klänge entfernt. Barenboim bevorzugte mehr den dramatischen Furor und ließ es mitunter ziemlich krachen. Das kontrastierte nicht so sehr mit Dorothea Röschmann, die als Elsa weniger die glockenklare Reinheit blinden Glaubens zelebrierte, als den von Anfang an brodelnden Zweifel hören ließ, oder der mitunter flammenden Ortrud von Michaela Schuster. Anders bei Klaus Florian Vogt, der nicht nur als silbergerüsteter Lohengrin ein sozusagen außerirdisches Kontinuum im szenischen Gewusel blieb, sondern auch mit seiner hell strahlenden Stimme. Während Gerd Grochowski und Arttu Karaja dem Telramund und dem Heerrufer zu viel schuldig blieben, war Kwanchoul Youn ein verlässlicher König. FAZITDer Regisseur Stefan Herheim ist in Berlin mit seinem Lohengrin szenisch unter den Erwartungen geblieben, die er selbst mit seinem Bayreuther Parsifal" geweckt hat und auch Daniel Barenboim und die Solisten bleiben dem ganz großen Wagnerfest, trotzt schöner Momente, einiges schuldig. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühnenbild
Kostüme
Video
Chorleiter
Solisten
Heinrich der Vogler
Lohengrin
Elsa von Brabant
Friedrich von Telramund
Ortrud
Der Heerrufer des Königs
Brabantische Edle
Vier Edelknaben
Acht Edeldamen
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