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Musiktheater
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Peter Grimes
Oper in drei Akten und einem Prolog
von Benjamin Britten
Dichtung von Montagu Slater nach der
Verserzählung "The Borough" von George Crabbe


in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere im Staatstheater Kassel, Opernhaus
am 7. Juni 2008

Aufführungsdauer: ca. 3 Stunden 15 Minuten (eine Pause)
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Ausgestoßener Außenseiter

Von Bernd Stopka / Fotos von Dominik Ketz

Als letzte Premiere dieser Spielzeit steht Benjamin Brittens "Peter Grimes" auf der Opernbühne des Staatstheaters Kassel. Lorenzo Fioroni inszenierte die vielschichtige und grausame Geschichte um den unangepassten und auch nicht ungefährlichen Fischer und seine Freunde und Feinde in einem englischen Seedörfchen.

Vergrößerung in neuem Fenster Peter Grimes (Wolfgang Schmidt)
vor der Leiche des Lehrjungen

Es beginnt zäh. Ewig lange bevor die Musik einsetzt, sitzt Peter Grimes mit dem Rücken zum Zuschauer und klimpert mit seinem Schlüsselbund. Auf der rechten Bühnenseite liegt die Leiche seines - verunglückten, verdursteten oder doch erschlagenen? - Lehrjungen. Nachdem der Vorsitzende seinen Platz in der Mitte der Bühne eingenommen hat, stellen sich die Protagonisten der Oper ordentlich in einer Reihe auf. Auf der linken Bühnenseite verteidigt sich Peter notdürftig auf der Anklagebank, auf der rechten untersucht ein Gerichtsmediziner die Leiche. Warum er das erst während der Verhandlung macht, verwundert etwas.

Während des ersten Orchesterzwischenspiels bevölkert eine mit Sack und Pack wandernde Menschenmenge die Bühne. Flüchtlinge? Vertriebene? Auf jeden Fall eine Gruppe von Menschen, die sich zu einer Gemeinschaft finden. Und da muss erst einmal Ordnung geschaffen werden. Mit Klebeband werden auf dem Bühnenboden Parzellen abgeteilt, in denen man sich sogleich häuslich niederlässt. Wirtin und Friseur beginnen ihre Geschäfte, man findet seine Positionen und Plätze.

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In den Parzelen: Boles (János Ocsovai)
und Dorfbewohner (Chor)

Das alles hat nichts Maritimes, es sind keine Fischer oder Seeleute, die sich da einrichten. Umso fremder wirkt dann natürlich Peter Grimes, der schwer arbeitend seine weißen Plastik-Fischkisten auf die Bühne schleppt und später sein Bootsseil über Tische, Sessel, Kaffeetassen und Geranienkästen zieht. Ist er ein neuer Bewohner, oder ein alter, der schon vorher da war? So wird seine Außenseiterposition auf eine äußerliche Wiese sehr deutlich. Zeigt man ihn -wie im Libretto vorgesehen - als einen von vielen Fischern im Fischerdorf, der von der Gemeinschaft ausgeschlossen wird, ist sein Schicksal noch grausamer. Diese Dorfgründungsvorgeschichte schafft viel Unruhe auf der Bühne und bringt wenig Erhellendes in die Handlung. Bis hierhin erlebt man das übliche, originell sein wollende Regietheater, das ein bisschen langweilt, ein bisschen nervt, in seiner Beliebigkeit aber ziemlich kalt lässt.

Doch das ändert sich mit dem zweiten Bild des ersten Aktes. Nun wird es richtig gutes Musiktheater, konzentrierter, auf Wesentliches reduziert, berührend und bewegend. Auch das Bühnenbild erzielt jetzt ganz andere Wirkungen. Als Einheitshintergrund wird der Bühnenraum von hellen, glänzenden Vorhängen begrenzt. Im ersten Bild blendet so - auch durch die scheußlichen Neonröhren - ein unangenehm grelles Licht. Doch mit dezenterer, entsprechend dosierter Beleuchtung spiegelt sich das Licht wie im Wasser oder es entsteht flimmerndes, düsteres Grau.

