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Die arabische Nacht

Oper von Christian Jost
nach dem gleichnamigen Schauspiel von Roland Schimmelpfennig
Libretto vom Komponisten

Auftragswerk vom Aalto-Musiktheater und Schauspiel Essen

in deutscher Sprache

Aufführungsdauer: ca. 1 h 20' (keine Pause)

Uraufführung im Grillo-Theater Essen am 26. April 2008
(rezensierte Aufführung: 2. Mai 2008)


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Theater Essen
(Homepage)
Erotische Phantasien in der Mietshaustristesse

Von Stefan Schmöe / Fotos von Thomas Aurin

So sehr sich das Aalto-Theater unter der Leitung von Chefdirigent Stefan Soltesz, der gleichzeitig Intendant des Hauses ist, als führende Musiktheaterbühne der Region profiliert hat – nicht zuletzt mit Regisseuren wie Dietrich Hilsdorf, Tilman Knabe, Barry Kosky, Stefan Herheim und zuletzt Hans Neuenfels, über deren mitunter provokative Arbeiten sich kontrovers diskutieren lässt (was man von anderen Bühnen des Landes viel zu selten sagen kann) – so wenig hat das Haus der zeitgenössischen Oper Spielraum gegeben. Zwar war die „klassische Moderne“ von Bergs Wozzeck über Britten und Schostakowitsch bis hin zu Reimanns Lear (der als vergleichsweise junges Werk schon eine Ausnahme bildete) im Spielplan recht gut vertreten, Werke der aktuellen Avantgarde oder Uraufführungen dagegen sucht man seit Jahren vergeblich.

Jetzt hat das Haus (endlich, möchte man sagen) eine wirklich neue Oper in Auftrag gegeben, wenn auch nicht für die riesige Bühne des Aalto-Theaters, sondern für den sehr viel kleineren und intimeren Raum des benachbarten Grillo-Theaters, dem Essener Schauspielhaus, das auch als Mitproduzent auftritt und mit Schauspiel-Chef Anselm Weber den Regisseur stellt. Der Verzicht auf ein großes, repräsentatives Werk für das „große“ Opernhaus mag auf der einen Seite bedauerlich sein (andere Theater schaffen das schließlich auch), andererseits hat die Saison mehr Flops als Tops hervorgebracht: Ob Moritz Eggerts Freax in Bonn, Giorgio Battistellis Fashion in Düsseldorf oder Torsten Raschs Rotter in Köln, so richtig glücklich wurde man mit keiner dieser ambitionierten, aber letztendlich enttäuschenden Uraufführungen. Zudem ist das Sparten übergreifende Essener Projekt konzeptionell klug angelegt und deshalb keineswegs als „kleine“ Lösung abzutun. Als Sujet griff man auf Roland Schimmelpfennigs Schauspiel Die arabische Nacht von 2001 zurück (ein anderes Stück Schimmelpfennigs, nämlich Ambrosia, hatte Anselm Weber in diesem Haus 2005 zur Uraufführung gebracht). Ein Erfolgsautor des Gegenwartsschauspiels wird also im Schauspielhaus zu Opernehren gebracht – das hört sich zwar auch ein wenig nach doppeltem Boden an, führt aber in der Vertonung durch Christian Jost zu einem der besseren Abende mit modernem Musiktheater.

In einem Hochhaus verlieren sich in einer schwülheißen Nacht ein paar der ziemlich anonymen Bewohner in surrealen Traumwelten, wobei Mietshaustristesse und erotisch-exotische Phantasiewelten die Spannungspole sind, zwischen denen sich das Kammerspiel bewegt. Jost hat dazu eine gemäßigt moderne, aber keineswegs anbiedernde Musik geschrieben, die sehr sinnlich mit Einsprengseln von Exotismus und Blues das Geschehen nicht nur illustriert, sondern ihm einen Rahmen gibt. Die Zeit verläuft in der Oper, das ist eine Binsenweisheit, anders als im Sprechtheater, und vielleicht ist das die entscheidende Komponente, die diese arabische Nacht im Gegensatz zu etlichen gescheiterten Literaturopern bühnentauglich macht – indem das Geschehen der Realität entrückt wird und eine noch stärker traumwandlerische Qualität bekommt. Mancher banale Satz klingt gesungen plötzlich überhöht, dabei fast immer hart am Rand zur Komik. Auch dass die Personen am Ende immer stärker zu verschmelzen scheinen, geht sehr schön mit der Musik zusammen, die man als Theatermusik im besten Sinne wahrnimmt. Vielleicht hätte man sich von Stefan Soltesz am Dirigentenpult und dem sehr disziplinierten Kammerensemble, bestehend aus Musikern der Essener Philharmoniker, manchmal einen etwas stärker aufgerauten, mehr solistisch geprägten Tonfall gewünscht als den immer schönen, aber fast zu gepflegten Sound, der ruhig noch mehr Eigenständigkeit beanspruchen dürfte.

Die Inszenierung verbindet die genauen Gesten des Sprechtheaters mit den mehr großflächig bildhaften Elementen der Oper und hält damit spannungsvoll die Balance zwischen beiden Gattungen. Das Stück läuft recht geruhsam an, nimmt aber bald Fahrt auf und verdichtet sich im großen Finale – und diese Dramaturgie zeichnet Weber gut nach. Er hat sich von Bühnenbildner Jörg Kiefel ein Stück Hochhaus bauen lassen, bei dem nie ganz klar wird, wo nun oben, unten, drinnen und draußen ist. So verschmelzen Realität und Traum optisch wie akustisch, und es ist nie ganz klar, wo man vom Zuschauer zum Voyeur wird, der Einblicke in das Grauen in Nachbars Wohnung nimmt.

Im Mittelpunkt der Oper steht die hinreißend schöne Franziska – allerdings fehlt es Sängerin Alexandra Lubchansky dazu ein wenig an Ausstrahlung. Gesanglich meistert sie die vertrackte Hauptpartie souverän in allen Registern. Ebenfalls ordentlich singt Bea Robein als Mitbewohnerin Fatima; solide und mit komödiantischen Akzenten sind Andreas Hermann und Albrecht Kludszuweit. Tomas Möwes gibt einen rauhbeinigen Hausmeister Lomeier, ein ewiger Wanderer in dieser unübersichtlichen Zeit mit Hang zur Melancholie.


FAZIT

Vielschichtige Uraufführung, die niemanden verschrecken sollte; virtuos inszeniert, musikalisch passabel.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Stefan Soltesz

Inszenierung
Anselm Weber

Bühnenbild
Jörg Kiefel

Kostüme
Irina Bartels

Licht
Michael Hälker

Dramaturgie
Ina Wragge
Thomas Laue




Mitglieder der
Essener Philharmoniker


Solisten

Hans Lomeier
Tomas Möwes

Fatima Mansur
Bea Robein

Franziska Dehnke
Alexandra Lubchansky

Kalil
Andreas Hermann

Peter Karpati
Albrecht Kludszuweit

Katja Hartinger
Cathrin Lange

Narbenfrau / Helga / Frau Hinrichs
Franziska Hösli

Marion Richter
Stefanie Rodriguez






Weitere Informationen
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