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Musiktheater
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Fidelio

Oper in zwei Aufzügen
Dichtungvon Joseph Ferdinand Sonnleithner
und Georg Friedrich Treitschke
frei nach dem französischen Libretto
von Jean Nicolas Bouilly
Musik von Ludwig van Beethoven

in deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere am 27. Juni 2008 im Südthüringischen Staatstheater Meiningen

Aufführungsdauer: ca. 2h 15' (eine Pause)


Homepage

Südthüringisches Staatstheater Meiningen
(Homepage)
Jeder steht für sich allein

Von Joachim Lange / Fotos von foto ed.de

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Erdem Baydar Pizarro und Dominik Nekel als Rocco

Ludwig van Beethovens Fidelio hat nun mal den Ruf einer politisch korrekten und sozusagen staatstragenden Oper weg. Auch wenn gar nicht so klar ist, warum der Held Florestan eigentlich im Kerker schmort und was er mit seinem gescheiterten Putsch gegen Don Pizarro eigentlich wollte. Auch wenn es ein merkwürdiges Gemeinwesen ist, dem zwar eine moralisch offenbar nicht zu beanstandende Staatsspitze, ein „guter“ König, vorsteht, das aber gleichwohl über rechts- und gerechtigkeitsfreie Räume des Strafvollzugs verfügt. Auch wenn sich die willigen Vollstrecker vor allem um ihr kleines Familienglück kümmern, und wie Rocco, zwar nicht persönlich abdrücken oder zustechen wollen, aber doch die Gräber für die geheimen Willküropfer ausheben. Und auch, wenn die liebende Ehefrau Leonore sich zwar todesmutig und als Mann maskiert in die Nähe ihres verschwundenen Gatten Florestan vorarbeitet, dabei jedoch – außer einer Waffe - keinen wirklich Erfolg versprechenden Befreiungsplan in der Tasche hat und obendrein als emotionalen Kollateralschaden in Kauf nimmt, dass sich eine junge Frau in sie/ihn verliebt. Und auch, wenn es seltsam schräg wirkt, wenn die Musik davon kündet, dass sich Pizarro auch nur einen Moment davon abhalten lässt, Florestan am Ende wirklich umzubringen, nur weil sich Fidelio als Frau zu erkennen gibt. Von dem berühmten Trompetensignal, das sekundengenau die Bluttat schließlich verhindert und dem privaten Jubel über das errungene Weib ausgerechnet im Augenblick der Befreiung politischer Gefangener ganz abgesehen. Vor allem szenische ist Beethovens Fidelio also eine Herausforderung, an der man leicht scheitern kann.

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Chor des Meininger Theaters und Elizabeth Hagedorn als Fidelio

Doch weder das Unentschiedene zwischen Singspiel, Befreiungsoper und Lob der Gattenliebe bei Beethoven, noch die Pathos- und Kitschklippen, die die gesungenen und gesprochenen Texte von Joseph Sonnleithner und Friedrich Treitschke in sich bergen, sind für einen erfahrenen Bühnenprofi, wie Christine Mielitz, die sich dem Werk zudem in Zeiten des Umbruchs 1989 in Dresden in seiner politischen Brisanz schon einmal genähert hat, ein Problem. Sie kehrt die Ungereimtheiten nicht unter den Tisch, sondern lässt sich vom drängenden Geist der Musik leiten und macht nicht nur im berühmten Quartett „Mir ist so wunderbar“ aus den Wünschen, Ängsten und Obsessionen ein szenisches Bewegungsdiagramm für jeden Einzelnen.

Helge Ullmanns tiefschwarzer, nüchterner Bühnenraum aus hintereinander gestaffelten Gefängniswänden mit ins Schloss krachender Tür und schmalen Beobachtungsluken, die Projektion von Vorstadt-Gefängnismauern mit entlaubtem Baum und wartenden Menschen, die in vielen Teilen dieser Welt liegen könnte, die Militanz der schwarzen Uniformen der Wachmannschaften, das Guantanamo-Orange der Gefangenenkluft und die „modernen“ Fußfesseln, die Kittelschürze Marzellines und nicht zuletzt das dezente Bürokratengrau der Anzugträger Don Pizarro und Don Fernando verorten diesen Fidelio in der Gegenwart. Als eine Art ständige Gefahr für die Einen oder Versuchung für die Anderen. Von Pflicht wird in dieser Oper nämlich besonders viel und auf allen Seiten geredet.

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Hans-Georg Priese als Florestan, Erdem Baydar als Pizarro und Dominik Nekel als Rocco

