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Sweeney Todd
(The Demon Barber of Fleet Street)


Musik-Thriller in zwei Akten
Buch von Hugh Wheeler
nach einer Adaption von Christopher Bond
Deutsch von Wilfried Steiner
Musik und Gesangstexte von Stephen Sondheim


in deutscher Sprache

Aufführungsdauer: ca. 3h 05' (eine Pause)


Premiere der Hagener Erstaufführung
im Großen Haus des Theaters Hagen
am 16. Februar 2008

Logo: Theater Hagen

Theater Hagen
(Homepage)
Sweeney ohne Johnny

Von Thomas Tillmann / Fotos von Adolf Kühle (© Theater Hagen)

Das war nicht ungeschickt von den Verantwortlichen des Theaters Hagen, am Wochenende vor dem Deutschlandstart der Verfilmung von Sondheims brilliantem Musical Sweeney Todd die Erstaufführung der 1979 am Broadway uraufgeführten Bühnenversion auf den Spielplan zu setzen - auch wenn man nicht Johnny Depp zur Verfügung hatte (über dessen Eignung für die Rolle natürlich auch in den entsprechenden Foren heftig diskutiert wird). Ein Risiko war diese Entscheidung dennoch, denn Sondheims kongeniale Partitur dringt nicht so unbeschwert ans Ohr wie manch anderes Werk des Genres und hat auf deutschen Bühnen nie die Beliebtheit erzielen können wie im angelsächsischen Raum.

Vergrößerung in neuem Fenster Mrs. Lovett (Marilyn Bennett) hat Benjamin Barker, der sich nun Sweeney Todd nennt (Frank Dolphin Wong), sein Rasiermesser aufbewahrt, das der Barbier als seinen besten Freund begrüßt.

Nils Cooper ist ein kluger Regisseur, der erkannt hat, dass eine liebevolle, differenzierte Personenzeichnung bereits im Stück selber vorgegeben ist und durch die exquisite Musik noch zusätzlich unterstrichen wird, und so sah er seine Aufgabe ganz zurecht darin, die Vorlage möglichst werkgetreu auf die Bühne zu bringen, ohne um jeden Preis Originalität zu beweisen und fehlgeleiteten Aktionismus zu organisieren. Man ahnt, wie mancher Kollege statt des düsteren Londoner Backsteininnenhofs von Ausstatter Peer Palmowski, der damit einen gelungenen Rahmen für unproblematische Szenenwechsel geschaffen hatte, ein Konzentrationslager auf die Bühne gebracht hätte oder uns Einblicke in die Tristesse des Thatcherism gewährt hätte, und freut sich, dass sich das junge Produktionsteam anders entschieden hat. Und so sind es viele Details, die einem positiv in Erinnerung bleiben. Eines indes ging nicht in Erfüllung: Im Programmheftinterview hatte Cooper sich gewünscht, dass fast nicht zu merken sein solle, wie hart alle Mitwirkenden an der Realisierung des anspruchsvollen Werkes gearbeitet haben. Die harte Arbeit war zu sehen und zu hören, aber man nahm diesen Umstand voller Respekt und Bewunderung wahr!

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Anthony (Jeffery Krueger) liebt Johanna (Tanja Schun), die allerdings von ihrem Vormund, Richter Turpin, strengstens bewacht wird.

Einziger, aber nicht unerheblicher Schwachpunkt der Hagener Produktion ist allerdings die Verwendung des deutschen Textes - symptomatisch sei die Übersetzung "Barbier und Teufel von Fleet Street" für den ursprünglichen Untertitel "The Demon Barber of Fleet Street" genannt. Sicher, das Publikum hätte einer englischsprachigen Aufführung vielleicht nicht dieselbe Aufmerksamkeit geschenkt, hätte manchen Gag nicht unmittelbar verstanden, aber die Zuschauer haben sich doch in der Oper auch daran gewöhnt, Übertitel zu lesen, ohne allzusehr dadurch abgelenkt oder gar belästigt zu werden. Besonders das Protagonistenpaar hatte sich zwar spürbar intensiv mit der Masse an Text auseinandergesetzt (ein Kompliment auch an die mit der Einstudierung Betrauten!), aber im zweiten Teil schlich sich dann eben doch die eine oder andere unglückliche Betonung oder ein Fehlerchen hier und da ein, und mitunter hatte man auch das Gefühl, dass der ansonsten sehr umsichtige, kompetente musikalische Leiter der Aufführung, Steffen Müller-Gabriel, mit dem hochkonzentriert, sehr farbig und schillernd musizierenden Philharmonischen Orchester nicht ganz das gewünschte hohe Tempo erzielen konnte, weil man dann das Bühnenpersonal schlicht nicht mehr verstanden hätte. Hinzu kam, dass die Abmischung zwischen Solisten und Orchester zumindest auf meinem Platz im 2. Parkett nicht optimal war und das Kollektiv an dramatischen Stellen einfach zu laut war und die Darsteller unnötig zudeckte, was angesichts des Einsatzes von Microports nicht nötig ist.

Vergrößerung in neuem Fenster Pirelli (Boris Leisenheimer, rechts), der die wahre Identität Sweeney Todds (Frank Dolphin Wong, links) erkannt hat, will den Barbierkollegen erpressen, ohne zu ahnen, dass ihn diese Idee das Leben kosten wird.

