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Barbe-Bleue (Ritter Blaubart)

Opéra bouffe in drei Akten
Libretto von Henri Meilhac und Ludovic Halévy
nach dem Märchen von Charles Perrault
Deutsche Fassung von Stefan Troßbach
Musik von Jacques Offenbach


in deutscher Sprache

Aufführungsdauer: ca. 2h 45' (eine Pause)


Premiere im Theater Hagen am 7. Juni 2008

Logo: Theater Hagen

Theater Hagen
(Homepage)
Sparmaßnahmen

Von Stefan Schmöe / Fotos von Stefan Kühle (© Theater Hagen)

Die heimliche Hauptfigur des Abends kommt im Stück überhaupt nicht vor. Sie wird nicht einmal erwähnt, geschweige denn beim Namen genannt: Es ist der Stadtkämmerer von Hagen. Immer wieder ist von „Sparmaßnahmen“ die Rede: Zuerst stürzt Dirigent Gwennolé Rufet schwer atmend auf die Bühne und bittet um Verständnis, dass er gerade erst ankomme – wegen „Sparmaßnahmen“ habe er kurz vorher noch auf einer Hagener Kirmes dirigieren müssen. Der Chor Herrenchor kündigt an, sich im Foyer umkleiden zu müssen, weil aufgrund von „Sparmaßnahmen“ die eigenen Garderoben geschlossen worden seien. So zieht sich das als running gag wohldosiert durch die gesamte Aufführung und trifft durchaus Offenbachs satirischen und zeitkritischen Nerv. Der schließlich hielt wie kein anderer der Gesellschaft den Operettenspiegel vor, und in Ritter Blaubart ist es um Moralität und Integrität der Herrschenden nicht eben gut bestellt.

Vergrößerung in neuem Fenster Schäfer liebt Blumenverkäuferin, aber in Wahrheit sind es Prinz und Prinzessin: Daphnis alias Prinz Saphir (Jeffrey Krueger) und Fleurette alias Prinzessin Hermia (Tanja Schun)

Weiter in das aktuelle Tagesgeschehen hinein allerdings wollte Intendant und Regisseur Norbert Hilchenbach nicht gehen, und so inszeniert er die Opéra bouffe als konventionelles Unterhaltungsstück mit mittelprächtigem Spaßfaktor. Zwar lässt er den Ritter Blaubart, der bereits fünf seiner Ehefrauen mit Gift ins jenseits befördern ließ (was er nicht weiß: Sein vermeintlicher Auftragsmörder Popolani lässt sich von den immer noch quicklebendigen Damen als Gegenleistung für die vereitelten Mordpläne verwöhnen) als Mafioso im Nadelstreifenanzug aufmarschieren, aber eher nimmt dieser Einfall der Figur Schärfe als dass er den Stoff aktualisiert: Einflussreiche Lobbyisten, die mehr Macht haben als die formal Herrschenden, hat es zu allen Zeiten gegeben, und heute ist es nicht anders – dafür bedarf es keine Gangster-Kostümierung. Und dieser Blaubart gewinnt nicht durch seine Bodyguards mit Maschinengewehr an Statur sondern durch die Bühnenpräsenz seines Sängers Dominik Wortig, der mit prächtigem und höhensicherem Tenor auch vokal die nötige Eleganz zeigt.

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Auf der Suche nach Gattin Nummer sechs (und später Nummer sieben): Ritter Blaubart (Dominik Wortig)

Ernsthafte Widersacher muss er nicht befürchten, da es der liebestollen Bäuerin Boulotte, die er zu seiner sechsten Frau macht, an adäquaten stimmlichen Mitteln fehlt: Zu brav und zu wenig divenhaft (und mitunter das Tempo verschleppend) singt Olivia Saragosa die Partie, und im Hosenanzug wird ihr von Ausstatter Peer Palmowski jeder Anflug von Erotik ausgetrieben. Überhaupt erweisen sich die Kostüme weitgehend als Hemmnis für wahren Operettenschwung: Die Frauen aus dem Dorf mit Gummistiefeln und Röckchen im schrillen Blumendekor, der Hofstatt in blauer Uniform und Einheitsfrisur sind bestenfalls auf den ersten Blick (mäßig) lustig, danach zunehmend nervig. Und das hübsche Bühnenbild, das mit Verzicht auf rechte Winkel und in Wasserfarben-Optik aussieht, als sei es beim Adventsbasteln in der Waldorf-Grundschule gestaltet worden, stört zwar nicht groß, entwickelt aber kaum einen Bezug zur handwerklich soliden Personenregie.