Vergrößerung in neuem Fenster Rechts der Pub, links die Beerdigung,
davor Peter Grimes (Wolfgang Schmidt)
mit seinem neuen Lehrjungen

In Aunties Pub, der durch ein Balkenskelett nur angedeutet wird, sucht man Schutz vor dem Sturm. Ellen Orford bringt Peters neuen Lehrjungen. Vor einem Spottlied flüchtet Peter mit ihm und muss dabei an einer Gruppe von Dorfbewohnern vorbei, die gerade seinen ersten Lehrjungen beerdigen. Rechts die singenden Pub-Besucher, links die Trauergemeinde, dazwischen zerrt Peter seinen neuen Jungen mit sich: ein starkes, bedrohliches Bild. Auch wenn man nicht nach der Logik fragen darf: Würden alle wichtigen Dorfbewohner im Pub sitzen, während der Junge, um dessen Tod sie sich so viele Gedanken machen, beerdigt wird? Und warum stehen die Trauernden still und fest, während der Sturm die Gäste in den Pub geradezu hineinweht?
Das Zwischenspiel, das den wilden Sturm musikalisch ausmalt, wird durch Filmprojektionen untermalt, die Wellen, Gischt und Sturm, aber auch schutzverheißende, hell erleuchtete Fenster zeigen.

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vorn, von links: Boles (János Ocsovai),
Mrs. Sedley (Barbara Cramm, mit blonder Perücke),
Ned Keene (Geani Brad), Balstrode (Stephen Owen -hinter Geani Brad),
Auntie (Lona Culmer-Schellbach), Dorfbewohner (Chor)

Sie gehören zu den Häusern, zu denen die zuvor abgeteilten Parzellen geworden sind. Das Dorf aus etwa schulterhohen Häusermodellen präsentiert sich im zweiten Akt auf einer eindrucksvollen Bühneschräge. Die Gebäude sind zwar unterschiedlich groß, aber doch in einheitlichem Stil gehalten. Man hat sich etabliert, Regeln und Ordnungen sind aufgestellt - wahrscheinlich auch die entsprechenden Bauvorschriften.

Vergrößerung in neuem Fenster Pastor Adams (Young-Hoon-Heo), Swallow (Mario Klein),
Hobson (Derrick Ballard), Dorfbewohner (Chor)

Im Streit um die Sonntagsruhe des Lehrjungen schlägt und tritt Peter Ellen brutal zusammen, Das ist in diesem Ausmaß eigentlich viel zu viel, zeigt aber deutlich wie unbeherrscht und brutal Peter ist. Und es erklärt die Angst, die die Bewohner vor ihm haben, welche (tatsächlich vorhandene) Bedrohung sie spüren. Wieder wird offiziell über den Fall verhandelt und schließlich zu Trommelschlag mit trampelndem Gleichschritt aufgebrochen, um Peter zu stellen.

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1. Nichte (Karen Frankenstein); 2. Nichte (Nicole Chevalier),
Ellen Orford (Janet Harach), Auntie (Lona Culmer-Schellbach)

Auntie hat sich um die verletzte Ellen gekümmert, beide kümmern sich nun um die verletzten Nichten und alle vier stoßen mit einem Glas Sekt an. Übermütig werfen sie ihre Plastikgläser hinter sich, schauen dann aber wieder sehr betroffen in die grausame Realität: Im Dunkeln leuchten Taschenlampen; eine Filmprojektion mit Bildern des Jungen und des Meeres zeigt, was alle befürchten.

Die Bühne dreht sich und zeigt Peters Hütte, nicht nur am Abhang hinter dem Dorf, sondern auch unter dem Dorf, klein und reinlich, aber - auch symbolisch - ganz hinten und ganz unten. Man hat Mitleid, nicht nur mit dem gescheuchten, verängstigten Lehrjungen, sondern auch mit Peter, der sein verstecktes Geld zählt, während er sich nach einem bürgerlichen Leben mit Ellen sehnt. Er ist schon ein seltsamer, weltfremder Kauz.
Sehr eindrucksvoll, ist der Absturz des Lehrjungen dargestellt: Er klettert an der Wand entlang, erstarrt, schreit lange auf und dazu beginnt eine Filmprojektion von Gischt und Meer. Eine geniale Idee, erschreckend deutlich, aber nicht plakativ. Diese Szene - zusammen mit den eindrucksvollen Bildern zum anschließenden Zwischenspiel - gehört zu den stärksten Momenten dieser Produktion.