Während der Ouvertüre brechen Frauen mit dem Mut der Verzweiflung und den Fotos ihrer verschwundenen Männer oder Söhne ihr erzwungenes Schweigen. Jener Florestan ist offenbar nur ein prominentes Beispiel. Seine offenbar besser gestellte und selbstbewusste Frau entschließt sich, mehr zu tun, als sich „nur“ in den stummen Protest der anderen einzufügen. Leonore wird zu Fidelio. Elizabeth Hagedorn, die als eine von drei Meininger Leonoren die Premiere bestritt, über zeugt vor allem mit ihrem rückhaltlosen Gestaltungswillen. Es nötigt Respekt ab, wie sie sich hier verausgabt und dabei auch riskiert, hörbar über ihre stimmlichen Möglichkeiten hinaus zugehen. Hinter den Gefängnismauern dann, ist die kleine Welt der willigen Vollstrecker vor allem mit sich selbst beschäftigt. Marzelline etwa, kriegt es ganz gut hin, die Zivilklamotten der Gefangenen in Mülltüten zu stecken und dabei über ihr künftiges Eheglück nicht nur nachzudenken. Diese bodenständige, junge Frau in der Kittelschürze ist wild entschlossen, den privaten Teil ihres Lebens selbst in die Hand zu nehmen. Daniela Dott macht das mit mehr dramatischer Verve als singspielhafter Leichtigkeit, was in diesem Falle auch nötig ist, denn an Jacquino lässt Stan Meus mit stimmlich heller Attacke kein gutes Haar. Hier mutiert das kleine Opportunistenlicht, das auf Marzelline Anspruch erhebt, nämlich geradezu zum Charakternazi. Samt passendem Haarschnitt. Die in den sanften Fidelio verliebte Marzelline bleibt am Ende, mit ihrem Gefühlschaos allein. Sie wird es wohl schaffen, damit klarzukommen. Wie wohl auch dieser dienstbeflissene Jacquino seine Stelle behalten wird: Befehlsnotstand als Allerweltsausrede. Auch dem politischen Opportunisten auf der Opernbühne schlechthin, dem Kerkermeister Rocco, den Dominik Nekel mit beeindruckender stimmlicher Seriösität ausstattet, erspart Christine Mielitz diese Verdeutlichung nicht. Als das Rettung verheißende Trompetensignal schon erklungen ist, schließt der nämlich Florestans Handschellen wieder, um sich mit dessen Befreiung selbst ins rechte Licht zu setzten. Überhaupt wird aus der musikalisch behaupteten großen Befreiung am Ende eher ein bürokratischer Listenabgleich zwischen Funktionären. Dabei bewegen sich der mit nobler Stimmpracht strömende Dae-Hee Shin als Don Fernando und der schon bei seiner Rachearie in der Dunkelheit mit angeleuchtetem Gesicht eindrucksvoll explodierende Erdem Baydar als Don Pizarro für Momente sogar mit spiegelbildlich gleicher Geste aufeinander zu.

Vergrößerung in neuem Fenster Elizabeth Hagedorn als Leonore, Hans-Georg Priese als Florestan und Dae Hee Shin als Minister

Für Florestan, dem Hans-Georg Priese mit großer Gestaltungs- und Überzeugungskraft in der Verzweiflung und im Sehnen zur stimmlich beeindruckendsten Figur des Ensembles macht, gibt es eine Lösung im Einzelfall. Doch den verhießenen besseren Zeiten misstraut Christine Mielitz aus guten Gründen. Dabei wirkt es wie ein überzeugendes Ausrufezeichen zu dieser nie plakativen, aber doch exemplarisch politischen Inszenierung, wie der fast schon verbissene, auch schon mal etwas statuarisch aufgesetzt wirkende Schlussjubel zum Moment eines emotionalen Aufruhrs der Massen eskaliert. Dem System – jetzt in Gestalt von als Don Fernando – wird das geradezu unheimlich. So wie sich vorher schon Don Pizarro ungeschoren und nahezu unbemerkt davon gemacht hatte, so verschwindet jetzt auch Don Fernando flankiert von seinen neuen „Freunden“ Rocco und Joaquino vor dieser emotionalen Aufwallung.

Wenn sich der eiserne Vorhang mit der Projektion wieder senkt, dann ist Florestan zwar frei, aber alles andere bleibt wie gehabt. Hinter der banalen Tristesse stehen die Mauern immer noch. Und im letzten Verließ müssen immer noch die einfach so Verschwundenen um ihr Leben fürchten.

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Stan Meus als Jaquino und Daniela Dott als Marzelline

In Meiningen hörte man an diesem Abend auch beim (von Sierd Quarré vorzüglich einstudierten) Chor und der Hofkapelle unter Hans Urbanek mehr instrumentale Einzeleloquenz als man vielleicht sollte und weniger betörende Suggestionskraft einer großen symphonischen Geste als man könnte. Ein wirklich ergreifender Rückenschauer gelingt Urbanek etwa am Beginn der Kerkerszenen. Da kann man die Dunkelheit schon hören, noch bevor sie Florestan beklagt. Insgesamt überzeugt am Ende aber die Wahrhaftigkeit des musikalischen Ausdrucks und das gemeinsame Wollen, zu einem der ambitioniertesten Stücke der Opernliteratur beizutragen, mehr, als manches allzu aufgeraute Klappern gelegentlich stört. Für alle Beteiligten gab es denn auch einen ungeteilten Schlussjubel für einen überzeugenden Abend aus dem Saal.


FAZIT

Dieser Fidelio will berühren und einen emotionalen Treibsatz zum Nachdenken zünden.Dabei geht es Christine Mielitz nie um eine Art von ästhetischer Überwältigungsharmonie oder Geschlossenheit. Sie hat diesmal das in sich zerrissene Individuum im Visier. Jeder steht für sich allein. Dabei sieht man gelegentlich auch, wie dieses Theater gemacht ist, erkennt die Verweise, Zeichen und Verdeutlichungen als solche. Und soll es auch. Ein starker Abend.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Hans Urbanek

Inszenierung
Christine Mielitz

Bühne und Kostüme
Helge Ullmann

Klanginstallation
Richard Ortmann

Choreinstudierung
Sierd Quarré

Dramaturgie
Dr. Klaus Rak


Chor und Extrachor des
Meininger Theaters

Meininger Hofkapelle


Solisten



Leonore
Elisabeth Hagedorn

Marzelline
Daniela Dott

Florestan
Hans-Georg Priese

Don Pizarro
Erdem Baydar

Rocco
Dominik Nekel

Jaquino
Stan Meus

Don Ferrando
Dae-Hee Shin



Weitere
Informationen

erhalten Sie vom
Südthüringischen
Staatstheater Meiningen

(Homepage)



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