Vergrößerung in neuem Fenster Regieren istr anstrengend: König Bobèche (Jürgen Dittebrand)

Immerhin ist Jan Friedrich Eggers ein schauspielerisch charmanter, allerdings musikalisch unauffälliger Alchimist Popolani. Jürgen Dittebrand als König Bobèche muss ohnehin kaum singen, ist aber ein ordentlicher Komödiant. Mit hübschem Soubrettenton singt Tanja Schun eine Königstochter Hermia in konventioneller Operettenmanier, und Frank Dolphin Wong ist ein solider Minister Graf Oscar – der sich in den deutschen Dialogen ebenso achtbar schlägt wie Jeffrey Krueger (beide sind keine Muttersprachler, was in Operetten oft problematisch ist) als Prinz Saphir mit sehr hellem Tenor. Ziemlich blass bleibt Marilyn Bennett als Königin Clémentine. Ein Ensemble mit Abstufungen also – von einigen (wenigen) Zuschauern in den Rängen mit schrillem Pfeifen und lautstarkem Gejohle ziemlich undifferenziert, dafür umso lärmiger gefeiert (was kaum darüber hinweg täuschen konnte, dass der Premierenapplaus im Parkett eher höflich als enthusiastisch ausfiel).

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Blaubarts Frauen zu morden geht gegen seine Moral - darum lässt Popolani (Jan Friedrich Eggers) sie leben und erwartet gefälliges Verhalten als Gegenleistung, was ihm offensichtlich gewährt wird

Das Philharmonische Orchester Hagen spielt an vielen, nicht an allen Stellen mit dem nötigen Esprit. Offenbachs ironische Leichtigkeit punktgenau zu treffen bleibt auch für den Dirigenten eine schwere Kunst. Dennoch kann sich das insgesamt gut hören lassen, was auch für den aufmerksamen Opernchor gilt. Ein paar mehr Sängerinnen und Sänger, dazu ein größeres Aufgebot an Statisterie wäre für ausreichende (musikalische wie szenische) Fülle sicher nicht schlecht – aber da sind wohl, ohne das gerade dieser Aspekt nicht explizit angesprochen wurde, Sparmaßnahmen im Wege.


FAZIT

Solide Operettenproduktion mit herausragendem Tenor.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Gwennolé Rufet

Inszenierung
Norbert Hilchenbach

Ausstattung
Peer Palmowski

Choreinstudierung
Roland Vieweg
Wolfgang Müller-Salow

Dramaturgie
Birgitta Franzen

Opernchor
des Theater Hagen

Statisterie des
Theater Hagen

Philharmonisches
Orchester Hagen


Solisten

* Besetzung der rezensierten Aufführung

König Bobèche
* Jürgen Dittebrand /
Richard van Gemert

Königin Clémentine
Marylin Bennett

Hermia, ihre Tochter
Tanja Schun

Graf Oscar, Minister
Frank Dolphin Wong

Prinz Saphir
Jeffrey Krueger

Ritter Blaubart
Dominik Wortig

Popolani, Alchimist
Jan Friedrich Eggers

Boulotte, Bäuerin
Olivia Saragosa

Alvarez, Höfling
Wolfgang Niggel

Héloise
Nicole Nothbaar

Eléonore
Seija Koecher

Isaure
Margarethe Nüßlein

Rosalinde
Verena Michael

Blanche
Julia Steinhaus


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Hagen (Homepage)




Da capo al Fine

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