Vergrößerung in neuem Fenster vorn: Swallow (Mario Klein), 1. Nichte (Karen Frankenstein),
Mrs. Sedley (Barbara Cramm), Hobson (Derrich Ballard),
2. Nichte (Nicole Chevalier), Dorfbewohner (Chor)

Ausgelassen und übermütig zeigt sich die Dorfgemeinschaft beim Fest in der Moot Hall. Der Alkohol enthemmt und zeigt die wahren Gesichter. Selbst Mrs. Sedley, die zuvor noch geradezu grotesk mit einer großen Lupe zwischen den Häusern spioniert hat, legt einen halben Strip hin. Als die Stimmung in eine aggressive Richtung geht, werden Pistolen ausgeteilt, und man geht mit Fackeln auf Peter-Grimes-Jagd.
Der ist auf seiner Flucht ganz unten gelandet, zwischen Dreck und Müllsäcken erscheinen ihm leibhaftig seine toten Lehrjungen, blutüberströmt, auch der erste. Ist er doch nicht ertrunken oder verdurstet? Wenn Ellen und Balstrode den verwirrten Peter finden, dreht sich die Bühne und das ganze Dorf starrt auf Peter. Balstrode, der Peter immer noch wohlgesonnen ist, führt ihn durch die Menge hindurch an die Klippe - ungehindert. Peter wehrt sich zunächst, stürzt sich dann aber selbst hinunter. Die Leute gehen (leider nicht lautlos) zur ergreifendsten Musik ab. Es wird Nacht, die Fenster in den Häusern erhellen sich. Ein harmonisches, romantisches Bild... - hier ein grausames Bild. Was Peter sich wünschte, haben die anderen, weil er tot ist.

Vergrößerung

Dorfbewohner auf Peter-Grimes-Jagd



Regisseur Lorenzo Fioroni und Bühnenbildner Paul Zoller haben ab dem zweiten Bild des ersten Aktes eine ausgesprochen eindringliche Inszenierung auf die Bühne gebracht. Die ersten beiden Bilder trüben den Gesamteindruck, ragen sperrig heraus, können die Großartigkeit des Restes aber nur stören, nicht zerstören.

Vergrößerung in neuem Fenster Hobson (Derrick Ballard), 2. Nichte (Nicole Chevalier),
Swallow (Mario Klein), 1. Nichte (Karen Frankenstein),
Dorfbewohner (Herrenchor)

Mit klug durchdachter Personenführung hat der Regisseur die einzelnen Personen sehr individuell charakterisiert. Sabine Blickenstorfers Kostüme aus unserer Zeit wirken unterstützend und unterstreichen, dass bei aller Ordnungsliebe und Gemeinschaftseinigkeit doch auch jeder ein Stück aus der Konformität heraussticht. Anders gesagt: Die ach so braven Bürger haben durchaus ihre Eigenheiten - und ihre Leichen im Keller. Die moralisierende Dorftratsche Mrs. Sedley ist selbst tablettensüchtig und man beachte auch einmal, welche Würdenträger sich mit Aunties Nichten vergnügen, die das sicher nicht umsonst machen.

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Peter Grimes (Wolfgang Schmidt)

Wolfgang Schmidt hat vor allem als Wagner-Tenor Weltkarriere gemacht. Seit einigen Jahren bewegt er sich nun erfolgreich im Charakterfach. Nach seinem Rollendebüt an der Semperoper Dresden singt er den Peter Grimes nun auch in seiner Geburtsstadt. Die Figur ist von der Regie als einfacher, aber nicht dummer, als eigensinniger, aber nicht böser Mensch gezeichnet. Er ist von seinen Stimmungen getrieben und handelt dabei oft rücksichtslos und selten überlegt. Das verdeutlicht Wolfgang Schmidt auch musikalisch. Vieles wirkt zunächst ungehobelt und vor allem laut, aber im zweiten und dritten Akt zeigt er, dass er den zunehmend Wahnsinnigen mit feineren Nuancen, differenzierter und farbenreicher singend gestalten kann.

