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Boulevard Solitude

Lyrisches Drama in sieben Bildern
Text von Grete Weil und Walter Jockisch
Musik von Hans Werner Henze

in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln
Aufführungsdauer: ca. 1h 40' (keine Pause)

Übernahme vom Opernhaus Graz
Premiere am 2. Februar 2008 im Opernhaus Nürnberg


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Staatstheater Nürnberg
(Homepage)
Tödliche Einsamkeit in den Abgründen der modernen Gesellschaft

Von Sina Baumgart / Fotos vom Staatstheater Nürnberg

Geschmacklosigkeit, erotische Trivialität und selbstzerstörerischen Nihilismus - das warf die nachkriegsdeutsche Presse Hans Werner Henze nach der Uraufführung von Boulevard Solitude (Hannover 1952) vor. Kein Wunder, denn das gewollt Schöne und Erhabene bot dieses Werk nicht, sondern eine morbide Gesellschaft und ungewohnte Klänge. Genutzt haben die hitzigen Angriffe nichts, denn wie die Premiere am Staatstheater Nürnberg bewiesen hat: Boulevard Solitude ist auch 50 Jahre nach seiner Uraufführung noch ein Werk mit starker Wirkung.

Foto kommt später

Erste Begegnung Manons (Heidi Elisabeth Meier) mit Armand (Tilman Lichdi) in der "Bahnhofshalle"

Das „lyrische Drama“ manifestiert sich über sieben Bilder als faszinierende Mischform aus Gesang, Instrumentalmusik, Tanz und Pantomime. Henze greift dabei auf traditionelle Elemente der Oper wie Arien und Duette zurück, aber spielt auch mit Einflüssen des Jazz' und avantgardistischen Elementen. Ein über Perkussion sehr einprägsamer Rhythmus umrahmt das Werk und Zwischenspiele in schillernden Farben verbinden die einzelnen Bilder, die mehr Darstellungen von Situationen und Figuren als eine typische Handlungsabfolge sind.

Foto kommt später Lescaut (Michael Nelle) bestiehlt Manons "Geldgeber", den alten Lilaque le pére (Richard Kindley)

Textlich basiert „Boulevard Solitude“ auf Abbé Prévosts Roman Histoire du Chevalier des Grieux et de Manon Lescaut (1731), der bekannterweise auch Puccinis Manon Lescaut und Massenets Manon inspirierte. Doch die Textdichter Henzes, Grete Weil und Walter Jockisch, rücken im Gegensatz zu den Werken von Puccini und Massenet nicht Manon Lescaut, sondern Armand de Grieux in den Mittelpunkt.

Armand, der in Nürnberg sowohl stimmlich als auch schauspielerisch überzeugend vom Tenor Tilman Lichdi dargestellt wird, ist ein einsamer Student, dem die Wissenschaft das Lebensglück nicht zu geben scheint. Er bändelt mit der jungen Manon an und muss erleben, dass sich seine Geliebte trotz Liebesbekundungen gut betuchten Männern zuwendet. Manon, die durch den klaren und eindringlichen Sopran Heidi Elisabeth Meiers bezaubert, liebt das Geld und lässt sich von ihrem Bruder Lescaut an Freier verkuppeln. Während sie vorgibt glücklich zu sein, versinkt Armand im Drogensumpf und muss zugleich mit ansehen, wie seine Geliebte unter dem Einfluss Lescouts (Michael Nelle) einen Geldgeber erschießt. Am Ende also die Katastrophe: Manon landet im Gefängnis und lässt einen zutiefst vereinsamten und desillusionierten Armand zurück.

Foto kommt später

Manons fragliches Glück

Ein überdimensionaler Eisberg deutet in G. H. Seebachs Inszenierung (eine Übernahme des Opernhauses Graz) das große Thema des Werkes an: Menschliche Kälte, Distanz und große Einsamkeit. Seebach inszeniert „Boulevard Solitude" trotz Bildern zu Prostitution und Drogenrausch mit einem ästhetischen und klaren Blick, der mit Zeichen arbeitend allerdings manches überdeutlich zeigt und anderes wiederum offen lässt.

Ins Heute des modernen Paris versetzt bewegen sich die Figuren in einer ansehnlichen weißen Halle (Bühne Hartmut Schörghofer), die nur noch die Bahnhofshalle der Szenerie Henzes andeutet und mit einem abseits platzierten Schutthaufen auf die menschlichen Abgründe hinweist. Eine ärmliche oder imposante Schlafstätte, pedantisch angeordnete Stuhlreihen oder Mobiliar im Leopardenlook markieren verschiedenene Räumlichkeiten. Die Figuren sind adrett gekleidet (Kostüme: Ragna Heiny), allen voran Manon, die als mondäne Hure in stets wechselndem Kostüm auftritt. Völlig aus dem Rahmen fällt Armand, der im Gegensatz zu seinem Gegenspieler Lescout mit knallrotem Anzug vor allem in ausgeblichener Jeans und T-Shirt auftritt. Als düsterer Typ wird er bei Seebach von Anfang an als kaputter Fixer dargestellt, dessen Ende in einem eindringlichen Bild mit strömenden Regen besiegelt wird.

Foto kommt später Armand am Ende seiner Träume

Lichtwechsel ins grelle Grün oder zuckende Tänzer sorgen für die Visualisierung von Rauschzuständen, während violette Lichteinstellungen oder ein Pferd (Turngerät) und hübsch drapierte Pantomimen körperliche Veräußerung zum Ausdruck bringen. Zu diesen Abgründen von Drogenrausch und Prostitution macht Seebach allerdings ein Gegenbild auf: Tanzende Hochzeitspaare in wunderschönen Kostümen können als Traum Armands von Treue und Zweisamkeit gedeutet werden, die aber am Ende die Verzweiflung Armands angesichts seiner verlorenen Liebe nur noch deutliche werden lassen.

Nicht nur die Inszenierung Henzes Boulevard Solitude erwies sich angesichts des begeisterten Publikums als gelungen, sondern auch die musikalische Ausführung. Unter Leitung Christof Pricks erklingt das Orchester dynamisch und prägnant, überflutet allerdings bisweilen die etwas schwachen Nebenrollen.


FAZIT

Sehens- und hörenswerte Premiere eines hinreißenden Werkes des modernen Musiktheaters.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Christoph Prick

Inszenierung
G. H. Seebach

Bühne
Hartmut Schörghofer

Kostüme
Ragna Heiny

Chor
Edgar Hykeln

Dramaturgie
Daniela Brendel



Die Nürnberger Philharmoniker


Solisten

Manon Lescaut
Heidi Elisabeth Meier

Armand des Grieux
Tilman Lichdi

Lescaut, Manons Bruder
Michael Nelle

Francis, ein Freund Armands
Sebastian Kitzinger

Lilaque le père, ein reicher Kavalier
Richard Kindley

Lilaque le fils, sein Sohn
Wieland Satter






Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Staatstheater Nürnberg
(Homepage)



Da capo al Fine

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