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Feindliche Übernahme
Von Stefan Schmöe
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Fotos von Stefan Kühle (© Theater Hagen)
Ein Großkonzern wird von einem anderen bedroht, eine feindliche Übernahme zeichnet sich ab. Es entsteht eine erbitterte Schlacht um Mehrheitsverhältnisse. Am Ende ist die Gegenwehr vergeblich, das bedrängte Unternehmen muss kapitulieren und in den Vorstandsetagen knallen die Sektkorken, weil man hinter den Kulissen längst einig ist. Nicht, dass Gregor Horres in seiner Neuinszenierung die Handlung derart platt in die globalisierte Gegenwart transponiert; vielmehr erzählt er eine weitgehend abstrahierte und zeitlose Parabel über die Macht. Aber solche Assoziationen liegen in der Luft. Die Ausstattung spiegelt die kühle Welt der Großkonzerne wieder: Bühnenbildner Jan Bammes gelingt es, mit mehreren quaderförmigen, mit Marmor verkleideten Säulen, die variabel verschiebbar sind, sehr unterschiedliche Stimmungen zu erzeugen von der repräsentativen, abweisenden Empfangshalle bis zur elektrisierenden Atmosphäre der Gemächer Cleopatras (dafür wird der Zuschauerraum in nachtblaues Licht getaucht). Das Bühnenbild unterstützt in seiner vorherrschen Strenge eine sachliche, mitunter sarkastisch-zynische Erzählweise, die auf klare Bilder setzt. Die vergleichsweise wenigen Aktionen folgen konsequent der musikalischen Struktur; der Beginn des Da-capo-Teiles einer Arie etwa löst meistens eine neue Aktion aus.
Hier bin ich König, hier darf ich's sein: Tolomeo (Rolf A. Schneider) spielt Krieg
Die Figuren sind klar konturiert. Cesare tritt im Anzug auf, aber der Lorbeerkranz, den er trägt, ist nicht nur historisches Zitat, sondern macht aus ihm eine zeitlose Kunstfigur. Countertenor Filippo Mineccia singt ihn mit im ersten Moment fast zerbrechlich scheinender, etwas hauchiger Stimme, die sich aber nicht nur als versiert in den Koloraturen erweist, sondern auch Durchhaltevermögen besitzt; zudem gestaltet Mineccia die Partie mit großer Intensität. Als Cleopatra steht ihm mit Stefania Dovhan eine Sängerin mit jugendlich leuchtendem Timbre gegenüber, sehr sinnlich im Tonfall. Auch in den Spitzentönen kann sie famos auftrumpfen, zunächst siegessicher, später, wenn sich die Situation gegen sie wendet, mit schönem Legato-Klang. Bei den Verzierungen wagt sie viel was sie in sehr virtuosen Passagen hin und wieder aus der Bahn wirft. Darstellerisch ist sie eine exotische Schönheit mit durchaus modernem ägyptischen Kolorit nicht nur da beschreiben die Kostüme von Christiane Luz sehr genau den Charakter der Person. Am deutlichsten wird das bei Ägypterkönig Tolomeo, der ein Narr mit rosigen Bäckchen und Pappkrone ist. Die Rolle, im Original für einen Altkastraten geschrieben, ist hier mit dem (ebenfalls sehr präsenten) Bariton Rolf A. Schneider besetzt, was zwar nicht der Händel'schen Stimmdisposition entspricht, aber innerhalb des Hagener Konzepts durchaus schlüssig ist, zumal Schneiders kernige, mitunter raue und brüchige Stimme eine zu Cesar und Cleopatra kontrastierende Klangfarbe einbringt.
Interkulturelles Liebespaar: Cesare (Filippo Mineccia) und Cleopatra (Stefania Dovhan)
Cornelia, die Gattin des ermordeten Pompejus (Cesars Widersacher im römischen Bürgerkrieg), ist eine sozialstandsbewusste Dame mit üppigem Pelzkragen. Maria Friderike Radner ist eine beeindruckende Bühnenerscheinung, in der Tongebung mit etwas waberndem Alt aber ungenau. Kristine Larissa Funkhauser ist klarer, dabei warmer Stimme ein knabenhafter Sesto, der im Verlauf des Stücks am Töten zunehmend Gefallen findet. In der hier besprochenen (zweiten) Aufführung wurde nicht ganz klar, ob er am Ende auch zum Muttermörder wird (offensichtlich lief die Szene nicht ganz glatt durch). Solide ist der Achillas von Jan Friedrich Eggers.
Hier wird der Knabe zum Mann: Sesto (Kristine Larissa Funkhauser, l.) und Cornelia (Maria Friderike Radner), rachsüchtig
An den Jubelschluss glaubt kaum ein Regisseur, auch Gregeor Horres nicht. Lässt er vorher die Musik für sich sprechen, so inszeniert er das abschließende Duett zwischen Cesare und Cleopatra gegen den verklärenden Gesang als feierliche Vertragsunterzeichnung als Chefin des angehenden Tochterunternehmens unterwirft sich Cleopatra der Mutterfirma in Rom sichtlich gern. Zum Schlusschor dürfen sich die Solisten dann bereits verbeugen. Diese Eindeutigkeit, die banaler wirkt als die offenen, mehr assoziativen als ausinterpretierenden Szenen zuvor, ist ein kleiner Schwachpunkt in einer ansonsten grandiosen Inszenierung, die zum besten gehört, was in dieser Spielzeit über nordrhein-westfälische Opernbühnen gelaufen ist.
Viele Überlebende gibt's nicht: Cesare (Filippo Mineccia) und Sesto (Kristine Larissa Funkhauser) nebst etlichen Leichen
Großen Anteil am Erfolg des (leider sehr schlecht besuchten) Abends hat das Philharmonische Orchester Hagen, das unter der Leitung von Kapellmeister Gwennolé Rufet in kleiner Besetzung einen kammermusikalisch genauen, zupackenden Klang entwickelt. Die Farbigkeit der Partitur mit ihrer luxuriösen Instrumentierung werden die Musiker bestens gerecht. Man braucht, bei allem Respekt vor und für Händel, nicht zwingend ein Spezialensemble für alte Musik für diese Barockoper ein so engagierter Klangkörper wie hier erfüllt bravourös seinen Zweck.
Starke Inszenierung, starke Orchesterleistung und mit kleinen Abstrichen auch ein starkes Ensemble ein deutliches Signal für die Gattung Barockoper, die zuvor für mehrere Jahre aus dem Hagener Spielplan verbannt war. Ihre Meinung ? Schreiben Sie uns einen Leserbrief |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Choreinstudierung
Dramaturgie
Opernchor SolistenGiulio CesareFilippo Mineccia
Cornelia
Sesto
Cleopatra
Tolomeo
Achilla
Curio
Nireno
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