Vergrößerung in neuem Fenster Peter Grimes (Wolfgang Schmidt)
Ellen Orford (Janet Harach)

Als Ellen Orford berührt Janet Harach mit intensiver Ausdruckskraft. Ihr beseelter Sopran hat vor allem in der Mittellage viel klangschöne Substanz, wogegen die Höhe zuweilen etwas weniger voll klingt. Stephen Owen ist ein gelassener, unaufgeregter Kapitän Balstrode, eine sehr ordentliche, aber nicht besonders nachhaltigen Eindruck hinterlassende Leistung. Mario Klein ist ein stimmlich wie schauspielerisch überzeugender Rechtsanwalt Swallow. Sehr angenehm, fast schon zu schön für diese Partie klingt Barbara Cramm als Mrs. Sedley. Wunderschön in ihrem Duett klingen Karen Frankenstein und Nicole Chevalier als Aunties Nichten.

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Lona-Culmer Schellbach (Auntie)
und Mitglieder des Opernchores

Die Figur der Auntie ist hier deutlich aufgewertet, vielschichtig und sympathisch gezeichnet. Sie ist einerseits eine tüchtige Geschäftsfrau mit leicht verruchtem Einschlag, versucht andererseits immer wieder zu schlichten und zu beruhigen und kümmert sich sehr liebevoll um die verletzte Ellen. Achtenswerten Charakter zeigt sie aber vor allem, wenn sie mit Koffer und Mantel als anständige Dame das Lokal (im doppelten Sinne) verlässt, während die anderen Peter jagen gehen. Damit will sie nichts zu tun haben. Lona Culmer-Schellbach zeichnet die vielfältigen Charakterzüge dieser spannenden Frau absolut überzeugend mit großer Intensität und Bühnenpräsenz.

Chor und Extrachor haben ihre umfangreichen Aufgaben sehr gut einstudiert und sind ebenso wie das Orchester in bester Form. Kassels GMD Patrik Ringborg gestaltet nicht nur die vielen Varianten von düster und bedrückend, sondern lässt auch die wenigen hellen Momente strahlen.

Vergrößerung in neuem Fenster

FAZIT

Recht gute musikalische Leistungen in einer Inszenierung, die wirkt, als sei sie mit zwei Handschriften geschrieben. Sie beginnt zäh, wird dann etwas wirr und überaktionistisch, um dann zu einer sehr dichten und spannenden Interpretation aufzusteigen, die mit ein paar geradezu genialen Bildern gewürzt ist.




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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Patrik Ringborg

Inszenierung
Lorenzo Fioroni

Bühne
Paul Zoller

Kostüme
Sabine Blickenstorfer

Choreinstudierung
Marco Zeiser Celesti

Dramaturgie
Ursula Benzing


Opern- und Extrachor des
Staatstheaters Kassel

Staatsorchester Kassel

Statisterie des Staatstheaters
Kassel


Solisten

Peter Grimes
Wolfgang Schmidt

Ellen Orford
Janet Harach

Captain Balstrode
Stephen Owen

Auntie
Lona Culmer-Schellbach

1.Nichte
Karen Frankenstein

2. Nichte
Nicole Chevalier

Bob Boles
János Ocsovai

Swallow
Mario Klein

Mrs. Sedley
Barbara Cramm

Pastor Adams
Young-Hoon Heo

Ned Keene
Geani Brad

Hobson
Derrick Ballard

John, Grimes' 2. Lehrjunge
Julius Heuckeroth

William Spode, 1. Lehrjunge
Giuliano Ghirardelli



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Staatstheater Kassel
(Homepage)





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