Das insgesamt bis hin zu den Interpreten der kleinen Partien durchgängig sehr engagierte Ensemble (mitsamt dem bemerkenswert diszipliniert singenden und spielenden Chor) führte Marilyn Bennett als Pastetenbäckerin Nelly Lovett an, die sie mit viel Witz und liebevoller Ironie, Tiefgang, aber auch Durchtriebenheit, Berechnung und nicht zuletzt einer Portion schrulliger Erotik und Sehnsucht nach Liebe hervorragend portraitierte und so vor dem erschlagenden Vergleich mit der unvergessenen Angela Lansbury keine Angst haben musste (prominentere Darstellerinnen haben da weniger Eindruck hinterlassen, ich finde etwa bei aller grundsätzlichen Bewunderung Patti LuPone keine wirklich gute Besetzung). Frank Dolphin Wong war ein agiler, spielfreudiger, vokal prachtvoller Sweeney mit den beeindruckenden Mitteln eines Baritons, den man aus der Vergangenheit etwa als Orest in Strauss' Elektra kennt und schätzt (Qualitäten, die die Filmbesetzung nicht hat, wodurch das Werk ganz anders wirkt). Trotz einer bemerkenswerten Leistung, trotz manch zurückgenommen-melancholischem Ton war mir der Sänger ein bisschen zu jung für die Partie, und es gelang ihm auch nicht, das Dämonisch-Tragische der Figur glaubhaft umzusetzen - dieser Sweeney war mir über weite Strecken einfach zu fröhlich, jungenhaft und sympathisch, und auch die bizarre Perücke und das sehr aufgemalt wirkende Make-up waren eher hinderlich als förderlich.

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Mrs. Lovett (Marilyn Bennett) und Sweeney Todd (Frank Dolphin Wong) haben jegliche Skrupel verloren und freuen sich über den geschäftlichen Aufschwung, den der Verkauf der mit Menschenfleisch gefüllten Pasteten ihnen bringt.

Kristine Larissa Funkhauser nutzte als Bettlerin, die niemand anders ist als Sweeneys totgeglaubte Frau, die wenigen Auftritte, um die Zerrissenheit und Tragik der Figur umzusetzen, Tanja Schun gab die Johanna mit einer ausgewogenen Mischung aus Mädchenhaftigkeit, Sensibilität und Entschlossenheit (und nicht immer liebenswürdiger Höhe), während Tomas Möwes - der einzige Gast auf der Bühne - zwar die nötige Autorität und Selbstgerechtigkeit für den skrupellosen Richter Turpin mitbrachte, vokal aber ziemlich blaß blieb. Boris Leisenheimer überzeugte als Quacksalber Pirelli nicht nur mit furchtlos attackierten Spitzentönen über dem System, sondern auch mit schriller Bühnenpräsenz und Rudolf-Moshammer-Optik, Jeffery Krueger war ein rührend verliebter Anthony mit genügend lyrischem Tenorschmelz und Inbrunst, um angemessen von seiner Johanna schwärmen zu können, während Richard van Gemert zwar nicht die netteste, individuellste Stimme sein eigen nennt, aber als Tobias nicht nur Stumpfsinn, sondern auch gefährlichen Wahn im Blick hatte. Stellvertretend für die übrigen Mitwirkenden sei Jürgen Dittebrand genannt, der offenkundig Freude daran hatte, einen servil-sadistischen Büttel zu mimen.


FAZIT

Mehr als zehn Minuten begeisterter Beifall bewiesen, dass sich das Hagener Publikum von diesem Meisterwerk des Musicalgenres unvoreingenommen gefangen nehmen ließ und sich genußvoll der Lust hingab, sich an dem Barbiersessel zu freuen, aus dem die gerade Getöteten in die Bäckerei von Mrs. Lovett befördert wurden, und damit über "Themen zu lachen, die eigentlich nicht zum Lachen sind" - wie Regisseur Nils Cooper es sich gewünscht hatte. Ich denke trotzdem, dass der Abend noch gewonnen hätte, wenn man ein Viertelstündchen Spielzeit durch geschickte Striche eingespart hätte.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Steffen Müller-Gabriel

Inszenierung
Nils Cooper

Ausstattung
Peer Palmowski

Choreinstudierung
Uwe Münch

Dramaturgie
Thilo Borowczak

Opernchor
des Theater Hagen

Statisterie des
Theater Hagen

Philharmonisches
Orchester Hagen


Solisten

* Premierenbesetzung

Sweeney Todd,
alias Benjamin Barker,
Barbier
Frank Dolphin Wong

Bettlerin (Lucy),
seine Frau
Kristine Larissa Funkhauser

Johanna, beider Tochter
Tanja Schun

Mrs. Lovett, Inhaberin
einer Pastetenbäckerei

Marilyn Bennett

Richter Turpin
* Tomas Möwes/
Rolf A. Scheider

Büttel Bemford
Jürgen Dittebrand

Adolfo Pirelli, italienischer
Barbier und Quacksalber

Boris Leisenheimer

Tobias Ragg,
sein Helfer
Richard van Gemert

Anthony Hope,
junger Matrose
Jeffery Krueger

Jonas Fogg, Leiter
einer Irrenanstalt

Götz Vogelsang

Ein Vogelhändler
Bernd Stahlschmidt-Drescher


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Hagen (Homepage)




Da capo al Fine

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